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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Die Bibel erzählt von einem Kornbauern, der etwas sehr Vernünftiges tut: er kümmert sich um seine Zukunft. Die Ernte verspricht gut zu werden, und er plant, größere Scheunen zu bauen, um die Ernte unterzubringen. Dann kann er sich endlich mal zurücklehnen, ausruhen und muss sich keine Sorgen um seine Zukunft machen. Wem würde das nicht gefallen?
Und ehrlicherweise würde ich vermutlich genauso handeln.
Doch Gott reagiert so ganz anders.
Er sagt zu dem Bauern: „Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern."(Lk 12, 20)
Das finde ich hart. Gott bezeichnet den Kornbauern als Narren, weil der sich ganz und gar auf die Rettung der Ernte konzentriert hat. Nichts scheint in seinem Leben sonst wichtig zu sein. Und auch von einer zweiten Chance spricht das Gleichnis nicht; das Urteil ist endgültig.
Doch mit diesem Beispiel will uns Jesus anstiften, dass wir überlegen, was uns in unserem Leben wirklich reich macht. Es sind nicht die Dinge, die wir besitzen oder das, was wir können. „Reich sein" vor Gott bedeutet, dass ich von Gott beschenkt bin.
Ich darf glauben, dass ich von Gott geliebt bin - egal, was ich tue oder was ich eben versäumt habe.
Lernen, Beschenkte zu sein. Das braucht Übung.
Denn wenn ich abends auf meinen Tag schaue, dann ist das, was in meinem Kopf sitzt, nicht immer Dankbarkeit. Da gibt es das, was wehgetan hat, was verletzt, was mich angerührt oder was mich wütend gemacht hat. Und bevor alles verbittert in mein Herz rutscht, versuche ich es mit einem Blickwechsel. Ich schaue achtsam auf die kleinen Dinge und Gesten, die ich in der Geschäftigkeit des Tages übersehen habe oder denen ich keine Bedeutung zugemessen habe.
Dann entdecke ich in der Mail einer Kollegin, mit der ich gerade etwas plane, nicht nur das, was noch fehlt, sondern ich spüre auch, dass sie gerne mit mir zusammenarbeitet und dass wir schon ein ganzes Stück geschafft haben.
Aber natürlich ist es trotzdem gut, dass ich mich um meine Zukunft kümmere. Indem ich zum Beispiel, wenn ich es kann, für spätere Zeiten etwas auf die hohe Kante lege. Wenn mich das nicht ganz in Beschlag nimmt, ist das wichtig und in Ordnung.
Entscheidend ist aber, dass ich mir jeden Tag Zeit nehme, um zu entdecken, was mir von Gott oder von anderen Menschen geschenkt wird. Das macht mich wirklich reich.

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Fünf Finger - mehr braucht es nicht für ein Gebet. Vor über 20 Jahren hat Papst Franziskus jungen Menschen dieses Gebet gezeigt. Fünf Finger, die mir helfen können mit Gott Kontakt zu halten.
Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger und kleiner Finger: Jeder steht für eine andere Person.
Der Daumen ist der kräftigste. Er steht mir am nächsten und fordert mich auf für meine Lieben zu beten: meine Familie und gute Freunde.
Der Zeigefinger sagt mir, dass ich für die Menschen bete, die mir in meinem Leben etwas gezeigt haben. Meine Lehrer in der Schule; Menschen, die mich während meiner Ausbildung begleitet haben; ältere Kollegen, bei denen ich mir gerne das ein oder andere abschaue. Der Zeigefinger weist mich auch auf diejenigen hin, die mich heute immer mal wieder in die richtige Richtung stupsen und mir helfen meinen Weg zu finden.
Der Mittelfinger ist der größte. Er nimmt die Unternehmer und Politiker mit in mein Gebet hinein. Wie wichtig ist das, wenn ich auf unsere Welt schaue: die vielen Herausforderungen, Konflikte und Unruhen. Da braucht es Menschen, die Verantwortung übernehmen und ihre Macht zugunsten anderer einsetzen.
Der vierte Finger ist der Ringfinger - der schwächste von allen. Das überrascht vielleicht. Doch als Klavierspielerin kann ich bestätigen: der Ringfinger hat am wenigsten Kraft. Und deshalb erinnert er mich daran, für die Schwächsten zu beten: ich denke an eine Frau, die mir von ihrer Krankheit erzählt hat. An einen arbeitslosen Mann, der nur mit Mühe seine Familie ernähren kann. Eine Menge Menschen fallen mir ein, die es schwer haben und für die man niemals genug beten kann.
Zu guter Letzt ist der kleine Finger an der Reihe. Er steht für mich. Für mein Leben.
Wenn ich mir alle fünf Finger anschaue, kommen also eine ganze Menge Menschen zusammen: die, die mir wichtig sind, Menschen, die mir etwas gezeigt haben und diejenigen, die Verantwortung übernehmen. Aber auch die Schwächsten und die, die es schwer haben, haben ihren Platz in meinem Gebet. Und dass ich selbst wichtig bin, dafür steht der kleinste Finger. Auch meine Bedürfnisse fallen nicht unter den Tisch.
Meine Hand - ein Bittgebet.
Wer Gott um etwas bittet, der gesteht sich ein: ich komme in meinem Leben an Grenzen. Ich kann nicht alles tun oder bewirken. Aber ich vertraue darauf, dass Gott es gut mit uns meint. An ihn darf ich mich wenden, wie an einen Freund, der mich und die Menschen, für die ich bete, nicht alleine lässt.

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Robert war neu im Kindergarten. Er kam von einem Tag auf den anderen und gehörte für mich ganz selbstverständlich dazu. Wir waren beide vier Jahre alt und haben uns auf Anhieb gut verstanden. Das Besondere habe ich Jahre später erfahren. Robert ist mit seiner Familie aus der DDR geflohen - zu seiner Großmutter, die bereits viele Jahre in unserer Stadt wohnte.
Einige Monate später im November 1989 fiel die Mauer in Berlin und die Trennung Deutschlands wurde Geschichte.
Viel mehr Erinnerungen habe ich nicht an die Zeit, in der Deutschland in zwei Teile geteilt war. Und leider auch nicht an den friedlichen Umbruch unseres Landes, der die Wiedervereinigung möglich gemacht hat.
Der Tag der Deutschen Einheit, den wir heute feiern, bedeutet mir trotzdem etwas:
er erinnert mich daran, dass Getrenntes wieder zusammen wachsen kann. Auch wenn es Zeit und vor allem viel guten Willen braucht.
In unserer Welt finden sich viele Beispiele, wo eine Wiedervereinigung oder ein neues Miteinander nötig wäre: in Nord- und Südkorea, in Syrien oder auch in Israel und Palästina.
Aber meist muss man gar nicht so weit schauen - in meinem nahen Umfeld finde ich das in kleinem Stil auch: Ich denke an Familien, die sich so zerstritten haben, dass sie nichts mehr miteinander zu tun haben wollen. Oder Kolleginnen, die mit dem Arbeitsstil der anderen nicht zurechtkommen - es aber nicht fertig bringen miteinander zu sprechen.
Als Christen haben wir den Auftrag unser ganzes Leben lang nach Versöhnungswegen zu suchen und aufeinander zuzugehen. „Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du noch mit ihm auf dem Weg zum Gericht bist" (Mt 5, 25) sagt Jesus.
Damit fordert er uns auf, unsere Phantasie und Kreativität zu nutzen. Wir brauchen Ideen, wie verschiedene Gruppierungen unserer Gesellschaft miteinander leben können. Und wir sind auch aufgefordert zu überlegen, wie wir mit den Menschen umgehen, mit denen wir uns so schwer tun. Da gehört es dazu auszusprechen, was mich stört. Dem anderen ein offenes Wort zuzumuten. Aber trotzdem behutsam miteinander umzugehen, um den anderen nicht niederzumachen. Denn es geht nicht darum, Verletzungen gegenseitig aufzurechnen.
Jesus fordert uns auf, neue Wege des Friedens und der Versöhnung zu gehen. Auch wenn es manchmal viele Jahre braucht, bis Trennungen überwunden werden können. Da ist Geduld und Ausdauer gefragt.
Und gerade an einem Tag wie heute wünsche ich uns deshalb den Mut, aufeinander zuzugehen, auch wenn wir verletzt worden sind.

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Berufsverkehr am Morgen. Auf den Straßen ist viel los. Jeder ist irgendwie spät dran. Und fast wäre wieder ein Unfall passiert.

Ich bin auch oft mit dem Fahrrad oder Auto auf den Straßen unterwegs und so brenzlige Situationen kann ich immer wieder beobachten. Wenn nichts passiert ist, bin ich jedes Mal richtig erleichtert und ab und zu denke ich: „Da haben die Schutzengel mal wieder mächtig aufgepasst".

Doch Schutzengel können mehr als im Straßenverkehr aufzupassen. Auch sind es nicht nur irgendwelche Lichtwesen, die über unsere Welt schweben. Und es sind auch keine Figuren, die sich als kitschige Dekorationsartikel in den Regalen der Kaufhäuser tummeln. Nein, für mich gibt es Schutzengel nur deshalb, weil ich an einen Gott glaube, der sie zu mir schickt. Dann können sie mich behüten.

Heute denkt die Kirche an all ihre Schutzengel. Das finde ich gut, denn damit erinnert sie daran, dass Engel eben Gottes Boten sind. Sie zeigen mir, wie Gott sich um mich kümmert. Sie helfen mir, den Weg zu finden, der zu meinem Besten ist.

Genau so ein Schutzengel ist Rafael. Ihn mag ich besonders und seine Geschichte steht im Alten Testament.

Rafael begleitet den jungen Tobias auf seiner Reise in eine fremde Stadt.

Doch der ahnt nicht, dass er mit einem Engel unterwegs ist. Und trotzdem hilft Rafael ihm in ganz vielen Situationen:

er rettet Tobias beim Baden vor einem großen Fisch, indem er ihm im richtigen Moment zuruft, den Fisch zu packen.

Rafael ist es auch, der Tobias den Hinweis gibt aus den Innereien des Fisches Heilmittel herzustellen. Als er dann nach Hause zurückkehrt, kommen die seinem kranken Vater zu Gute. Und Rafael bringt Tobias sogar unter die Haube, indem er ihm verrät, wie er seine künftige Frau für sich gewinnen kann. Sympathisch finde ich, dass Rafael nie selbst handelt. Er gibt lediglich zur richtigen Zeit die entscheidenden Hinweise. Und genau das macht Engel aus!

Mein Onkel hat immer gern Engel gemalt - überall fand man seine Schutzengel: auf Einladungskarten, Sitzungsprotokollen oder Notizzetteln. Das finde ich bis heute schön. Denn gerade im Alltag kann ich die Engel gebrauchen. Sie sind immer dabei. Damit sie mir die Augen öffnen, mir manchmal einen Schubs in die entscheidende Richtung geben und damit sie mir auf unerschütterliche Weise sagen, dass Gott es gut mit mir meint.

So verstanden, kann ich gut an Engel glauben.

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Neid ist ein mieses Gefühl. Wenn ich neidisch bin, dann habe ich schlechte Laune. Ich fühle mich klein und unbedeutend, bin unzufrieden mit mir und meinem Leben.

Und manchmal bin ich dann sogar pampig oder ungerecht. Und meine Gedanken kreisen nur noch um das, was der andere hat oder kann.

In solchen Momenten hilft mir eine Erzählung, die Therese von Lisieux aufgeschrieben hat. Therese lebte Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Unaufhörlich suchte sie Gottes Nähe und ihr großer Wunsch war es, sich Gott ganz hinzugeben. In den Augen ihrer Mitschülerinnen war sie deshalb wohl ein wenig sonderbar. Aber sie ist ihren Weg gegangen und bereits im jugendlichen Alter von 15 Jahren in den Orden der Karmelitinnen eingetreten.

Schon als Kind beobachtet Therese wie unterschiedlich die Menschen leben. Sie erkennt: es gibt Menschen mit vielen Fähigkeiten und Begabungen, während andere wohl nur mit wenigen Talenten ausgestattet sind. Therese denkt, dass deshalb so viele Menschen unglücklich sind. Es quält sie der Gedanke, dass Gott vielleicht doch nicht alle Menschen gleichermaßen liebt.

Ihre große Schwester hilft ihr mit einem Vergleich, ein wenig anders auf die Unterschiede zu schauen. Therese schildert die Begebenheit so:

Zuerst musste ich das große „Papa-Glas" holen und es neben meinen kleinen Fingerhut stellen. Dann sollte ich beide Gefäße mit Wasser füllen - bis zum Rand - und sagen, welches der beiden nun voller sei. Beide sind gefüllt und ich habe festgestellt: Mehr Wasser passt in beide Gefäße nicht hinein. Es lohnt sich also nicht zu vergleichen. Der mit dem kleinen Fingerhut, braucht den anderen nicht um sein großes Trinkgefäß beneiden.

Dass jeder von Gott so viel bekommt, wie er fassen kann - das kann ich von Therese lernen.

An das Bild mit den Gefäßen denke ich, wenn ich in einer Besprechung sitze und Kollegen beneide, die sich gut ausdrücken und andere leicht überzeugen können. Oder wenn ich von Freunden höre, was alles Tolles und Einmaliges in ihrem Leben passiert.

Mit dem Bild der Gefäße im Kopf gelingt es mir, Abstand zu gewinnen: dann kann ich wieder sehen, dass Gott jeden reichlich ausstattet. Auch ich habe meine Portion bekommen, die mich ganz ausfüllt. Denn egal wie groß mein Gefäß ist, es gibt immer noch mehr Wasser, das ich nicht fassen kann. Der Vergleich mit anderen hilft mir nicht weiter. Ich bin zufriedener, wenn ich auf das schaue, was ich kann und bin. Dann kann ich vielleicht sogar den anderen ihre Chancen und Talente von Herzen gönnen.

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Standen Sie auch schon mal vor einem Bankautomat und konnten sich nicht an ihre PIN erinnern?

Ohne PIN oder Passwort geht heute fast nichts mehr. Nicht nur am Bankautomat, sondern auch für mein eMail-Postfach und für Tauschbörsen im Internet brauche ich es. Da komme ich manchmal ganz schön durcheinander.

Vor vielen Jahren träumte der Theologe Romano Guardini von einem besonderen Passwort. Im Traum wurde ihm gesagt: „Wenn der Mensch geboren wird, wird ihm ein Wort mitgegeben (...). Das wird hineingesprochen in sein Wesen, und es ist wie das Passwort zu allem, was dann geschieht."

Gibt es ein Passwort zu mir selbst? Guardini ist davon überzeugt: Es geht darum herauszufinden, wer ich bin und was ich will. Ein wenig vereinfacht könnte man auch sagen, dass jeder das aus sich herausholen soll, was in ihm steckt. Manche nennen das Lebenstraum, andere Berufung.

Ich kenne Menschen, die ihr Passwort gefunden haben: eine Kollegin an der Schule, die ihr ganzes Herzblut in den Unterricht steckt. Oder eine Bekannte, die ganz darin aufgeht Mutter zu sein. Eine Freundin ist sogar in ein Kloster eingetreten. Ein außergewöhnlicher Weg - doch zu ihr passt er.

Das Passwort eröffnet den Zugang zu mir. Zu meinem Innern. Und es zeigt mir, wohin es in meinem Leben gehen kann.

Aber ich entdecke in Guardinis Zitat noch etwas anderes, wenn er schreibt: „Das Wort ist wie das Passwort zu allem, was dann geschieht."

Ich verstehe das so: Das Passwort eröffnet mir auch einen Zugang zu meinen Erlebnissen. Einen Zugang, den nur ich allein habe. Man könnte es auch mit einer Brille vergleichen, durch die ich die Welt sehe und die eben nur ich auf der Nase haben kann.

Meine Schwester, zum Beispiel, ist der optimistischste Mensch, den ich kenne. Selbst wenn es richtig stressig wird, kann sie ihrer Situation noch etwas Gutes abgewinnen.

Jemand anderes ist vielleicht nachdenklicher. Aber auch skeptische Menschen gibt es.

Dass Menschen ihre Umwelt unterschiedlich wahrnehmen, zeigt sich aber auch an vielen anderen Dingen: was ich schön finde, ist für jemand anderen unbedeutend. Und meine Freude an klassischer Musik teilt auch nicht jeder.

Im Unterschied zu den Passwörtern für den Bankautomat und das Internet, kann ich das besondere Wort, von dem Guardini spricht, nicht verlieren. Das steckt tief in mir drin. Und als Christ bin ich davon überzeugt, dass Gott es ist, der mir dieses Passwort mitgegeben hat.

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