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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Wie fängt man neu an? Wenn demnächst die Schule wieder anfängt? Wenn es wieder losgeht nach dem Urlaub?
Es fängt wieder an. Es geht wieder los. Mir ist dieses „wieder" aufgefallen. Das klingt ja wie: Jetzt geht das wieder los. Soll es wirklich genauso losgehen wie vor dem Urlaub? Wieder derselbe Stress, wieder derselbe Ärger, derselbe Druck?
Jesus hat es  immer nötig gefunden, dass die Menschen neu anfangen. Anders als gewohnt. Besser. Damit das Leben besser wird. Drei von seinen Ratschlägen will ich Ihnen heute Morgen weiter geben. (Mt 5, 33-44)
Der erste betrifft die Zusagen, die man macht. Mit denen man sich festlegt. Und auf die man dann festgelegt werden kann. Da sagt Jesus: Lasst euch nicht unter Druck setzen! Sagt Ja. Oder sagt Nein. Alles andere führt zu nichts Gutem. Also kein: „Vielleicht", kein „Ja, aber"..., aber auch nicht immer: „Ja, klar, auf jeden Fall...". Sondern auch mal „Nein, das geht nicht", oder „Nein, das schaffe ich nicht..." und vor allem: „Ja, ich gebe mir Mühe..." oder „Ja, ich versuch's". Dann wissen die anderen: Sie können sich auf mich verlassen. Ich tue mein Bestes. Aber wenn es nicht geht - dann geht's nicht. Ich glaube, so wäre der Druck nicht so groß, wenn es jetzt wieder losgeht.
Der andere Ratschlag von Jesus betrifft die Konflikte: „Nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn!", sagt er. Also nicht: „Dem werde ich's zeigen, dem muss endlich mal einer sagen, was für ein Blödmann er ist!" - sondern, sagt Jesus: „Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halt ihm die andere auch noch hin!" Nun kommt es am Arbeitsplatz Gott sei Dank selten zu Tätlichkeiten. Aber mal auf eine Retourkutsche verzichten und ganz in Ruhe nachfragen: Und was können wir jetzt tun? Und auf die Vorschläge des anderen warten und die eigenen dazu legen. Ich fürchte, das klappt nicht immer. Aber vielleicht könnte es doch einen neuen Ton geben unter den Kollegen. Und einen neuen Anfang.
Und das dritte, was Jesus rät, betrifft die, mit denen man einfach nicht kann. Jesus nennt sie die Feinde. Und er rät: „Hört auf, sie zu hassen. Liebt sie. Betet für sie." Klingt zunächst mal ein bisschen übertrieben. Finde ich auch. Aber vielleicht heißt das im Büro oder in der Fabrikhalle einfach: Halte sie nicht gleich für deine Gegner. Geh davon aus, dass sie sind, wie du. Auch sie wollen etwas. Wahrscheinlich das, was sie für das Beste halten. Beten könnte helfen, dass man gemeinsam den richtigen Weg findet und notwendige Schritte tun kann. Ich glaube, das schafft eine neue Ausgangsposition.
Und ich denke: So könnte etwas Neues anfangen.

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Das Glück fällt einem nicht in den Schoß. Man muss schon auch was dafür tun. Es hat keinen Sinn, einfach bloß zu warten, bis die Verhältnisse sich zum Guten wenden oder bis der Märchenprinz kommt. Solche Prinzen oder einen Goldregen gibt es nur im Märchen.
Andererseits: Selber machen kann man es auch nicht, das Glück. Es gehört mehr dazu, als mit Fleiß und Geduld daran zu arbeiten. Manche geben sich viel Mühe und haben sogar Erfolg - aber glücklich werden sie trotzdem nicht.
Man kann es nicht selber machen, das Glück. Aber es fällt einem auch nicht einfach in den Schoß. Jesus hat das anscheinend auch gewusst. Und eine Geschichte erzählt von einem, der das Glück ge-sucht hat. Jesus spricht allerdings nicht vom Glück. Jesus nennt die Welt, in der alles gut ist, in der Menschen gut und zufrieden und glücklich leben können „Himmelreich". Das Himmelreich ist die Welt, wie Gott sie haben will. Wo alle Menschen dazu gehören und genug zum Leben haben. Wo die Tränen abgewischt sind und es Leid und Geschrei nicht mehr gibt. Ich weiß: So ein Paradies wird es auf dieser Welt wohl kaum geben. Wir Christen hoffen, dass Gott selbst einmal diese neue Welt schaffen wird für alle seine Geschöpfe. Aber immerhin: Man kann sich schon ja schon mal auf den Weg machen.
So jedenfalls verstehe ich die Geschichte, die Jesus erzählt hat, von einem, der das Glück gesucht hat. Das Himmelreich, sagt Jesus, ist wie ein Kaufmann, der schöne Perlen sucht. Und als er die eine, die kostbarste Perle findet - da verkauft er alles, was er hat und kauft die eine, die besonders schöne. (Mt. 13, 45f)
Das Himmelreich ist also nicht einfach eine schöne Perle, die einem überraschend in den Schoß fällt. Das Himmelreich ist wie der Kaufmann, der diese Perle findet - begreift, was er da gefunden hat - und dann alles dafür einsetzt, damit er sie festhalten kann. Ich verstehe: Einer, der umsetzt, wie Gott das Leben haben will. Großzügig ist und freigiebig, freundlich und zuvorkommend, nachsichtig und verständnisvoll. So ein Mensch wird spüren, wie das Kreise zieht. Wie auch die anderen ihm freundlich begegnen, großzügig und verständnisvoll. Wie das Leben leichter wird, auch wenn längst nicht alles Unglück verschwindet. Aber man kann es leichter tragen, weil es andere gibt, die es einem leichter machen. So ein Mensch, erzählt Jesus, der hat sie gefunden, die kostbare Perle. Das Himmelreich. Das Glück. Weil es da anfängt, wo Menschen sich darum bemühen. Zu denen hat Jesus gesagt: „Seht her: Das Himmelreich ist mitten unter euch!" (Lk 17,22)

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Jeder, der fleißig und tüchtig ist, anständig und sich Mühe gibt, der kann es zu etwas bringen. Das ist der „Amerikanische Traum": Vom Tellerwäscher zum Millionär. Tausende sind früher in die USA aus-gewandert, weil sie diesen Traum verwirklichen wollten. In der Verfassung ist es dort festgeschrieben, dass alle Menschen gleich geschaffen sind und deshalb alle das Recht haben, nach Glück zu streben. Und manchmal hat es ja auch geklappt. Aus einem hungerleidenden Einwanderer ist ein reicher Fabrikant geworden.
Inzwischen kann man sehen, dass Träume anscheinend doch bloß Schäume sind - in Amerika und hier bei uns auch. Es stimmt leider nicht, dass es jeder schaffen kann. Herkunft, Elternhaus und Hautfarbe machen viel aus. Wer aus einer Migrantenfamilie kommt, hat nicht dieselben Chancen wie einer, der mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde. Das ist in Amerika so und hier bei uns in Deutschland auch.
Trotzdem: Wäre es nicht schön, wenn es gelingen könnte? Wenn wirklich alle Menschen, die doch gleich geschaffen sind, auch die gleichen Chancen hätten, und ihre Begabungen entfalten könnten?
Heute vor 50 Jahren hat in Amerika ein Schwarzer daran erinnert. Martin Luther King. Als 250.000 Menschen, schwarze und weiße nach Washington marschiert waren, um für gleiche Bürgerrechte für alle zu demonstrieren, hat er eine berühmte Rede gehalten. Er hat gesagt: „Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages inmitten einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt"
Martin Luther King hatte einen Traum. Aber für mich ist er kein Träumer. Er hat gewusst, dass dieser Traum uralt ist - und erlebt, dass er noch immer nicht erfüllt war. Er hat an die Propheten des Gottes-volkes erinnert, die hatten bekannt gemacht, was Gott will: „Alle Täler sollen erhöht werden, alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden und was ungleich ist, soll eben werden. Denn die Herrlichkeit Got-tes soll offenbart werden." Seither glauben wir Christen gemeinsam mit den Juden: Gott selbst will ei-ne Welt, in der alle die gleichen Chancen haben.
Manches ist seitdem besser geworden. Aber längst nicht alles. Ist es also sinnlos, solche Träume zu haben? Müssen wir uns abfinden damit, dass die Welt nun mal nicht das Paradies für alle ist?
Ich glaube nicht. Inzwischen ist immerhin ein Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten. Und viele haben begriffen, dass man gleiche Chancen erst schaffen muss. Die sind nicht einfach so da. Ich finde, das ist ein großer Fortschritt. Wir sollten weiter davon träumen und daran arbeiten.

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„Das Gute ist mir passiert. Die Dummheiten habe ich selbst begangen". Im Frühjahr habe ich den Satz in einem Interview gelesen. Der Liedermacher Hannes Wader hat ihn gesagt, als er den Musikpreis Echo für sein Lebenswerk bekommen hat. Inzwischen wird Waders bekanntestes Lied „Heute hier, morgen dort" in der Schule gesungen. Hannes Wader ist über 70.
Und sagt: „Das Gute ist mir passiert. Die Dummheiten habe ich selbst begangen." Ich kenne viele, die würden im Rückblick eher das Gegenteil sagen: „Vieles habe ich ganz gut gemacht. Und die Dummheiten - da waren die Verhältnisse Schuld. Mein Elternhaus. Falsche Freunde. Die Arbeitslosigkeit. Die unglückliche Ehe. Dafür kann ich nichts." Das Gute habe ich selber erreicht. Und das andere, das ist irgendwie passiert. Dafür kann man Gründe nennen. Da sind andere schuld.
Zugegeben: Auch so kann man zufrieden sein, wenn man auf sein Leben zurückblickt. Aber Hannes Wader, finde ich, der klingt nicht nur zufrieden, der klingt dankbar. Obwohl ich eine Menge Dummheiten gemacht habe - ist mir doch viel Gutes passiert. So verstehe ich ihn. Den Satz will ich mir merken. Vielleicht hatte ich nicht so viele Gelegenheiten, Dummheiten zu machen wie der Folkmusiker. Aber ich habe auch welche gemacht, natürlich. Und doch immer wieder großes Glück erlebt. Gott sei Dank.
Ich glaube nicht, dass Hannes Wader sich als Christ bezeichnen würde. Trotzdem erinnert mich sein ehrlicher Rückblick an eine Geschichte, die Jesus erzählt hat. Ein junger Mann ist aufgebrochen um sein Glück zu machen. Für eine Weile hat er es scheinbar gefunden - und dann hat sich gezeigt: Er hat eine große Dummheit gemacht. Am Ende ist der junge Mann ganz schön runtergekommen. Da geht er nach Hause zu seinem Vater. Und der freut sich, dass er noch am Leben ist und stattet ihn aus für einen neuen Anfang. Dem Sohn, der beinahe verloren gewesen wäre, passiert Gutes.
So ist Gott, hat Jesus gesagt. Er legt die Menschen nicht fest auf die Dummheiten, die sie gemacht haben. Er sagt nicht: Selber schuld. Nun sie zu, wie du da wieder rauskommst. Gott gönnt auch denen neues Glück, die Fehler gemacht haben.
Ein Dichter in längst vergangener Zeit hat das mal so formuliert: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Der dir alle deine Sünden vergibt und heilt alle deine Gebrechen" (Psalm 103) Das ist ein Lied, das sich in den Psalmen der Bibel findet.. Wir Christen und Juden sprechen das bis heute in Dankbarkeit nach. Und ich finde: Der Satz von Hannes Wader klingt mindestens so ähnlich. Die Dummheiten habe ich selbst begangen. Das Gute ist mir passiert.

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Geld allein macht nicht glücklich. Den Satz würde wahrscheinlich jeder unterschreiben. Auch Jesus hat zum Beispiel von einem Bauern erzählt, der eine überreiche Ernte eingefahren hat. Nun hätte er gut leben können mit allen, die ihm am Herzen lagen. Aber er konnte nicht: Ich will neue Scheunen bauen und meine Ernte einlagern, hat er gesagt. Wenn das fertig ist, dann will ich leben: Essen und trinken und es mir gut gehen lassen. Aber, erzählt Jesus: Bis es soweit war - bis er das Gefühl haben konnte, jetzt ist alles getan, mein Reichtum ist gut angelegt und sicher aufgehoben - da war der Mann gestorben, womöglich am Stress, den er sich gemacht hat (Lk 12, 1-20).
Aber ist nicht ein bestimmtes Maß an Wohlstand nötig, damit man glücklich sein kann? Sicher. Das steckt ja auch in dieser Geschichte. Dass die Armen glücklich sind, ist ein Märchen, das die Ungleichheit verkleistert. Man kann nicht glücklich sein, wenn man von seiner Arbeit nicht leben kann und nicht weiß, wie man die Familie durchbringen soll. Aber der reiche Mann, von dem Jesus erzählt, der verpasst das Leben, weil er seinen Wohlstand sichern muss. Er sieht die anderen neben sich nicht, weil er immerzu daran denken muss, wie er noch mehr haben kann.
Damit alle glücklich sein können, kommt es deshalb darauf an, den Wohlstand gerecht zu verteilen. Nötigenfalls muss man auch umverteilen. Vor 250 Jahren - als die reichen Adeligen tun konnten, was sie wollten ohne Rücksicht auf andere - hat der französische Aufklärer Helvetius das besonders schön und deutlich gesagt: „Ein geringes Vermögen reicht zum Glück eines tätigen Menschen aus. Das größte reicht nicht aus zum Glück eines Müßiggängers. Zehn Dörfer müssen zugrunde gerichtet werden, um einen Müßigen zu vergnügen"  Solche Zeiten sind Gott sei Dank vorbei, jedenfalls hier in Europa.
Aber die moderne Glücksforschung heute sagt genau dasselbe: Die allzu ungleiche Verteilung des Wohlstands führt zu übersteigerten Ansprüchen oben, zu Angst vor Abstieg in der Mitte und zu Mängeln in Gesundheit und Bildung unten. So kann niemand glücklich werden. Glücklich ist eine Gesellschaft, in der die Unterschiede nicht allzu groß sind.
Trotzdem leben wir heute in einer Zeit, in der die Unterschiede größer werden: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer.  Aber von Umverteilung wollen die meisten nichts hören.
Ich frage mich immer öfter, warum das so ist. Geld allein macht doch wirklich nicht glücklich! Oder was meinen Sie?

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