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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ab heute beschäftigt sich die ARD eine Woche lang mit dem Thema Glück. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen wie: Was ist Glück überhaupt? Was macht ein glückliches Leben aus? Oder: wie kann man denn glücklich sein? Und wie es der Zufall will, hat vor kurzem eine Studie bewiesen: Wer öfters in die Kirche geht, ist nachweislich glücklicher. Na ja, werden jetzt einige denken, bei einer Kirchensendung kann man ja nichts anderes erwarten, der muss das ja sagen. Oder der will mich doch bloß in die Kirche locken. Will ich aber nicht. Kann ich auch nicht. Denn nur wer aus eigenem Bedürfnis in die Kirche geht erfährt wie gut das tun kann: Zur Ruhe kommen. Alles ablegen, selbst die Uhr, die innere wie die äußere. Keinen Leistungszwang spüren, in mich hinein hören.
Die Studie über den Kirchenbesuch hat aber noch was anderes gezeigt:
es sind nicht die großen, einzelnen Glücksmomente die einen Menschen auf Dauer glücklich machen, sondern die vielen kleinen, die er regelmäßig erfährt. Und zwar ganz klar spürbar und messbar. Also viermal Entspannung, Joga oder Kirchenbesuch pro Monat machen auf Dauer glücklicher als nur zweimal.
Der Mensch ist so geschaffen, dass er die Regelmäßigkeit und die Mitte braucht. Die Mitte zwischen den emotionalen Extremen und die Regelmäßigkeit von körperlichen wie auch seelisch gesunden Aktivitäten.
Unsere Welt ist aber in vielerlei Hinsicht auf’ s Gegenteil ausgerichtet. Auf einmalige, emotional hochgepushte Events und auf Beliebigkeit statt auf Regelmäßigkeit.

Der Weg zum Glück führt aber nicht über die großen Glücksgefühle wie bei der Hochzeit oder dem Lottogewinn, sondern über das regelmäßig erfahrene und gepflegte kleine Glück.

Ein Spaziergang, ein Bier mit Freunden, ein gutes Buch, Sport treiben, sich lieben, mit den Kindern spielen, in die Kirche gehen. Etwas von diesen Dingen täglich macht mehr aus dem Alltag. Gelebtes Leben. Oder anders ausgedrückt: ein kleines Stück zum Glück.

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Alt werden ist nichts für Weicheier, ja, ja, ich weiß, der Spruch ist nett. Er sagt aber leider nichts über die Chancen und Schönheiten des Alterns.   Ich habe einen Text gefunden, der die Schönheit des Alterns beschreibt, wenn man das Glück hat mit einem Menschen zusammen alt zu werden. Auch wenn der Text zwei alternde Menschen im Blick hat, kann man ihn auch nur für sich selbst hören. Weil es um die Liebe beim Altern geht. Die Liebe zu sich selbst und zum Anderen.

Der Text ist von der österreichischen Dichterin Christine Busta. Sie schreibt:

„Der Liebe wird alles wichtig und lieb, eine Schattenmulde in der Wange, das Runzelgeflecht ums Auge. Eine Kindheitsnarbe unter den Zehen, ein verborgener Makel der Haut, eine sichtbar werdende Ader und die kahle Stelle im Haar. Jeder Verlust wird auch Gewinn und mehrt die Erinnerung. Treuer als Lust macht Zärtlichkeit. Der Schmerz um Vergängliches erneuert. Aus den Filtern behutsamer Trauer bergen wir die Schönheit, die beibt.“   
Ein schönes Bild – das mit den Filtern. Wenn man nach allem, was man so nach und nach verliert im Leben, im Leben verlieren muss, kostbare, schöne Dinge übrig bleiben: Erinnerungen, Kinder, Freunde, der Glaube, Zeit, gelebtes Leben, Liebe. Es ist weder beschönigend noch blauäugig, wenn Christine Busta im Schmerz über Vergängliches Positives findet. Weil Neues entstehen kann. Der Blick auf Unvergängliches zum Beispiel. Der dankbare Blick auf das, was bleibt und was nach meiner Zeit auch noch bestehen wird.

Das ist weiß Gott nicht leicht und auch nicht selbstverständlich. Und man muss dazu auch wirklich Abschied genommen haben. Aber wer die Welt, sein Leben, oder das Leben seines Partners mit Liebe sehen kann, der vermag durch die Hülle der Vergänglichkeit hindurch zu schauen: auf das Wesen der Dinge, des Menschseins und auf die Schönheit, die bleibt.

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Jesus von Nazareth war ein Meister des Überraschungseffekts. Aber nicht weil er eine Show machen oder die Menschen überrumpeln wollte. Nein, dadurch, dass er die Menschen überrascht hat, hat er sie das Leben tiefer verstehen lassen und sie etwas von Gott spüren lassen. Sei es dass er die üblichen Rangordnungen auf den Kopf gestellt hat – durch Sätze wie „die Ersten werden die Letzten sein“ oder dass er die Erwartungen der Leute unterlaufen hat. Wenn er sich zum Beispiel von einer Frau von schlechtem Ruf die Füße salben ließ. Immer ging es ihm darum den Menschen gut zu sein, ihnen gut zu tun, ihnen zu helfen zu sich selbst gut zu sein. Weil so und nur so das spürbar wurde was er „Reich Gottes“ genannt hat. Ein Reich nicht von dieser Welt, aber schon in dieser Welt zu fühlen, zu ahnen. Wenn etwas so wohltuend anders, so erfrischend frei, so tief und intensiv wurde, dass er die Menschen zu sich selbst und so zu Gott geführt hat. Ein Text des Künstlers Josef Beuys hat etwas davon. Mit diesem Text will ich Beuys natürlich keine jesuanischen Qualitäten andichten, er lädt aber auch zu viel Überraschendem und Ungewöhnlichem ein, das einen  näher zu sich selbst führen könnte. Diesen Text möchte ich Ihnen weitergeben. So frei nach dem Motto „Überrasche Dich immer mal wieder mit Dir selbst“.

Lass Dich fallen“ beginnt er, „lerne Schlangen beobachten, pflanze unmögliche Gärten, lade jemanden Gefährlichen zum Tee ein, mache kleine Zeichen, die ‚Ja‘ sagen und verteile sie in deinem Haus. Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit. Freue dich auf Träume. Weine bei Kinofilmen. Schaukle so hoch wie du kannst mit deiner Schaukel im Mondlicht. Pflege verschiedene Stimmungen, verweigere dich „verantwortlich zu sein„, tu es aus Liebe. Glaube an Zauberei, lache eine Menge, bade im Mondlicht. Träume wilde phantasievolle Träume, zeichne auf Wände. Lies jeden Tag. Stell dir vor du wärst verzaubert. Kichere mit Kindern, höre alten Leuten zu, spiele mit allem, unterhalte das Kind in dir, du bist unschuldig. Baue eine Burg aus Decken, werde nass, umarme Bäume, schreibe Liebesbriefe.“

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„Kinder und Narren sagen die Wahrheit“, heißt es. Wie wahr. Wie die Narren halten Kinder uns Erwachsenen einen Spiegel vor. Weil wir Erwachsenen manchmal schon so verwachsen sind, so festgefahren, verknöchert, dass wir das Wesentliche nicht mehr sehen können. Kinder, mit ihrem noch unverstellten Blick auf die Welt können uns helfen. Dabei helfen das scheinbar Selbstverständliche nicht als selbstverständlich zu sehen. Über die Schönheiten des Lebens nicht hinweg zu sehen. Über das Alltägliche hinaus zu sehen.  
Eine Hörerin hat mir den Text eines 8jährigen Mädchens geschickt. Die Hörerin arbeitet in einer Kinderklinik. Dort ist sie täglich mit viel Krankheit und Leid konfrontiert. Sie erlebt aber immer wieder auch wunderschöne und sehr berührende Dinge. Wenn zu der ganz normalen Weisheit der Kinder durch deren Krankheit was ganz Weises, Lebensweises kommt.  Das 8jährige Mädchen, Francesca heißt es, ist schwer krank, muss oft und oft lang in der Kinderklinik sein. Für die Menschen, die auf ihrer Station arbeiten hat es einen Brief geschrieben, der seither im Stationszimmer hängt. Diesen Brief lese ich jetzt für alle kranken Kinder, ihre Eltern und Familien und für all die, die kranken Menschen ihre Zeit, ihre Kraft und ihre Liebe geben:

Zufriedenheit gehört zum leben“, schreibt Francesca, „ traurig gehört zum leben oder krank, egal das gehört zum leben nur wissen dass die Ärzte lieb sind, keine Angst vor Ärzten haben Schwestern sind lustig und helfen uns!!!  Kinder wo sich verletzt haben muss man helfen  immer Mama und Papa zu hören Mama und Papa helfen wenn sie uns rufen weil es kann sein dass es wichtig ist  auch nur eine Verletzung ist nicht so schlimm aber nur zu machen mit einem Pflaster  dankt Gott dass ihr auf der Welt seid  Schmetterlinge sind toll 
dankt Gott dass es Krankenhäuser gibt  Kindergarten und Schule und Arbeit sind wichtig
wenn man einen lieb hat nicht schüchtern sein wenn man Blut sieht nicht in Panik geraten          keine Schokolade essen nicht böse sein.“*

* Ohne Veränderungen so wie im Original von dem Mädchen geschrieben

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Es sind Bilder, die mich sprachlos machen. Und ich merke wie ich auch die Augen verschließen möchte vor diesen apokalyptischen Bildern. Landschaften wie ein riesiger Teppich aus Kleinholz, Frachtschiffe kilometerweit im Landesinneren, Lastwagen auf denen Leichen gestapelt liegen. Ich will sie nicht mehr hören die Nachrichten vom Supertaifun, der mindestens 10.000 Menschen das Leben gekostet, Hundertausende obdachlos gemacht und Millionen von Menschen auf den Philippinen leiden lässt. Will es nicht mehr sehen, nicht mehr davon hören und nicht mehr reden über das immer und immer wiederkehrende Leid und die immer noch größeren Katastrophen. Katastrophen, die immer die Armen unserer Welt besonders hart treffen. Weil ihnen ihre ärmlichen Behausungen keinen Schutz bieten. Aber für sie, gerade für sie muss ich die Augen offen halten und nicht wegschauen. Damit ich sehe und mein Herz sich erweichen lässt vom himmelschreienden Leid dieser Menschen. Ich will meine Ohren offen halten und hören von der Spendenbereitschaft der Menschen hier und von denen, die aufgebrochen sind um auf den Philippinen zu helfen. Und ich will sprechen, muss sprechen von einer Hoffnung, einer Hoffnung deren Keim inmitten der Trümmer sitzt. Der Hoffnung auf Leben. Das nackte Überleben zunächst. Und dann auf ein Leben in Sicherheit, Gerechtigkeit und Würde.

Leider ist versehentlich als Morgengedanke 6 Uhr ein anderer Beitrag gesendet worden. Hier finden Sie das Manuskript :

Hundegebet
Lieber Gott, mach’ mich zu dem Menschen, für den mein Hund mich schon hält.“ Ein tierisch gutes Gebet. Eine Hörerin hat es mir geschickt, mit dem Zusatz: Ich bin gespannt, ob es etwas mit Ihnen macht. Und ob! Wir hatten in unserer Familie zehn Jahre lang einen Hund und mit Freude erinnere ich mich an dieses bedingungslos treue Lebewesen. An diese grundlos fröhliche, schwanzwedelnde Verkörperung von Lebensfreude. Und weil ich mir gern mal vorstellen möchte, was ein Hund von seinem Herrchen oder Frauchen denken könnte, wenn er denn denken könnte, versuche ich jetzt mal, mich in die liebevolle Schlichtheit eines Hundes hinein zu versetzen. Und zu schauen für welch wunderbaren Menschen mein Hund mich halten könnte. Für einen fürsorglichen Menschen beispielsweise, fleißig und pflichtbewusst, denn jeden Morgen bekommt er sein Fresschen, da kann er sich 150ig prozentig darauf verlassen. Für klug und geschickt könnte er mich halten, denn er bekäme die Dose mit dem Futter ja nicht auf. Nicht einmal den Kühlschrank, Gott sei Dank!  Für naturverbunden müsste mein Hund mich halten, denn bei jedem Wetter gehe ich mit ihm raus, zweimal täglich, mindestens. Für ziemlich reinlich könnte er mich auch halten, wenn ich mit umgedrehter Plastiktüte seine Hinterlassenschaften aufsammle und ins Hundeklo werfe.  Kommunikativ könnte ich in seinen Ohren sein, denn ich rede oft mit ihm, meistens liebevoll wie zu einem Kind. Manchmal aber auch in kurzen, lauten Sätzen, vor allem, wenn er mal wieder abgehauen ist. Deswegen könnte er mich für streng halten, aber auch für großmütig, denn ich verzeih’ ihm ja immer. Und zärtlich, ja für zärtlich müsste er mich auch halten, denn was bekommt so ein Hund nicht alles an Streicheleinheiten. So viel, dass er wirklich meinen könnte, ich wäre ein zärtlicher, strenger, aber großzügiger, kommunikativer, reinlicher, naturverbundener, geschickter, kluger, fleißiger, pflichtbewusster und fürsorglicher Mensch. Oh-mein-Gott, mach’ mich doch bitte nur ein wenig zu dem Menschen, für den (m)ein Hund mich halten könnte…

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„Teilen ist Güte, alles teilen ist Unsinn, mehr geben als man hat ist Liebe.“ Ein interessanter Spruch. Er ist von Erhard Blanck, einem deutschen Autor. Und er passt gut zu St. Martin, der durch seine Mantelteilung berühmt geworden und dessen Gedenktag heute ist. 
„Teilen ist Güte, alles teilen ist Unsinn, mehr geben als man hat ist Liebe.“ Ja, klar, es ist gut, es ist gütig zu teilen. Weil die Welt gerechter wird, wenn die, die mehr haben denen abgeben, die weniger haben. Es tut auch gut zu teilen. Nicht nur Dinge, sondern auch Freude oder Leid. Unsere Sprache hat da schöne Sprichworte dafür: „“Geteiltes Leid ist halbes Leid“ und „Geteilte Freude ist doppelte Freude“. 
Ja, und es ist wirklich Unsinn alles zu teilen. Denn das riecht zu sehr nach Gleichgültigkeit oder falsch verstandener Selbstlosigkeit. Weil alles was man teilt auch von Wertschätzung lebt. Der Wertschätzung, dass das, was ich teile mir selbst wichtig, kostbar ist. Und dass ich genau das auch jemand anderem gönne. Ist alles gleich gültig, wird es leicht gleichgültig und damit egal. Und nicht zuletzt gibt es Dinge, die können und sollen nicht geteilt werden: der Mensch, den ich liebe. Geschenke, die ich ganz persönlich bekommen habe. Oder Geheimnisse, die nur mich etwas angehen.  
Ja und der letzte Teil des Spruches? „Mehr geben als man hat ist Liebe“? Das ist so schön wie schwer zu verstehen. Wie soll das denn gehen, mehr geben als man hat? In materiellen Dingen ist das unmöglich. Ich kann nicht mehr geben als ich habe. Bei der Liebe aber geht das schon. Weil der Mensch, der meine Liebe erfährt mehr bekommt als nur mich: er bekommt meine Zuwendung, meine Zeit oder das Leben das ich mit ihm teile. Also mehr als das, was ich habe oder bin.
Weil er mich bekommt und meine Liebe. Und genau sie, die Liebe, kann man nicht haben. Sondern nur schenken, geschenkt bekommen – oder teilen…

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