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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Die Kirche soll dem Wandel in der Gesellschaft etwas entgegen setzen. Prinzipien. Forderungen und Leitbilder. Die evangelische Kirche. Das habe ich vor zwei oder drei Wochen in der Zeitung gelesen. Ich dachte, ich sehe nicht richtig.
Worum ging es in dem Artikel? Um Ehe und Familie. Anlass ist ein Büchlein, das die EKD herausgegeben hat. Es heißt „Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken". Darin versucht die Evangelische Kirche den Menschen zu helfen, die glücklich werden möchten. In Ehen und Partnerschaften und Familien, die anders geworden sind, als sie vor 500 oder 100 oder 50 Jahren waren. Zum Beispiel wird heute jede dritte Ehe geschieden. Bei den finanziellen und beruflichen Überlegungen sollten heiratswillige Paare diese Möglichkeit bedenken, steht in dem Kirchenpapier. Das fand die Zeitung besonders schlimm.
Aber ist nicht die Kirche dafür da, den Menschen beizustehen? Den Menschen, die in dieser Welt leben müssen? Die es womöglich nicht schaffen, beieinander zu bleiben? Natürlich ist es gut und wünschenswert, wenn Menschen ein Leben lang beieinander bleiben können. Das wollen die jungen Leute ja auch, wenn sie heiraten. Das ist ihr Ideal - war auch das Ideal von Jesus. Aber kann man ein Gesetz daraus machen? Ein Prinzip, eine Norm, die man erfüllen muss? Es ist gut, wenn man einen Partner hat, auf den man sich verlassen kann. Dann wird das Leben leichter. Dann hat man jemanden, der einem den Rücken stärkt. Dann muss man nicht Angst haben, eines Tages allein zu sein. Davon ist in dem Büchlein der Evangelischen Kirche immer wieder die Rede.
Aber wenn sie das nicht schaffen, die beiden, die Ja zueinander gesagt haben - was dann? Helfen dann „eiserne" Prinzipien? Hilft es dann, ihnen zu sagen, ihr müsst aber beieinander bleiben, scheiden lassen darf man sich nicht als Christenmensch? Wäre dann die Ehe nicht so etwas wie ein Gefängnis, wo sie doch eigentlich das Leben leichter machen soll?
Mir ist Jesus eingefallen. Der hat in der Tat gesagt, dass man sich nicht scheiden lassen soll. Aber in einer anderen Frage hat er gesagt: Der Sabbat ist für den Menschen da. Nicht der Mensch für den Sabbat. Müsste das nicht auch für die Ehe gelten? Die Ehe ist für die Menschen da. Aber sie ist kein Gefängnis, aus dem es keinen Ausweg gibt.
Deshalb finde ich es richtig, dass die Kirche die berät, die um ihre Beziehung kämpfen. Dass sie die nicht mit Prinzipien fesselt, die dabei scheitern. Und dass sie Gescheiterten besteht.

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„Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast." Lange Zeit fand ich das nichts Besonderes und habe mich gewundert, dass dieser Satz vielen Menschen so viel bedeutet.
Jetzt denke ich anders darüber. Seit ich die Geschichte von der Katze gehört habe. Da haben irgendwo auf dem Dorf Leute ihre Katze ausgesetzt. Am Abend vor der Fahrt in den Urlaub. Vorher hatte immer die Nachbarin die Katze versorgt. Aber jetzt war die Katze alt und blind geworden. Man konnte sie deshalb nicht mehr wie früher allein lassen im Garten, mit einem Schlafplatz hinter der Katzenklappe und dem Futternapf, den die Nachbarin ihr gefüllt hat. Da haben sie die alte blinde Katze ausgesetzt, draußen im Wald. Die Natur würde das Problem wohl regeln.
Soweit haben sie sicher Recht. In der Natur würde sich das Problem wahrscheinlich von allein lösen. Vielleicht würde der Fuchs sie holen oder ein streunender Hund.
Aber diese Katze hatten die Menschen sich vertraut gemacht. So wie sich andere ihr Meerschweinchen vertraut machen, den Wellensittich oder den Hund. Und was man sich vertraut gemacht hat, dafür ist man verantwortlich. Da kann man es nicht anderen überlassen, oder der Natur, wenn es schwierig wird.
Die Bibel erinnert mich, dass das nicht bloß für Haustiere gilt. Ganz am Anfang wird im Schöpfungsbericht gesagt, wofür die Menschen eigentlich da sind. In meiner Bibel steht: „Macht euch die Erde untertan und herrscht über das Vieh und alles Getier, das auf Erden kriecht." Diese Übersetzung ist 500 Jahre alt. So hat man damals formuliert, wenn man für etwas verantwortlich war. Anders konnte man sich das wohl nicht vorstellen. Neuere Bibelübersetzer haben herausgefunden, dass die hebräischen Wörter auch anderes bedeuten können. Und sie übersetzen: "macht euch die Erde zu Nutze und hütet die Tiere." (Norbert Lohfink, Klaus Koch und Bernd Janowski). Herrschen über die Tiere also wie ein Hirte. Der hegt seine Tiere und sorgt für sie, dass es ihnen gut geht.
Tiere sind Mitgeschöpfe. Und die Menschen sind verantwortlich für sie, wie die Hirten für ihre Tiere verantwortlich sind. Für die Haustiere besonders. Weil die Vertrauen haben zu ihren Menschen.
Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil bald wieder Ferien sind. Und weil ich Sie bitten möchte: Überlegen sie rechtzeitig, was dann mit Ihrem Haustier wird. Nicht erst am Abend vor Ihrer Reise, wenn es eigentlich schon zu spät ist.
Der Katze aus meiner Geschichte übrigens geht es wieder gut. Menschen haben sie gefunden und ihr ein neues Zuhause gegeben. Da liegt sie in der Sonne und wärmt sich den Pelz.

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Warum helfen Menschen einander? Der junge Mann aus Seesen im Harz, der bei der großen Flut nach Magdeburg gefahren ist um Sandsäcke zu füllen? Die Männer von der freiwilligen Feuerwehr aus dem Schwäbischen, die im Grimma geholfen haben?
Sind das die wenigen guten Menschen, die angeblich immer weniger werden? Die Menschen heute sind egoistisch und kümmern sich nicht um andere, höre ich oft. Aber während der Flut konnte man ganz andere Erfahrungen machen.
Ich glaube nicht, dass die Menschen alle schlecht sind. Sie sind auch nicht alle gut. Das einzige, was man wohl von allen sagen kann: Alle Menschen suchen nach Glück. Das haben sie gemeinsam. Bloß wo sie es suchen und wie, das ist verschieden. Manche meinen, es macht glücklich, wenn sie gewinnen und besser sind als die anderen. Für andere ist es ein Glück, wenn sie sich möglichst viel leisten können. Für andere, wenn sie möglichst viel haben.
Und manche macht es glücklich, wenn sie helfen können. Wenn sie für andere da sein können, dann macht sie das froh. Sie warten nicht auf Dank, auch nicht auf feierliche Lobreden für die tüchtigen Helfer. Mir scheint, sie denken gar nicht darüber nach. Sie sehen Menschen, die Hilfe brauchen. Das rührt sie an. Sie können sich wahrscheinlich einfühlen und vorstellen, wie es den anderen geht in ihrer Hilflosigkeit. Und wenn sie retten können und helfen, das macht sie glücklich.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Es wäre fatal, wenn einer nur deshalb hilft, damit er glücklich wird. Das soll es ja auch geben: Leute, die immer und überall dabei sind und helfen wollen - aber eigentlich wollen sie bloß spüren, dass sie gebraucht werden und unentbehrlich sind. Die Hilfesuchenden sind ihnen eigentlich nicht so wichtig. Das gibt es auch. Macht aber nichts. Ich finde: auch solche Helfer tun viel Gutes. Manches würde nicht gehen ohne sie. Ich glaube, es ist ein Glück, dass es sie gibt.
Beim Hochwasser an Donau und Elbe konnte man jedenfalls immer wieder sehen. Die meisten Helfer hatten Spaß dabei. Was sie gemacht haben hat ihnen Freude gemacht. Obwohl sie dreckig geworden sind und wahrscheinlich Schwielen an den Händen hatten und Kreuzweh. Und obwohl sie in der Zeit sicher auch anderes zu tun gehabt hätten.
Glücklich sind die Barmherzigen, und die von Herzen freundlich sind, hat Jesus gesagt. Vielleicht hat er genau die gemeint. Leute, die es glücklich macht, wenn sie helfen können. Gott sei Dank gibt es die.

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Vor dem Altwerden haben viele Angst. Ich auch. Ich habe meine Mutter erlebt, die jahrelang umnachtet war, verstört und immer wieder geweint hat - dabei konnte sie nicht einmal mehr sagen, warum. Seither habe ich Angst, dass es mir auch irgendwann so gehen könnte.
So ein Leben scheint von außen unwürdig und eigentlich nicht mehr lebenswert. Der berühmte Tübinger Professor und evangelische Christ Walter Jens hat es unakzeptabel genannt. Früher einmal. Zusammen mit Hans Küng hat er vor fast 20 Jahren ein Buch geschrieben, in dem trat er für ein selbstbestimmtes Sterben ein, wenn man so hilflos dem Alter ausgeliefert ist.
Jetzt ist Walter Jens gestorben. Vor 2 ½ Wochen ist er in Tübingen beerdigt worden. Nach 10 Jahren schwerer Demenz. Genau das, was er befürchtet hatte, war eingetreten. Er konnte all das nicht mehr, wofür er berühmt geworden war. Die Demenz hatte ihn total verändert. Er war im Grunde wieder Kind geworden. Aber: Anscheinend hatte er Freude am Leben. Seine Familie hat dafür gesorgt, dass eine schwäbische Bäuerin ihn betreut und gepflegt hat. Ein paar Mal haben sie erzählt, wie das war. Wie ein Kind habe der berühmte Professor sich über Hasen gefreut, die er streicheln konnte und über ein kräftiges Vesper. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass er sterben wollte.
Natürlich: Es braucht Pflege und Betreuung für so einen alten Menschen, rund um die Uhr. Angehörige können das kaum allein schaffen, oft selbst alt oder mit der eigenen Familie ausgelastet. Und längst nicht jeder kann sich eine so wunderbare Betreuerin leisten, wie Walter Jens sie wohl hatte. Da muss sich unsere Gesellschaft noch einiges einfallen lassen, damit Menschen mit Freude alt werden können.
Mir aber hat Walter Jens gezeigt: Auch ein Leben, das einem im Voraus unakzeptabel scheint, kann schön sein und Freude machen. Anscheinend hat er gern gelebt, auch in seiner Demenz.
Offensichtlich kann man das nicht vorher wissen und erst recht nicht vorher entscheiden, was werden soll. Und wahrscheinlich stimmt dann auch das andere: Man muss vorher nicht so viel Angst haben vor dem Alter. Und selbst wenn es schwer wird - es ist ja doch nicht alles am Ende, wenn das Leben zu Ende ist. Walter Jens, der gläubige Christ, hat sich ein Grab ausgesucht auf dem Tübinger Bergfriedhof. „Ich habe Asthma", hat er gesagt, „ich brauche die Höhenluft" Und sein Sohn schreibt über ihn: „Für die Zukunft hat er noch einiges vor. Er ruht nun, ganz oben, schaut auf die Alb und bekommt wieder Luft".
Und ich denke jetzt: Mit so einer Aussicht kann man vielleicht leichter alt werden. 

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Ein Mann ist gestorben, stand in meiner Zeitung. Motorradunfall. Der Mann war fast sechzig, bestimmt kein Raser. Wahrscheinlich ist er ganz besonnen und vernünftig gefahren. Ein Autofahrer, ein Mann knapp über 60 hatte ihm die Vorfahrt genommen. Der Motorradfahrer war sofort tot. Die Beifahrerin im Auto ist schwer verletzt. Dem Autofahrer ist nichts passiert - sagt man. Aber was heißt das? Wie fühlt sich das an, wenn man Schuld hat an so einem Unfall?
Sicher: Der Mann wird vor Gericht gestellt werden. Aber ist die Sache damit wieder in Ordnung? Für die Familie des Toten? Für den Autofahrer? Bestimmt nicht. Sie werden ihr Leben lang mit dieser Schuld und ihren Folgen zu tun haben. Immer wieder werden sie spüren, was in einer schlimmen Sekunde passiert ist.
Nicht immer hat ein Fehler so fürchterliche Folgen. Aber viele müssen damit leben, dass sie etwas Schlimmes getan haben. Ich habe einen Menschen schwer verletzt, ich habe ein Leben zerstört. Man kann versuchen, das zu verdrängen. Aber ich glaube nicht, dass das wirklich gelingt.
Auch Christen haben Erfahrungen mit Schuld. Natürlich. Vielleicht war der Unglücksfahrer ein Christ. Aber wir Christen vertrauen auch darauf, dass Gott Schuld vergibt. Anders, glaube ich, kann man eigentlich nicht leben. Man kann ja auch nicht leben, ohne schuldig zu werden. Jesus hat von einem Sohn erzählt, der zu seinem Vater kommt und gesteht, welch schlimmen Fehler er gemacht hat. Und von dem Vater, der ihn in die Arme schließt und ihm einen neuen Anfang ermöglicht. Sie kennen die Geschichte vielleicht.
So ist Gott, hat Jesus gesagt. Deshalb hat er uns gelehrt zu beten: „Vergib uns unsere Schuld". Und ich glaube. Gott will nicht, dass uns eine Schuld für immer drückt und bedrückt. Ich muss nicht immer dieselbe bleiben und damit leben, was ich einmal getan habe. Ich kann wieder neu leben. „Eine neue Kreatur", schreibt der Apostel Paulus. So, wie jener Sohn, der neu angefangen hat.
Das ist sicher nicht so einfach, wie es in diesen Geschichten klingt. Das braucht Zeit. Wahrscheinlich viel Zeit. Das braucht sicher auch Menschen, die es einem immer wieder sagen: Das alte ist vergangen, es kann auch wieder neues wachsen.
Es wird auch nicht alles wieder gut, so, wie es vorher war. Das Leben wird anders, wenn so etwas passiert ist. Die Erinnerung bleibt und kommt wahrscheinlich immer wieder. Aber ich hoffe, ich kann mit der Erinnerung leben. Als neuer Mensch. Und was ich nicht mehr ungeschehen machen kann - vielleicht kann ich woanders etwas davon gut machen.

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Wie weit ist es bis zum Horizont? Wurde in einer Quizsendung im Fernsehen gefragt. Wenn man in einer ganz ebenen Landschaft steht - wie weit kann man dann gucken? Keine Ahnung, habe ich gedacht, vielleicht 20 km? Bis zum Horizont - das ist doch ganz schön weit.
Es sind 4650m wenn man wie ich einen Meter siebzig groß ist, habe ich erfahren. Mit dem Satz des Pythagoras kann man das ausrechnen. Für mich sogar noch ein bisschen weniger, ich bin kleiner als 1,70. Ungefähr 4.500 m bis zum Horizont. Viereinhalb Kilometer - weniger als bis zum nächsten Dorf. Nicht sehr viel Weitblick also.
Wenn man sehen will, was dahinter kommt - hinter dem Horizont, dann muss man sich bewegen. Wenn man ein paar hundert Meter vorgeht, dann sieht man schon weiter, als man vorher überblicken konnte. Oder man muss irgendwo raufklettern. Das erweitert einem den Horizont.
Und das gilt nicht bloß für die Landschaft, die man dann überblicken kann. Von Jesus wird erzählt, dass er mal mit zwei seiner Jünger auf einen Berg gestiegen ist. Und oben angekommen, haben sie Erfahrungen gemacht, die sie vorher nicht geahnt hatten. Plötzlich da oben, wo man mehr Weitblick hat, haben sie begriffen, wer Jesus eigentlich ist. Sie hätten eine Stimme gehört: „Das ist mein Sohn, ihn habe ich lieb. An ihm habe ich Freude, hört auf ihn!" (Mt 17,5) Gottes Stimme war das, erklärt die Bibel. Vielleicht haben die Jünger sie da oben so gut gehört, weil sie vorher mit Jesus da raufgestiegen sind. Dabei hatten sie Zeit, intensiv mit ihm zu reden. Beim Wandern in den Bergen, das sagen ja viele, macht man ganz besondere Erfahrungen - auch mit den Mitwanderern.
Mir sagt diese Geschichte: Wenn man mehr erfahren will, gewissermaßen über seinen begrenzten Horizont hinaus schauen, dann muss man sich bewegen. Weg von da, wo man gerade steht. Oder sich die Mühe machen und auf einen Berg steigen. Vielleicht muss man manchmal auch Gedankenberge erklimmen. Sich erkundigen. Neues lernen. Vorurteile verlassen. Sachen klären. Vorgänge diskutieren. Das ist manchmal ganz schön steil und harte Arbeit. Es gibt auch gefährliche Stellen, wo man abstürzen kann oder am liebsten aufgeben möchte. Das werde ich nie begreifen! Oder: wenn das so ist, dann will ich davon gar nichts wissen.
Wenn Sie so einen Berg vor sich sehen, eine Frage, die sie klären möchten: Ich wünsche ihnen Begleiter auf ihrem Weg und genügend Ausdauer Ich bin sicher: Wenn man nicht so schnell aufgibt. dann kann man es schaffen. Etwas Neues begreifen. Und mehr sehen: vom Leben. Von der Hoffnung. Und vom Glauben.

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Gottesdienst? Was soll ich da? Ich kenne viele, die das fragen. Vom Sonntagsfrühstück mit der Familie habe ich mehr, sagen sie. Das verstehe ich gut.
Und ich bin froh, dass in vielen Kirchen inzwischen auch Gottesdienste um 11:00 stattfinden oder am Samstagabend oder Sonntagabend. Aber, zugegeben: auch da könnten mehr in den Gottesdienst kommen.
Bei vielen ist es nicht nur die Frage der Uhrzeit. Sie fragen: Was bringt mir das? Ich weiß doch schon, was da abgeht, die Pfarrer sagen immer dasselbe, schon seit Jahrhunderten. Da kommt mein Leben nicht vor.
Ich mache da andere Erfahrungen. Aus meinem Leben kommt vieles vor im Gottesdienst. Die Sorge um meine Kinder, die in der Welt unterwegs sind: Die kommt da vor. Wir singen vielleicht ein Lied: „Wo ich bin hält Gott die Wacht, führt und schirmt mich Tag und Nacht" (EG 408, 3) - und meine Sorge wird leichter. Der Konflikt mit den Kollegen: Im Gottesdienst beten wir „vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern" und ich erinnere mich: nie ist nur einer schuld. Vielleicht kann ich kommende Woche versuchen, neu anzufangen. Ohne „du hast doch schon immer" und ohne „das musste jetzt mal gesagt werden".
Ich habe immer das Gefühl - im Gottesdienst, da redet einer mit mir. Vielleicht so, wie Martin Luther das mal bei der Einweihung einer Kirche gesagt hat: Im Gottesdienst soll nichts anderes geschehen, „als dass unser lieber Herr mit uns rede durch sein Heiliges Wort, und wir wiederum mit ihm reden - durch Gebet und Lobgesang" (Martin Luther, Predigt am 5. Oktober 1544)
Im Gottesdienst redet Gott mit mir. Und ich kann ihm sagen, was ich auf dem Herzen habe. Manchmal mit den Liedern und Gebeten, die wir gemeinsam singen und sprechen. Manchmal ganz für mich allein, wenn es still ist oder wenn die Orgel spielt.
Und auch in der Predigt spricht Gott mit mir. Nicht, weil die Pfarrerin der liebe Gott wäre. Bestimmt nicht. Will sie auch nicht sein. Aber wenn mich da plötzlich etwas anrührt. Wenn ich aufhorche und spüre: da bin jetzt ich gemeint. Dann redet Gott mit mir.
Manchmal passiert das auch nicht. Dann bleibt die Predigt langweilig. Weil aus meinem Leben wirklich nichts darin vorkommt. Manchmal denke ich dann: Vielleicht hätte der Pfarrer ein bisschen mehr an mich und die anderen denken können, als er seine Predigt vorbereitet hat. Aber manchmal liegt es auch an mir, dass ich meinen Kopf nicht richtig frei kriege und nicht wirklich zuhören kann.
Aber auch dann gehe ich irgendwie anders aus dem Gottesdienst: Heiterer. Gelassener. Mit Gottes Segen. Vielleicht probieren Sie es mal?

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