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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Die Fahnen an öffentlichen Gebäuden stehen auf Halbmast. Das Land und die Kirchen nehmen heute Abschied von vierzehn Frauen und Männern. Sie sind in der Behindertenwerkstatt der Caritas in Titisee-Neustadt durch einen Brand ums Leben gekommen. Viele nehmen Anteil an der Trauer und dem Schmerz der Angehörigen und der ehemaligen Betreuer der Verstorbenen. Die gemeinsame Betroffenheit ist zu spüren, sie tut gut.

Nach dem ersten Schrecken kamen wie immer Fragen auf nach den Ursachen und den Sicherheitsbestimmungen.Doch heute gilt es, der Opfer zu gedenken und unser Mitgefühl auszusprechen - den Angehörigen, den Freundinnen und Freunden, den Mitarbeitern der Caritas in Titisee-Neustadt.

Mitten hinein in das solidarische Gedenken stellt sich immer wieder die Frage nach Gott und warum er so etwas zulässt. Gerade auch bei Menschen, die im Leben ohnehin benachteiligt sind. „Warum?" - Hier gibt es keine vorschnellen Antworten. Vordergründige Vertröstungen und fromme Sprüche helfen erst recht nicht.

Trösten ist eine Kunst des Herzens. Sie besteht oft einfach darin: liebevoll zu schweigen und schweigend mitzuleiden. Was wir können ist, all die Fragen, die Klagen und den Schmerz vor Gott hinzutragen. Und ihm vertrauen - auch wenn vieles unbegreiflich bleibt - dass wir nicht ins Bodenlose, ins Nichts abstürzen. Vertrauen, dass wir bei Gott für immer gut aufgehoben sind. Nicht alle können oder wollen daran glauben - gerade angesichts einer solchen Katastrophe. Auch für sie ist Solidarität und Trost wichtig. Und dass da Menschen sind, die in der Not beistehen und mit aushalten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14289

Immer wieder überrascht es mich, welch kluge Gedanken Menschen bereits viele hundert Jahre vor uns hatten. Keine Frage, dass Menschen auchfrüher  klug und mehr als gescheit waren. Aber dass sich bei Ihnen Gedanken finden, die so haarscharf den Nerv unserer Zeit treffen, die sie so nicht vorhersehen konnten, das fasziniert mich immer wieder.

Solche zeitlos kluge Gedanken  hab ich bei Bernhard von Clairvaux gefunden.Er hatim 12. Jahrhundert gelebt und war Mönch und auch Abt.
Einem guten Freund hat er geraten:

„Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist. Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter.
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und  habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen. Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.  Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, schone dich."

Bernhard von Clairvaux 1090-1153

Das ist eine interessante Alternative -EinKanal- oder eineSchale-sein. Beim Kanal fließt alles durch. Es belastet dich nichts, du behältst nichts für dich. Bei der Schale hingegen wirst Du erst einmal gefüllt - sammelst Du.

Bernhard sagt: „Wenn Du vernünftig bist...erweise dich als Schale...lass dich erst anfüllen, dann gebe weiter."

Tue nicht den zweiten Schritt vor dem ersten, laug' dich nicht ständig selber aus, klingt für mich darin mit. Haushalte mit deinen Ressourcen, sei bereit zu empfangen....und dann fließe gerne über und gib ab von dem was Du empfangen hast, wovon Du erfüllt bist. Das ist  gesünder, für Dich und die anderen. Und es ist liebevoller im Umgang mit Dirselbst und dem anderen, dem Du abgibst von Deiner Zeit, Deiner Fülle.
Bernhard hat das Herzensanliegen seines Meisters - Jesus von Nazareth - gut verstanden, scheint mir. Denn dessen Auftrag war und ist: Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14250

Ich finde es immer wieder beeindruckend/wohltuend, welche Lesehilfen fürs Leben uns die Natur schenkt.
Eine davon sehe ich gerade jeden Morgen, wenn ich das Haus verlasse. Vor unserer Tür steht ein Hortensienstrauch. In diesen Tagen mahnt ermich, dass es nun doch so langsam Zeit wäre, ihn etwas einzupacken, bevor die große Kälte kommt.Gleichzeitig schenkt er mir ein wunderbares Hoffnungszeichen, dass er nicht willens ist, sich unterkriegen zu lassen. Fast alle seiner kräftigen Blätter sind abgefallen und doch hat er schon wieder Knospen hervorgebracht.Fast trotzig ragen sieaus den dürren Ästen. Beides ist sichtbar: die dürren Äste, in denen scheinbar weder Saft noch Kraft stecken...und die Knospen, fest verpackt, die zeigen, dass auch wieder andere Zeiten kommen werden. Aber jetzt ist erstmal Ruhe angesagt. Rückzug. Dieses Bild sagt mir: „ Schau uns an, lern doch was von uns. Wir leben mit  der Jahreszeit und in ihr. Jetzt ist nicht Blühen und Fülle angesagt, sondern Rückzug - sich reduzieren aufs Wesentliche. Lern von uns, lern vom Winter, lernder Stille zu vertrauen, der Sprengkraft des Unsichtbaren.  Es ist schon alles angelegt...es wird wieder Frühling werden - jetzt geht's ums Sammeln, sich sammeln in den Kammern während der Brachzeit.
Da ist für mich viel Wahres drin...und auch Heilsames. Es braucht diese Zeit des Rückzugs, des Leisewerdens, desnicht immer Produzieren-müssens. Nicht nur in der Natur - auch bei uns Menschen.
Und vermutlich passiert da auch in uns mehr, als wir erahnen können, an Wachsen und Reifen in den Kammern unserer Seele. Wenn es denn möglich ist, sich zumindest ein wenig auf den Rhythmus der Natur einzuschwingen. Kälte auszuhalten, das, dass da wenig Farbe ist, dieses viele grau in grau nicht nur als trist, sondern als beruhigend wahrzunehmen - diese Brachzeit anzunehmen und „vom Winter wieder lernen, sich überschneien zu lassen, ohne Furcht."
(Evelin Hasler)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14249

Ich finde es immer wieder bereichernd, welch wunderbare Bilder mir die Natur als Lesehilfe für mein Leben schenkt. Eines davon wird für mich sichtbar, wenn ein Baum gefällt wurde und an seinem Stamm dieJahresringe zu sehen sind. Dieses Bild vor Augen kommen mir  Zeilen von Rainer Maria Rilkein den Sinn:

„... ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn...ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen aber versuchen will ich ihn."

Ich mag dieses Bild und ich mag diese Zeilen. Vielleicht weil aus ihnen soviel Gelassenheit und gleichzeitig Mut und Lebensenergie sprechen.

Das Leben eines Baumes, abzulesen an seinen wachsenden Ringen, ist für mich eine Lesehilfe für menschliches Leben. Von innen nach außen entsteht Jahr um Jahr ein Ring. Nichts geht verloren von dem was gelebt und erlebt wurde. Es ist gespeichert innen drin. Gut geschützt von einer manchmal rauen Rinde. In jedem steckt mehr als man von außen sehen kann an Leben und Geschichte. Freud und Leid.

Jeder Baum führt mit diesen Ringen eine ArtTagebuch über sein Leben, breite Ringe erzählen von guten Jahren mit viel Licht und Feuchtigkeit. Schmale, von eher schlechten - mageren. Es war zu trocken oder zu kalt - zu wenig genährte und umwärmte Zeit.

Und welches Menschenleben kennt solche Zeitennicht auch - fette und magere Jahre - helle und dunkle Tage.


Für mich hat dieses geruhsame von innen wachsen dürfen etwas sehr tröstliches ... Tag um Tag rundet sich mein Leben ... mal mehr, mal weniger. Nicht exakt wie mit einem Zirkel, sondern in einem lebendigen Prozess. Da steckt Energie drin...Lebensenergie.

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Die sich über die Dinge ziehn

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen

Aber versuchen will ich ihn."

In Rilkes Worten steckenviel Mut und Vertrauen. Und wenn es auch Manchen nicht vergönnt ist -  ihr Leben zu vollenden - mancher Baum wird gefällt, mancher Mensch aus dem Leben gerissen - so bleibt die Hoffnung, dass ein Anderer vollendet - rundet, ganz und heil macht, was fehlt und verwundet ist. Doch bis dahin leb ich mein Leben in wachsenden Ringen ...

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14248

Älter werden hat für mich schöne und schwierige Seiten. Ich bin einerseits erleichtert, manches etwas gelassener angehen zu können und mir nicht mehr alles beweisen zu müssen.
Gleichzeitig bemerke ich aber auch, wie meine Spannkraft und Leistungs-fähigkeit nachlassenund mein Körper mir eindeutige Signale gibt, dass ich keine 30 mehr bin. Das macht mich nachdenklich bisweilen auch unruhig. Wird es mir gelingen, gut mit meinen Kräften zu haushalten? Werde ich es schaffen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden? Wofür möchte ich in der zweiten Lebenshälfte meine Lebenskraft einsetzen? Wird man mich und meine Ideen überhaupt noch brauchen können? Mehr Fragen als Antworten. Im Gespräch mit Gleichaltrigen merkeich, dass das Fragen sind, die Viele umtreiben. Mal mehr, mal weniger. Vielleicht auch, weil wir erleben, dass die Generation vor uns nicht nur älter, sondern auch gebrechlich wird und (weg)stirbt - uns vorangeht. Wie wird das sein bei mir? Werde ich überhaupt und wenn ja gut altern? Reifen im besten Sinne des Wortes?. Und all die unbeantwortbaren Fragen gut stehen lassen können - im Vertrauen, dass da Einer ist, der sie mit mir aushält und mein Leben nicht ins Bodenlose fallen lässt?Bei Fragen wie diesen helfen mir Zeilen von Rainer Maria Rilke. Sie ermutigen mich, diesen Reifungsprozess zu leben:

In einem Brief an einen (guten) Freund schreibt er:

... reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt

und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,

ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte.

Er kommt doch.

Aber er kommt nur zu Geduldigen,

die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,

so sorglos, still und weit ...


Man muss Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen

und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben

wie verschlossene Stuben und wie Bücher,

die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.


Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,

ohne es zu merken,

eines fremden Tages in die Antwort hinein."

Rainer Maria Rilke

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14247