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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Das soll etwas ganz Besonderes werden. Unter dieser Vorgabe starten viele Projekte. Da erklären sich Menschen bereit zur Mitarbeit, ihr Ziel ist es, etwas zu erstellen, was die anderen erstaunen lässt, was alles Dagewesene überbietet. Es wird geplant und geplant. Vielen derartigen Projekten geht es so, dass am Ende gar nichts steht. Die Planung kommt einfach nicht an ein Ende, vielleicht verläuft sogar alles im Sande. Es war einfach eine Nummer zu groß, was da entstehen sollte.

Heute beginnt das sogenannte Wochenende. Da planen viele, dass es ein besonders schönes wird und was man alles unternehmen könnte. Oder denken Sie an die Planung für den Urlaub.

Oft genug bleibt am Ende die Ernüchterung, dass das Superwochenende nicht so funktioniert hat und der Urlaub doch nur mittelmäßig war. Und statt Freude bleibt manchmal nur Unzufriedenheit.

„Kleine Taten, die man ausführt, sind besser als große, die nur geplant werden." Dieser Satz stammt von dem amerikanischen Politiker George Catlett Marshall. Auf ihn geht auch der Marshall-Plan nach dem zweiten Weltkrieg zurück, der die Grundlage für unseren heutigen Wohlstand ist.

Eine Aktion nicht nur planen, sondern in die Tat umsetzen, darum geht es. Mit einem kleinen Schritt beginnen, aus dem sich dann weitere Schritte entwickeln. Das ist auch für mich immer wieder eine Aufgabe, denn allzu gerne versuche ich, mit vielen Planungen das Optimum zu erreichen. Dabei wäre es viel wichtiger, erst einmal zu beginnen, auch wenn es nur klein ist. Manchmal erweisen sich kleine Aktionen sogar als viel tragfähiger.

Sich gute Vorsätze vorzunehmen begleitet den Beginn eines neuen Jahres oder eben auch die Fastenzeit, die Zeit der 40 Tage zur Vorbereitung auf Ostern.

Heute ist Tag 25 der 40 Tage. Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag einem Menschen eine kleine Freude zu machen. Besser sind kleine Taten, die Ihnen gelingen, als große, bei denen Sie vielleicht täglich einen Frust erleben, weil sie wieder nicht gelungen sind.

Tun Sie lieber etwas Kleines und spüren Sie die innere Kraft daraus, als nur das Große, das Besondere zu planen, aber es nie umzusetzen.

Ich wünsche Ihnen viel Freude dabei.

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Heute ist der Internationale Frauentag. Bereits zum 102. Mal wird dieser Tag begangen, in vielen Ländern ist er sogar ein gesetzlicher Feiertag.

Die luxemburgische Europakommissarin Viviane Reding sagte einmal über den Frauentag: „Solange wir einen Frauentag feiern müssen, bedeutet das, dass wir keine Gleichberechtigung haben."

Hier sind wir an einem zentralen Thema, was Frauen betrifft.

Jahrhundertelang wurden und werden Frauen als das schwache Geschlecht gesehen, wird Frauen nichts zugetraut, werden Frauen als Objekt zur Befriedigung der Männer abgewertet. Und die aktuelle Sexismusdebatte zeigt, hier ist noch viel zu tun.

Oft genug wurde der zweite Schöpfungsbericht in der Bibel dazu hergenommen, die Abhängigkeit der Frau vom Mann zu zeigen, geschaffen aus der Rippe des Adam. Abgesehen davon, dass das einer entsprechenden Interpretation bedarf, halte ich persönlich es eher mit dem ersten Schöpfungsbericht. Dort heißt es „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie" (Gen 1,27). Da ist Gleichberechtigung verwirklicht, keiner steht über dem anderen. So hat Gott das Miteinander von Frauen und Männern gedacht.

Die Entwicklung in den verschiedenen Gesellschaften ist jedoch eine andere und bis heute sind wir dabei, die richtige Ordnung wieder herzustellen. Leider müssen auch in den Kirchen Frauen bis heute um ihre Rechte kämpfen.

In meiner Kirche wurde im Jahr 1994 der erste Satz unserer kirchlichen Ordnungen geändert und eingefügt: „In der alt-katholischen Kirche haben Frauen und Männer die gleichen Rechte." Das bedeutet, dass Frauen auch zu Diakonen, Priestern und Bischöfen geweiht werden können. Damit war die Gleichberechtigung hergestellt und Frauen nicht mehr ausgegrenzt.

Dass aber erst zwei Jahre später, am Pfingstfest 1996, die ersten beiden Frauen die Priesterweihe empfangen haben, zeigt: Wir haben nicht deshalb entschieden, weil viele Frauen schon in den Startlöchern gestanden sind, sondern weil es uns ein Anliegen ist, die Gleichberechtigung für Frauen herzustellen.

So ist mein Wunsch für diesen Tag, dass wir die Gleichberechtigung für Frauen herstellen auch ohne dass dafür gekämpft werden muss.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14832

„Wenn der Wind des Wandels bläst, bauen die einen Mauern - die anderen Windmühlen." Dieses chinesische Sprichwort begleitete mich seit einiger Zeit. Ich habe es im Lehrerzimmer einer kleinen Grundschule im Schwarzwald gesehen. Die neue Rektorin hat es aufgehängt, als sie ihren Dienst dort begonnen hat.

Mich hat dieses Wort sofort angesprochen und es lässt mich nicht mehr los. Schließlich gibt es auf unserer Erde nichts, was so beständig ist, wie der Wandel. Allein schon die Jahreszeiten wandeln sich ständig und hier im Schwarzwald hoffen wir darauf, dass der Winter bald vorbei ist und der Frühling tatsächlich da ist. Auch heute wird sich bestimmt etwas wandeln auf unserer Welt und es kommt darauf an, wie wir damit umgehen.

Wie viele neue Ideen werden geboren an jedem Tag? Und fast jede von ihnen braucht Menschen, die sie gut finden, sie bekannt machen, hinter der Idee stehen und mit ihrer Kraft helfen, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Ohne diese begeisterten Menschen, also ohne die gebaute Windmühle, bleibt die Idee kraftlos und schwach. Mit ihnen aber geht es voran. Ohne sie hätten wir kein elektrisches Licht, keine Autos und Flugzeuge, auch kein Radio. Es hätte keine Demokratie gegeben bei uns, auch meine alt-katholische Kirche gäbe es nicht, wenn nicht viele sich mit aller Kraft dafür eingesetzt hätten.

Die tägliche Realität zeigt aber auch, dass es bei jeder guten Idee andere gibt, die sie ausbremsen, die alles dafür tun, diese Idee nicht Wirklichkeit werden zu lassen, die Mauern aufbauen. Hinter diesen Mauern geht dann gar nichts mehr weiter, bleibt alles, wie es ist.

Typische Worte, die hinter den Mauern hervorschallen, sind etwa: Das hat es ja noch nie gegeben, das haben wir alles schon probiert, das kann ja gar nicht gehen.

Vielleicht fallen Ihnen Situationen ein, wo Sie auch gebremst haben und kein Wandel möglich war, oder wo sie selbst ausgebremst wurden.

Nur durch die Windmühlenmenschen geht es mit Kraft vorwärts, mit ihnen kann sich vieles wandeln, in mir, in meiner Gemeinde, in unserer Gesellschaft. Ich traue mich, selbst Windmühlen zu bauen, und Ihnen traue ich es auch zu.

Bleiben Sie Menschen des Wandels.

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Ein Auto an der Steckdose. Noch ist das selten zu sehen. Eines davon gibt es in meiner Nachbarschaft. Wenn ich dort vorbeigehe, sehe ich, dass es meistens mit einem Stromkabel verbunden ist. Eine Alternative zum Benzin, das aus Öl gewonnen wird. Zum einen ist Öl ein begrenzter Rohstoff. Und auf dem Weg zu uns ist es schon zu Katastrophen für Mensch und Umwelt gekommen, die nicht wieder gut zu machen sind.
Auch Strom kann, je nachdem wie er gewonnen wird, die Umwelt belasten. Allerdings nicht, wenn er aus erneuerbaren Quellen erzeugt wird, etwa aus Wasserkraft, Wind- und Sonnenenergie.
In unserer Gemeinde in Stuttgart beschäftigen wir uns während der Fastenzeit mit solchen Fragen. Dabei spielt es keine Rolle, wie neu die einzelnen Erkenntnisse sind; die meisten Gemeindemitglieder kennen sich sehr gut aus in der Umweltthematik. Trotzdem mussten wir feststellen, wie lasch wir zum Beispiel in unserem Umweltverhalten als Gemeinde geworden sind. Was hier gilt, gilt - das gaben viele zu - auch zu Hause. Etwas vereinfacht gesagt: An die Stelle von Umweltverantwortung ist im Laufe der Jahre Gedankenlosigkeit getreten. Und die Zeit, sich über Entwicklungen und neue Entdeckungen zu informieren, ist knapp geworden.
Seit Aschermittwoch schauen wir uns deshalb Sonntag für Sonntag einen Abschnitt aus der biblischen Schöpfungserzählung an. Am vergangenen Sonntag war es der vierte Schöpfungstag, an dem unter anderem von der Sonne, vom Mond und von den Sternen die Rede ist. „Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde hin leuchten, über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war" (Genesis 1,17-18).
Der Text gibt uns Anlass, über erneuerbare Energie nachzudenken und zu überlegen, was sich aus unseren Gedanken praktisch folgern lässt - nicht nur in der Gemeinde, sondern auch daheim und überhaupt in unserem alltäglichen Umweltverhalten. Für uns wird die Fastenzeit auf diese Weise ganz praktisch zu einer Zeit der Umkehr und inneren Erneuerung. Weil Gott Himmel und Erde gut gemacht hat.

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Kirchenvorstandssitzung in unserer Gemeinde. Es ging um die Sanierung des Kirchenbodens. Der Verantwortliche für das Bauressort hatte gerade über Details zu den laufenden Arbeiten informiert. Die Bodenplatten, sagte er, kämen aus China. Jemand fragte, ob auch sicher sei, dass dabei keine Kinderarbeit im Spiel ist. „Das weiß ich nicht", gab der Bauressortverantwortliche betroffen zu. Niemand hatte daran gedacht, dem nachzugehen.
Niemand hatte daran gedacht... wenn ich zum Beispiel unnötig Wasser vergeude oder wenn ich bei überflüssigem Papierverbrauch vergesse, dass Papier aus Holz gemacht wird und dass deswegen ganze Wälder gerodet werden. 
Im Kirchenvorstand ließ uns das Thema seitdem nicht mehr los. Gott sei Dank hatten Nachforschungen ergeben, dass Kinderarbeit bei unseren Bodenplatten mit Sicherheit ausgeschlossen werden konnte. Dafür aber suchten wir nach anderen Bereichen, in denen wir etwas tun können für mehr Gerechtigkeit und mehr Umweltbewusstsein. Unter anderem haben wir beschlossen, die Bewahrung der Schöpfung zum Thema der diesjährigen Fastenzeit zu machen. Denn wir hatten festgestellt, dass vieles von dem, was uns früher einmal wichtig war, nachgelassen hat. Die Idee ist, Sonntag für Sonntag einen Tag aus der biblischen Schöpfungserzählung anzuschauen.
Wenn es am ersten Schöpfungstag heißt, es werde Licht, dann können wir über unseren Stromverbrauch nachdenken und uns fragen, wie wir dem Klimawandel begegnen können. Und wenn am zweiten Schöpfungstag der Himmel gemacht wird, dann liegt es nahe, über Luft und Atmosphäre, Ozonloch und Feinstaub nachzudenken. So jedenfalls haben wir begonnen. Und wenn am Ende der vierzig Tage, beim Taufgedächtnis in der Osternacht, die Frage kommt: „Seid ihr bereit, der Macht des Bösen zu widerstehen und für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung Gottes einzutreten und Sorge zu tragen?" - hoffen wir, darauf mit einem bewussten „Wir sind dazu bereit" antworten zu können.

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Ein Punkt ist es - und das Wort „Fastenzeit" erscheint mir plötzlich in einem ganz neuen Licht. Ein Punkt zwischen „Fasten" und „Zeit". Das eine bedingt das andere: Fasten schafft Zeit.
Ich denke dabei nicht so sehr an das klassische Fasten: den Verzicht auf übermäßiges Essen und auf Alkohol. Wenn ich mit Freunden und Gemeindemitgliedern spreche, erzählen sie mir, sie hätten sich ein Fernsehfasten vorgenommen. Oder ein Internetfasten. Oder ein Ausgehfasten. Was bedeutet: Ich sehe zu viel fern. Ich surfe zu viel im Internet herum. Ich bin zu viel unterwegs. Und das macht mich nachdenklich. Ich will nicht abhängig sein oder abhängig werden.
Der Punkt zwischen „Fasten" und „Zeit" sagt mir auch das: Ich überprüfe, wo ich meine Zeit mit zu viel Dingen vertue und dann zu Anderem, möglicherweise viel Wichtigerem kaum noch Zeit habe. Etwa für ehrenamtliches Engagement.
Das gilt auch für meinen Glauben an Gott. In der Bibel steht: „Das ist ein Fasten wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen" (Jesaja 58,6-7).
Sich in dieser Weise einzusetzen, kostet Zeit. Zeit, die ich glaube, oft nicht zu haben. Die aber frei wird, wenn ich einmal genauer hinschaue, mit was ich meine Zeit so verbringe. Und wenn ich dann auf das eine oder das andere verzichte. Zugunsten derer, die mich brauchen könnten. Und für die ich gern da sein möchte. Zugunsten vielleicht auch von Zeiten der Stille oder des Gottesdienstes. Fasten schafft Zeit. Zeit für Gott und Zeit für die Mitmenschen. Zeit um neu zu werden. Um neu zu leben.

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„Ich bin da." Diese Worte, von Gott gesagt, sind heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören (Exodus 3,1-8.13-15). Dazu eine Kurzgeschichte von Elie Wiesel, einem Holocaust-Überlebenden, der für seinen unermüdlichen Einsatz gegen Gewalt, Unterdrückung und Rassismus 1986 den Friedensnobelpreis erhielt. Die Geschichte hat sich in dem KZ ereignet, in das Wiesel mit seiner Familie von den Nazis deportiert worden war. Drei Menschen, darunter ein Kind, werden am Galgen hingerichtet. Alle Lagerinsassen müssen dazu antreten. Jemand fragt: „Wo ist Gott, wo ist er?" - „Wo er ist?", antwortet schließlich ein anderer, „Dort - dort hängt er am Galgen."

Gott am Galgen? Wenn das stimmt, dann hieße das, dass er auch inmitten anderer schrecklicher Ereignisse zu finden ist. Gott in jenen Verliesen, in denen Kinder wie Natascha Kampusch gewaltsam festgehalten wurden. Gott bei den Schwerstkranken und Sterbenden, den Entführungsopfern, Flüchtlingen, von Krieg und Terror Heimgesuchten. 

Die Bibel erklärt: Ich bin da - das ist Gottes Name. So handelt er. Ich-bin-da. Und zwar ausdrücklich da, wo Menschen Leid erfahren. In Situationen also, in denen man annehmen könnte, Gott sei gerade nicht da; das Leid der Menschen interessiere ihn nicht. Nach der Bibel ist das anders. Gott sieht das Elend, das Menschen erleiden. Er hört ihre laute Klage. Und er steigt herab, um sie aus dem Leid zu befreien (Exodus 3,7-8). 

Eine tröstliche Botschaft. Kann man ihr trauen? Mose, der das alles in einer inneren Stimme erfährt, tut das. Sein ganzes Leben ändert sich dadurch. Weil er Gott glaubt, macht er sich auf zu denen, deren Leid Gott kennt und deren Klage Gott hört. Er führt die Menschen, für die er da ist, heraus aus ihrer misslichen Lage einer Zukunft entgegen, die Gott verheißen hat. Dieses Versprechen Gottes steht. Bis heute treibt es Menschen an, wie Mose etwas gegen Not und Leid zu tun. Auch wenn das manchmal nicht mehr ist als einfach da zu sein.

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