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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Das hatte ich bislang noch nie gesehen. Ich stand an einer Fußgängerampel, die nicht nur das vertraute rote bzw. grüne Männchen anzeigte, sondern bei Rot  zusätzlich einblendete, in wie viel Sekunden die Grünphase kommt. Damit uns  Wartenden die Zeit nicht zu lang wird und wir nicht bei Rot über die Straße laufen.
Ehrlich gesagt: mich ärgern ja diejenigen, die nicht warten können. Die einfach losgehen, obwohl Rot ist. Nicht nur, weil sie ein schlechtes Vorbild für Kinder abgeben, sondern weil sie das tun, was ich eigentlich selbst gern tun würde.
Warten kann sehr schwer werden. Weil es den Gang unterbricht,  zum Anhalten zwingt.

Das ist nicht nur an der Ampel der Fall.
Wenn mit einem Mal der Lebensrhythmus unterbrochen wird.
Durch eine schlimme Nachricht, durch ein trauriges Ereignis.
Warten, dass sich endlich Schlimmes zum Besseren verändert.
Dann wünschte man sich manchmal solch ein Zeichen wie an der Ampel. Das anzeigt, wie lange es noch dauert, bis endlich die Grünphase kommt
Anders klingt, was Friedrich Bodelschwingh einmal über das Warten gesagt hat: „Warten ist ein freudevolles Ding“. Dann nämlich, „wenn über ihm der Schein der Hoffnung liegt.“
Er nimmt damit eine Erfahrung auf, die Viele kennen. Warten ist nicht zwangsläufig vertane Zeit. Es kann sehr konstruktiv sein. Im Anhalten und Aushalten kann Neues wachsen, Entscheidungen können reifen, man kann gestärkt aus Krisen hervorgehen.
Bodelschwingh  meint allerdings mehr. Er spricht vom Glauben und vom Vertrauen in Gottes Liebe. Der „Schein der Hoffnung“ von dem er spricht, das ist die Liebe Gottes, in der er uns Menschen stehen sieht. Die Zusage eines Gottes, der sagt: ich begleite dich, ich halte mit dir aus – auch in schwersten Stunden.
Mit dieser Hoffnung ist Warten nicht nur Stillhalten und ungeduldiges Warten, bis es endlich weiter geht. Mit dieser Hoffnung kann Warten sogar Freude beinhalten. Vorfreude nämlich, dass der vor einem liegende Weg tatsächlich beschritten werden kann.


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Uhren und Hähne,  die Kirchtürme zieren, gehören zum vertrauten Anblick in unseren Städten und Gemeinden. Ist man aber in Kassel unterwegs, sieht man im offenen Turm der Elisabethkirche ein anderes Motiv: Eine Weltkugel und darauf ein Mann stehend mit weit ausgebreiteten Armen:  Christus auf der Weltenkugel.
Aus der Kunstgeschichte ist das ein bekanntes Motiv -  hier ist es neu inszeniert. Denn dieser Christus ist nicht himmlisch weit weg, sondern irdisch nah. Als sei er gerade aus einer Sitzung ins Freie getreten. Als wolle er gleich in die Fußgängerzone gehen und bummeln. Mit schwarzer Hose und einfachem weißem Hemd. Ein Mann, wie er uns jederzeit auf der Straße begegnen könnte.
Stephan Balkenhol hat diese ungewöhnliche Skulptur geschaffen und hat sie anlässlich der Documenta 2012 der Kirchengemeinde geschenkt.
Mir gefällt sie. Weil der Segnende so menschlich ist, weil er einer ist, wie die anderen auch. Und die Hände sind weit ausgebreitet, als wolle er das Gute und den Segen allen Menschen geben.
Segen kommt von oben, so heißt es immer wieder. Und tatsächlich erzählt die Bibel so vom Segen. Als Geschenk Gottes. Als etwas, das ich nicht gemacht oder verdient habe, das mir in den Schoß gelegt wird. Als Schönes, manchmal als großes Glück.
Aber zugleich ist Segen irdisch und oft auch ganz unscheinbar. Segen ist menschlich. Segen erfahre ich, wenn Menschen mich freundlich ansprechen oder mir ein gutes Wort mit auf den Weg geben. Segen gebe ich weiter, wenn ich zuhöre und andere stärke. Segen nimmt so oft menschliche Gestalt an.
Dieser Christus in Kassel erinnert daran, dass der Himmel, von dem der Segen kommt, mit Jesus von Nazareth ein menschliches Gesicht bekommen hat. Und das ist nicht weit weg, oben über den Wolken, sondern ganz nah.


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„Glück ist kein Zufall“, so lese ich bei Recherchen zum Thema „Glück“ im Internet. Dort finde ich auch Hinweise auf einen Glücksatlas, den die Post veröffentlicht hat. Er begründet unter anderem, warum die Hamburger glücklicher sind als die Bewohner von Essen. Dann ist da noch die das Schulfach „Glück“ – in dem Kinder zum glücklichen Leben erzogen werden. Und nun auch die Themenwoche in der ARD – zum Glück.
Zum Glück? Ich weiß es nicht.
Natürlich bin ich selbst gern glücklich und freue mich am Glück anderer. Was mich aber nervt sind Tipps und Ratgeber zum Glück, wie in einem Kochbuch: Man nehme, man tue, man beherzige und als Ergebnis kommt das Glück. Als wenn es so leicht wäre.
Da freue ich mich doch an der Bibel. Auch sie redet viel vom Glück, aber tut es ganz anders: Da kann ich lesen, dass der glücklich ist, der nach Gott fragt, der sich ihm anvertraut -  glücklich, wer sich in Gott geborgen weiß. Und was mich besonders freut: Glück wird niemals so verstanden, dass es in mir schlummern würde und ich es nur durch eine Aktion oder Aktivität erwecken müsste. Es ist außerhalb von mir, es ruht in Gott und kommt von ihm.
Das ist eine total andere Sichtweise. Nicht ich bin gefordert, für mein Glück zu sorgen. Sondern Gott ist es. - Und die Bibel erzählt auch immer wieder, warum er das ist und warum er das sein will.  Weil er ein liebender Gott ist, kein unbekanntes Schicksal. Eine Macht, die nicht nur weit weg und fremd ist, sondern Person, Gegenüber. - Ein Gott, der in dem Menschen Jesus von Nazareth sein freundliches Gesicht gezeigt hat.
„Glück ist kein Zufall!“ Das ist wohl war. Denn es ist Geschenk! Geschenk der Liebe Gottes. …. -  Was für ein Glück!

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In dieser Woche herrscht Hochbetrieb auf den Friedhöfen und überall, selbst bei den Discountern, werden Grabgestecke und Grablichter angeboten. Es ist die letzte, düstere Woche vor der Adventszeit. Die Woche zwischen Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag.
Ausgerechnet in dieser Woche läuft in der ARD auf allen Kanälen eine Themenreihe unter dem Motto „zum Glück“. Was bedeutet denn „Glück“? Wie passen Leiden und Sterben auf der einen und unsere Sehnsucht nach Glück auf der anderen Seite zusammen?
Vor etwa eineinviertel Jahr haben wir unseren Sohn im Alter von 28 Jahren verloren. Obwohl er eigentlich kein religiöser Mensch war, hat er sich von uns mit den Worten verabschiedet: „ Auf Wiedersehen im Paradies!“ Der Satz bezog sich auf die Worte, die Jesus am Kreuz zu einem der Männer sagte, die mit ihm hingerichtet wurden: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein (Lukas 23,43). Gibt es das wirklich? Ist so etwas mehr als ein frommer aber illusorischer Wunsch?
Man kann sicher darüber streiten, wie es im Paradies aussieht und wer, wann und wie dorthin gelangt. Ich bin davon überzeugt, dass all unsere Vorstellungen darüber sehr menschlich sind. Allzu leicht verlängern wir unsere Erfahrungen hier auf der Erde und vor allem unsere Wünsche und Sehnsüchte in eine unendliche Zukunft hinein.
Ich denke, wir wissen es nicht, und wir sollen es nicht wissen. Noch nicht. Es wird jedenfalls vollkommen anders sein, weil es sich nach Aussagen der Bibel nicht mehr um eine materielle Welt, wie wir sie kennen, handelt.
Auf der anderen Seite reden Jesus und die Autoren der biblischen Schriften immer wieder und ganz selbstverständlich davon, dass es eine Zukunft jenseits des Sterbens gibt. Wie gesagt, wir haben keine näheren Informationen darüber wie es im Paradies aussieht. Aber Jesus sagt, worauf es dabei ankommt: „Heute noch wirst du mit mir dort sein“. Mit mir, mit Jesus zusammen. Das ist die Pointe. Das macht das Paradies so attraktiv. Mit Jesus zusammen die Ewigkeit verbringen und für immer bei Gott sein.
Man mag das belächeln und abtun. Ich jedenfalls glaube daran und freue mich darauf, auch wenn ich noch sehr am Leben hänge und es genieße. Ich habe kein Problem damit, zu glauben dass hinter unserer Welt ein machtvoller Schöpfer und liebender Vater steht. Und deshalb kann ich mir auch gut vorstellen, dass der allmächtige Schöpfer über weitere Möglichkeiten verfügt, um uns eine Zukunft im Jenseits zu ermöglichen. Wenn er das will? Warum nicht? Der Tod ist nicht das Letzte!
Zum Glück gibt es diese Hoffnung. Hoffnung auf eine Ewigkeit bei Gott.

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In der Regel ist es düster und nasskalt in dieser Woche zwischen Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag. Für viele Menschen sind es zudem Tage, in denen sie noch einmal ganz neu mit ihrer Trauer konfrontiert werden.
Ausgerechnet in dieser Woche veranstaltet die ARD eine Themenreihe unter dem Motto „zum Glück“. Wie passt das zusammen? Kann es Glück geben  – mitten in der Trauer? Das haben sich meine Frau und ich auch gefragt, als wir vor eineinviertel Jahr unseren Sohn im Alter von 28 Jahren verloren haben.
Die Trauer ist unberechenbar. Manchmal bin ich am Grab, und meine Gedanken beschäftigen sich nur mit dem Zustand der Blumen. Ein andermal stehe ich unter der Dusche, und plötzlich durchzuckt mich eine Erinnerung und trifft mich so hart, dass ich zu heulen anfange.
Ich merke, dass die Menschen um mich her unsicher sind, wie sie mir begegnen sollen. Ich weiß noch, wie sehr es mich verletzt hat, dass jemand mich mit banalen Urlaubserlebnissen zugetextet hat, während ich vor Trauer nicht wusste, wo mir der Kopf stand. Aber ich erinnere mich genauso, wie unpassend es war, als jemand sich mitten im Trubel einer fröhlichen Gesellschaft, als ich gerade mal eine unbeschwerte Phase erlebte, mit Grabesstimme nach dem Tod unseres Jungen erkundigte. Es ist ein merkwürdiger Zwiespalt. Einerseits möchte man niemanden hören und sehen, und andererseits braucht man doch gerade jetzt so dringend Menschen in seiner Nähe.
Mir ist klar geworden, ich selbst muss das Gespräch steuern. Das eine Mal sage ich vielleicht: Du, mir ist gerade nicht danach, darüber zu sprechen. Ein anderes Mal nehme ich den Ball gerne auf und erzähle ausführlich von dem, was mich beschäftigt. Vielleicht mehr als mein Gegenüber hören will. Aber es ist und bleibt wichtig, dass der andere bereit ist, sich auf meine Trauer einzulassen. Je größer der Verlust empfunden wird, desto stärker ist auch das Bedürfnis, darüber zu reden. Für einen trauernden Witwer gibt es kein wichtigeres und – auch wenn das Wort vielleicht makaber klingt – kein schöneres Thema, als über seine verstorbene Frau zu sprechen. Und dafür braucht er Menschen, die jetzt da sind und ihm zuhören.
In der Bibel fand ich beim Apostel Paulus den folgenden, hilfreichen Satz (Römer 12,15): „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“ Das ganze Spektrum der Gefühle ist also gefragt. Wer das erlebt, wird im Rückblick über diese schwierige Zeit sagen:
Zum Glück, habe ich Freunde, die da waren, als ich sich brauchte.

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Meine Frau und ich werden in dieser Woche – wie viele andere auch – auf den Friedhof gehen. Bei uns ist es inzwischen eineinviertel Jahr her, seit wir unseren 28-jährigen Sohn beerdigt haben. Immer wieder brechen die Fragen neu auf: Warum Gott, warum? Gewiss, manchmal ist die Zeit für den Tod einfach da, und vielleicht ist das Sterben sogar die lang ersehnte Erlösung vom Leiden. Aber nicht bei einem 28-jährigen, der das Leben noch vor sich hat. Immer dann, wenn der Tod viel zu früh kommt, wenn er nach unserer Ansicht die falschen getroffen hat, dann stellt sich die Frage nach dem Warum und nach Gottes Rolle bei dem Ganzen.
Ich will es erst gar nicht versuchen, in wenigen Minuten eine Antwort darauf zu geben. Mir scheint nämlich, dass das Problem an einer ganz anderen Stelle liegt. Wer leidet, will das Leid nicht erklärt bekommen und verstehen, sondern er möchte, dass es verschwindet. Wer leidet braucht das Wissen, dass er nicht nur das ohnmächtige Opfer eines sinnlosen Terrors ist. Er braucht die Erfahrung, dass Gott trotz allem Unbegreiflichen da ist und ihn nicht vergessen hat.
Als ich hörte, dass in dieser Woche in der ARD die Themenreihe: „Zum Glück“ läuft, fand ich das zunächst sehr unpassend. Schließlich liegt die Woche zwischen dem Volkstrauertag und dem Ewigkeitssonntag. Das ist ja doch eine Zeit, in der viele Menschen an den Tod erinnert werden. Aber dann dachte ich: Es ist durchaus gut, dass uns die Themen Glück und Tod gleichzeitig begegnen. Es verhindert jedenfalls eine oberflächliche Vorstellung vom Glück im Sinne von Spaß und Party. Wer glücklich sein will, muss auch mit dem Tod umgehen können und darf ihn nicht einfach ausklammern.
Einer, der mitten im Unglück an Gott festgehalten und das Leid dadurch letztlich überwunden hat, ist Hiob. In der Bibel wird berichtet, dass er auf die sprichwörtlich gewordenen Hiobsbotschaften antwortete: „Wenn Gott uns Gutes schickt, nehmen wir es gerne an. Warum sollten wir nicht auch das Böse aus seiner Hand annehmen (Hiob 2,10)?“
Eine befriedigende Erklärung für den Verstand ist das nicht. Aber es zeigt einen Weg, wie man mit dem Leid umgehen kann. Meiner Frau und mir hat es sehr geholfen, dass Gott für uns kein Unbekannter war, als wir mit dem Tod unseres Sohnes konfrontiert wurden. Dadurch kamen wir zu keinem Zeitpunkt auf die Idee, uns verbittert von ihm abzuwenden. Wir hatten schon so vieles mit ihm erlebt – in Höhen und Tiefen. Wir wussten und spürten, dass wir Gott auch jetzt, mitten im unbegreiflichen Leid, nicht egal waren.
Zum Glück gibt’s Gott. Zum Glück gibt’s Gott auch dann, wenn wir ihn nicht verstehen und vielleicht sogar genug von ihm haben.

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