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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Was bereuen wir, wenn unser Leben zu Ende geht? Die australische Pflegerin, Bronnie Ware, die viele Menschen am Sterbebett begleitete, hat darüber ein Buch geschrieben. In Surrey im Südosten Englands war sie Pflegerin für Todkranke, für Sterbende, für die, die ihren Tod kommen sehen, aber auch die, die nichts davon wissen wollten.
Sie hat die Patienten zu Hause in den Tod begleit. In den Gesprächen mit den Sterbenden in diesen letzten Wochen, Tagen und Stunden hat sie immer wieder dasselbe Bedauern gehört: das Leben nicht gelebt zu haben, nicht so, wie sie es sich gewünscht hatten. Reue über Entscheidungen, die sie getroffen oder nicht getroffen hatten. Selbstvorwürfe, weil diese Erkenntnis erst kam, als es bereits zu spät war. "Wenn sie sterben, kommt eine Menge Furcht und Ärger aus den Menschen heraus", sagt sie, "und dieses 'Ich wünschte, ich hätte ...', das kommt auch immer wieder." Darüber hat Bronnie Ware das Buch geschrieben, "The Top Five Regrets of the Dying", übersetzt etwa "Die fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen". Die top five "Was hättest Du anders gemacht?", sind demnach:
- weniger arbeiten,
- mehr Freundschaften pflegen,
- mehr Zeit für die Familie, den Ehepartner, die Kinder und die Eltern haben,
- sich öfters auch kleine Wünsche erfüllen und zum Beispiel eine Reise unternehmen,
- sich weniger Sorgen um die eigene Zukunft zu machen.
Für sich selbst hat Bronnie Ware entschieden, dass sie nur noch das macht, was sie wirklich will. "Ich weiß ja, was ich sonst auf meinem Sterbebett bereue", sagt sie.
Ich wünsche ihr, dass ihr das gelingt. Und angesichts des sicheren Todes für uns alle, kann es ja vielleicht ganz hilfreich sein sich daran zu halten, um zufriedener Abschied nehmen zu können: nämlich weniger arbeiten, mehr Freundschaften pflegen, mehr Zeit für die Familie, den Ehepartner, die Kinder und die Eltern haben, ... sich öfters auch kleine Wünsche zu erfüllen und sich weniger Sorgen um die eigene Zukunft zu machen.

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Einen Berater aufzusuchen, um eine Beziehungskrise zu bewältigen, kann sehr hilfreich sein. Wir lernen das nicht unbedingt in der Schule oder im Elternhaus, wie schwierige Beziehungs-Situationen gemeistert werden können.
"Warum glauben Sie, haben Sie eine Beziehung verdient, die besser ist als die, die Sie gerade haben?" Diese Frage eines Paartherapeuten sitzt. Männer glauben oft, die Frau hat das Problem oder besser noch: die Frau ist das Problem. Frauen ist völlig klar, dass der Mann schuld daran hat, dass die Beziehung unbefriedigend ist.
"Warum glauben Sie, haben Sie eine Ehe verdient, die besser ist als die, die Sie haben?"
Die Frage lässt sich auch allgemeiner stellen: "Warum glauben Sie, haben Sie Freundschaften verdient, die besser sind als die, die Sie haben?" Oder: "Warum glauben Sie, haben Sie einen Arbeitsplatz verdient, der besser ist als den, den Sie haben?"
Diese Frage macht nachdenklich. Sie wirft mich auf mich selbst zurück. Das gilt für Männer und Frauen, und das gilt für ganz unterschiedliche Lebenssituationen. Ich glaube, solche Fragen bewahren mich davor, ständig nur zu Jammern und zu klagen, die Schuld für die nicht zufriedenstellende Situation immer nur bei den anderen zu suchen, bei den widrigen Umständen oder der maroden Gesellschaft.
Diese Frage sich ehrlich zu stellen macht demütig. Sie zwingt dazu, Selbstverantwortung zu übernehmen: Mir selbst gegenüber ehrlich zu sein und mich dann auch den anderen gegenüber zu öffnen. Klar ist, dass ich dann schutzlos und verletzbar bin. Aber behutsam sein, achtsam und neugierig mir selbst und anderen gegenüber: Das ist oft der Anfang und ermöglicht erst intensive und tiefe Begegnungen. So ist es mir jedenfalls ergangen.
Es ist aus meiner Erfahrung eine heilsame, selbstkritische Übung, sich ehrlich diese Fragen zu stellen, - besser jedenfalls, als nur zu Jammern.
"Warum glauben Sie, haben Sie einen besseren Chef verdient?" -"Warum glauben Sie, haben Sie andere Eltern verdient?" - "Warum glauben Sie, haben Sie andere Kinder verdient?" -"Warum glauben Sie, haben Sie ein anderes Leben verdient, das besser ist als das, das Sie haben?"
Ich habe durch diese Fragen gelernt, offener über meine Wünsche und Sehnsüchte zu sprechen und dankbarer und zufriedener zu sein, mit dem was ist.

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"Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, im nächsten Leben, würde ich versuchen,
mehr Fehler zu machen. Ich würde nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen."
So beginnt ein Text von Jorge Luis Borges mit der Überschrift "Augenblicke". Er hat diesen Text als betagter Mann geschrieben und sagt rückblickend: "Ich wäre ein bisschen verrückter als ich gewesen bin, ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen. Ich würde nicht so gesund leben.
Ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen, Sonnenuntergänge betrachten, mehr bergsteigen, mehr in Flüssen schwimmen."
Die Liste des Schriftstellers Borges ist sicher nicht vollständig.Bestimmt können einem noch mehr Dinge einfallen, die man gerne macht oder machen würde, wenn da nicht die Sachzwänge wären, die scheinbar unverrückbaren Dinge des Lebens, Erwartungen der anderen, wie man zu sein hat. Am besten sollte man immer 'vernünftig' und 'verantwortungsbewusst' sein. So bin ich jedenfalls erzogen worden. Und so schreibt auch Borges: "Ich war einer dieser klugen Menschen, die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten; freilich hatte ich auch Momente der Freude, aber wenn ich heute noch einmal anfangen könnte, würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben."
Wenn ich den Text lese, muss ich an eine Frage von einem meiner Lehrmeister denken: "Geht es im Leben nicht immer wieder darum, das gute Leben zu wagen?" Es ist gleichzeitig auch eine Art Aufforderung, "das gute Leben wagen!" Tipps dazu finde ich in dem Text von Borges wenn ich weiterlese:
"Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst hinein barfuss gehen. Und ich würde mit mehr Kindern spielen, wenn ich das Leben noch vor mir hätte.
Aber sehen Sie " sagt Borges"... ich bin 85 Jahre alt und weiß, dass ich bald sterben werde."
Ich finde man muss nicht alt werden und das Gefühl haben, bald sterben zu müssen, um das "gute Leben zu wagen". Es kann für jeden in jeder Situation eine Einladung sein. Für mich ist es ein Morgengebet genial und kurz: "Das gute Leben wagen", jeden Tag. Es lässt sich nämlich auch in dem Satz zusammenfassen:
"Gib jedem Tag die Chance, der schönste Tag deines Lebens zu sein!"

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"Ich suche nicht, - ich finde." soll der Maler Pablo Picasso gesagt haben. Nur wenigen Menschen scheint diese Haltung vergönnt zu sein. Nicht suchen, ausprobieren, experimentieren, sondern finden wie ein Künstler. Warum suchen wir überhaupt, und was?
Ich kenne manchmal dumpfe, bedrohliche Gefühle. Ich fühle mich unwohl, unruhig, und beginne zu suchen. Es ist eine eigene, erste Herausforderung diese Gefühle als solche überhaupt wahrzunehmen. Mangel und Leere dann auch noch anzunehmen, die Unsicherheit zu akzeptieren, das ist eine noch schwerere Übung, finde ich. Ignorieren oder verdrängen ist einfacher. Oder den Versuch unternehmen, schnell den Mangel auszugleichen oder die Leere zu füllen. Je unbewusster das abläuft, desto gefährdeter bin ich. Von der Werbung werden wir ja dazu verleitet, Genussmittel wie Bier, Wein oder andere alkoholhaltige Getränke bedenkenlos zu konsumieren. Ganz legale Suchtstoffe versprechen Zufriedenheit und Lebensfreude: Zigaretten, Zucker, Fett, Kaffee. Auch elektronische Spiele und Fernsehkonsum können vorübergehend ablenken und das Gefühl von Erleichterung vermitteln und - unkontrolliert - süchtig machen. "Etwas" unterhält uns, nährt uns, befriedigt uns. Aber Konsum sättigt nicht tiefgehend oder langfristig. Wenn der Moment vorübergeht, entsteht der Wunsch nach mehr. Erst wenn es einem ganz schlecht geht, so richtig schlecht, besteht eine Chance sich dann einzugestehen, dass man vielleicht süchtig ist. Ein erster Schritt. Nicht einfach. Ich darf aufhören, mit einer funktionierenden Fassade mir und anderen noch etwas vorzumachen. In Selbsthilfegruppen unter Gleichgesinnten, zum Beispiel gelingt das, die Selbsttäuschung abzulegen. Viele glauben viel zu lange, dass sie ohne Hilfe zurechtkommen würden, allein Ängste und Einsamkeit überwinden könnten. Wir haben meistens nicht gelernt, uns einander zuzumuten oder um Unterstützung zu bitten. Dabei genügt es oft, Leid anzuerkennen, Abgründe und Fragen miteinander auszuhalten: mit Achtsamkeit, tiefgreifendem Forschen, verstanden und angenommen werden, so wie man ist. Dann können Verletzungen und Enttäuschungen schon beginnen zu heilen. Dazu braucht es keinen Aktionismus, sondern eher Veränderungen von innen her.
"Ich suche nicht, - ich finde." sagte Pablo Picasso. Wenn wir auf der Suche nach uns selbst zu Findenden werden, mit allem was dazugehört, dem Verletzten und dem Kostbaren, werden wir weicher und liebevoller mit uns selbst und meist auch mit unserer Umwelt.

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"Eine Religion, in deren Zentrum eine Hinrichtungsszene steht, finde ich abstoßend." Das sagt der Arzt Amadeu de Prado, eine Figur im Roman "Nachtzug nach Lisabon". "Stell dir vor, es wäre ein Galgen gewesen, eine Guillotine oder eine Garotte. Stell dir vor, wie unsere religiöse Symbolik dann aussähe." lässt der Autor Pascal Mercier den Arzt sagen. (S. 146) Das klingt abstoßend.
Im Zentrum der christlichen Religion steht tatsächlich eine Hinrichtungsszene. Es hätte auch ein anderes Folterinstrument sein können. Die Römer kreuzigten nun mal vor 2000 Jahren ihre Feinde und solche, die sie für Verbrecher hielten. Diese Tötungsmethode war grausam. Sie sollte abschreckende Wirkung haben. Dass das für manche Menschen heute noch abstoßend wirkt, allein das Bild, allein die Darstellung eines Gekreuzigten, kann ich verstehen. Das christliche Symbol des Kreuzes wurde in der Geschichte ja auch oft missbraucht. Es ist widersinnig, dass ausgerechnet im Zeichen des Kreuzes viele Gräueltaten verübt wurden, dass Menschen unterdrückt und gefoltert wurden.

Wichtig ist, dass das Kreuz, das Leiden ja nicht das Ende oder das Ziel des christlichen Glaubens ist, sondern die Überwindung des Todes. Das sollte man nicht vergessen. Christen glauben an die Auferstehung, an das Leben, an die Wandlung. Es ist nicht Sinn und Zweck im Leiden zu verharren. Es geht nicht darum, ein Folterinstrument zu verehren, eine Hinrichtungsszene zu glorifizieren oder zu verharmlosen. Leid und Schmerz, ja der Tod selbst darf nicht verleugnet, übersehen oder heruntergespielt werden. Es ist was es ist: Hart, schmerzhaft, traurig, manchmal fast nicht zum Aushalten. Die geschundene Figur des Jesus von Nazareth zeigt, wie grausam Menschen sein können. Sie erinnert daran, dass wir nicht wegschauen sollen, wenn Unrecht geschieht. Das Kreuz, der Gekreuzigte ist Symbolträger dafür, dass wir endlich sind, verletzlich und schwach. Er zeigt die menschlichen Abgründe und Schwächen. Schonungslos. Und das sollten wir aushalten. Und genau da hilft mir meine Religion und mein Glaube: Ich kann mir der Solidarität des Gekreuzigten sicher sein. Dem Gott Jesu ist Leid und Schmerz nicht fremd. Er macht mir Mut, nicht unter dem Kreuz stehen zu bleiben. Jesus gibt mir die Hoffnung und den Glauben, dass das nicht das Ende ist. Die Geschichte kann weitergehen, durch den Schmerz hindurch. Diese Transformation geht nicht automatisch, dafür gibt es keine Garantie. Aber der Glaube an die Wandlung kann mich unterstützen, mir Kraft geben durchzuhalten, weiter zu gehen, immer wieder auf zu stehen.

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