Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Guten Morgen! Kennen Sie das Kindermusical „der Kleine Tag"? In unserer Familie ist es sehr beliebt. Es hat folgenden Inhalt: Im Himmel wartet ein „neuer" Tag auf seinen Einsatz. Er erlebt, wie sich im Himmel die sogenannten „großen Tage" mit stolz geschwellter Brust breit machen. „Große Tage", das sind die Tage, an denen Kriege begannen oder beendet wurden; an denen ein Mensch eine große Erfindung machte oder ähnliches. All diese „großen Tage" sitzen in den ersten Reihen der Jahrestage. Dem „kleinen Tag", der noch auf seinen Einsatz wartet, wird ganz mulmig zumute. Dann endlich fällt er durch das Himmelsloch nach unten auf die Erde - und er macht denkwürdige Erfahrungen: Nachbarn helfen einander beim Umzug, ein Vater findet einen neuen Zugang zu seinem halbwüchsigen Sohn und musiziert mit ihm auf der E-Gitarre, alte Freunde begegnen sich nach Jahrzehnten wieder und laden einander zum Kaffeetrinken ein, eine Großfamilie findet überraschend eine passende Wohnung.
Als die Sonne am Horizont verschwunden ist, kehrt auch dieser „kleine Tag" wieder in den Himmel zurück und berichtet seine positiven Erlebnisse. Die anderen, auch die „großen Tage" hören von diesen friedlich-schönen Begebenheiten - doch als sie sie gehört hatten, lachten sie den „kleinen Tag" aus! In ihren Augen war das nichts Großes, was der „kleine Tag" da erlebt hatte. Sein Erleben qualifizierte ihn nur zu einem Platz in den hintersten Rängen.
Genau ein Jahr später kommt wieder ein „kleiner Tag" auf die Erde. Er traut seinen Augen und Ohren kaum, denn die Menschen feiern dies Datum! Als er nachfragt, erfährt er den Grund: Der „kleine Tag" von vor einem Jahr war der bisher erste Tag, an dem weltweit nichts Böses geschah. Völlig perplex kommt der „Jahrestag" abends in den Himmel zurück und berichtet den „großen Tagen" sein Erleben. Daraufhin müssen alle „Protz-Tage" ihre Wahrnehmung des „kleinen Tages" überdenken. Sie stellen fest, die Menschen haben ein Gespür auch für die „kleinen, großen Tage". Ja, Menschen merken, wenn Friede und Glück herrschen, wenn Zufriedenheit und Freude da sind - und streichen sich diesen Tag eventuell sogar in ihrem Kalender an.
So wünsche ich Ihnen an diesem heutigen Tag mitten in den Sommerferien einen „kleinen Tag", an den Sie sich gern erinnern. Und wenn Sie diesen Tag heute Abend bewusst als friedlichen Tag wahrgenommen haben, dürfen Sie sich gern hinsetzen und auch Gott dafür danken. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen „gelingenden kleinen, guten Tag".

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15872

Guten Morgen! Als Schüler besserte ich mein Taschengeld dadurch auf, dass ich einen Teil meines Heimatdorfes morgens mit der Tageszeitung belieferte und hatte als Zeitungsboteeine sehr unterschiedliche Kundschaft. Die einen schliefen noch, als ich ihnen um kurz nach fünf Uhr die Zeitung in den Briefkasten steckte, die anderenerwarteten sehnsüchtig „ihren Zeitungs-Boten". Ähnlich ergeht es wohl auch Paket- und Brief-Boten.
Zudem gab es in meinem Heimatdorf noch einen Dorfboten.Dieser fuhr meist einmal die Woche mit seinem Moped durch die Straßen, stoppte an bestimmten Stellen, klingelte mit einer großen Glocke und sagte durch ein Megafon die neuesten und wichtigsten Dorf-Mitteilungen an. Es konnte sich um geänderte Müllabfuhrtermine oder Blutspendetermine handeln oder auch nur darum, dass die Hauptstraße wegen einer kirchlichen Prozession gesperrt sein würde. Dieser Dorfbotewar ein leibhaftiger Bote, einer, der kommende Ereignisse ankündigte.
Er war beinah so etwas wie ein Königs-Bote. Diese kennt man aus alten Filmen oder Erzählungen. Ein Königsbote ritt durch das Königreich und verkündete in allen Orten neue Gesetze, die Geburt eines Königssohnes oder die Mobilmachung für einen Krieg.
Auch die Bibel spricht von Boten.Einer der bekanntesten Boten der Bibel ist Johannes der Täufer.Er kündigte das Kommen Jesu an und sagte von sich: „Es kommt einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse" (Lukas 3,16). Der Jesus-Bote Johannes ist völlig von Gottes Auftrag erfüllt. Er kennt bereits die Inhalte der neuen „guten Nachricht", auch Evangelium genannt und weist auf Jesus Christus, den kommenden Gottessohn, hin.
Für mich bedeutet die „gute Nachricht": Ich darf in verfahrenen Situationen umkehren. Ich darf mir meine Schuld vergeben lassen. Wenn ich es möchte, kann ich neu anfangen. Zudem erlebe ich in der christlichen Gemeinde eine neue Gemeinschaft. Im Gottesdienst höre ich mit anderen auf das Evangelium und vertiefe die Gemeinschaft durch das Abendmahl. In all dem zeigt mir das Evangelium die Liebe Gottes. Darauf weist mich der Täufer Johannes als Gottesbote hin. Doch auch diejenigen sind meine Gottesboten, die mir heute die „gute Nachricht" weitersagen - im sonntäglichen Gottesdienst ebenso wie im alltäglichen Leben. Seien wir also gespannt, wo uns heute Gottesboten begegnen

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15871

Guten Morgen! Der Tag ist noch jung. Ich bin aufgestanden, genieße das Frühstück, freue mich am Sonnenschein und auf den vor mir liegenden Tag. Dieser Tag hat es in sich, denn ich habe noch fünfzehn Stunden Zeit, Gutes zu tun. Als Kind lernte ich, jeden Tag „eine gute Tat zu tun". Aber was sind gute Taten? Ich habe eine große Bandbreite an Möglichkeiten: Ich lernte als „Pfadfinder", älteren Menschen in Bus oder Bahn einen Sitzplatz anzubieten, falls alle Plätze belegt sind. Ich weise wegsuchende Menschen die richtige Richtung; ich räume ungefragt im Haushalt den Geschirrspüler ein- oder aus; ich erledige eine schon lang liegengebliebene Arbeit; ich verhalte mich beim Auto fahren so, dass sich niemand über mich ärgern muss und bringe einem geliebten Menschen einen Blumenstrauß oder eine Süßigkeit mit - je nachdem, was ihm gefällt. Es gibt viele Möglichkeiten, um Gutes zu tun.
Doch meist sind dies Situationen, in denen ich dem Menschen, der mir begegnet, wohlgesonnen bin. Ich behandle diejenigen gut und freundlich, die auch mir nichts Böses antun wollen.
Doch Gutes tun geht manchmal auch über solche Zusammenhänge hinaus. Hier wird es für mich richtig schwer, denn ich komme mit meiner „Pfadfinder-Moral" nicht weit. Da gibt es im Neuen Testament folgenden Rat: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann" (Römer 12,17). Dieser Satz, der sich so eingängig-flott liest, enthält eine ziemliche Sprengkraft. Denn ich soll nicht nur auf Vergeltung verzichten, sondern gegenüber demjenigen, der mich ärgert, auch noch auf „Gutes bedacht sein". Das erscheint manchmal als kaum durchführbar.
Erlebe ich Ungutes mit einem Menschen, fällt es mir sehr schwer, „ihm gegenüber gute Gedanken zu hegen". Ich würde mich gern rächen und lauere auf Möglichkeiten der Rache. Werde ich beim Autofahren nach einem Überholvorgang geschnitten oder wird mir die Vorfahrt genommen, ärgert mich das sehr. Gern würde ich ebenso aggressiv reagieren. Meist jedoch schimpfe ich nur kurz und laut vor mich hin und hoffe, dass aus solchem Verhalten kein Unfall resultiert. Anschließend versuche ich ruhig weiterzufahren.
Das nehme ich mir für heute vor: Ich möchte auf Gutes bedacht sein - denen gegenüber, die ich mag und auch gegenüber denen, die mich ärgern. Vielleicht könnte beides auch für Sie ein gutes sommerliches Übungsfeld sein. Dann lassen Sie uns heute damit beginnen. Ich wünsche Ihnen einen spannenden Tag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15870

Was fang ich als vernünftiger Mensch an mit Wundergeschichten? Das Neue Testament erzählt viele davon: Jesus heilt im Namen Gottes von Krankheiten. Und Menschen, die gesund werden, erleben das als Wunder. Leben neu. Naturwunder werden erzählt: Jesus habe einen Sturm gestillt. Und seine Freunde damit aus tiefer Angst befreit. Oder die Geschichte, in der 5000 Menschen satt werden, von 5 Broten und 2 Fischen. Was fängt man an mit Wundergeschichten?
Für viele sind sie ein Grund, die Bibel nicht ernst zu nehmen. Weil sie irgendwie behauptet, da werden Naturgesetze außer Kraft gesetzt. Und so werden die Bibel und vernünftiges Denken für viele unvereinbar. Ich glaube, sie sind sehr wohl vereinbar.
Ich brauche Wundergeschichten sogar als vernünftig denkender Mensch.
Als Gegengewicht gegen das Murphysche Gesetz: „Was schief gehen kann, geht auch schief, früher oder später". sagt es der Ingenieur Edward Murphy, hat es beobachtet und formuliert: Wo Menschen im Spiel sind gibt es Fehler, oft schlimme. Wo Menschen im Spiel sind, gibt es sogar ein Gefälle zu Katastrophen. Lange ist etwas gut gegangen. Auf einmal geht es schief. Im Kleinen wie im Großen.
Eigentlich ein Grund aus Vernunft pessimistisch zu sein. Wenn ich nur an die Krisen denke, in denen wir stecken: Finanzkrise, die Entwicklungen im Nahen Osten, die Krise der Demokratie in Europa, Klimaerwärmung.
Murphy hat anscheinend Recht: „Was schief gehen kann, geht auch schief."
Es ist vernünftig, mit dem Schlimmen zu rechnen.
Aber gegen diesen Pessimismus stehen auch Wundergeschichten.
Sie erzählen, es gibt noch was Anderes in der Welt. Sie treten an gegen den Murphy-Pessimismus und sagen:
Die Welt ist auch ein Wunder. Und Gott hält sie. Trotz Katastrophen.
Oder: Wenn wie durch ein Wunder bei einem Unglück noch jemand gerettet wird. Das macht eine Katastrophe nicht besser. Aber es öffnet eine Tür in ihr. Über sie hinaus. Eine kleine Ahnung von Gott.
Wundergeschichten sagen: Nein, das Murphysche Gesetz ist nicht die ganze Wahrheit. Das Gute ist im Spiel. Gott ist im Spiel. Es ist vieles möglich, was Murphys Gesetz widerspricht:
- Aus unseren Fehlern kann ja sogar auch wieder Gutes werden. Oder:
- Menschen können gesund werden. Es ist darum gut, gegen Krankheit zu kämpfen und zu hoffen.
- Und Wunder erzählen, ja es ist vernünftig, Angst zu haben vor vielem.
Aber es ist noch vernünftiger, an Gott zu glauben. Dann kann man Angst aushalten und ihr entgegentreten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15830

„Wer Ohren hat zu hören, der höre." Mehrfach sagt Jesus in der Bibel das ganz eindringlich. Kaum einen Satz hat er so oft wiederholt. „Wer Ohren hat zu hören, der höre."
Wie wäre das für Sie, wenn jemand Sie so ermahnt? Ich fände das wahrscheinlich zuerst eine Unterstellung, dass ich nicht richtig zugehört hätte.
Aber ist nicht oft was dran? Ich weiß aus eigener Erfahrung, hören ist nicht leicht. Unendlich viele Reize strömen auf einen ein und fordern alle Sinne. Wie schnell lässt die Aufmerksamkeit beim Hören nach, wenn man etwas sieht oder an anderes denkt. Da wird der Hörsinn leicht überdeckt. Dann hört man hört nur noch nebenbei. Drüber weg. Am Anderen vorbei.
Vielleicht unterstellt Jesus also nichts, sondern sagt was ganz Wichtiges. Und macht zu Recht aufmerksam aufs Hören: „Wer Ohren hat zu hören, der höre."
Hören: Das könnte ja auch was für die Ferien sein. Sich Zeit nehmen für konzentriertes Hören: Vom Hören zum Hin-hören, vom Hören zum Lauschen. Vielleicht auch vom Hören zum Auf-hören?
Ferien bieten die Chance, sich Hörzeit zu nehmen. Orte zu suchen, die hören lassen: Am Wasser sitzen und den Wellen zuhören: Sie gewissermaßen mit den Ohren sehen. Oder in eine Hörspielkirche gehen: In Sipplingen am Bodensee und in Federow an der Müritz kann man das diesen Sommer. Eine Kirche besuchen, ein Hörspiel hören und in eine andere Welt eintauchen.
„Wer Ohren hat zu hören, der höre." Langsam begreif ich den Satz.
Auch weil er mich an eine Geschichte aus dem Alten Testament erinnert, die ich schon als Kind gehört habe. Auf Schallplatte. Sie hat mich fasziniert und auch ein wenig erschreckt. Sie handelt von Samuel:
Er ist noch ein Junge. Gerade in den Tempel eingetreten als Prophetenschüler. In der Nacht hört er auf einmal seinen Namen rufen. Er steht auf, geht zu Eli, seinem Lehrer, und sagt, ‚da bin ich'. Eli sagt: ‚Ich weiß nicht, was Du gehört hast, ich habe nicht gerufen.' Zweimal geht das noch so. Da erst begreift Eli, der Lehrer, und kann dem jungen Samuel deuten, was da vor sich geht.
„Es muss Gott sein, den Du in Dir hörst", sagt er. Und er rät ihm:
„Wenn es wieder geschieht, dann sag; Hier bin ich - ich höre." (1. Samuel 3)
Hören kann ganz tief gehen. Wenn mein Gewissen spricht, oder wenn eine Entscheidung ansteht und ich aus vielen Stimmen die Richtige heraushören muss. Indem mir klar wird, was mich unbedingt angeht. Da muss ich hinhorchen. Vielleicht aufhören mit etwas. Aus Jesu Worten Gott hören, der es gut mit mir meint.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15829

„So könnte es sein zwischen den Jungen und den Alten". Habe ich vor kurzem gedacht. Wenn sie zusammen finden, wie der alte Herr und das kleine Mädchen, vermutlich Opa und Enkelin. Vor ein paar Tagen habe ich sie getroffen in einem tristen Fußgängertunnel unter dem Hauptbahnhof. Wie ein Versprechen kommen die zwei mir vor.
Zuerst habe ich sie nur gehört. Von hinten sind sie im Laufschritt gekommen. „Da haben es zwei aber eilig," habe ich gedacht. Obwohl sie laufen, steht die Kinderstimme nicht still. Ein bisschen außer Atem plappert sie unentwegt. Als sie mich überholen, wirkt das Bild ganz heiter auf mich. Der Opa, groß, sportlich mit seinen bestimmt über 70. Das kleine Mädchen, vielleicht vier. Dieser Größenunterschied! Die beiden Rucksäcke wippen asynchron beim Laufen. Aber sie haben dasselbe Tempo gefunden. Dabei, ihre Schritte könnten unterschiedlicher nicht sein. Opa und Enkelin zusammen auf Ausflug.
Das Erstaunlichste aber. Sie halten sich fest an den Händen. Die ganze Zeit. Gar nicht so einfach, im Laufen bei dem Größenunterschied. Die Kleine redet immer weiter und der Opa hört aufmunternd zu. Bis ich sie nicht mehr sehen kann. Aber ihr Bild ist mir immer noch lebendig.
Eine Szene wie ein Versprechen? Mir jedenfalls sagt sie:
Es gibt eine Kraft, die Menschen anzieht und zusammen gehören lässt. Die über Generationen hinweg das Bedürfnis wachhält, dass wir uns gewissermaßen an den Händen halten. Ich glaube, diese Kraft ist unauslöschlich. Unsere modernen Lebensumstände machen es vielleicht schwierig, so zu leben. Wenn alt und jung kaum Gelegenheit haben, einander zu sehen, fremdelt man leicht. Aber die beiden im Bahnhofstunnel versprechen mir, die Anziehung lebt.
Und sie erzählen mir von dem Privileg, das Großeltern oft haben. Eltern gegenüber. Zwischen Eltern und Kindern bekommt die Liebe ja oft ‚Alltagsdellen', sogar ‚Alltagsnarben.' Großeltern können unbelasteter mit Kindern umgehen. Ungeniert liebevoll. Mehr vielleicht, als sie es mit den eigenen Kindern geschafft haben. Oma und Opa können so lieben wie Paulus schreibt: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf." So kann man über Generationen hinweg erleben: „Die Liebe hört niemals auf."(1. Kor 13,4.7.)
Vielleicht haben Sie ja in diesen Ferien die Gelegenheit, dieses Privileg zu erleben. Wie die beiden im Bahnhofstunnel. Vielleicht erleben Sie, dass es wahr wird, das Versprechen der Liebe.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15828