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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Für Entscheidungen braucht man Zeit. Zeit und Ruhe. Wenn ich herausfinden muss, was ich eigentlich will und was ich richtig finde - dann geht das normalerweise nicht von jetzt auf gleich. Und auch nicht, wenn dauernd irgendwer auf mich einredet, weil er mir raten will.
Wie soll das weitergehen mit meiner festgefahrenen Partnerschaft, sollen wir es noch mal probieren? Will ich das? Und meine berufliche Situation? Ist es wirklich gut, so weiter zu machen?
Für solche Fragen braucht man Zeit und Ruhe. „In der Ruhe liegt die Kraft" sagen manche. Ich glaube, das stimmt, jedenfalls für die Kraft, sich zu entscheiden. Diesen Rat hat schon einer der Propheten, Jesaja, den Menschen in seiner Zeit gegeben. Eine schnelle und effektive Lösung hatte man ihnen für ihre Probleme versprochen. Aber Jesaja, der Prophet, der im Namen Gottes redet, der versucht, sie zu bremsen. „Durch Stillsein und Hoffen würdet ihr stark sein" (Jes 30, 15) erinnert er sie. Damals hat das nichts genützt. Mit überstürzten Entschlüssen haben die Leute genau das falsche gemacht.
Stillsein macht stark: Ich finde, das ist ein guter Rat. Sei mal eine Weile still. Hör mal in dich rein. Dann kannst du abwägen, was die anderen dir raten. Und selber einen Weg finden.
Natürlich muss man mit anderen reden. Ihren Rat hören und ihre Erfahrungen. Aber dann braucht man eben auch Ruhe. Stille. Damit man nicht einfach überredet wird von den anderen. Sondern in Ruhe nachdenken kann: Was ist überzeugend? Was passt zu mir? Was scheint mir gut und richtig?
In der Stille kann man auch versuchen, zu beten. Mal aussprechen, was einem durch den Kopf geht. Dann sortiert sich schon manches. Vielleicht auch hinhören. Nicht bloß in sich hinein, sondern auf Gott. Manchmal kann man seinen Rat hören. Nicht wie eine Stimme vom Himmel. Aber vielleicht in den Stimmen, die von weither kommen. Wenn einer aus der Bibel vorliest. Oder wenn gesungen wird: „Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft, sei in uns, uns zu erlösen." Manchmal lösen solche Worte etwas aus, lösen den Knoten und dann ist die Entscheidung da. Meine Entscheidung. Und das Vertrauen Gott wird mir beistehen.
Weil Entscheidungen Ruhe brauchen, gehen manche ab und zu für ein paar Tage ins Kloster. Anderen reicht schon ein Gottesdienst. Ich sitze manchmal samstags für eine Weile in der Kirche, wenn ich sowieso auf dem Wochenmarkt bin. Da sind oft noch mehr Leute, die ihre Taschen abstellen und eine Weile da sitzen. Manche zünden eine Kerze an. Ich finde, das ist eine gute Zeit um Ruhe zu finden. Und was vorher so schwierig war und mich bedrückt hat hinterher scheint es mit viel leichter. Und dann wird Sonntag.

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„Ihr lernt das nicht für die Schule. Was ihr hier lernt, lernt ihr fürs Leben." Das habe ich von meinen Lehrern gehört, wenn die Motivation zu wünschen übrig ließ bei der Elektrizitätslehre, beim Dreisatz oder bei den Vokabeln. Wahrscheinlich haben es meine Eltern auch schon gehört und meine Kinder sind auch mit diesem Spruch aus der Schule nach Hause gekommen: „Ihr lernt nicht für die Schule. Ihr lernt fürs Leben."
Stimmt. Manches, was ich in der Schule gelernt habe, brauche ich bis heute, jedenfalls ab und zu. Englisch z.B., Geographie und Prozentrechnung - obwohl, da haperts bei mir ehrlich gesagt immer noch. Und die Diskussionen in Deutsch oder Religion, wo man gemerkt hat: Nicht auf alles, was im Leben passieren kann, findet man gleich eine passende Antwort. Da muss man genau nachdenken und am besten mit anderen zusammen überlegen.
Also doch eine ganze Menge, was ich in der Schule gelernt habe. Allerdings: Wie das Zusammenleben von Menschen gut werden und was ich dafür tun kann davon habe ich in der Schule wohl in Büchern gelesen. Aber ausprobieren konnte man das da nicht. Herausfinden kann man das eigentlich nur im richtigen Leben. Am Nachmittag mit den Freunden. Auf dem Sportplatz, im Schwimmbad, am Küchentisch. Miteinander gut auskommen, das lernt man im Leben  nicht in der Schule
Inzwischen gehen viele Schüler den ganzen Tag in die Schule. Damit sie trotzdem das Zusammenleben ausprobieren und lernen können, gibt es zum Beispiel Kooperationsprojekte von kirchlicher Jugendarbeit und Schule. Da lernen ältere Schüler für jüngere eine Hausaufgabenbetreuung zu organisieren, oder Pausenspiele für Grundschüler zu betreuen oder wie man ein Schülercafe gründet. Dass das Klima an der Schule besser wird, wenn man sich einsetzt und aktiv mitmacht, das spüren die, die es ausprobieren. Wer da mitmacht, der gewinnt soziale Kompetenz und Selbstbewusstsein. Ich glaube: Da lernen die Schüler etwas, was sie später im Leben brauchen können. Wer sich einmal getraut hat, einen Besuchsnachmittag im Altenheim zu organisieren oder einen Raum der Stille an seiner Schule einzurichten, der traut sich auch später etwas zu, und sieht schnell, worauf es ankommt.
Wir Christen glauben, dass Gott uns Menschen dazu braucht, die Welt zu gestalten. Deshalb bieten die Kirchen solche Projekte für Schüler an. Da kann man lernen und probieren und üben, die Welt ein bisschen besser zu machen. In der Schule  für die Schule. Und für das Leben danach.

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Was ist das Wichtigste, was ein Kind lernen sollte? Ich hatte neulich ein Frühförderungsprogramm für Kinder in der Hand. „Malen ab zwei" gab es da, „Chinesisch ab drei". Und Schwangere sollten viel Mozart hören, das fördert die geistige Entwicklung der Kinder.
Bei den Säuglingen fängt es an und in Kindergarten und Schule geht es weiter. Kinder sollen lernen so viel wie möglich und so früh wie möglich. Es ist gut, wenn sich die Eltern darum kümmern und schlimm für die Kinder, dass manche es nicht tun.
Aber: Was sollen die Kinder lernen? Chinesisch oder doch lieber Englisch? Klavier oder Informatik?
Was das Wichtigste ist, was man unbedingt wissen und können muss, das hat man damals auch Jesus gefragt. Was ist das wichtigste Gebot, was muss ich unbedingt beachten, damit ich gut durchs Leben komme? Und Jesus hat zwei Dinge genannt, nämlich: „Du sollst Gott lieben aus ganzem Herzen, und deinen Mitmenschen wie dich selbst." (Mk 12, 28-31)
Das ist das Wichtigste. Das gibt einem ein Fundament fürs Leben. Und man begreift, was der Sinn ist. Warum man lernt und arbeitet. Dann kann man Chinesisch lernen, Englisch oder Klavierspielen. Weil es schön ist und Freude macht, etwas zu können. Und weil man anderen damit helfen und ihnen Freude machen kann.
Mir leuchtet das ein. Gott lieben, das heißt ja, ihm zu vertrauen. Darauf zu vertrauen, dass er mein Leben begleitet, dass er mich nicht fallen lässt, auch wenn ich es vielleicht nicht so hinkriege, wie ich es gehofft habe. Wenn womöglich irgendwann Chinesisch, Englisch und Informatik nicht mehr weiter helfen: Gott hält auch dann zu mir. Er fängt mich auf. Wer darauf vertrauen kann, der knickt nicht ein, wenn der Lebensweg holprig wird. Wenn Kinder das lernen und glauben können: ich glaube, dann sind sie für das Leben gut ausgerüstet.
Und dann noch das andere. Den Mitmenschen lieben. Und geliebt werden. Freunde haben. Ich glaube, das ist das Wichtigste im Kindergarten und in der Schule: Dass die Kinder Gelegenheit haben Freunde zu werden. Besonders dann, wenn sie ja häufig den ganzen Tag in der Schule sind oder in der Kita. Dann sollten sie dort Freunde finden. Wer Freunde hat, auf die er sich verlassen kann, der muss sich nicht fürchten. Und wer sich nicht fürchtet, ist dem Leben gewachsen.
„Du sollst Gott lieben aus ganzem Herzen, und deinen Mitmenschen wie dich selbst." Gottvertrauen und Freunde haben - das ist das Wichtigste, was ein Kind lernen sollte. Wir Eltern und Großeltern sollten schauen, wo sie das lernen können.

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Nehmen wir mal an, in drei Wochen ginge die Welt unter. Was würden wir dann noch tun bis dahin? Sie und ich? Im Kino habe ich jetzt einen Film gesehen, der davon handelt . Was tun Menschen, wenn sie wissen, dass demnächst alles zu Ende sein wird. In dem Film machen manche in ihrer Ratlosigkeit und Verwirrung Dienst nach Vorschrift, verkaufen weiter ihre Versicherungen. Andere lassen es noch mal richtig krachen. Es kommt ja nicht mehr darauf an. Einer macht sich auf den Weg zu seiner ersten großen Liebe. Die will er noch mal sehen, bevor die Welt untergeht. Seine schrullige, weinende Nachbarin nimmt er mit. Die hat Heimweh nach ihrer Familie und sucht ein Flugzeug, das sie Heim bringt. Beide wollen sie die letzten Tage mit den Menschen verbringen, die sie lieben. Nur das scheint ihnen noch wichtig. Und im Film kommt es, wie es kommen muss: Die beiden finden einander und damit das, was sie gesucht haben: einen Freund für das Ende der Welt. So heißt auch der Film: „Auf der Suche nach einem Freund für das Ende der Welt". Nur das zählt, sagt dieser Film. Wenn man Menschen hat, die man lieben kann und die einen lieben: Dann ist nicht einmal das Ende der Welt ein Weltuntergang. Der Film endet gar nicht schrecklich. Irgendwie endet er tröstlich.
Wir Christen glauben auch, dass die Welt irgendwann zu Ende sein wird. Niemand kann wissen, wann. Aber irgendwann. Und für jeden einzelnen ist die Welt ja auf jeden Fall irgendwann zu Ende. Jeder muss sterben.
Und was kommt dann? Ich glaube, was Jesus angekündigt hat: Dann kommt die neue Welt Gottes. Die Welt, die sein wird wie ein großes Fest. Ohne Leid, ohne Schmerzen, ohne Tränen. Und es kommt die Rückschau auf das was war. Aber worauf kann ich dann zurück schauen? Worauf möchte ich dann zurück schauen? Was ist dann noch wichtig?
Ich glaube, der Film hat recht. Am Ende ist es wichtig, dass ich Menschen lieben konnte und für sie das Leben ein bisschen schöner machen. Am Ende ist es wichtig, dass Menschen mich geliebt haben. Und dass ist nicht nur so was Romantisches wie im Kino. „Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen!". Martin Luther soll das gesagt haben. Das hat ja auch mit Liebe zu tun: dass ich dafür sorge, dass andere neben mir und nach mir leben können.
Die Welt, sagen die Wissenschaftler, geht nicht unter. Aber wer weiß, wann ich sterben muss? Ich hoffe, ich habe noch Zeit. Aber niemand weiß, was kommt. Ich will die Zeit nutzen. Für die Liebe. Damit ich Freunde habe, wenn es soweit ist. Und um mein Apfelbäumchen zu pflanzen.

 

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Eigentlich ist es ganz einfach, die Welt zu verbessern  wenigstens ein bisschen. Die Stadt Rottenburg am Neckar zum Beispiel macht das. Vor gut 2 Jahren haben sie dort angefangen, die Welt zu fairbessern. Fair mit ai. Der Stadtrat hat damals beschlossen, für die städtischen Behörden und Einrichtungen nur noch Waren und Verbrauchsmittel einzukaufen, die fair gehandelt werden. Fair wieder mit ai. Seither gibt es in Rottenburgs Rathausbüros Lineale aus Holz statt aus Plastik, Schnellhefter aus Pappe, der Toner für die Drucker ist ungiftig, die Rechner sind besonders sparsam im Verbrauch und der Kaffee kommt aus fairem Handel. Mit verschiedenen Aktionen versucht man, die Mitbürger dafür zu begeistern, es genauso zu machen. 2010 hat Rottenburg dafür als erste Stadt in Baden-Württemberg den Titel Fairtrade-Stadt bekommen. Am meisten beeindruckt hat mich das Beispiel mit den Steinen. Den Platz vor dem Dom haben die Stadträte mit Granitsteinen aus Bayern pflastern lassen  obwohl Steine aus Indien viel billiger gewesen wären. Dort werden sie nämlich in Steinbrüchen von Kindern behauen, die wie Sklaven arbeiten müssen. Das ist billiger. Solche Kinderarbeit wird aufhören, wenn die Steine nicht mehr verkauft werden können. Dafür zahlt die Stadt einen höheren Preis. Ich finde das in Ordnung. Und Sie?
Ob das aber wirklich was bringt? Ein paar Lineale, Schnellhefter, Glühbirnen und Pflastersteine? Ich bin da ziemlich sicher. Das ist wie die Sache mit dem Senfkorn, die Jesus erzählt hat. „Das Reich Gottes, hat er gesagt, also die neue Welt, wie Gott sie haben will, die gleicht einem Senfkorn: Ein Mann nahm es und säte es in seinem Garten ein. Es ging auf und wurde zu einem Baum. Und die Vögel bauten ihr Nest in seinen Zweigen". (Lk 13, 18f). Sie fängt klein an aber mitten unter uns, die neue Welt Gottes. Und sie kann wachsen.
Inzwischen gibt es in Deutschland schon 95 Fairtrade-Städte. Mannheim ist zum Beispiel auch dabei, Karlsruhe, Bad Herrenalb und ein paar Stadtteile von Stuttgart. Die können ihre Marktmacht nutzen 360 Milliarden Euro geben die öffentlichen Verwaltungen im Jahr für Waren und Dienstleistungen aus. Wenn sie dafür nur noch ökologisches Büromaterial beschaffen, energieeffiziente Computer, Möbel ohne Tropenholz und Steine, die ohne Kinderarbeit hergestellt werden  ich bin sicher, dass diese Dinge dann auch hergestellt und die Produzenten anständig behandelt werden.
Ich glaube: Viele Fairtrade-Städte und -Dörfer könnten die Welt fairbessern  nicht bloß ein bisschen.

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Heute wird Reichtum geteilt. Jedenfalls symbolisch. Heute räumen die Mesnerinnen und Kirchendiener die reichlichen Erntegaben auf, mit denen gestern am Erntedankfest die Kirchen geschmückt waren. Landwirte und Kleingärtner haben von dem gebracht, was sie auch in diesem Jahr im Überfluss geerntet haben. Üppig dekorierte Kirchen haben mit vielfältigen Nahrungsmitteln und bunten Blumen gezeigt, wie gut es uns geht. Und dass wir allen Grund haben, dafür dankbar zu sein.
Heute wird das wieder weggeräumt. Die Mesner und Hausmeister bringen die gespendeten Lebensmittel zu sozialen Einrichtungen, wo sie verteilt und verwertet werden. Eine schöne Geste ist das: Die reiche Ernte wird geteilt, so dass alle davon leben können. Es gibt einen Ausgleich.
Aber so ist es nicht immer. Normalerweise geht es anders zu, auch in unserem Land. Vor ein paar Tagen ist der 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung veröffentlich worden. Der sagt: Die Schere zwischen Armen und Reichen in unserem Land wird immer größer. Dem einen Zehntel der ganz Reichen gehört über die Hälfte des Nettovermögens. Und für die ganze untere Hälfte der Bevölkerung bleibt gerade mal ein Hundertstel. Kein Wunder, wenn es Stundenlöhne gibt, von denen man nicht leben kann, selbst wenn man den ganzen Tag arbeitet. So haben Menschen überhaupt keine Chance, sich und ihre Familie voran zu bringen. Und andere verdienen mit angelegtem Geld in kurzer Zeit mehr an Renditen und Zinsen, als einer sein Leben lang mit seiner Arbeit verdienen kann. Das ist nicht nur ungleich - das ist ungerecht. Und das dürfte eigentlich nicht so sein.
Denn in unserem Grundgesetz steht: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich der Allgemeinheit dienen." Dazu muss man gar nicht Jesus zitieren, der gesagt hat: „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie Motten und Rost fressen. Sammelt euch lieber einen Schatz im Himmel." Zum Beispiel, indem ihr für die sorgt, die allein keine Chance haben.
Eigentum verpflichtet  nicht bloß die Reichen zu Mildtätigkeit und sozialem Engagement. Da tun viele eine ganze Menge. Das weiß ich wohl. Aber anscheinend kann man das nicht bloß der Entscheidung der Einzelnen überlassen. Eigentum verpflichtet auch den Staat, finde ich. Der Staat muss für Ausgleich sorgen. Dass es Mindestlöhne gibt, von denen man eine Familie ernähren kann. Dass durch die Steuern wir Wohlhabende unseren Reichtum teilen  für das Wohl der Allgemeinheit. So, wie am Erntedankfest.

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