Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Frieden ist nur möglich, wenn es allen gut geht. Um diesen Gedanken kreist ein Rundschreiben von Papst Johannes XXIII. zum Thema Frieden. Er hat es als sterbenskranker Mann geschrieben, vor fast 50 Jahren. Frieden ist nur möglich, wenn es allen gut geht. Auch wenn dieser Satz vielleicht simpel klingt und unerreichbar scheint, das Schreiben von Johannes XXIII ist alles andere als naiv. Denn er geht aus von dem, was wir heute Globalisierung nennen. Daß wir weltweit Handel treiben mit Gütern, Ideen und menschlicher Arbeitskraft. Daß Menschen sich mit Flugzeug, Bahn oder Schiff um die ganze Welt bewegen. Und daß deshalb alles mit allem zusammenhängt. Wie es den Menschen materiell geht, ob sie frei denken und sich bewegen können in ihrem Land und in Ruhe und Sicherheit leben. Wo Krieg oder Not herrscht, begehren die Menschen auf oder fliehen in andere Länder.

Das ist ein praktischer Grund, um das Wohl aller besorgt zu sein. Nicht das Gleichgewicht des Schreckens, nicht die Macht des Stärkeren bringen auf Dauer Frieden. Auch nicht, wenn die reicheren Länder sich abschotten. Friede hat dann am ehesten eine Chance, wenn alle mindestens das Lebensnotwendige haben.

Ich lese solche Gedanken, finde sie richtig - und bin doch gleichzeitig mutlos. Ganz anders Papst Johannes. Sein Schreiben klingt durch und durch positiv, fast optimistisch, auch wenn er auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges in großer Sorge ist und selbst schon Kriege erlebt hatte. Im Ersten Weltkrieg war er Sanitätssoldat, den Zweiten Weltkrieg hat er auf dem Balkan und in Frankreich erlebt. Trotzdem glaubt er in erstaunlicher Weise an die Menschen, an ihre Vernunft und ihre moralische Kraft. Er ist nämlich davon überzeugt, daß Gott allen Menschen Vernunft und Gewissen gegeben hat. „Denn", so beginnt ein kühner Satz in seinem Schreiben, „denn was Gott auch immer gemacht hat, das offenbart seine unendliche Weisheit".(Pacem in Terris, 5) Etwas vereinfacht gesagt: Der Papst glaubt an die menschliche Kraft zum Frieden, weil er an Gott glaubt, der die Menschen erschaffen hat.

Hier spricht einer, der selber schon viele Friedensschritte gegangen ist und dabei auf die Menschen und auf Gott vertraut hat.

Ich finde es wichtig, solche Worte immer wieder zu hören, auch wenn es schwer ist, ihre Zuversicht zu teilen. Johannes XXIII. schließt sein Schreiben mit dem Satz: „Allen Menschen guten Willens ...erflehen wir Heil und Segen von Gott, dem Allmächtigen." (ebda 172)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13989

Am Anfang der Bibel wird erzählt, wie Gott die Welt erschaffen hat. Es wird gleich zweimal erzählt, dummerweise ziemlich verschieden. In Kapitel 1 im 1. Mosesbuch erschafft Gott die Welt in 6 Tagen und ruht sich am siebten Tag aus, in Kapitel 2 braucht er nur einen Tag dazu. In der ersten Erzählung ist die Erde am Anfang von Wasser bedeckt, in der zweiten Erzählung herrscht am Anfang völlige Trockenheit.
Welcher Bericht von beiden ist nun wahr? Irren etwa beide? Kann man der Bibel überhaupt glauben? Wie kann man ihrer Wahrheit auf die Spur kommen?Diese Fragen haben sich vor gerade 50 Jahren auch die katholischen Bischöfe aus aller Welt gestellt, beim Zweiten Vatikanischen Konzil in Rom. Sie sind zu dem Ergebnis gekommen: Will man richtig verstehen, was ein biblischer Text aussagt, so muß man genau darauf schauen, wer da geschrieben hat, wo und zu welcher Zeit. Die Bibel ist ja eigentlich eine Bibliothek, entstanden in mehr als 1000 Jahren.Zum Beispiel: im Orient, wo die Bibel geschrieben wurde, war es nicht üblich, eine wichtige Sache in knappen Sätzen mitzuteilen, etwa: Gott hat die Welt erschaffen. Sondern Orientalen erzählen eine Geschichte, am besten mehrere Geschichten, oft bunt und mit Liebe zum Detail. So wollen sie zeigen, mit welcher Liebe und welchem Reichtum der große Gott die Welt bis ins Kleinste ins Leben gerufen hat. Und so finden eben im ersten Buch der Bibel zwei Schöpfungsgeschichten Platz: In der einen Geschichte drücken Menschen, die lange in der Wüste gelebt haben, ihren Glauben an den Schöpfer aus - „Gott hatte noch nicht regnen lassen", heißt es da zu Beginn. Da ist der schöpfungswillige Gott also erst einmal mit Trockenheit konfrontiert. Und die andere Geschichte wurde von Menschen verfaßt, die in einer Gegend mit ausreichend Wasser leben. Sie fangen an mit dem Satz: „Der Geist Gottes schwebte über den Wassern". Beide wollen dasselbe ausdrücken: Gott hat die Welt erschaffen, und wir sind verbunden mit ihm und mit allem. Die Bibel ist Gottes Wort in menschlichen Worten. Das haben die Bischöfe und Theologen im Zweiten Vatikanischen Konzil ausdrücklich gesagt. Sie haben alle am Glauben Interessierten ermutigt, in der Bibel zu lesen. Und dabei auch ihren eigenen Fragen zu folgen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13988

Wie lässt sich herausfinden, was Gott will? Diese Frage hat Papst Johannes XXIII. zeitlebens beschäftigt. Und ihn wohl auch veranlasst, vor ziemlich genau 50 Jahren ein Konzil nach Rom einzuberufen, einen Versammlung von katholischen Bischöfen und anderen Christen aus der ganzen Welt. Unzählige Menschen haben ihn liebgewonnen, vielleicht weil sie gespürt haben, dass er selber ehrlich gesucht und gefragt hat. Wenig bekannt ist, daß Angelo Roncalli, so sein bürgerlicher Name, sein Leben lang intensiv Geschichte studiert hat. Um seine eigene Zeit zu verstehen, wollte er unbedingt wissen, was früher war. Wie ist die Kirche so geworden, wie sie ist? Und weil er viele Jahre auf dem Balkan und in Frankreich gelebt hat, hat ihn natürlich auch die Geschichte Europas interessiert. Je mehr er von der Vergangenheit wusste, desto wichtiger ist ihm die Gegenwart geworden. Dabei war er nicht einer, für den früher alles besser war. Im Gegenteil. Er hat sich sogar heftig gewehrt gegen Menschen, die so dachten. Roncalli hat in jeder Zeit Gott wirksam gesehen. Auf diesem Weg ist er auch zu dem Begriff „aggiornamento" gekommen. Das Wort bedeutet: auf der Höhe des jeweiligen Tages sein, auf der Höhe der Zeit sein. Und das genau wollte Johannes XXIII. Im Konzil ist aus diesem Anliegen ein langer Text entstanden, geschrieben nicht nur für die Katholiken, sondern gerichtet an alle Menschen. Darin heißt es: Die Kirche muß „nach den Zeichen der Zeit ..forschen und sie im Licht des Evangeliums   deuten" (Pastoralkonstitution „Die Kirche in der Welt von heute", Art.4)
Und dann wird davon gesprochen, dass die einzelnen Teile der Welt immer mehr miteinander verflochten sind, dass Familien sich verändert haben, dass wir oft ratlos sind mit uns selber, dass immer noch unzählige Menschen hungern, dass wir atemberaubende technische Möglichkeiten haben mit allen Risiken und Chancen. Mit diesem Wissen wollte das Konzil sehen, was die Menschen von heute freut und was sie traurig macht, hören, worauf sie hoffen und wovor sie Angst haben. Und gemeinsam nach Wegen suchen. An vielen Stellen in der Kirche geschieht das, es könnte noch viel mehr geschehen. Mich beeindruckt und ermutigt es, dass Papst Johannes XXIII. in jeder Zeit Gott wirksam gesehen hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13987

Rom, Oktober 1962. Die katholischen Bischöfe aus der ganzen Welt sind im Petersdom versammelt, um buchstäblich über Gott und die Welt zu beraten. Zusammengerufen hatte sie Johannes XXIII., einer der beliebtesten - vielleicht auch beleibtesten - Päpste der Kirchengeschichte. Sein Gedanke war: Die Kirche muß die Zeichen der Zeit erkennen, z.B. die sozialen Veränderungen und die veränderte Stellung der Frau. Weil die Welt sich verändert hat, muß die Kirche mehr auf die Menschen hören und mit neuen Worten von Gott sprechen. Denn die Kirche ist für die Menschen da, für ihre Probleme. Aus diesem Grund hat das Konzil Stellung genommen zu vielen praktischen Fragen, z.B. zu Arbeit, Zusammenleben, Wissenschaft, Politik, Erziehung, Wirtschaft.
Dabei kreisen die Bischöfe immer wieder auch um die grundsätzliche Frage: Was denken wir vom Menschen? Und ihre Antwort heißt: Der Mensch ist ein Geheimnis, und das Geheimnis des Menschen klärt sich nur im Geheimnis Gottes.Ein schwieriger Satz! Wie soll ein Geheimnis das andere erklären? Und es stimmt ja, dass jede Frau, jeder Mann, jedes Kind ein Geheimnis ist. Wer versteht sich selber schon ganz! Wer versteht schon einen anderen ganz. Das Konzil sagt auch nicht: Wer an Gott glaubt, versteht die Menschen. Aber umgekehrt: wer sich selber annähernd verstehen will, muss auch nach Gott fragen. Kein Mensch ist allein aus sich heraus zu verstehen. Ich habe einen Körper, groß, klein, dick oder dünn, bin optimistisch oder eher pessimistisch, eher praktisch oder eher zum Nachdenken veranlagt. All das bin ich - aber nicht nur. Was ich tue und ausstrahle, kennzeichnet mich, aber ich bin doch mehr als die Summe meiner Taten und Wirkungen, der guten wie der schlechten.Es gibt - das will das Konzil wohl sagen - eine menschliche Würde, die woanders herkommt, nämlich aus Gottes Liebe zu jedem Menschen.Diese Würde kann keiner verdienen. Niemand muss sie erkämpfen. Keiner kann sie einem andern wegnehmen. Wahrscheinlich kann auch niemand seine eigene in Gott begründete Würde selber zerstören. Wo die Kirche darauf pocht und selber danach handelt, tut sie auch heute viel für die Menschen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13986

Vielleicht hätte er auch ein Ketzer werden können. Angelo Roncalli, später Papst Johannes XXIII.. Im Oktober 1962 hat er das Zweite Vatikanische Konzil einberufen. In seine Studienzeit als junger Theologe fiel der sogenannte Modernismusstreit in der Kirche. Dabei ging es um die Beziehung zwischen modernen Wissenschaften und den Aussagen des Glaubens und der Theologie. Zum Beispiel: Wie verhalten sich die biblischen Schöpfungsgeschichten zu dem, was die Wissenschaft über die Entstehung der Welt sagt? Anfang des 20. Jahrhunderts durfte man in der katholischen Kirche solche Fragen nicht stellen. Theologen, die es trotzdem taten, wurden von der Kirche bestraft. Damals hat man in Rom auch eine erste Akte über den jungen Angelo Roncalli angelegt. Er sollte ein verbotenes Buch gelesen haben, und er hatte Kontakt mit verdächtigen Theologen. Als Papst hat Roncalli seine Akte dann einmal in die Hand bekommen und darin tatsächlich eine Postkarte gefunden, die er viele Jahre zuvor an einen Bekannten geschrieben hatte, der kirchlich in Ungnade gefallen war.
Glaube und Wissen, die Angst vor neuen Gedanken - das sollte ein wichtiges Thema in seinem Leben werden. Und die Frage, wie wir in der modernen Welt glauben können, war wohl auch ein Anlaß für das Zweite Vatikanische Konzil. Johannes hat einmal erzählt, was ihn bewogen hat 1962 alle Bischöfe der Welt nach Rom zu rufen. Dabei ist ihm jene Geschichte aus der Bibel wichtig, in der die Jünger nachts auf dem See Gennesareth plötzlich Jesus sehen. Der Apostel Petrus bittet: „Lass mich auf dem Wasser zu dir kommen." Als Jesus antwortet: „Komm!", steigt Petrus aus dem Boot und geht auf Jesus zu. Auf halber Strecke bekommt Petrus Angst und droht zu sinken. Er schreit um Hilfe, und Jesus rettet ihn.Diese Geschichte bezieht Papst Johannes auf sich: „Ich bin aus dem Boot gestiegen", sagt er, „und ich gehe übers Wasser Christus entgegen, der uns ruft. So muss sich auch die Kirche aus ihren Gewissheiten lösen. Sie muss die Sicherheit des Bootes verlassen und ihrerseits über das Wasser gehen. Es ist Nacht. Es ist stürmisch, die Angst ist da. Aber wir dürfen nicht wieder zurück. Die Kirche ist dazu gerufen, sich der Welt zu stellen." Das wollte Johannes: Sich der Welt stellen. Die Kirche darf auch heute nicht sitzen bleiben im sicheren Boot des eigenen Glaubens. Christus steht schon außerhalb des Bootes inmitten der Wellen und Stürme.  

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13985

Lebensgeschichten können die große Geschichte prägen. Das gilt ganz sicher für Papst Johannes XXIII. Mit 78 und schon sehr krank hat Johannes das Zweite Vatikanische Konzil einberufen, fast auf den Tag heute vor 50 Jahren. Es war wie die Summe seines langen Lebens. Sein Weg hatte ihn u.a. nach Bulgarien und Griechenland, in die Türkei und nach Frankreich geführt. Von 1925 - 1952 war er in diesen Ländern Diplomatischer Vertreter des Vatikans und knüpfte viele Kontakte zu evangelischen und orthodoxen Christen, zu Juden und Muslimen, ebenso zu Menschen, die keiner Religion angehörten. Damals hat er im Gottesdienst sogar auch in türkischer Sprache gebetet.
Die Wirkung dieser Jahre zeigte sich im Konzil. Zum 1.Mal waren Vertreter aus allen 5 Erdteilen dabei, außerdem evangelische Beobachter. Zum 1. Mal hat auch ein Konzil darauf verzichtet, Lehren für falsch zu erklären und ihre Vertreter zu verurteilen. Stattdessen wollte man den eigenen Glauben positiv darlegen und die Wahrheit auch im Denken anderer sehen.„Wir wenden uns ... allen zu, die Gott anerkennen und in ihren Traditionen wertvolle Elemente der Religion und Humanität bewahren, und wir wünschen, dass ein offener Dialog uns alle dazu bringt, die Anregungen des (Heiligen) Geistes treulich aufzunehmen und mit Eifer zu erfüllen." (Gaudium et spes, 92) heißt es in einem Konzilstext. Die Bischöfe beschließen sogar eine „Erklärung über die Religionsfreiheit" und sagen darin, dass die Menschen nur freiwillig glauben können und dass niemand zum Glauben gezwungen werden darf. (vgl.Dignitatis humanae, 10) Ähnlich begegnet das Konzil den Gläubigen anderer Religionen. Es sagt: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist." (Nostra aetate, 2) Am engsten verbunden sehen sich die Bischöfe naturgemäß mit den Gläubigen der anderen christlichen Konfessionen. Und sie sagen: Die Verbundenheit wiegt schwerer als das Trennende.Hier finden sich frühe Gedanken von Papst Johannes wieder. Pfingsten 1944 hatte er in Istanbul vor einer bunt gemischten Gemeinde gepredigt, daß im Lichte des Evangeliums die trennenden Gedanken nichts gelten. Wörtlich hat er gesagt: „Jesus ist gekommen, um alle diese Schranken niederzureißen." (zit. Peter Hebblethwaite, Johannes XXIII., Zürich 1986, 255)    Heute, 50 Jahre nach dem Konzil, bleibt hier noch sehr vieles zu tun.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13984