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22JUN2024
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Morgen Abend laufen sie wieder auf – die Stars der deutschen Nationalelf. Wo ich das Spiel schaue, weiß ich noch nicht. Aber mitfiebern werde ich schon. Wenn ich den Profis zuschaue – vor allem den ganz jungen Spielern wie Jamal Musiala oder Florian Wirtz – dann denke ich manchmal, dass es noch gar so nicht lange her ist, dass die als kleine Knirpse mit der F-Jugend oder den Bambinis auf dem Platz standen. Oft bei lokalen Clubs in ihrem Dorf oder Stadtteil, die niemand groß kennt.

Dass die Jungs jetzt in der Nationalmannschaft kicken, ist also auch denen zu verdanken, die sie damals trainiert und ihnen die Grundlagen beigebracht haben – vor allem aber: die ihnen den Spaß am Fußball vermitteln haben.

Darum geht es – jenseits vom großen Kommerz – im normalen Vereinssport ja Gott sei Dank vor allem: um Teamgeist und Spielfreude. Manchmal muss man zu ehrgeizigen Eltern am Spielfeldrand auch beim Dorfclub daran erinnern: Es ist sind nur Kinder. Es ist nur ein Spiel. Und alle hier machen das ehrenamtlich.

Ich finde es bemerkenswert, wenn Leute Woche für Woche, Monat für Monat, Wochenende für Wochenende als ehrenamtliche Trainerinnen und Trainer auf dem Platz sind, für die Jungs – und natürlich auch die Mädels –, die heute bei den Jüngsten spielen. Egal, ob die das Potenzial für eine große Karriere haben oder einfach Freude am Spiel und an der Gemeinschaft.

Wie großartig, dass überall so viele Menschen ihre Zeit, aber auch ihre Kompetenz, ihre Kraft, Nerven und Geduld einsetzen, um Kindern und Jugendlichen diese Erfahrung zu ermöglichen. Natürlich nicht nur als Trainerinnen und Trainer. Um den Spielbetrieb und einen Verein am Laufen zu halten, braucht es ja auch Leute, die sich als Schiris ausbilden lassen, die die Vereinskasse führen, die Trikots waschen und – vielleicht auch dieses Wochenende wieder – beim Vereinsfest die Bierbänke aufbauen und die Pommes braten. Ohne jede Menge ehrenamtliche Arbeit ist das alles jedenfalls nicht möglich. Und jede und jede ist mit seinen und ihren Fähigkeiten gefragt: Seid füreinander da, ruft übrigens schon der erste 1. Petrusbrief in der Bibel auf, mehr noch: Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er erhalten hat.

Ja, ob etwas geht oder nicht, liegt auch an unserem Engagement. Und falls Sport so gar nicht ihr Ding ist, Sie aber trotzdem auch nur ein bisschen Zeit erübrigen können: Der Naturschutzbund vor Ort, der Tafelladen in ihrer Stadt, der Besuchsdienstkreis ihrer Kirchengemeinde oder der Ortsverein ihrer Lieblingspartei wartet schon auf Sie!

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21JUN2024
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Trinkst du schon echten Bohnenkaffee? Das hat neulich eine ältere Dame meinen jugendlichen Sohn gefragt. Bohnenkaffee! Das ist ein Wort, das ich schon lange nicht mehr gehört habe. Höchstens vielleicht gelesen, in Büchern über die Nachkriegszeit. Deshalb bin ich daran hängen geblieben.

Bohnenkaffee – aus dem Mund der alten Dame klingt das ein bisschen nach Luxus. Sie kann sich noch daran erinnern, wie es war, als man nur schwer an echten Kaffee kam.

Für mich dagegen ist Kaffee völlig alltäglich. Morgens schalte ich – wie viele von Ihnen wahrscheinlich auch – ohne nachzudenken als erstes die Kaffeemaschine ein und werde erst nach dem ersten Becher Kaffee halbwegs wach. Nachmittags kippe ich die Reste weg und setze gegen das Mittagstief einen neuen auf.

Aber der Klang des Wortes „Bohnenkaffee“ hat mich erinnert, dass es eigentlich stimmt. Kaffee ist ein kleiner Luxus. Kaffeebohnen anzubauen, zu fermentieren, zu rösten und nach Europa zu transportieren ist ein ziemlich aufwändiger Vorgang – und verbraucht viele Ressourcen. Und dass für mich Kaffeetrinken so selbstverständlich ist, liegt auch daran, dass die Leute, die den Kaffee anderswo anbauen und verarbeiten, viel weniger verdienen als ich. Wenn ich fair gehandelten Kaffee kaufe, kann ich dafür sorgen, dass auch dort zumindest einigermaßen faire Löhne gezahlt werden. Das ist wichtig. Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass mein täglicher Becher Kaffee eigentlich etwas Besonderes ist – echter Bohnenkaffee eben! Nur wenige bei uns wissen heute noch, wie es war, als es keinen gab. Und wie wunderbar es sich damals angefühlt hat, wieder eine Tasse davon trinken zu können.

 „Bohnenkaffee“ - seit mir dieses Wort wieder begegnet ist, atme ich den Duft der ersten Tasse am Morgen erst einmal genüsslich ein. Dann der erste Schluck… Ein Mini-Genussmoment, bevor der Stress wieder losgeht.

Schmecket und sehet, wie freundlich Gott ist, so heißt es in einem Psalmgebet in der Bibel. Ich mag diesen Vers. Und ja: Die Kaffeepause mit dem echten Bohnenkaffee, dazu vielleicht noch ein Stückchen Schokolade – das ist für mich so ein Moment, in dem ich das schmecken und sehen kann. Und dankbar dafür bin. Ein kleiner Luxus, der mir gut tut!

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20JUN2024
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Neulich habe ich eine Mutter mit ihrem Baby beobachtet. Gerade noch hat das Baby erbärmlich geschrien. Kurz darauf hört man nur noch zufriedenes Glucksen und leise Schmatzgeräusche. Mit großen Augen betrachtet das winzige Wesen seine Mutter, während es an der Brust trinkt – und wirkt dabei so tiefenentspannt, dass ich beim Beobachten auch gleich ganz ruhig werde.

Bei mir ist es nun schon Jahre her, dass ich gestillt habe – aber ich erinnere mich auch noch gut an dieses Glück, wenn das Baby aufhört zu quengeln und einfach zufrieden trinkt.  An das Gefühl von Nähe und Geborgenheit in diesem Moment… Für mich einfach ein kleines Wunder.

Was ich lange nicht wusste: Es gibt auch ein Gebet in der Bibel, das vom Stillen spricht – und von der wunderbaren Ruhe und Zufriedenheit, die sich dabei ausbreiten: Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter, wie das gestillte Kind an meiner Brust, so ist meine Seele zur Ruhe gekommen. So heißt es im 131. Psalm in der Bibel.

Mir gefällt dieses Gebet gut. Einmal schon allein deshalb, weil hier offenbar eine Frau betet. Lange ist man wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass alle Psalmen Gebete von Männern sind. Erst eine neue Übersetzung hat mich drauf gebracht, dass das hier anders ist. In älteren Versionen ist nämlich vom Stillen gar nicht die Rede – vielleicht haben sich die Übersetzer davor gescheut, das zu so klar zu benennen.

Wie das gestillte Kind an meiner Brust, so ist meine Seele zur Ruhe gekommen. Das Gebet berührt vor allem, weil es so anschaulich und innig ist. Die Beterin beschreibt, wie sie im Vertrauen auf Gott loslassen kann – schwierige Fragen, die sie umtreiben, aber auch falschen Stolz und zu hohe Ansprüche an sich selbst. Ich gebe mich nicht mit Dingen ab, die zu groß sind … für mich, vertraut sie Gott im Gebet an. Vielmehr fand ich zur Gelassenheit zurück und meine Seele konnte zur Ruhe kommen wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter.

Ja, solche Momente kenne ich auch – Momente, in denen die Seele zufrieden ist wie ein satter Säugling. Für mich haben diese Momente, genau wie die Beterin es im Psalm beschreibt, mit Vertrauen zu tun. Mit Gottvertrauen, aus dem Selbstvertrauen wächst – und das Vertrauen zu anderen Menschen.

Ich weiß: Es ist nicht immer möglich, dieses Vertrauen so ungebrochen zu spüren. Aber ich glaube: Gerade weil das Leben so viele komplizierte Herausforderungen an uns stellt, tut es mir gut, immer wieder loszulassen und mich anzuvertrauen – anderen Menschen und auch Gott. Und dann zu spüren: Meine Seele ist zur Ruhe gekommen – wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter.

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19JUN2024
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Heute Abend kommen sie nach Stuttgart, die deutschen EM-Kicker – das erste Deutschlandspiel im Ländle! Vielleicht sind Sie ja sogar vor Ort dabei – in der Fan Zone in der Stuttgarter Innenstadt oder gar im Stadion? Aber egal ob Fan oder Fußballmuffel: Auf eine friedliches und faires Fußballfest auf den Straßen und auf dem Rasen hoffen wohl alle.

Auf dem Platz sorgen die Schiedsrichter dafür, dass fair gespielt wird – wenn nötig auch mit einer gelben oder gar roten Karte. Gelbe und rote Karten – die kennt jeder. Aber haben Sie beim Fußball auch schon mal von einer weißen Karte gehört? Die kennt kaum jemand – aber es gibt sie. Vom portugiesischen Fußballverband wurde sie vor einigen Jahren eingeführt – erst für die Jugend, inzwischen auch bei den Fußballfrauen.

Bei der EM werden keine weißen Karten gezeigt. Schade eigentlich – die Grundidee ist nämlich gar nicht schlecht, finde ich: Die weiße Karte ist eine "Fairplay-Karte“. Sie soll respektvollen Umgang auf dem Platz belohnen: Sich bei Fehlern zu entschuldigen, Schiedsrichterentscheidungen zu akzeptieren oder Mitspieler zu unterstützen.

Manchmal, so habe ich den Eindruck, wäre so eine weiße Karte nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern auch im Alltag eine gute Sache. Denn auch da verteilen wir verbal gerne mal gelbe und rote Karten – an andere Verkehrsteilnehmer, aufmüpfige Kinder oder andere Leute, die nicht tun, was wir für richtig halten. Geschimpft ist schnell – aber wie wäre es, das Repertoire auch mal um eine weiße Karte zu erweitern und zur Abwechslung anderen deutlich zu sagen: Das hast du richtig gut gemacht. Zum Beispiel: Vielen Dank, dass Sie so perfekt eingeparkt haben – jetzt passe ich auch noch daneben!  Oder: Super, dass du aufgestanden bist und deinen Platz im Bus dem älteren Herrn angeboten hast.

Als Christin kann ich die Sache mit der weißen Karte sogar noch weiterdenken. Denn bei Gott kommt die weiße Karte sogar zuerst – noch bevor mich besonders vorbildlich verhalten habe oder eine besondere Leistung gezeigt habe. Eigentlich noch bevor ich irgendetwas gemacht habe. Der Theologe Eberhard Jüngel hat es mal so gesagt: Christus hat uns angenommen … deshalb verdient ein jeder von uns einfach dafür, dass er da ist, zumindest ein wenig gelobt zu werden.

Ich finde jedenfalls: Für die weiße Karte gibt es viele Verwendungsmöglichkeiten. Nicht nur auf dem Rasen. Es lohnt sich, das Kartenrepertoire in unserer Hosentasche zu erweitern. Statt einer gelben oder gar roten Karte auch mal die weiße zu zücken und so zu zeigen: Finde ich gut!

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18JUN2024
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Auch bei uns in der Stadt gibt es jetzt an verschiedenen Stellen sogenannten Shared Space – gemeinsam genutzten Raum. Hier teilen sich Menschen, die zu Fuß, auf dem Rad und im Auto unterwegs sind, dieselbe Straße. Alle müssen aufeinander Rücksicht nehmen. Die Hoffnung ist, dass so weniger Unfälle passieren – und tatsächlich: Meistens funktioniert es, weil alle vorsichtiger unterwegs sind.

Aber nicht allen gefällt das Konzept, denn: Teilen ist anstrengend! Klar, ich merke es auch: Hier kann ich nicht einfach flott durchradeln wie auf einem Radweg. Und als Fußgängerin muss ich besser aufpassen als auf dem Gehweg. Es ist anstrengend, ständig auf andere zu achten.

Teilen ist nicht leicht. Das gilt nicht nur für die Straße. Aber mich frustriert es manchmal, dass wir Menschen oft so schwer miteinander klarkommen, wenn wir etwas teilen sollen. Dass zum Beispiel schöne alte Häuser mitten im Ort leer stehen, weil die Erben sich nicht einigen können, was damit geschehen soll. Obwohl Familien dringend Wohnraum suchen – und es für das Klima und den Hochwasserschutz besser wäre, nicht immer neue Flächen mit Neubaugebieten zu versiegeln.

Oder, anderes Beispiel: Es irritiert mich, wenn Leute mir erzählen, dass sie immer mit dem eigenen Auto fahren, weil sie es so unangenehm finden, mit fremden Leuten im Zug zu sitzen. Auch da sollten wir es doch schaffen, so gut aufeinander zu achten, dass sich alle einigermaßen wohlfühlen – und sich dann auch einen Wagen teilen können.

Die ersten Christinnen und Christen, von denen die Apostelgeschichte in der Bibel erzählt, waren da grundsätzlich anders drauf: Alle hielten zusammen, und sie teilten allen Besitz. Immer wieder, so heißt es in der Bibel, verkauften sie Grundstücke oder sonstiges Eigentum. Den Erlös verteilten sie an die Bedürftigen – je nachdem, wie viel jemand brauchte.

Dabei gab es natürlich auch mal Ärger. Denn diese Gemeinde in Jerusalem damals war nicht nur ein winziger verschworener Zirkel von Menschen, die sich sowieso gut verstanden. Im Gegenteil, es kamen ständig neue Leute dazu – und zwar Menschen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern, religiösen Richtungen und gesellschaftlichen Schichten.

Alles miteinander teilen? Heute sind wir von so einer Haltung oft weit entfernt. Aber gerade deshalb ist es wichtig, sich von Ursprüngen der eigenen Religion herausfordern zu lassen. Und zu überlegen, wo es möglich ist, mehr mit anderen zu teilen.

Ich glaube, wir tun gut daran. Denn unsere Erde ist zwangsläufig auch ein Shared Space. Die müssen wir gemeinsam nutzen, denn wir haben nur die eine. Deshalb bleibt nichts anderes übrig, als miteinander auszukommen. Und zu teilen.

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17JUN2024
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Jetzt ist alles kaputtgegangen! Manchmal kommt es einem so vor. Dieses Frühjahr ging es uns zum Beispiel so mit dem großen Walnussbaum, der vor unserem Küchenfenster steht. Nach dem langen Winter, in dem der Baum kahl dastand, waren im April gerade wieder die ersten grünen Blätter zu sehen – wie schön! Aber dann gab es noch mal einen kräftigen Nachtfrost. Am nächsten Tag haben sich die jungen Triebe schwarz verfärbt – und sind abgestorben. Ein trauriger Anblick. Kein grünes Blätterdach in diesen Sommer, dachten wir – alles hinüber.

Ich finde, solche Momente gibt’s auch sonst im Leben. Momente, in denen man den Eindruck hat: Jetzt ist alles kaputtgegangen. Wenn man ernsthaft krank wird, zum Beispiel, und plötzlich nichts mehr geht. Wenn man merkt, dass man eine falsche Entscheidung getroffen hat. Oder wenn ein Streit eskaliert und keine Versöhnung in Sicht ist.

Alles kaputt? Der Walnussbaum hat uns gezeigt, dass man sich da täuschen kann. Nach ein paar Wochen hat er nochmal ausgetrieben – inzwischen hat seine stattliche Krone wieder ein dichtes grünes Blätterkleid. Wir haben gestaunt. Aber ein Freund, der sich mit Bäumen auskennt, hat es erklärt: Der Walnussbaum hat sogenannte Seitenknospen, also Reserveknospen. Wenn die ersten Blätter kaputtgehen, dann kommen die Seitenknospen zum Einsatz und treiben aus – so dass der Baum im Sommer nicht ohne Blätter dasteht.

Ich glaube, dass wir Menschen auch so eine Art Reserveknospen haben. Und dass Gott uns Kräfte mit auf den Weg gegeben hat, von denen wir gar nicht ahnen, dass sie da sind. Aber die dann zum Vorschein kommen, wenn sonst gar nichts mehr geht. Und wenn selbst die an ihr Ende kommen, sind Gottes Möglichkeiten immer noch nicht erschöpft. Ich mag einen Satz vom Propheten Jesaja aus der Bibel, der das schön beschreibt. Er richtet sich an Menschen, die keine Kraft mehr haben, keine Heimat und keine Hoffnung. Jesaja erinnert sie daran, dass es bei Gott immer neue Möglichkeiten wachsen. Gott sagt, so steht es bei Jesaja: Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?

Nicht immer gehen in Krisensituationen unsere Reserveknospen so schnell auf wie bei unserem Walnussbaum. Manchmal sieht es lange so aus, als sei wirklich alles kaputt, die Energiereserven bleiben verborgen, und es ist schwer zu erkennen, was noch kommen soll. Aber das Bild vom Baum und seinen Reserveknospen nehme ich für mich mit. Ich hoffe, dass ich mich in schwierigen Momenten daran erinnere. Und aufmerksam bleibe für das, was Gott verspricht: Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?

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15JUN2024
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Wenn ich ein Klavier höre, hüpft mein Herz! Mein Leben lang träume ich schon davon, selbst Klavierspielen zu können. Irgendwann, habe ich mir oft gesagt, irgendwann lerne ich das mal – wenn ich mehr Zeit habe, wenn die Kinder größer sind, wenn die Arbeit weniger ist.

Und dann war da meine Tochter. Als wir die Großeltern besucht haben, hat sie sich an das alte Klavier im Wohnzimmer gesetzt und die Tasten angeschlagen. Ganz versunken hat sie eine Weile geklimpert und dann verkündet: „Ich will auch ein Klavier! Ich wünsche mir nichts anderes, ich will Klavier spielen!“ Auch in den kommenden Wochen hat sie nicht mehr lockergelassen.

Und dann ging alles ganz schnell: Einen Monat später wurde unser E-Piano geliefert. Meine Tochter hat tagsüber ganz selig darauf gespielt. Als ich dann abends vor den Tasten saß und selbst die ersten Töne angeschlagen habe, hatte ich Tränen in den Augen. Mein großer Traum, den ich jahrelang verschoben hatte, aus unzähligen Gründen. So einfach ist es gewesen – dank meiner entschlossenen Tochter, die mich überzeugt hat, einfach zu tun, was ich schon immer wollte.

Ich frage mich seitdem, wie oft ich in meinem Leben schon Träume, Sehnsüchte aufgeschoben habe, weil ich auf den richtigen Zeitpunkt gewartet habe. Oder sogar aufgegeben, weil ich geglaubt habe, dass es jetzt zu spät dafür ist. Klar, nicht alle Träume sind so einfach zu erfüllen, wie dieser. Aber es lohnt sich darüber nachzudenken, welche meiner Träume weniger an den äußeren Umständen scheitern und eher deshalb, weil ich irgendwelche Bedenken habe. Und was mich davon abhält, sie anzugehen.

Manchmal geht es einfach darum, sich zu überwinden, endlich loszulegen. Nicht auf den großen Berg zu sehen, sondern nur auf den nächsten Schritt. Und ja: Wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich gerne jetzt sofort richtig Klavier spielen können. Aber wenn ich nicht mit den kleinen ersten Schritten anfange, wird das nichts. Also heißt es jetzt: dranbleiben und üben.

„Fürchtet Euch nicht“, sagt Gott in der Bibel immer wieder, wenn Menschen nicht recht wissen, was auf sie zukommt. Wenn sie unsicher sind oder unentschlossen. Gerne schickt er dafür auch einen Engel vorbei. Sie nehmen die Angst vor dem, was sich bisher keiner vorstellen konnte. Zum Beispiel bei Maria, die ungeplant schwanger war und nicht wusste, wie es weitergehen soll. Solche Engel können ja auch Freundinnen sein, - oder Menschen, die uns einen Stups in die richtige Richtung geben. Für mich ist meine Tochter jedenfalls so ein kleiner Engel, den ich wirklich gebraucht habe.

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14JUN2024
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Heute beginnt die Fußball-Europameisterschaft! Sind Sie Fußball-Fan? Dann freuen Sie sich bestimmt schon lange darauf, dass die Spiele jetzt endlich losgehen!
Ich gebe zu: Ich interessiere mich meistens nicht besonders für Fußball.
Bei Europa- und Weltmeisterschaften sieht das aber anders aus. Ich mag die besondere Stimmung, die dann überall zu spüren ist. Was sonst bringt so viele unterschiedliche Menschen zusammen, wie  ein Fußball-Großereignis? Viele verabreden sich zum Public Viewing, vier Wochen lang haben alle ein gemeinsames Thema und irgendwie ist da dieses Verbundenheitsgefühl untereinander, weil so viele Menschen gemeinsam anfeuern, hoffen, sich freuen, oder zusammen leiden, wenn ihre Mannschaft verloren hat.

Das finde ich besonders in einer Zeit, in der ansonsten so Vieles auseinanderdriftet. In der Unterschiede so sehr betont werden, in der lieber vorsichtig abgewartet oder kritisch beäugt wird, statt begeistert gemeinsam gefeiert. Ich mag die Fröhlichkeit und das Wir-Gefühl bei so einer EM und ich glaube, ein wenig Fußball-Fieber tut uns allen ganz gut -nach den vergangenen Jahren, die eher von Distanz geprägt waren.

Bemerkenswert finde ich dabei immer: Spieler, die sonst Gegner sind, spielen jetzt in den Nationalteams zusammen - vereint für ein größeres Ziel. Und noch mehr: Die Spiele verbinden uns in Europa über alle Grenzen hinweg. Eine Woche nach der Europawahl zeigen sie eindrucksvoll, was für ein unschätzbar hohes Gut der europäische Gedanke ist: Da kommen verschiedenste Länder, Mannschaften, Fans zusammen - verbunden in der Liebe zum Fußball. Sie setzen ein buntes und friedliches Zeichen, während woanders Kriege toben.

Sie zeigen: Uns verbindet mehr, als uns oftmals bewusst ist. Ganz konkret wird das beispielsweise auch bei einer Initiative der Kirchen[1]: Über eine Plattform im Internet bieten Fußballfans an, dass andere Fans kostenfrei bei ihnen übernachten können. Was für ein tolles Zeichen gelebter Gastfreundschaft!

Uns verbindet mehr, als uns trennt. Ich hoffe, dass diese Erfahrung in den kommenden Wochen überwiegen wird. Dass die Spiele friedlich ablaufen und ein positives Gefühl bleibt. Weil genau das doch der eigentliche Gewinn ist: gemeinsam spielen und feiern. Für mich ist das viel wichtiger, als jeder Pokal! In diesem Sinne viel Glück den Mannschaften, viel Spaß den Zuschauenden und allen tolle Erfahrungen und Begegnungen während dieser Fußball-EM!

 

 

[1]www.host4euro.com

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13JUN2024
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An der Schule meiner Kinder gibt es keine Noten. Die Schülerinnen und Schüler bekommen stattdessen Rückmeldungen wie: „geschafft“, „fast geschafft“, „noch nicht geschafft“.

Es geht darum, dass die Kinder sich nicht über ihre Noten definieren. Dass sie sich nicht aufgrund einer Zahl selbst einen Stempel aufdrücken –zum Beispiel: Ich bin eben schlecht in Mathe. Sondern dass bei allen Rückmeldungen im Fokus steht: Ich bin auf einem Weg. Ich habe das NOCH nicht geschafft, aber ich gehe weiter und irgendwann schaffe ich das.

Mir gefällt der Ansatz gut. Ich mag auch, dass die Grundaussage ist: Das habe ich geschafft. Und nicht: Darin bin ich perfekt. Wenn ich bei mir selbst schaue, dann ist das nämlich viel zu oft mein Anspruch. Alles richtig zu machen. Ich schaue dann zurück auf Situationen und gehe sie im Kopf durch – und mir fallen jede Menge Dinge auf, die ich besser hätte sagen oder machen können. Ich vergleiche mich immer wieder mit anderen – egal ob auf Social media oder in meinem Umfeld-  und bemerke natürlich immer genau die Punkte, die andere irgendwie besser hinbekommen als ich.

Ich finde, so eine „Geschafft-Kultur“ ist nicht nur in der Schule, sondern auch im sonstigen Leben ein guter Ansatz. Sie erlaubt mir, besser zu werden und zu wachsen, statt an einem oft willkürlichen Moment festzumachen, ob ich etwas kann oder nicht. Scheitern ist dann nicht mehr die endgültige Niederlage, sondern eher ein Anfang. Ein Schritt auf dem Weg. Etwas, woraus ich lernen kann. 

Ich will mich also darin üben, gnädiger mit mir zu sein. Beim Rückblick darauf zu schauen, was ich hinbekommen habe – nicht nur, was ich hätte besser machen können.

Wenn ich überlege, was ich alles schon geschafft habe, dann bin ich ganz schön dankbar. Ich denke an schwierige Jahre während meiner Schulzeit, an beruflich herausfordernde Situationen, an den Spagat zwischen Beruf und Familie. Gerade da, wo es besonders schwer war, wo die Herausforderung groß oder die Umstände besonders widrig waren: da bin ich auch etwas stolz, dass ich das hinbekommen habe. Sicher nicht perfekt, aber angesichts der Umstände doch: geschafft!

Wenn Sie zurückschauen – sicher haben auch Sie schon eine Menge geschafft- trotz aller Umstände.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie dafür dankbar sein können– und vielleicht auch ein wenig stolz auf sich!

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12JUN2024
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„Du hast die Wahl!“ steht auf dem Plakat, an dem ich jeden Tag vorbeilaufe. Seit Wochen hat es dazu aufgerufen, bei den Kommunal- und Europawahlen abzustimmen.   

Jetzt sind die Wahlen vorbei. Klar habe ich meine Kreuzchen auf den Wahlzetteln gemacht, weil ich  mitbestimmen möchte, wie es in Europa und hier in meiner Stadt weitergeht. Was in Zukunft besonders wichtig ist. Bei uns in der Stadt geht es zum Beispiel um eine neue Bücherei, die so etwas wie ein Wohnzimmer für alle sein soll. Ein Ort, an den alle kommen können ohne Eintritt zu bezahlen, der Menschen zusammenbringt.

Meine Wahl kann hier in meiner Stadt etwas verändern, das finde ich gut! Natürlich ist das, was jetzt nach den Wahlen passiert, nicht exakt das, was ICH mir wünschen würde. So funktioniert Demokratie eben- man versucht, die Bedürfnisse und Interessen ganz unterschiedlicher Menschen zusammenzubekommen. Manchmal klappt das besser und manchmal weniger gut.

„Du hast die Wahl“ – das Plakat hängt immer noch da. Und es macht mich nachdenklich; denn: Mitbestimmen und mitgestalten, wie es in unserer Stadt und unserer Welt aussieht, das kann ich jederzeit - auch zwischen den Wahlen. Ich denke an die vielen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Ganz aktuell an die vielen Feuerwehrleute und ehrenamtlichen Helfer die während und nach dem Hochwasser im Einsatz sind. Und an die vielen Menschen, die in Vereinen und Gruppen das ganze Jahr über ihren Lebensort mitgestalten. Die Stadt wird dadurch erst so lebendig und vielfältig, wie sie ist.

Die Wahl haben hat etwas mit Freiheit und Verantwortung zu tun. Das ist mir auch im Glauben wichtig. „Zur Freiheit hat uns Gott befreit, zur Freiheit hat uns Gott berufen“ schreibt Paulus in der Bibel. Für mich bedeutet das: Gott hat uns Freiheit geschenkt, selbst zu entscheiden, selbst zu wählen, wie wir leben wollen. Diese Freiheit heißt auch Verantwortung übernehmen; für mich, für andere und die Welt. Denn natürlich haben wir nicht alle die gleichen Möglichkeiten. Wieviel Zeit und Care-Aufgaben ich habe, wieviel Geld ich habe, ob ich körperlich und seelisch gesund bin –  all das entscheidet auch darüber, wie ich mich einbringen kann. Umso wichtiger ist mir, dass ich Verantwortung übernehme, eben weil ich die Möglichkeit dazu habe.

Wie ich mich entscheide, was ich sage und wie ich mich verhalte macht einen Unterschied. Natürlich – vieles hängt auch von anderen ab. Aber innerhalb meiner Möglichkeiten, manchmal auch im Kleinen, habe ich die Wahl. Nicht nur an der Wahlurne, sondern jeden Tag.

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