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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Mein Sohn, bei all deinem Tun bleibe bescheiden und du wirst mehr geliebt werden als einer, der Gaben verteilt", so rät ein weiser Lehrer aus dem Alten Testament der Bibel (Jesus Sirach 3,17). 

Gerne würde ich diesen Spruch den Kandidatinnen und Kandidaten für den deutschen Bundestag ins Stamm- oder besser ins Parteibuch schreiben. Ginge es nach ihren Wahlversprechen, würde uns jede neue Bundesregierung - gleich welcher Couleur - geradezu mit Wohltaten überschütten. Solche Schalmeienklänge vernebeln die Sinne und erschweren die richtige Entscheidung. Manche Wählerinnen und Wähler sind schon so überdrüssig, müde und enttäuscht, dass sie am Wahltag am liebsten zuhause bleiben. Viele andere aber quälen sich mit der Frage, wo sie denn ihr Kreuzchen machen sollen.

Natürlich wählt man nach Farben und Programmen - sie bestimmen die Grundrichtung zukünftiger Politik. Hilfreich für die Wahlentscheidung ist aber auch, sich das Persönlichkeitsprofil der Bewerberinnen und Bewerber anzuschauen. Die sind doch keine zweibeinigen Datenträger, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, mit ihrer Geschichte, mit ihren Stärken und Schwächen. 

Mich interessiert: Ist das denn eine „ehrliche Haut", die mich da umwirbt, oder werden  nur Sprechblasen abgesondert? Plustert sich jemand nur mit dicken Backen auf oder hört er hin auf das, was die Menschen ängstigt und umtreibt? Strebt man da nach einem Mandat, um sich dann darin zu sonnen? Ist diese Bewerberin, dieser Bewerber bescheiden oder hält er es eher mit dem Sprichwort: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr"? 

Um sich da sicher zu sein, muss man die Kandidaten schon persönlich kennenlernen. Gewiss - sie werden später im Bundestag der Parteidisziplin und ihren Vorsängern folgen müssen. Aber entscheidend ist doch die Reinheit ihres Herzens, die Bescheidenheit. „Je größer du bist, umso mehr bescheide dich", mahnt der Weise aus dem Alten Testament. 

„Stimmabgabe" - so nennen wir den Wahlvorgang. Ich übergebe meine Stimme nicht an ein Programm, sondern vertraue sie einem Menschen an. Er soll ihr in meinem Auftrag Ausdruck verleihen. Daher ist seine Bescheidenheit für mich ein wichtiger Wahlprüfstein. 

Im Übrigen: Gar nicht zu Wahl zu gehen - das haben die allermeisten Bewerber nun wirklich nicht verdient.

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Ein Raubüberfall zwischen Jerusalem und Jericho. Ersthelfer ist ein durchreisender Geschäftsmann aus dem benachbarten Ausland, so erzählt die liebenswürdige Geschichte vom „barmherzigen Samariter" im Neuen Testament (Lukas 10,25-37). Er versorgt den Schwerverletzten und transportiert ihn in eine Herberge. Dort beauftragt er den Wirt mit der Pflege, bezahlt im voraus und kündigt an, für zusätzliche Aufwendungen später aufzukommen. 

Das wäre in den „Fallpauschalen" unseres Gesundheitssystems unmöglich, hier riskiert man eher eine „blutige Entlassung". Das Prinzip der Kostendeckung, das uns dieser Samariter demonstriert, ist Schnee von gestern. Heute glaubt man, das Gesundheitswesen marktwirtschaftlich, ja sogar gewinnbringend führen zu können.    

Am besten, indem man Krankenhäuser und Kliniken an private Investoren veräußert. Die machen das bekanntlich nicht ganz umsonst. Also wird wie in der Industrie rationalisiert, optimiert und fusioniert. Manche Krankenhausflure gleichen den Fertigungsstraßen in der Produktion. Wie im Akkord huschen die Pflegekräfte von Bett zu Bett, um dort - viel zu eng getaktet - ihre „Module" abzuarbeiten. 

Dazu spielt die bekannte marktwirtschaftliche Begleitmusik: Kliniken werden zu „Leistungsanbietern" aufgehübscht, Patienten verwandeln sich zu Kunden. Als könnte man bei einem Herzinfarkt erst mal die Angebote der Kardiologen miteinander vergleichen. Ein Kranker ist kein Marktteilnehmer, er braucht Hilfe,  optimale Versorgung und darüber hinaus Nähe und Zuwendung. Denn jede Krankheit bedeutet einen  Ernstfall im menschlichen Leben. Sie konfrontiert uns mit Gebrechlichkeit, mit Endlichkeit, mit der Vorläufigkeit unseres Daseins. 

„Barmherzigkeits-Module" sind allerdings in den Leistungskatalogen der „Gesundheitskassen", wie sie sich heute modisch nennen, nicht vorgesehen. Wenn Jesus seine Gleichniserzählung vom barmherzigen Samariter mit der Aufforderung schließt: „Geh und handle genauso", dann meint er uns. Wir als Angehörige müssen die Kranken umhegen mit Verständnis, Achtsamkeit und Liebe. Wir sind es, die trösten, aufrichten, streicheln und die Hand halten. 

Viele der Pflegenden wären übrigens gerne „barmherzige Samariter", wenn sie nur könnten. Aber sie arbeiten unter einem irrsinnigen Zeit- und Kostendruck und haben daher selbst Barmherzigkeit nötig.

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„Wir bekennen uns zu einer Unternehmenskultur, die auf Toleranz, Achtung und Verständnis für den Anderen beruht", so liest man in den Leitbildern großer Unternehmen. Klingt gut. Die Frage ist nur: Werden diese edlen Ziele im betrieblichen Alltag auch umgesetzt? 

Silvia hat da ihre Zweifel. Jahrzehntelang war sie im Vertrieb eines großen Konzerns sehr erfolgreich und in vielen Ländern als Produkt-Managerin unterwegs. Die Arbeit war ihr manchmal fast über den Kopf gewachsen, daher nahm sie mit Anfang vierzig ein sehr attraktives Angebot in der Zentrale an. Das hätte sie besser nicht getan, denn zum selben Zeitpunkt wurde ein neuer Stellenabbau im Unternehmen angekündigt.
In solchen Fällen - das erfahre ich als Betriebsseelsorger immer wieder - werden subtile Programme hochgefahren: Silvia wird an ihrer neuen Stelle gar nicht eingearbeitet und von Informationen abgeschnitten. Sie sitzt isoliert in einem Einzelbüro. Dort bekommt sie manchmal gar keine Arbeit und zählt die Minuten. Ein andermal beschäftigt man sie mit Hilfstätigkeiten weit unterhalb ihrer Qualifikation. Oder genau das Gegenteil: Man überfordert sie, um ihr danach schlechte Leistung zu attestieren. Eine Führungskraft scheint es gezielt darauf abzusehen, diese Frau seelisch zu zermürben. Betroffene halten das nicht lange durch. Sie gehen daran zugrunde und werfen eines Tages entnervt das Handtuch. 

Was hier abgeht, ist leider kein Einzelfall. Auf diese Art und Weise sollen bei Stellenabbau vor allem Ältere und Angeschlagene zur Selbstaufgabe getrieben werden. So spart man sich Kündigungen und braucht sich vor Arbeitsgerichten nicht zu verantworten. 

Wo bleiben nun „Toleranz, Achtung und Verständnis für den Anderen", wie im Leitbild beschworen? Ich kenne viele anständige Unternehmer und leitende Angestellte mit Charakter, die solche Praktiken verabscheuen und sich nie dafür hergeben würden - Gott sei Dank! 

Betroffenen wäre zu wünschen, dass sich starke Betriebsräte für Recht und Würde der Beschäftigten einsetzen und vor allem, dass viele Kolleginnen und Kollegen ihre eigenen Ängste überwinden und gemeinsam einen Schutzwall bilden. Kollektive Gegenwehr kann verhindern, dass einzelne zerrieben und herausgebrochen werden. 

Manchmal braucht´s auch die große Glocke. Dann pfeifen die Spatzen von den Dächern, wie in manchen Firmen mit Menschen umgegangen wird.   

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Heute vor 48 Jahren starb der große Theologe, Publizist und Organist Albert Schweitzer, den meisten eher bekannt als der berühmte Tropenarzt im afrikanischen Lambarene. Er verstand es in besonderer Weise, sich dem unfassbaren, unbegreiflichen Gott und dem Geheimnis unseres Lebens in Bildern zu nähern. 

So beginnt er einmal einen Vortrag: „Im kalten Wasser des Ozeans der Golfstrom, heißes Wasser, das vom Äquator bis zum Pole fließt". Und nun vergleicht Albert Schweitzer den Golfstrom mit dem Gott der Liebe, der die Eiseskälte unseres Lebens durchströmt. „Von diesem Strom", so sagt er, „lassen wir uns ergreifen und dahintragen." 

Wie der Golfstrom tropische Wärme in die kalten Zonen des Planeten hineinpumpt, so verändert im menschlichen Leben die Liebe das Klima. Schon ein freundlicher Gruß heute morgen im Betrieb, ein wohlmeinendes Wort und ein Lächeln - und der Tag ist gerettet. Denn gerade am Arbeitsplatz fühlen sich viele wie in einem Eiskeller gefangen. Aber auch Kranke, Alte und leidtragende Menschen sind dankbar für die Wärme, wenn sie sich geachtet, angenommen und geliebt wissen. Und die Kinder verfügen über die feinsten Thermostaten - sie registrieren schnell, wenn es kälter wird um sie herum und - sie reagieren empfindlich. 

Klimatologen befürchten immer mal wieder, dass der Golfstrom erkalten und unser Planet erstarren könnte. Auch ohne den Golfstrom der Liebe gäbe es kein Leben mehr. Ohne ein Minimum an Achtsamkeit und Zuwendung, Freundlichkeit und Güte verkümmern unsere Beziehungen. Mit Lieblosigkeit versperren wir uns auch den wesentlichsten Zugang zu Gott. Denn „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm", weiß die Bibel (1. Johannesbrief 4, 16).  

An uns liegt es, ob wir - eingekoppelt in den Golfstrom der Liebe - diese wie über eine Wärmepumpe weiter transportieren und so für ein angenehmes Klima in unserem Miteinander sorgen. Der heutige Tag bietet mit Sicherheit Gelegenheit genug: „Tut die Augen auf und sucht", so mahnt Albert Schweitzer einmal, „wo ein Mensch ein bisschen Zeit, ein bisschen Teilnahme, ein bisschen Gesellschaft, ein bisschen Fürsorge braucht."

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Zugegeben: Das ist kein appetitliches Thema zum Frühstück. Gestatten, dass ich Ihnen vorstelle: Ivanca, 45 Jahre alt, Toilettenfrau auf dem Flughafen. Seit heute früh um halbsechs dreht sie dort wieder mit dem Putzwägelchen ihre Runden. Im Akkord übrigens, denn alle zwei Stunden muss sie die „Stillen Örtchen" in ihrem Areal auf  Hochglanz bringen. Viel zu knapp getaktet, denn man kann sich ja denken, auf welche Hinterlassenschaften sie mancherorts trifft. 

Ivanca hatte zuvor lange als Montiererin in der Metallindustrie gearbeitet, bis die Bude hops gegangen war. Danach fackelte die Agentur nicht lange, und Ivanca musste diese Arbeit annehmen. Mit 9 Euro in der Stunde bekommt sie etwas mehr als den für die Branche geltenden Mindestlohn. Den würde sie liebend gerne mit den vielen leeren Pfandflaschen etwas aufpäppeln, aber das ist strengstens verboten. 

Mit ihrer etwas anrüchigen Arbeit hat Ivanca keine Probleme. Doch leider wird sie in wenigen Monaten ihre Gummihandschuhe endgültig abstreifen und das Putzwägelchen an eine Nachfolgerin übergeben müssen. Dieser Dienstleistungskonzern stellt nämlich nur befristet ein. So umgeht man Kündigungs- und Mutterschutz und eine höhere Entlohnung. 

Mehr als der strenge Geruch den lieben langen Tag stinkt Ivanca manchmal die bornierte Kundschaft, die wortlos, grußlos an ihr vorübergeht, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Aber immer wieder schenken ihr welche ein Lächeln, ein Dankeschön. „Davon lebe ich den ganzen Tag", sagt sie, denn diese Währung wiegt mehr als das bisschen Trinkgeld, das sie hin und wieder auch zugesteckt bekommt. 

Die Frauen waren auch schon in biblischen Zeiten die „Aschenputtel" der Nation, und ihre Arbeit war nichts wert. Anders bei Jesus: Er weiß Frauenarbeit sehr wohl zu schätzen, die Schwerstarbeit der teigknetenden Frau etwa oder den Dienst der Martha in Haushalt und Küche. 

Niemand von uns möchte am diskreten Ort auf Ivancas Dienstleistung verzichten. Aber wie gehen wir mit denen um, die man verächtlich die „Dienstleistungsklasse" nennt und die ständig hinter uns her wischen? Was sind uns Sauberkeit und Komfort wirklich wert? 

Der Arbeitsplatz sollte wenigstens sicher sein. Das ist doch nicht zu viel verlangt!

Und wir könnten auch mal ein Lächeln und ein Dankeschön übrig haben.

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„Ein Auge ist, das alles sieht, was auch in dunkler Nacht geschieht" - dieser Vers hat mir als Kind oft einen kalten Schauer über den Rücken gejagt. Er kam ja auch immer zur Unzeit - gerade dann, wenn man etwas zu verbergen hatte! 

Nun scheint es, der liebe Gott hat sein „Alleinstellungsmerkmal" verloren. Die Geheimdienste haben ihn getoppt. Gierig spähen uns diese Datensauger aus bis in den letzten Winkel unserer Seele. Wo immer wir sind, was immer wir tun und denken - wir werden erfasst, gescannt und eingetütet in Bewegungs- oder Verbraucherprofile. Die jagt man dann in dicken Datenpaketen über den Äther, um sie in riesigen Silos zu speichern und auszuwerten. 

Ganz unschuldig sind wir daran nicht: Wir legen die Fährten für die Spürhunde teilweise selber. Sorglos kehren da manche in sogenannten sozialen Netzwerken ihr Innerstes nach außen. Wir alle hinterlassen eine breite Datenspur, die leicht zu verfolgen ist. 

„Diskretion bitte!" - so mahnt man uns in Ämtern und an Kundenschaltern. Das wirkt zwar auf diesem Hintergrund geradezu drollig, ist aber doch das Gebot der Stunde! Ja - im Zeitalter des „Gläsernen Menschen" muss Diskretion zur Tugend werden! „Ich hab doch nichts zu verbergen", so wiegeln manche sorglos ab. Ich auch nicht. Aber ich hab was dagegen, dass eine ganze Gesellschaft berechenbar und manipulierbar wird - für Regierende ebenso wie für private Konzerne. Das geht einfach zu weit! 

„Diskretion bitte!" Geben wir doch Acht auf das, was wir von uns preisgeben. Ich bin kein digitales Datenpaket, keine App, sondern ein Mensch, einmalig, mit einer unauslöschlichen Würde und dem Recht auf Intimität. Unser Miteinander muss geprägt sein von Respekt und Ehrfurcht voreinander. 

Den Schlapphüten traue ich nicht. Ich bin lieber bei Gott auf dem Schirm als bei den  Halbgöttern an ihren Computer-Konsolen. Gott ist keine Datenkrake, seine „Software" ist auf Vertrauen programmiert. Ihm kann man sich an-vertrauen, so wie es ein Beter im Alten Testament der Bibel tut: „Du, Herr, hast mich erforscht und kennst mich. Ob ich sitze oder stehe, du weißt es. Von fern schon erkennst du meine Gedanken, du bist vertraut mit all meinen Wegen.." (Psalm 139,1-3)

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