Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Mein Mann und ich haben im Urlaub das polnische Krakau besucht. Im Vorfeld haben wir länger überlegt, uns aber dann doch entschieden: Wenn wir schon in der Nähe sind, wollen wir auch Ausschwitz sehen – den Ort, der wie kein anderer für die Vernichtung der Juden im Dritten Reich steht.
Ich habe viel über diese Zeit gelesen, viele Dokumentationen gesehen. Aber obwohl ich gedacht habe, ich weiß Bescheid: die Gaskammern, die Baracken, die Räume voller Koffer, Haare und Kleider der Getöteten, all das hat mich furchtbar entsetzt. Es ist nicht zu fassen, zu welcher Grausamkeit Menschen fähig sein können.
Mehr als 1,1 Millionen Menschen sind in Auschwitz-Birkenau getötet worden, 900.000 davon waren Juden. In ganz Europa haben die Nazis damals mindestens 5,6 Millionen Juden ermordet.
Dieser größte und schlimmste Völkermord in der Geschichte der Menschheit hat heute vor 75 Jahren begonnen, mitten in der Nacht. In der Reichspogromnacht haben überall in Deutschland organisierte Schlägertrupps jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Brand gesetzt und tausende Juden misshandelt, verhaftet und getötet, auch bei uns in Baden-Württemberg.
Spätestens an diesem Tag konnte jeder sehen, dass in Deutschland ein schrecklicher Geist herrscht. Bloß weil sie Juden waren, wurden Menschen verachtet, erniedrigt und getötet. Spätestens seit diesem Tag konnte niemand mehr sagen: „Ich habe nichts gewusst!“
Sicher: die Pogrome und die Massenvernichtung gingen von offiziellen Stellen aus, aber viele Menschen damals haben mitgemacht oder zugeschaut – und nichts gesagt und nichts getan. Ich frage mich: Was hätte ich damals gemacht?
75 Jahre ist die Reichspogromnacht nun her. Manche meinen, langsam sollte man aufhören, über all das Schreckliche zu reden, was damals passiert ist. Fast 70 Jahre nach Kriegsende müsse endlich Schluss sein mit dem Gerede von der Schuld, die Deutschland damals auf sich geladen habe.
Ich halte das für falsch. Ich glaube tatsächlich, dass Deutschland eine besondere Verantwortung trägt, dafür, dass solche Dinge nie wieder passieren – nicht in Deutschland und nirgends sonst auf der Welt. Deshalb muss man sich erinnern. Damit wir nicht stumm daneben stehen, wenn irgendwo auf der Welt Gotteshäuser angezündet werden – ganz gleich ob Kirchen, Synagogen, Tempel oder Moscheen. Und damit wir, wenn Menschen irgendwo auf der Welt wegen ihres Glaubens verfolgt werden, nicht schweigen, sondern unseren Mund aufmachen und laut sagen: Das darf nicht sein! Das lassen wir nicht zu!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16349

Josef Steinbusch ist Sozialarbeiter, im Ehrenamt Zirkusdirektor. Seiner Arbeit geht er in Deutschland nach. Seine Freizeit verbringt er in den Flüchtlingslagern der europäischen Krisengebiete. Die Besucher des Zirkus Pinocchio nennen ihn Juppino.
„Die Bilder vom Leid und Elend der Kinder dieser Regionen haben mich fast verrückt gemacht. Dagegen wollte ich etwas tun“, erklärt Josef Steinbusch sein Engagement. Seinen ganzen Jahresurlaub investiert er dafür – und alles Geld, das er erübrigen kann. Immer für eine Woche schlägt er sein Zirkuszelt an einem Krisenort auf, probt mit ehrenamtlichen Helfern und mit den Kindern vor Ort, die mit ihm in seinem Zirkus auftreten dürfen. Sie alle haben die Schrecken und die Gewalt des Krieges erlebt, fast alle haben Verwandte und Freunde verloren. Sie sind verstört und traurig und ängstlich. Durch Juppinos Zirkus können sie eine Woche lang spielen und Spaß haben. Die Schrecken des Krieges treten zurück, sogar die Trauer. Und wenn sich die kleinen Dompteure, Artisten und Jongleure am Ende der Aufführung unter dem Beifall des Publikums verbeugen, dann strahlen sie vor Glück.
Juppino, Josef Steinbusch, ist für mich ein Friedensstifter. Einer von denen, die Jesus in der Bergpredigt selig genannt hat. Und er ist für mich ein Vorbild dafür, wie Menschen unsere Welt zum Besseren verändern können – zumindest ein kleines bisschen.
Um ihn dabei zu unterstützen, brauchen wir keinen Zirkus zu gründen, brauchen wir auch nicht unseren Jahresurlaub zu opfern oder alle unsere Notgroschen. Um Kindern in Not ein Strahlen in die Augen zu zaubern, gibt es auch andere Dinge, ganz einfache, die jeder von uns tun kann: zum Beispiel eine Patenschaft übernehmen für ein Kind in einem Entwicklungsland, eine Spende an eine diakonische Einrichtung machen, die damit für bedürftige Kinder Freizeitangebote finanziert, Schulranzen oder die Schulmensa. Man kann sich als Vorlesepate in einem Kindergarten engagieren, als Leihoma oder –opa für ein Kind da sein, in der Essensausgabe einer Tafel mithelfen oder Tausend andere Dinge.
Sicher: Die Schrecken des Krieges und die Ungerechtigkeiten dieser Welt werden wir dadurch nicht beenden, das schafft auch Juppino mit seinem Zirkus nicht, aber wir können die Schrecken und die Ungerechtigkeiten erträglicher machen und den Kinder dieser Welt zeigen: ihr seid nicht allein, wir stehen für euch ein. Und schon damit können wir ein Strahlen in Kinderaugen zaubern – und jedes Strahlen in Kinderaugen macht unsere Welt ein bisschen menschlicher, ein bisschen schöner.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16348

Sie müssen wissen“, hat die Frau beim Beerdigungsgespräch gesagt, „an ein Leben nach dem Tod konnte mein Mann nie so recht glauben und an manch anderes auch nicht. Aber aus der Kirche ist er nicht ausgetreten. An Gott hat er geglaubt, aber er hat sich doch oft gefragt: Gehöre ich eigentlich noch dazu? Bin ich noch ein Christ oder bin ich keiner mehr?“
Es ist die alte Frage: Wann ist ein Christ ein Christ? Und was macht einen Christen eigentlich aus? Da wäre eine Prüfliste praktisch, die man abhaken könnte – ein Glaubens-TÜV quasi.
Tatsächlich gibt es unter uns Christen Menschen, die einen solchen Glaubens-TÜV im Kopf haben, die genau wissen, wie man als Christ zu sein, was man zu glauben und wie man zu leben hat.
Wahrscheinlich würde ich durch diesen „Glaubens-TÜV“ glatt durchfallen – wegen zu vieler Mängel, zu vieler Lebensbrüche, zu vieler Anfragen. Aber zum Glück verlangt Gott einen solchen Glaubens-TÜV auch gar nicht von mir!
Jesus hat gesagt: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen!“ Ich finde, das ist ein schönes Bild dafür, dass alle Menschen bei Gott willkommen sind – in seinem Reich am Ende der Welt und jetzt schon.
Die Gemeinschaft der Christinnen und Christen in einem Haus: riesengroß und trotzdem heimelig ist dieses Haus, mit vielen Ein- und Ausgängen und offenen Türen. Eine Einlasskontrolle findet nicht statt. Jeder ist herzlich willkommen. Eine bunte Vielfalt gibt es in diesem Haus. Und auch, wenn’s nicht allen Mitbewohnern gefällt: In Gottes Augen sind alle Bewohner genauso wichtig, genauso wertvoll und genauso liebenswert wie alle anderen.
Wahrscheinlich lebt jeder der Bewohner in diesem Haus seinen Glauben auf seine ganz besondere Weise, aber jeder hat Vertrauen zu Gott, mal mehr, mal weniger, mal ganz fest, mal eher zweifelnd. Das ist das verbindende Band in diesem Haus. Und dieses Vertrauen auf Gott ist das, was einen Christen ausmacht – nicht mehr und nicht weniger, daran glaube ich sicher.
Natürlich sollen sich Christen auch bemühen, vor Gott und den Menschen verantwortlich und gut zu leben. Aber dafür braucht es keine Prüfliste, keinen Glaubens-TÜV. Das kommt automatisch aus dem Gottvertrauen: sponte et hilariter, sagt Martin Luther, spontan und fröhlich.
Voller Vielfalt und Lebendigkeit und zusammengehalten durch das Vertrauen zu Gott – so ist für mich das Haus Gottes. Ich würde mir wünschen, dass so auch unsere Kirchen wären. Aber ich glaube: das braucht noch ein bisschen Arbeit. Aber, wenn viele, die sich in Gottes Haus zu Hause fühlen, in die Hände spucken und mitanpacken, dann können wir es schaffen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16347

Was soll mit den Flüchtlingen geschehen, die an Europas Küsten angespült und auf ganz Europa verteilt werden – allmählich auch in Gemeinden bei uns? Die europäischen Politiker diskutieren darüber und viele Gemeinden in Deutschland auch.
Alle haben guten Willen, alle wollen helfen. Aber man hört bei den Beratungen doch auch heraus: Die vielen Flüchtlinge sind ein Problem und Probleme, die Geld kosten, möchte man am liebsten nicht haben.
Dass man das auch anders sehen kann, zeigt ein kleiner Ort in Italien. Ausgerechnet auf der Insel, die ständig in den Schlagzeilen ist: auf Lampedusa.
Alles begann vor 15 Jahren, als ein Boot mit 218 Flüchtlingen unweit des Dorfes Riace auf Lampedusa strandete. Statt mitanzusehen, wie die Menschen in eines der Auffanglager der Insel verfrachtet werden, hat der Bürgermeister die Flüchtlinge in sein Dorf eingeladen und ihnen angeboten, sich dort anzusiedeln.
Eigentlich eine irrsinnige Idee: Ein strukturschwaches Dorf, bettelarm und halbverfallen. Und da sollten die Einwohner das Wenige, was sie haben, mit noch Bedürftigeren teilen?
Aber während das restliche Europa hinter dem Strom der Flüchtlinge vor allem die Kosten und die Mühen sieht, hat Domenico Lucano die Chancen erkannt, die die Flüchtlinge für Riace bedeuten könnten.
Uneigennützig war die Entscheidung also nicht. Aber das ist ja auch in Ordnung. Denn: „Hilfe ist eine Straße, die man auf beiden Seiten befährt“, sagt er. Konkret heißt das: Sein Dorf hat den Flüchtlingen ein Zuhause geboten, im Gegenzug haben die Flüchtlinge geholfen, dieses Zuhause am Leben zu erhalten.
Damals, vor 15 Jahren, war Riace vom Aussterben bedroht, heute ist es wieder eine lebensfähige Gemeinde. Fast jeder dritte Bewohner ist zugewandert. Pro aufgenommenen Flüchtling gibt es eine Geldzuweisung. Weniger als der Staat für die Unterbringung im Flüchtlingslager bezahlen müsste. Aber das Geld war auch ein Grund, warum die Asylbewerber in Riace so freundlich aufgenommen wurden. Denn mit dieser Finanzspritze konnten die leerstehenden Häuser renoviert, konnten Arbeitsplätze geschaffen werden, sogar eine Künstlerwerkstatt. Und davon profitiert inzwischen das ganze Dorf: der Bäcker, der Metzger, die Handwerker. Und ohne die Flüchtlingskinder hätte die Schule schon längst wegen Schülermangels schließen müssen.
Hilfe ist keine Einbahnstraße – das zeigt ein Blick auf das italienische Dorf Riace. Und ich finde: Auch bei uns müsste sie das nicht sein. Schade, dass wir so wenig auf die Chancen schauen, die die Flüchtlinge für uns bedeuten könnten. Wer weiß, was uns da alles entgeht!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16346

Meine Eltern haben für ihren Tod eine anonyme Bestattung verfügt. Sie waren ganz stolz darauf, denn schließlich wollten sie für uns Kinder nur das Beste: keine Belastungen durch hohe Bestattungskosten und vor allem keine Mühen mit der Grabpflege.
Aber, obwohl meine Eltern es gut gemeint haben: Ich war entsetzt über diese Entscheidung. Ich weiß: anonyme Bestattungen werden immer beliebter. Aber ich habe gemerkt: Ich könnte das nicht gut aushalten. Auch wenn ich weit weg wohne von meinen Eltern: Ich möchte einen Ort haben, an den ich denken kann, wenn ich mich an sie erinnere und einen Ort, an den ich hinkommen kann.
„Ihr wisst schon“; habe ich gesagt, „dass wir dann keinen Ort für unsere Trauer haben? Keinen Ort, an dem wir uns an Euch erinnern können. Und Lena und Jan werden später niemals ihren Kindern den Ort zeigen können, an dem ihre Großeltern beerdigt wurden.“
Bei anonymen Bestattungen gibt es vielleicht eine bestimmte Rasenfläche, wo die Menschen bestattet werden, aber kein Stein, kein Schild zeigt den genauen Beerdigungsort und kein Name, kein Geburtstag, kein Sterbedatum ist verzeichnet. Die dort Begrabenen bleiben anonym, ihre Namen sind weg.
Ob das den Menschen bewusst ist, die sich für eine anonyme Bestattung entscheiden? Dass sie zwar ihren Angehörigen die Grabpflege ersparen, aber ihnen dafür das Trauern schwer machen und die Erinnerung? Dabei gibt es auch andere Wege, seine Angehörigen von der Grabpflege zu entlasten: z.B. durch ein Urnengrab mit einer großen Platte darauf, die die Grabpflege überflüssig macht, aber Platz lässt für den Namen und das Geburts- und Sterbedatum.
In der Zeit der Bibel galt das Vergessen des Namens als der eigentliche Tod eines Menschen. Ich finde, da ist etwas Wahres dran, denn wenn der Name eines Menschen ausgelöscht wird, dann verschwindet irgendwann auch die Erinnerung an ihn. Und mit der zunehmenden Zahl von anonymen Bestattungen geht dann auch ein Teil unserer eigenen Geschichte verloren. Die Menschen, die vor uns waren und uns geprägt haben, haben keinen Platz mehr.
Und deswegen brauchen wir unsere Friedhöfe, finde ich. Wir brauchen die Gräber mit den Namen derer, die verstorben sind, um ein Zeichen zu setzen gegen den Trend der Zeit; gegen die Anonymisierung unserer Gesellschaft.
Damit die Erinnerung an einen Menschen bewahrt wird – in unserem Gedächtnis und auf unseren Friedhöfen – denn hinter jedem Namen verbirgt sich eine Lebensgeschichte mit ihren Hoffnungen, mit Leidenschaft, Mut und Verzweiflung. Und jede Lebensgeschichte ist es wert, dass wir uns an sie erinnern.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16345

Die Braut trägt Creme. Schließlich ist es ihre zweite Hochzeit. Schon vor Jahren hatte sie einem Mann das Versprechen gegeben: Wir bleiben beieinander … mit Gottes Hilfe. Und dann blieb die Liebe auf der Strecke, die Beziehung zerbrach. Kein Einzelfall heutzutage. Fast jede 2. Ehe geht in die Brüche. Kein Wunder, dass mittlerweile viele Menschen zögern, den Bund fürs Leben zu schließen. Viele wünschen sich zwar eine dauerhafte Beziehung, aber die Angst zu scheitern ist anscheinend größer.
Und auch sonst hat sich unsere Gesellschaft verändert: Mittlerweile gibt es bei uns über 8 Millionen Allein­erziehende, meist Frauen. Und wenn die Braut in Creme jetzt wieder heiratet, dann haben ihre Kinder 2 Väter und Mütter: Patchworkfamilie nennt man das.
Dieser Ehe- und Familienrealität hat sich der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland gestellt. Mit einer Orientierungshilfe will die EKD die Familie stärken. Als Ort, wo Menschen dauerhaft Verantwortung füreinander übernehmen. Und das gilt eben nicht nur für die klassische Mutter-Vater-Kind-Familie, sondern genauso für Patchworkfamilien, Alleinerziehende und Singles. Und es gilt für heterosexuelle wie für gleichgeschlechtliche Paare.
Ich finde es gut, dass die EKD das im Sommer so klar benannt hat, auch wenn sie dafür viel Kritik einstecken musste. Denn ich finde: unsere Kirchen könnten mehr tun, damit sich Menschen mit ganz verschiedenen Lebensformen bei uns wohlfühlen.
Es ist doch auffällig, dass alleinerziehende Mütter viel seltener ihre Kinder taufen lassen als verheiratete Paare. Sicherlich wünschen auch sie sich für ihr Kind den Segen Gottes. Aber sie sind unsicher, ob sie mit ihrer Lebensform in der Kirche willkommen sind. Und diese Frage stellen sich auch geschiedene Menschen, vor allem in der katholischen Kirche, und Menschen, die in homosexuellen Partnerschaften leben.
Wie gesagt: ich glaube, da sollte Kirche mehr darauf achten, wie Menschen heute leben. Jesus hat uns das vorgelebt: Er war auf ganz unterschiedliche Weise für ganz verschiedene Menschen da.
Und wenn Kirche in dieser Hinsicht offener wird, heißt das ja noch lange nicht, dass sie an Profil verliert – im Gegenteil, finde ich. Denn ich wünsche mir beides von meiner evangelischen Kirche: dass sie die vielfältigen Lebensformen achtet, in denen Menschen heute leben, und dass sie trotzdem Mut macht und dafür wirbt, dass wieder mehr Menschen sich für eine verlässliche Partnerschaft, für eine Ehe entscheiden. Weil es gut ist, wenn zwei Menschen ein Leben lang füreinander da sind. Weil darauf Gottes guter Segen liegt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16344