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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Gott ist im Kleiderschrank!" So hat eine Frau auf die Frage geantwortet, die eine Frauenzeitung kürzlich gestellt hat. Die Frage hieß: „Wo ist Gott für Sie?"
Dass Gott im Kleiderschrank ist, das haben ihr als Kind ihre Eltern erzählt. Nicht damit sie sich in ihrem Kinderzimmer sicher und geborgen fühlen könnte, sondern im Gegenteil: Als Hinweis darauf, dass sie niemals unbeobachtet ist. Tagsüber beobachtet von ihren Eltern und Lehrern und in allen scheinbar noch so unbeobachteten Momenten beäugt von Gott, sogar abends und nachts. Rundumüberwachung quasi: Keine ungezogene Tat, kein böser Gedanke kann da ungesehen bleiben und keiner ungestraft.
„Wo ist Gott überhaupt?", die Frage hat auch meinen fünfjährigen Sohn letztens umgetrieben. Und meine neunjährige Tochter hat ihm erklärt, wo Gott ist, nämlich „überall". „Das geht doch nicht", hat Jan erwidert. „Das geht schon", hat Lena gesagt. Und dann hat sie Jan erklärt, dass für Gott unsere Welt quasi eine große Glaskugel ist, die das ganze Universum umfasst mit unserer Erde in der Mitte. Und Gott, der hält diese Glaskugel in der Hand und schaut auf uns.
Gott im Kleiderschrank und Gott, der auf die Welt schaut. Ganz schön ähnlich die beiden Bilder und doch ganz verschieden. Beide Bilder sprechen von Gott, der die Menschen im Blick hat. Aber während der Gott im Kleiderschrank mit argwöhnischen Augen und quasi gezücktem Strafzettel auf uns Menschen schaut, glauben meine Kinder an einen liebevollen Gott, einen, der mit fürsorglichem Blick seine Menschen begleitet.
Auch in der Bibel kann man beide Gottesbilder finden: den strafenden und den liebevollen Gott. Aber Jesus hat uns gezeigt, dass die Liebe bei Gott das Wichtigste ist, das worauf wir schauen sollen. Der Apostel Paulus sagt das so: „Ich bin überzeugt: Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen: nicht der Tod und nicht das Leben, keine Engel und keine unsichtbaren Mächte, nichts Gegenwärtiges und nichts Zukünftiges" (Römerbrief 8,38).
Deshalb kann ich sehr gut leben mit dem Gott, der uns Menschen im Blick hat.
Meine Kinder übrigens auch.
„Gott ist immer da", hat Lena Jan erklärt, „und er schaut uns zu - auch jetzt gerade". „Aber so viele Augen kann Gott doch gar nicht haben", hat Jan erwidert. „So viele Augen braucht Gott auch gar nicht", hat Lena ihm erklärt. „Der hat Millionen Fernseher, auf denen er alles sehen kann. Und ganz viele DVD-Player, mit denen er zurückspult, wenn er etwas noch mal sehen möchte."
Darauf kam nur noch ein Wort: „Cool!"

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„Ich möchte das ganze Programm: Mit Kirche, weißem Brautkleid und Schleier!"
Die Braut ist 50 Jahre alt. Sie hat drei Kinder, eines aus einer gescheiterten Ehe, zwei mit ihrem jetzigen Partner. Mit ihm ist sie jetzt 13 Jahre zusammen. Jetzt haben sie sich zum Heiraten entschlossen.
Ihre Freundinnen amüsieren sich über ihre Heiratsvorbereitungen, erzählt sie. „Wozu diese Show?", fragen sie. „Dass ihr Steuern sparen wollt, können wir ja verstehen. Aber warum das Brimborium mit weißem Kleid und Schleier. Mensch: Du bist 50, so unschuldig bist Du nicht mehr! Lass doch diesen Kleinmädchenkitsch!"
Dabei ist der Braut alles ganz ernst: Das weiße Kleid, der Schleier, der feierliche Gottesdienst. Selbstverständlich kennt sie den Sinn der Symbole Brautkleid und Schleier. Und natürlich weiß sie, dass sie nicht mehr unberührt ist. Aber hinter ihren Wünschen steckt mehr als ein Kleinmädchentraum. Das spürt sie genau.
In ihrer ersten Beziehung habe sie Fehler gemacht, gesteht sie freimütig. Sie habe damals zu viel an sich gedacht, habe keine Verantwortung übernehmen wollen. Erst als die Ehe gescheitert war, habe sie sich verändert, dann sei sie auch endlich eine gute Mutter geworden.
Als sie ihren jetzigen Partner kennen gelernt hat, hat sie sich deshalb geschworen: nie wieder eine Heirat, nie wieder eine Verpflichtung, die sie nicht einhalten kann. Und tatsächlich ist auch diese Partnerschaft am Anfang nicht ohne Konflikte abgegangen. Einmal waren sie sogar kurz davor, sich zu trennen. Aber sie haben sich wieder zusammengerauft. Und die Beziehung ist enger geworden und besser. So gut, dass sie jetzt bereit ist, eine dauerhafte Verpflichtung einzugehen. Denn sie hat die tiefe Sehnsucht, dass diese Partnerschaft halten soll, und dafür möchte sie den Segen Gottes und seine Unterstützung.
Die Heirat ganz in weiß ist für sie keine Show, kein Kitsch. Sondern ein Symbol für ihre Sehnsucht, dass ihr Leben und ihre Partnerschaft gelingen sollen.
Ich finde: So gesehen ist der weiße Brautschleier ein gutes christliches Symbol. Denn der christliche Glaube steht dafür, dass unsere Sehnsucht nach einer heilen Welt ernst genommen und erfüllt wird. Gott weiß, dass vieles in meinem Leben nicht perfekt ist. Dass ich immer wieder etwas schuldig bleibe - Menschen und Gott. Aber Gott hat versprochen, dass mein Leben trotzdem gelingen kann. Mit seiner Hilfe.
Dafür steht der christliche Glaube - warum nicht auch ein weißer Schleier?

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Zufriedenheit liegt in den Genen, haben die Psychologen noch vor ein paar Jahren gemeint. Wer die Glücksgene nicht hat, der muss unzufrieden durchs Leben gehen. Eine neue Untersuchung widerlegt dies nun. Ihr Ergebnis: Zufriedenheit ist nicht abhängig von den Genen und nicht von äußeren Lebensumständen, sondern vor allem von unserer Einstellung.
Mich erinnert dieses Ergebnis an eine Geschichte von zwei Wanderern. Als der erste Wanderer zu einer Stadt kommt, fragt er den Torwächter: „Wie sind die Menschen in dieser Stadt?" Der Wächter fragt zurück „Wie waren die Menschen in der Stadt, aus der du kommst?" „Ah, die waren unfreundlich und egoistisch, mit denen konnte man nicht auskommen!", antwortet der Wanderer. „So sind die Menschen bei uns auch!", sagt der Torwächter. Kurze Zeit später kommt ein zweiter Wanderer vor das Tor. Auch er fragt den Wächter: „Wie sind die Menschen in dieser Stadt?" Und wieder fragt der: „Wie waren sie in der Stadt, aus der du kommst?" „Oh, die waren freundlich und hilfsbereit, da habe ich mich wohl gefühlt!" Der Torwächter: „So sind die Menschen bei uns in der Stadt auch!"
Ich muss an zwei Frauen aus meinem Bekanntenkreis denken. Bei der einen ist nicht alles gut gelaufen: eine schwere Krankheit, Probleme mit den Kindern. Aber dennoch strahlt sie Zufrie­denheit aus und schaut positiv in die Zukunft. Es macht Freude, mit ihr zusammen zu sein. Und ich denke an eine andere Bekannte. Ihr geht es gut, sie hat eine gute Ehe, erfolgreiche Kinder. Aber trotzdem hadert sie immer mit dem, was noch besser hätte laufen können und befürchtet für die Zukunft vor allem Negatives. Das ist ganz schön anstrengend, finden viele. Und nicht wenige gehen ihr deshalb aus dem Weg.
Die Glücksstudie sagt: einen positiven Blick auf das Leben kann man einüben. Bis ins hohe Alter hinein. Denn an meinen zwei Bekannten sehe ich, wie wahr die Geschichte mit den Wanderern ist: Wie man den Menschen gegenübertritt, so verhalten sie sich auch. Wer vor allem Schlechtes erwartet, der hat wenig Blick für das Gute, das ihm begegnet. Und wer positiv auf sein Leben blickt,  für den wiegt das Gute mehr als schlechte Erfahrungen.
Wäre das nicht ein guter Vorsatz für das noch frische Jahr 2013 - einen positiven Blick auf das Leben zu üben? Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall, dass Sie am Ende dieses Jahres sagen können: „Da wo ich herkomme, ist vielleicht nicht alles perfekt. Aber da gibt es nette Menschen, die für mich da sind und für die ich da sein kann. Eigentlich bin ich ganz zufrieden!"

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Heute ist der 16. Januar 2013! Dass wir das erleben dürfen! Schließlich sollte doch vor knapp einem Monat die Welt untergehen! Aber der nächste Weltuntergangstermin kommt bestimmt, da bin ich zuversichtlich. Denn die Bibel spricht ja tatsächlich an vielen Stellen davon, dass unsere Welt einmal an ein Ende kommen wird. Aber über den konkreten Termin sagt sie nichts.
Viel wichtiger als das konkrete Datum finde ich die Frage: wie das Ende der Welt aussehen und was dann passieren wird? Denn egal ob zu meinen Lebzeiten oder nach meinem Tod, es ist ja ein Ereignis, dass alle Menschen betreffen wird: die Lebenden und die Toten, die Christen wie die Nichtchristen, darüber sind sich die biblischen Schriften einig. Und auch darüber, dass am Ende der Zeiten Gott Gericht halten und sein Urteil sprechen wird über jeden von uns. Einige biblische Schriften malen diese Vorstellung als Schreckensbild aus. Weil Gott für sie vor allem ein gerechter Gott ist, denken sie, dass er an diesem Tag alle Menschen nach ihren Taten beurteilen wird und die Menschheit scheiden wird in Verlorene und Gerettete. Andere biblische Schriften widersprechen dem: Für sie ist Gott vor allem der liebevolle Begleiter. Und seine Liebe wird am Ende der Welt das Entscheidende sein und die Menschen retten.
Der gerechte Gott und der liebevolle Gott. Ich finde beide Beschreibungen von Gott sind berechtigt und wahr. Und ich glaube, am Ende der Zeiten, am letzten Tag werden sie beide zu ihrem Recht kommen. Ich halte mich da an den Apostel Paulus. Er schreibt: „Der Tag des Gerichts wird aufdecken, was das Werk eines jeden Einzelnen wert ist. Und alle werden gerettet werden, doch so wie durch Feuer hindurch" (1. Korinther 3,13.15).
Ich verstehe das so: Im Gericht am Ende der Zeiten wird jeder von uns Gott begegnen. Und diese Begegnung wird tatsächlich ein Gericht sein. Denn im Angesicht Gottes werden wir dabei unser Leben noch einmal durchleben und alles Gelungene, alles Gute, aber auch all unsere Versäumnisse und bösen Taten werden dabei aufgedeckt werden - aufgedeckt und von Gott beurteilt. So verstehe ich mit Paulus das Gericht am Ende der Zeiten. Und ich kann mir vorstellen, dass das durchaus schmerzhaft sein wird. Aber auch notwendig: denn dabei wird Gott alles vernichten, was uns bisher von ihm getrennt hat und uns bereit machen für ein Leben mit ihm.
So verstanden ist für mich das Ende der Zeiten kein Schrecken, sondern etwas, auf das ich mich freuen kann. Denn am letzten Tag wird Gottes Liebe das letzte Wort haben.
Davon bin ich überzeugt.

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„In Deutschland kriegen die Falschen die Kinder" - über diesen Spruch eines Politikers haben sich vor ein paar Jahren viele entrüstet. Aber hinter vorgehaltener Hand hat er auch Zustimmung erfahren. Und das bis heute, scheint mir. So könnte man immer dann denken, wenn ein neuer Bildungs- oder Armutsbericht veröffentlicht wird.
Da werden Eltern scheinbar in zwei Gruppen aufgeteilt: Zum einen die Familien mit vielen Kindern: die Bildungsfernen, die Migranten, die Armen, und dann die Paare der bürgerlichen Mitte, die ihren 1-2 Kindern ein gesichertes Umfeld und gute Förderung bieten. Gut für unser Land wäre es, sagen manche, wenn es von der zweiten Gruppe viel mehr geben würde. Denn das sind die „richtigen Eltern" für unsere Kinder.
Nach diesem Maßstab kämen Isaak, Moses und Jesus - die großen Gestalten der Bibel, in die 1. Kategorie - denn sie haben eindeutig die „falschen Eltern".
Einhundert Jahre ist Abraham, als Isaak von der spät gebärenden Sarah auf die Welt gebracht wird - als Sohn eines nicht sesshaften Viehbesitzers.
Moses dagegen ist ein Migrantenkind. Sohn israelitischer Wirtschaftsflüchtlinge in Ägypten, als Säugling ausgesetzt und von einer Pflegemutter aufgezogen.
Und auch bei Jesus sind die Verhältnisse nicht unproblematisch. Seine Mutter Maria ist minderjährig. Ihr Verlobter will sie verlassen, als er von ihrer Schwangerschaft erfährt. Und so arm ist die Familie, dass es für ihren Sohn noch nicht einmal für ein Kinderbett reicht.
Auch in der Bibel wird erzählt, dass angeblich die Falschen die Kinder bekommen. Nur dass dort niemand auf die Idee kommt, sie falsch zu nennen. Vor Gott gibt es nämlich keine falschen Eltern, sondern nur richtige Kinder. Kinder, auf denen Gottes Segen legt.
Ich finde, wir können da aus der Bibel viel lernen. Zum Beispiel, dass alle Kinder eine gute Zukunft verdienen, auch wenn sie aus kleinen oder schwierigen Verhältnissen kommen. Und dass wir dafür weniger auf die Herkunft und die Eltern der Kinder schauen sollten und mehr auf die Chancen, die in jedem dieser Kinder stecken.
Die Bibel zeigt uns: Kinder sind wie ein Schatz. Es liegt ganz vieles Kostbares in ihnen verborgen. Sicher: manche Elternhäuser brauchen Unterstützung, damit dieser Schatz gehoben werden kann. Aber genauso wichtig ist es, nicht nur auf die Defizite zu schauen, sondern den Kindern etwas zuzutrauen - den Kindern und ihren Familien. Das kann man aus der Bibel lernen. Denn sie zeigt immer wieder: Für Gott ist jeder von uns ein Schatz, dem er unendlich viel zutraut!

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Sie sind älter als 25? Dann sagt Ihnen „Yolo" vermutlich nichts. Die Abkürzung steht für „You only live once" - Y, O, L, O - Du lebst nur einmal. Es hat sich als Jugendwort des Jahres 2012 unter 40.000 Vorschlägen durchgesetzt.
YOLO - Du lebst nur einmal, ist die Aufforderung, die Chancen zu nutzen, die das Leben bietet. Unausgesprochen schwingt dabei der Nachsatz mit: Nutze die Zeit aus, denn dein Leben ist kurz! Und damit ist YOLO eine moderne Umschreibung dieses biblischen Psalmwortes:
„Gott, lass uns begreifen, welche Zeit wir zum Leben haben, damit wir klug werden und unser Leben vernünftig gestalten" (Psalm 90,12).
Wahrscheinlich ist YOLO als beliebtestes Wort im Internet von den Jugendlichen schon längst durch ein anderes Wort ersetzt worden - unsere Zeiten sind schnelllebig. Das Psalmwort gibt es bereits seit mehr als 2.000 Jahren und es wird auch noch in 1.000 Jahren so aktuell sein wie damals und heute. Weil auch die menschliche Erfahrung, die dahinter steht, immer aktuell sein wird: Irgendwann ist Schluss. Irgendwann bin ich tot. Und dieser Tag rückt näher mit jedem Tag. Das ist kein Grund, in Panik zu verfallen. Aber sehr wohl ein Grund, mit aufmerksamen Augen auf das eigene Leben zu schauen und es gut und vernünftig zu gestalten. Ich glaube, so ist „klug werden" in diesem Satz aus dem Psalm gemeint: Ich soll „Jetzt" leben, die Chancen wahrnehmen, die das Leben bietet und keine Angst vor Veränderungen haben bis ins hohe Alter hinein.
Und für mich meint dieses biblische Wort noch mehr: Jesus hat gesagt: „Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt". Und deshalb kann ich glauben: Ich lebe nur einmal, ja, aber danach kommt noch etwas, etwas Neues, etwas Besonderes: ein neues Leben mit Gott.
Und deshalb brauche ich jetzt nicht in einen Aktivismuswahn verfallen, um mein Leben jetzt auszukosten, deshalb muss ich jetzt nicht krampfhaft nach dem Sinn meines Lebens suchen oder mit allen Kräften danach streben, dass ich alles hinbekomme. Es ist nicht schlimm, wenn jetzt noch manches unvollendet bleibt, angefangen, bruchstückhaft - es kommt ja noch etwas!
YOLO - Sie leben nur einmal! Also freuen Sie sich Ihres Lebens und nutzen Sie diesen Tag: für etwas Neues oder auch, um mal Fünfe gerade sein zu lassen. Denn auch wenn wir nur einmal leben - danach kommt noch etwas. Und dann wird Gott alles Unvollendete vollenden, alles Zerschlagene heil machen und alles Bruchstückhafte zusammenfügen.
Darauf freue ich mich!

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Toleranz und Reformation - passt das zusammen? Auf den erst Blick nicht. Schließlich hat mit der Reformation eine Geschichte massiver Glaubenskonflikte begonnen. Aber auf der anderen Seite hat die Reformation tatsächlich viel für den modernen Toleranzgedanken getan.

Die Evangelische Kirche hat deshalb dieses Jahr 2013 unter das Motto „Reformation und Toleranz" gestellt. 2017 feiern wir Christen 500 Jahre Reformation. Zur Vorbereitung darauf hat jedes Jahr einen besonderen Schwerpunkt. 2013 also: Reformation und Toleranz. Aber wie passt das zusammen?
Martin Luther hat seine Kirchenreform auf den Grundsatz der Glaubens- und Gewissensfreiheit gestellt. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders", hat er gesagt, und für seine Glaubensauffas­sung seine Verurteilung durch die offizielle Kirche in Kauf genommen.
Ich bin für meinen Glauben nur Gott gegenüber verantwortlich, heißt das - und nur dieser darf darüber urteilen. Von diesem Grundsatz aus darf ich mit Recht erwarten, dass mein Glauben von anderen toleriert wird. Und andere dürfen erwarten, dass ich es ertrage, dass sie anders und anderes oder auch nichts glauben. Denn nichts anderes bedeutet das lateinische Wort tolerare: jemanden oder etwas ertragen, dulden, aushalten.
Natürlich hat Toleranz Grenzen: Wenn Menschen wegen ihres Glaubens diskriminiert oder gar verfolgt werden, das darf man nicht tolerieren, dagegen muss man sich wehren und protestieren. Aber in erster Linie bedeutet Toleranz Weite und ein großes Herz. „Ertragt euch gegenseitig in Liebe, voller Demut, Freundlichkeit und Geduld" (Epheserbrief 4,2), heißt es in der Bibel. Dieser Satz meint eigentlich das Verhältnis der Christen untereinander. Aber ich meine, er ist auch eine gute Anleitung für unser Verhalten gegenüber Andersgläubigen oder Nichtgläubigen.
Für mich ist  Jesus Christus der Weg zu Gott, die Wahrheit und das Leben. Ich bin froh, dass ich diesen Glauben in unserem Land leben kann und darf. Und ich finde es schlimm, dass das nicht überall selbstverständlich ist. In vielen Ländern werden Menschen für ihren Glauben verfolgt - Christen und Andersgläubige.
Ich bin für meinen Glauben nur Gott gegenüber verantwortlich. Und aus dieser evangelischen Überzeugung heraus kann ich es ertragen, dass andere Menschen anders glauben oder auch nichts glauben. Und ich überlasse es Gott, das Geheimnis der verschiedenen Religionen in unserer Welt irgendwann zu lüften.

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