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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Für die damalige Zeit wurde sie sehr alt. Die Heilige Theresa von Avila. Sie lebte im 16. Jahrhundert in Spanien und wurde fast 70. Sie hat ein - ich finde zeitloses - Gebet geschrieben:
"Du weißt besser als ich, oh Herr, dass ich von Tag zu Tag älter werde und eines Tages alt sein werde.
Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.
Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen. Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch, hilfreich, aber nicht diktatorisch zu sein. Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheiten erscheint es mir ja schade, sie nicht weiterzugeben - aber Du verstehst, O Herr, dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.
Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, auf den Punkt zu kommen.
Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu - und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.
Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.
Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich. Ich möchte kein Heiliger sein, mit ihnen lebt es sich so schwer, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.
Lehre mich, an anderen Menschen unerwartet Talente zu entdecken, und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen."
Theresa von Avila, von der dieses Gebet stammt, war eine weise Frau. Sie wird als Heilige und Kirchenlehrerin verehrt. Sie hat ihr Leben ganz auf die Beziehung zu Gott hin ausgerichtet. Was mich an den überlieferten Gebeten von Theresa begeistert sind ihre lebenspraktische Nähe und ihr Augenzwinkern. Humor ist die Gabe, auch über sich selbst Lachen zu können. Theresa hält mir den Spiegel vor, und ich fühle mich manchmal ertappt. Es ist doch schön, wenn man beim Beten auch über sich selbst schmunzeln kann.

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"Hörst Du?" fragt er mich. Ich lausche angestrengt - und höre nichts. "Hörst Du?" fragt er noch mal - ich höre immer noch nichts. Was könnte er meinen? "Hörst Du die Stille?" sagt er schließlich.
Tatsächlich. Es ist verblüffend. Es ist tatsächlich mucksmäuschenstill.
Es gibt wenig Orte, wo man eine solche Stille erleben kann. Wir sind auf dem Land. Ein einsamer Bauernhof. Keine größere Straße, keine Bahnlinie, kein größerer Ort in der Nähe. Der alte Bauer ist stolz darauf, dass der Ort so still ist. Die Stille ist wunderbar. Auf die Stille aufmerksam gemacht, fange ich an, einzelne Geräusche zu hören. Es summt eine Fliege vorbei, weit weg zwitschern Vögel. Im Garten ganz nah kratzen und scharren die Hühner, ich höre sogar das Kauen der Kühe im Stall. Ich fange an, mich auf die Geräusche in der Umgebung richtig zu konzentrieren. Sie kommen mir jetzt vor wie die einzelnen Instrumente eines großen Orchesters. Dieses Lauschen ist gleichzeitig entspannend und, wie soll ich sagen, anstrengend. Bewusst hören ist nicht nur etwas Passives, sondern eine äußerst aktive Tätigkeit.
Es erfordert Konzentration ganz allmählich jedes einzelne der leisen Geräusche zu unterscheiden. Der alte Bauer legt den Finger an den Mund und bedeutet mir, weiter zu schweigen. Wir schauen uns an und es ist ein heiliger Moment. Er lächelt weise. Die Stille ist wie Musik. Ich versuche mich auf die leisesten Geräusche zu konzentrieren, sie wie einzelne Instrumente aus einem Orchester herauszuhören.
Zwischendurch glaube ich Stimmen zu hören. Aber das ist nur meine Phantasie, die aus dem Konzert der leisen Töne versucht, etwas sinnvolles zu machen. Außer mir und dem Bauern sind nur Tiere in der Nähe. Es kommt mir vor, als wären es Stimmen aus der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft. Manche kommen von weit her.
Ich fühle mich, als ob ich an der Symphonie des Universums, am Gedächtnis der Zeit teilnehme.
Verschiedene spirituelle Traditionen legen großen Wert auf das Hören, das bewusste Hören in die Stille hinein. Ausschließlich hören und schweigen ist ein Weg zu sich selbst und zu Gott.
So komme ich unversehens zu einer Meditation, mitten am Tag, einfach so beim Milchholen.
Schweigend und mit einem Lächeln verabschiedet mich der Bauer. Er hat das Glück, täglich die Stille hören zu können.

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Ich möchte gerne eine Geschichte vonKuno Bärenbold erzählen. Sie ist hintergründig und überraschend humorvoll:
Susanne hat in der Firma einen ausgezeichneten Ruf. Niemandem sonst wird so viel Aufmerksamkeit geschenkt. Sie genießt den besonderen Schutz der Arbeiter und Angestellten. Dabei ist Susanne nicht besonders schön oder attraktiv oder hat sie andere außergewöhnliche Vorzüge. Sie ist schweigsam, doch das mindert nicht im Geringsten die Sympathie und Zuneigung, die ihr entgegengebracht werden. Susanne wird mit herzlichen und sanften Worten geradezu überhäuft. Sonst ist der Umgangston in den Büros, Lagerhallen und Produktionsstätten eher rau und gehässig.
„Susanne, wenn wir dich nicht hätten...!" „Susanne, hast du ein bisschen Zeit für mich?" „Susanne, lauf doch nicht weg!" „Susanne, heut siehst du aber wild aus, hast du Streit gehabt?" - Liegt es am Wesen von Susanne, dass harte Männer in ihrer Gegenwart aufmerksame und menschliche Züge zeigen, sogar freundliche Sätze über die Lippen bringen? Oder liegt die Ursache für diesen ungewohnten Vorgang darin, dass Sie weiblich ist? Anzunehmen ist, dass ihr anmutiger Gang die Herzen höher schlagen lässt. Mit unaufdringlicher Eleganz spaziert sie über den Hof, durch das Lager und das Treppenhaus. Ein wahrer Genuss. Arbeiter unterbrechen ihre Tätigkeit, der flimmernde Bildschirm wird für Augenblicke uninteressant, per Zeichensprache wird ihr Erscheinen angekündigt und manche suchen das kurzweilige Gespräch. Über angespannte Gesichter und finstere Mienen huscht ein Lächeln. Völlig unerwartet kann eine bedrückende Stimmung einer befreienden und wohltuenden Atmosphäre weichen. Susanne wird nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen zuvorkommend behandelt. Es gibt keinerlei Neid und Eifersucht. Unumstritten ist Susanne die Persönlichkeit in der Firma!Über so viel Aufmerksamkeit und Zuwendung ist Susanne natürlich sichtlich erfreut und tief bewegt. - Warum können die Arbeiter oft nur ihr gegenüber ihre Gedanken und Gefühle mitteilen und nicht auch untereinander Menschliches zeigen? Warum stehen die Angestellten nicht zusammen und erzählen, was sie bewegt?Warum nehmen sie sich nicht - wie für Susanne - Zeit füreinander und schenken sich Aufmerksamkeit? Warum können sie in der Firma nicht menschlicher miteinander umgehen? Leider kann Susanne diese Fragen nicht beantworten, aber auch nicht stellen. Denn Susanne ist eine Katze.

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„Geben ist seliger denn Nehmen" heißt es. Eine Grundhaltung, die auch altruistisch genannt wird, das heißt uneigennützig, selbstlos. Man nimmt Rücksicht auf andere im Denken und Handeln.
Es ist das Gegenteil von Egoismus. Ein Verhalten, das moralisch gesehen als gut bewertet wird. „Geben ist seliger denn Nehmen". So wurde ich erzogen.
Heute bin ich dafür, Geben und Nehmen in eine Balance zu bringen. Ob in Partnerschaften, am Arbeitsplatz oder unter Freunden, in der Wirtschaft oder in internationalen Beziehungen: ich bin überzeugt, dass langfristige Beziehungen wie eine Wippe oder Waage funktionieren. Mal ist der eine in der besseren Position, mal der andere. Wenn der Austausch funktioniert und die Balance stimmt, der Nehmende auch geben kann und der Gebende auch mal nimmt. Wenn es sich abwechselt ist es gut und macht es Spaß.
Ich bin ein bekennender Fan von Ausgewogenheit. Das drückt sich auch in einer Gebetshaltung aus. Geben und Nehmen. Jeden Tag beginne ich morgens mit geöffneten Händen, wie eine Schale vor meiner Brust. Ich bin bereit zu empfangen, aufmerksam zu sein für das was ich heute erfahren kann, bekommen kann und bin bereit es aufzunehmen. Führe die Hände wie eine Schöpfkelle an meinen Körper. Andererseits kann ich auch geben, weitergeben von dem was ich weiß, was ich kann, was ich als Erfahrung habe. Als Gebetshaltung ist das ein öffnendes Von-mir-weg meiner Hände. Diese Bewegung wechselt sich ab. Geben und Nehmen. Nehmen und Geben. So bereite ich mich vor auf den Tag.
Ich weiß nicht, wie Sie Ihren Tag beginnen. Vielleicht ist heute ein besonderer Tag, mit einer Prüfung, einem Vorstellungsgespräch, einer Präsentation. Für mich ist jeder Tag eine Chance zu Geben und zu Nehmen. Weitergeben von dem, was ich weiß und kann oder aufzunehmen, was für mich neu ist oder mir andere Menschen schenken. Mir hilft, mich mit meinem ganzen Körper morgens darauf vorzubereiten. In anderen Religionen ist es selbstverständlich, verschiedene Körperhaltungen im Gebet anzunehmen. Unsere westlich aufgeklärte Gebetshaltung ist meistens Sitzen oder Stehen manchmal auch knien und der Rest spielt sich im Kopf oder in der Sprache ab.
Ich habe mir angewöhnt, mit dem ganzen Körper zu beten. Er ist der Sitz meiner Seele und für mich ist es angemessen, zum Beispiel das Geben und Nehmen, das mich heute erwartet schon morgens in meiner Körperhaltung einzuüben.

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Gott zu loben ist kein Privileg der Christen. Gott zu preisen ist auch nicht Juden und Muslimen vorbehalten. Der Kapuzinerpater Anton Rotzetter hat das biblische Benediktus, das „Gepriesen sei der Herr" weitergeschrieben und ihm sozusagen globale Züge gegeben:
„Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels
Er führt durch unwegsames Gelände / Er befreit aus Knechtschaft und Unterdrückung / Er verheißt eine neue Welt
Gepriesen sei der Herr, der Gott Mohammeds
Er ist groß und erhaben / Er ist unbegreiflich und unnahbar / Er ist groß in seinen Propheten
Gepriesen sei der Herr, der Gott Buddhas
Er wohnt in der Tiefe der Welt / Er lebt in jedem Menschen / Er ist die Fülle des Schweigens
Gepriesen sei der Herr, der Gott Afrikas
Er ist das Leben in den Bäumen / Er ist die Kraft in Vater und Mutter / Er ist die Seele der Welt
Gepriesen sei der Herr, der Gott Jesu Christi
Er verströmt sich in Liebe / Er gibt sich hin in Güte / Er überwindet den Tod"

Anton Rozetter macht mit diesen verschiedenen Anrufungen deutlich, welche Vielfalt uns in den verschiedenen Kulturen begegnet. Es existieren noch weit mehr Religionen. Allen ist gemeinsam, dass eine schöpferische Kraft, eine alles übersteigende Macht am Werk ist. Warum hat sich Gott den Menschen in so verschiedener Weise offenbart? Ist der Blickwinkel einer Religion allein zu eindimensional? Kann es sein, dass eine Religion allein nicht die ganzen Facetten Gottes erfasst? Sind die möglichen Erscheinungsformen göttlicher Zuwendung so vielfältig wie die Geschichte der Menschen?
Gott dafür zu loben, dass er da ist, gehört offensichtlich zum Wesen von Menschen, egal welcher Religion. Und das verbindet sie auch, der Glaube an etwas, das unseren Horizont übersteigt. Der Glaube, dass wir mit ihm sprechen können.
Für mich ist Gott zu loben und zu preisen eine schöne Form, meine Dankbarkeit auszudrücken. Meine Dankbarkeit dafür, dass ich sein darf. Ohne dass ich dafür eine Vorleistung erbringen musste, habe dass ich das Geschenk des Lebens bekommen.

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„Herr, mach aus uns Handwerker des Friedens. Herr, mach aus uns Bauleute der Liebe".
So beginnt ein Gebet, das mich schon lange trägt. Es wird dem Heiligen Franz von Assisi zugeschrieben. Seine Formulierungen treffen den Kern meines Glaubens. Die Welt und die Menschen verändern nicht schöne Worte, fromme Sprüche und lange Predigten, sondern Taten und Haltungen. Deshalb möchte ich gerne ein Handwerker des Friedens sein, auf der Baustelle Gottes arbeiten. Das Gebet beschreibt mir, wie das gehen soll:
„wo Hass weilt, dass wir Liebe bringen
wo Schuld sich findet, dass wir Verzeihung üben
wo Streit wächst, dass wir Einigkeit herstellen
wo Irrtum herrscht, dass wir die Wahrheit sagen
wo Finsternis andauert, dass wir Licht machen
wo Trauer regiert, dass wir Freude anstimmen
wo Zweifel sich lange aufhält, dass wir Glauben bringen
dass wir auf die Wege der Hoffnungslosigkeit Hoffnung tragen."
Fast wie beim Ein- und Ausatmen spüre ich die Anspannung und die Entspannung.
die nicht leichten, belastenden Situationen und deren Lösung. Was von mir verlangt wird, ist nicht unmöglich: Verzeihung üben, die Wahrheit sagen, Licht machen, Freude anstimmen. - und doch weiß ich, dass es nicht immer leicht ist oder dass es mir nicht immer gelingt. Ich vertraue darauf, dass es nicht nur mein Verdienst oder meine Leistung ist, wenn ich es schaffe, sondern dass ich auf Gottes Beistand vertrauen kann. Ich weiß, dass ich oft selbst Trost und Verständnis brauche und gerade deshalb wünsche ich mir, eher auf der Seite der Gebenden zu sein:
„Gib uns, dass wir trösten, mehr als dass wir getröstet werden. Gib uns, dass wir verstehen, öfters als wir verstanden werden." heißt es in dem Gebet weiter. Geben und Nehmen könnte man als „christliche Ökologie" bezeichnen. Ökologie ist ja die Wechselwirkung zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt. Als Wechselwirkung zwischen Menschen hilft Geben und Nehmen sicher um ausgeglichene Verhältnisse zu schaffen. Diese „christliche Ökologie" drück sich auch in den abschließenden Gedanken des Gebets aus:
„Um erfüllt zu sein, muss man geben können. Um sich wiederzufinden, muss man sich vergessen. Um Verzeihung zu bekommen, muss man verzeihen können. Um das ewige Leben zu erlangen, muss man sterben lernen".

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