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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Na, wie war's gestern Abend?", frage ich meinen Sohn. Wir sitzen beim Frühstück, und ich war gestern Abend nicht zu Hause. „Habt ihr euch vertragen, du und deine Schwester?" „Ja", antwortet mein Sohn, „wir haben nachmittags schon genug gestritten". - Eine witzige Idee, finde ich: Es gibt für jeden Tag ein festgesetztes Maß an Streit, und wenn es voll ist, dann wird für den Rest des Tages einfach nicht mehr gestritten.
Ich finde, an dem Gedanken ist was dran: ein gewisses Maß an Streit darf sein, ja muss sogar sein. Aber wo ist die Grenze? Wann ist streiten ok und wann nicht?
In der Bibel kommt der Streit meistens schlecht weg, insbesondere die Streitsucht (z. B.2. Timotheus 2,24). Die kenne ich auch von meinen Kindern. Da wird manchmal nur gestritten, um gegen den anderen zu sein. Zum Beispiel wenn zwei Filme zur Auswahl stehen. Will meine Tochter den einen Film sehen, entscheidet sich mein Sohn garantiert für den anderen - oder umgekehrt.
Andererseits erzählt die Bibel, dass sogar Jesus gestritten hat. Z. B. bei der Tempelreinigung, als er die Tische der Geldwechsler umgestoßen und die Händler aus dem Tempel vertrieben hat. Aber das hat er nicht aus Streitsucht gemacht. Er wollte, dass der Tempel wieder zu einem Ort wird, an dem man Gott begegnen kann. Ein Haus zum Beten, nicht um Geschäfte zu machen. Dafür hat er gestritten.
Also: Nicht gegen jemanden streiten, sondern für etwas. Ich denke, in diesem Sinn darf man streiten - nicht nur für andere oder ein gute Sache, sondern auch für sich selbst.
Neulich hat mir ein Bekannter erzählt, dass er als Kind mit seinen drei älteren Geschwistern immer um die Schnitzel in der Pfanne streiten musste. Sein ältester Bruder war nämlich der Meinung, dass ihm zwei zustehen und dem Kleinsten gar keins. Da hat er schon früh gelernt, die eigenen Interessen zu äußern und sich dafür einzusetzen. Erwachsene, die das nicht gelernt haben, wissen oft gar nicht, wie sie damit umgehen sollen, wenn sich ein anderer ihr Schnitzel unter den Nagel reißen will. Wenn z.B. die Verantwortung im Beruf, die eigentlich in meinen Aufgabenbereich gehört, ein anderer für sich beansprucht.
Also, jeden Streit vermeiden ist gar nicht unbedingt gut. Es geht darum, auf die richtige Art zu streiten und um die richtigen Dinge: Nicht gegen jemanden, sondern für etwas. In diesem Sinn hat vielleicht tatsächlich auch der heutige Tag sein Maß an Streit.

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Wo finde ich Heimat? Diese Frage beschäftigt offenbar viele Menschen. Es gibt Lieder, Radioreportagen, Filme und Ratgeber, die darauf antworten. Ich selbst lese gerade ein Buch mit dem Titel „Heimat". Offensichtlich sehnen sich viele danach. Und offensichtlich geht es bei der Heimat um mehr als um einen Ort. Mein Buch zum Beispiel hat den Untertitel „Die Kunst bei sich selbst zu Hause zu sein".
Ich habe für mich eine ganz einfache Antwort auf die Frage gefunden: Heimat ist da, wo ich bleiben will. Da, wohin ich auch nach einem schönen Urlaub gerne wieder zurückkehre. Da, von wo es mich nicht wegzieht, und wenn, dann nur für kurze Zeit. Heimat heißt für mich: Hier ist es gut. Zur Heimat gehört also schon ein Ort. Aber Heimat ist beispielsweise auch mein Beruf. Wenn ich das Gefühl habe, das kann ich, das ist zwar auch manchmal anstrengend, aber im Großen und Ganzen fühle ich mich wohl. Und auch die Menschen, mit denen ich lebe sind ein wichtiger Teil von Heimat.
Ich denke, zu Hause sein kann man auch im Glauben. Jesus hat einmal eine Rede vor einer großen Menschenmenge gehalten (Johannes 6,60-71). Aber was er zu sagen hatte, hat Vielen nicht gefallen. „Als sie das hörten, wandten sich viele seiner Anhänger von ihm ab und wollten nicht länger mit ihm gehen", (Johannes 6,66) erzählt die Bibel. Da dreht Jesus sich um zu seinen zwölf Jüngern, also dem engsten Kreis seiner Anhänger, zu denen, die ihm am nächsten stehen, und fragt sie: „Was ist mit Euch, 'wollt ihr auch weggehen?'" Aber Petrus antwortet: „Wohin sollen wir denn gehen? Du hast doch Worte des ewigen Lebens." Die Jünger haben bei Jesus eine Heimat gefunden. Bei ihm sind sie gern, bei ihm wollen sie bleiben.
Ich denke, sich bei Jesus Christus zu Hause fühlen, das kann man auch noch heute. Aus dem gleichen Grund wie die Jünger damals: Er hat Worte des ewigen Lebens. „Ewig" meint dabei nicht etwa „ewig lang", sondern schon eher „ewig gut".
Ich kann Jesus zwar nicht mehr so begegnen wie Petrus und die Jünger, aber ich kann diese Worte des ewigen Lebens in der Bibel nachlesen. Sie sagen mir, worauf es im Leben ankommt und worauf nicht. Sie sagen mir auch, dass mein Leben mehr wert ist als das, was ich leisten kann. Und sie erzählen mir, dass mein Leben nicht mit dem Tod zu Ende geht, sondern dass ich eine Perspektive haben kann, die über dieses Leben hinausgeht. Wenn ich solche Worte lese, dann fühle ich mich im Glauben und auch bei mir selbst zu Hause.

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Manchmal platzt mir einfach der Kragen. Wenn meine Kinder miteinander streiten z. B., wenn sie so gar nicht miteinander umgehen, wie das Geschwister meiner Meinung nach tun sollten. Dann steigt plötzlich der Zorn in mir hoch und ich brülle den Hauptschuldigen an. Der Streit ist dann zu Ende, aber es geht mir nicht gut nach so einem Wutausbruch. Zorn fühlt sich schlecht an.
In der Bibel ist auch oft vom Zorn die Rede, offensichtlich ein altes Problem. Und ich habe dort Ratschläge gefunden, die ich hilfreich finde. Zum Beispiel den hier: „Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn." (Jakobus 1,19  Elberfelder Übersetzung).
„Schnell zum hören - langsam zum Zorn". Interessant: Das Gegenteil von zornig sein, ist also nicht etwa freundlich sein, sondern zuhören. Erst mal zuhören, erst mal auf den, der sich so unmöglich verhält, achten, und auf die Gründe, warum er sich so verhält.
Vielleicht fällt mir dann ein, dass eines meiner Kinder heute in der Schule eine schlechte Note zurückbekommen hat, sehr enttäuscht war und sich dieser Frust grade Bahn bricht. Oder mir fällt auf, dass ich ähnliche Streitereien auch schon viel gelassener sehen konnte. Und ich muss mich dann fragen, ob der Grund für meinen Ärger überhaupt bei meinen Kindern und nicht ganz woanders liegt. Vielleicht in einem Konflikt im Beruf, der mich grade beschäftigt oder in einer Aufgabe, die mich stresst. Also: Zuerst geduldig sein, zuhören und nachdenken. Erst dann sollte ich entscheiden, wie ich reagiere.
Wenn mir das gelingt, dann bin ich schon ein Stück weg vom Zorn. Denn Zorn ist immer impulsiv, da denke ich nicht nach. Da mache nicht ich etwas, sondern da passiert etwas mit mir. Da packt mich eben der Zorn. Wenn ich dagegen so eine Denk- und Zuhörpause einlege, dann gewinne ich die Kontrolle über mich und die Situation zurück.
Es kann gut sein, dass ich mich dann trotzdem noch ärgere und auch entsprechend reagiere. Ich werde dann meinen Kindern gegenüber laut, aber nicht, weil ich mich nicht im Griff habe, sondern, um ihnen zu zeigen, dass sie eine Grenze überschritten haben. Oder anders formuliert: Ich darf auch mal brüllen, aber ich sollte mir vorher was dabei gedacht haben.

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Hägar, der Schreckliche, badet nur ein Mal im Jahr. Hägar ist ein Wikinger, von dem ich jeden Morgen eine witzige Bildergeschichte in der Zeitung finde. Neulich musste ihm seine Frau wieder einmal erklären, wozu Seife eigentlich gut ist. - Wahrscheinlich stimmt dieses Gerücht über Ritter und Wikinger und ihren jährlichen Badetag gar nicht. Aber immerhin: Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es einen einzigen Badetag in der Woche, meistens samstags. Heute duschen viele täglich. Wir sind hygienischer geworden.
Aber wie sieht es mit der inneren Sauberkeit, der Hygiene für die Seele aus? Der Prophet Jeremia hat den Menschen seiner Zeit geraten: „Wascht (auch) euer Herz" (Jeremia 4, 14). Für dieses „Waschen des Herzens" kennt die Bibel ein eigenes Wort: „Buße tun". „Buße" ist eng verwandt mit dem Wort „besser". Buße tun heißt also: sich verbessern. Ein besserer Mensch werden - nicht in dem Sinn, dass ich moralischen Regeln entspreche, sondern, dass ich mich dem annähere, wie Gott sich mein Leben optimalerweise gedacht hat - optimal vor allem für mich.
Wie das geht? Zum Beispiel, indem ich mir darüber Gedanken mache, mit welchen Verhaltensweisen ich mir und anderen schade und wie ich das ändern kann. Buße heißt aber genauso, dass ich mir überlege: Wo habe ich Schätze - Talente und Stärken -, die irgendwie verkümmern, die ich aber eigentlich nutzen könnte, für mich und für andere?
Aber während die Körperpflege immer mehr zugenommen hat, scheint es mit dem Waschen des Herzens fast umgekehrt zu sein. Buße ist aus der Mode gekommen. Dabei hat schon  Martin Luther 1517 in seinen 95 Thesen empfohlen, die Menschen sollten „das ganze Leben", jeden Tag, Buße tun, also: nach einem besseren Lebensweg suchen. In den folgenden Jahrhunderten gab es deshalb in vielen Fürstentümern monatliche oder immerhin vierteljährliche Bußtage, die schließlich auf einen Tag im Jahr reduziert wurden: den heutigen Buß- und Bettag. Der wurde 1994 als gesetzlicher Feiertag abgeschafft, und so hat die Buße noch einmal an Bedeutung verloren. Ob das gut ist für den Pflegezustand der Seele?
Hägar, der Schreckliche, badet nur einmal im Jahr, aber man kann es auch so sehen: immerhin badet er. Sicher ist es sinnvoll, sich öfter zu fragen: „Wie kann mein Leben besser werden?" Aber ein fester Termin im Jahr hilft immerhin, die Frage nicht ganz zu vergessen. Mit anderen zusammen kann man sie sich heute Abend in vielen Buß- und Bettagsgottesdiensten stellen. Vielleicht gibt es auch einen in Ihrem Ort.

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Im November 1982, also vor ziemlich genau 30 Jahren ist Isabell Zachert gestorben. Sie war 16 Jahre alt und hatte Krebs. Ihre Mutter Christel hat zehn Jahre nach ihrem Tod ein Buch geschrieben, in dem sie sich an das letzte Lebensjahr ihrer Tochter - von der Diagnose bis zur Bestattung - erinnert. Diese Erinnerungen stehen Briefe zur Seite, die Isabell während ihrer Krankheit bekommen und geschrieben hat. Das Buch heißt „Wir treffen uns wieder in meinem Paradies".
Auf dem Einband ist die kranke Isabell mit kahlem Kopf zu sehen. Nachdem ich es gekauft hatte, lag das Buch einige Tage auf meinem Schreibtisch, bevor ich angefangen habe, es zu lesen. Obwohl es mich interessiert hat, hat es mich doch ein bisschen Überwindung gekostet.
Ich denke diese Berührungsangst kennen viele Menschen. Mit Sterben, Krankheit und Tod beschäftigt man sich nicht gerne. Noch schwerer fällt es, sterbenskranken Menschen zu begegnen. Isabell hat das zum Beispiel erlebt als sie nach längerer Zeit der Therapie wieder einmal in ihrer Schulklasse war. „Ich habe das Gefühl, am falschen Platz zu sein, also ob es den anderen peinlich wäre, dass ich wieder da bin, als ob sie mich ignorieren", hat sie einer Freundin geschrieben (S. 101).
Ich denke, solche Berührungsängste, wie Isabell sie erlebt hat, sind verständlich: Man weiß nicht, was man sagen soll, wie man helfen kann und man hat Angst, etwas falsch zu machen. Aber eigentlich muss man diese Angst gar nicht haben. In dem Buch wird deutlich: Isabell hat von ihren Besuchern gar nicht erwartet, dass sie sich ständig mit ihr über die Krankheit unterhalten und weise Ratschläge von sich geben. Ihre Mutter erinnert sich: Die schönsten Momente waren für Isabell, wenn sie abgelenkt wurde. Als zum Beispiel eine Freundin mit einem Koffer voller Klamotten vorbei kam und die beiden einen Nachmittag lang Spaß hatten, sich zu verkleiden und in die verschiedensten Rollen zu schlüpfen.
Ich finde das Buch von Christel Zachert macht Mut, die Berührungsängste zu überwinden. Mir hat es gezeigt: Schwerkranke wünschen sich vor allem Kontakt mit dem Leben. Dass die Besucher Leben mitbringen und mit ihnen fröhlich sind, so gut sie können. Und nachdem ich das Buch gelesen habe, denke ich: Einen Schwerkranken zu besuchen, ist vielleicht leichter als ich mir vorgestellt habe.

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Was bleibt von einem Menschen, wenn er gestorben ist. Eine junge Frau, die heute vor fast 800 Jahren begraben worden ist, zeigt mir: Auch von einem kurzen Leben kann viel ausstrahlen.
Ich denke an Elisabeth von Thüringen. Ihr Name steht bis heute in manchen Kalendern und die Kinder lernen in der Schule ihre Geschichte. Offenbar war sie für viele Menschen über die Jahrhunderte hinweg bemerkenswert.
Elisabeth ist nur 24 Jahre alt geworden. Aber mich fasziniert, wie viel Leben in dieser kurzen Zeit steckt: Geboren als Prinzessin verlässt sie schon mit vier Jahren ihre Eltern. Sie ist dem künftigen Landgraf von Thüringen versprochen und soll bei dessen Familie auf der Wartburg aufwachsen. Aber ihr zukünftiger Mann stirbt. Elisabeth heiratet dessen Bruder Ludwig und findet mit ihm die Liebe ihres Lebens. Aber auch Ludwig stirbt bald als Ritter auf einem Kreuzzug. Ohne ihren Mann wird Elisabeth zur Zielscheibe von Intrigen. Ihr Schwager vertreibt die junge Witwe mit ihren drei kleinen Kindern von der Burg. Elisabeth findet Unterschlupf in einem alten Schweinestall. Ihre Tante bringt sie in Sicherheit. Elisabeth soll jetzt die Frau des Kaisers werden, aber sie bleibt ihrem Mann bis über den Tod hinaus treu. - Eine tolle Liebesgeschichte, wenn auch eine traurige.
Eine Liebesgeschichte ist Elisabeths Leben auch in anderer Hinsicht: Ihr Leben lang hat sie sich für die Armen eingesetzt. Ihnen hat sie nicht nur durch Almosen geholfen, sondern sie hat auch den Kontakt zu ihnen gesucht und Kranke ohne Berührungsängste gepflegt. Während einer Hungersnot hat sie die Kornreserven der Burg an die Armen verteilt. Nachdem sie nicht wieder heiraten wollte, hat Elisabeth in Marburg ein Spital, eine Art Krankenhaus, gegründet. Dort hat sie nicht als Leiterin sondern als einfache Schwester gelebt und bis zu ihrem frühen Tod die Kranken aufopferungsvoll versorgt. - Ich denke, wegen dieser Liebe zu den Bedürftigen erinnert man sich heute noch an Elisabeth.
Was bleibt von einem Menschenleben? Der Apostel Paulus schreibt im ersten Korintherbrief: Es „bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen." (1. Korinther 13,13). An Elisabeth von Thüringen kann ich sehen, dass das tatsächlich stimmt. Hätte sie so gelebt, wie die anderen Gräfinnen ihrer Zeit, wäre sie längst vergessen. Elisabeth zeigt mir: Nicht die Länge eines Lebens entscheidet darüber, was bleibt, sondern, womit ich mein Leben fülle.

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