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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„In jedes Menschen Gesichte steht seine Geschichte", eijeijei, ein harter oder auch schöner Satz des deutschen Schriftstellers Friedrich von Bodenstedt. Je nach dem wie das Leben so gelaufen ist. Denn Sorgenfalten, die sich in ein Gesicht eingegraben haben, sind so wenig zu verbergen wie Lachfalten um die Augen. Gesichter werden auch Seelenlandschaften genannt. Weil auch die Augen sprechen, nicht nur der Mund. Sie erzählen vom Inneren des Menschen, wieviel Licht, wieviel Liebe in ihnen ist, aus ihnen spricht. Oder welches Leid, welcher Kummer oder welche Kraft in ihnen zu lesen ist, durch sie zu spüren ist. Der Mund formt nicht nur Worte, die Falten um ihn erzählen ob Bitternis einen Menschen geprägt hat und ob er seine Erfahrungen gut verarbeitet hat.
Wenn ich morgens im Auto an der Ampel stehe und es noch eine Spur neben mir gibt, dann schaue ich oft in die Gesichter der Menschen, wenn sie so allein am Steuer sitzen. Dann sind sie ganz bei sich, so wie sie gerade sind, ohne Mienenspiel in der Kommunikation mit einem anderen. Und zu 90 % sind sie ernst. Ich selbst auch, das habe ich auf einem dieser ziemlich unerwünschten Fotos gesehen, mit dem ich geblitzt worden bin. Aber ist es denn wirklich so, dass Menschen, wenn sie bei sich sind, nur für sich sind, immer ernst sind? Und wenn ja, warum ist das dann so? Vielleicht, weil wir nur zusammen mit anderen Menschen ganz zu uns kommen und glücklich sind? Haben Sie schon mal in den Spiegel geschaut, nachdem Sie geliebt haben? Das ist auch ein ernstes Gesicht, aber entspannt und schön. Ähnlich den Gesichtern von Menschen, die meditieren oder schlafen. Oder die Gesichter von gerade Verstorbenen. Manchmal sind sie geradezu schön, friedlich, ganz sie selbst. Die Gesichter von Verstorbenen haben mir Hoffnung gegeben. Die Hoffnung, dass der Übergang von diesem Leben ins andere ein guter sein könnte. Mit Gesichtern wie ein letzter Gruß, der sagt: " Da wo ich jetzt bin, bin ich wieder ganz bei mir, - alles ist gut."

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„Max Mustermann möchte mit Ihnen befreundet sein." Solche e-mails habe ich schon öfters bekommen. In ihnen werde ich eingeladen in ein soziales Netzwerk einzutreten. Ein virtuelles, künstliches Netzwerk im Internet. Ich bin nun weiß Gott kein Feind der Medien, aber bei manchen Errungenschaften dieser neuen Kommunikationsformen habe ich schon so meine Schwierigkeiten. Kann ich denn zum Beispiel 500 Freunde haben? Welche Sprache wird gepflegt, wenn die Sätze immer kürzer werden oder die Welt in „Gefällt mir" oder „Gefällt mir nicht" eingeteilt wird? Und was heißt „Freundschaft" im Internet? Kann ich mit jemandem befreundet sein, von dem ich nur seine geschriebenen Worte kenne und nicht wie er sie spricht? Kann ich mit jemandem befreundet sein, von dem ich zwar Fotos kenne, aber seine Mimik und seine Gestik, seine Augen nicht sehen kann? Und welche Rolle spielt Zeit bei virtuellen und bei wirklichen Freundschaften? Natürlich, mit manchen meiner Hörerinnen und Hörer schreibe ich seit Jahren e-mails und wir bezeichnen uns dann als „elektronische Brieffreunde". Aber zu einer Beziehung, die das Wort Freundschaft verdient, gehört die persönliche Begegnung, eine Begegnung, die von Dauer, von Vertrautheit und Tiefe geprägt ist. Kaum einer hat das so schön beschrieben wie der libanesische Dichter Khalil Gibran. Über die Freundschaft hat er folgendes geschrieben, das ich all Ihren und all meinen Freundinnen und Freunden mit in diesen Tag geben möchte, als Ausdruck der Freude und des Dankes für die Freundschaft: 

Euer Freund ist die Antwort auf eure Bedürfnisse. Er ist das Feld, das ihr mit Liebe besät und auf dem ihr mit Dankbarkeit erntet. Er ist euer Tisch und euer Herd. Denn ihr kommt zu ihm mit eurem Hunger und sucht Frieden bei ihm. Wenn euer Freund offen mit euch redet, fürchtet weder das „Nein" eurer Meinung, noch haltet mit dem „Ja" zurück! Und wenn er schweigt, möge euer Herz nicht aufhören, seinem Herzen zu lauschen. Denn in der Freundschaft werden alle Gedanken, Wünsche und Erwartungen ohne Worte geboren und geteilt - mit einer Freude, die keinen Beifall erheischt."

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Kleine Quizfrage am frühen Morgen: Welche Worte stecken abgekürzt im internationalen Notruf SOS? Kurze Nachdenkpause ... und die Antwort ist: „Save our souls", rettet unsere Seelen! S für save, O für our und S für souls. Ein schöner Notruf wie ich finde, er hätte ja auch „Rettet unsere Köpfe" heißen können oder „helft unseren Hälsen". Nein, um die Seele geht es. Und manchmal funkt die Seele selbst SOS. Wenn wir Kummer haben, trauern oder gar depressiv sind. Es ist zu sehr untergegangen in den letzten Jahrzehnten, dass die Religionen nicht nur dazu da sind, um die Seelen für die Zeit nach diesem Leben zu retten, sondern gerade auch schon hier. Save our Souls... Und es ist auch zu sehr in Vergessenheit geraten wie heilsam die Religionen für die Seele sein können. Durch Regeln, die ins Allgemeingut unseres Lebens und auch in viele Therapien eingegangen sind. Zum Beispiel verkämpf Dich nicht zu sehr bei Dingen, die nicht zu ändern sind. Aber nicht als falsch verstandene Form von Schicksalsergebenheit. Sondern als Fähigkeit zu unterscheiden, was Du verändern kannst, das Unveränderliche aber auch anzunehmen. Eine andere Regel für das Seelenheil ist, verzeihen zu können. Denn wenn Du nicht verzeihen kannst, beißt Du Dich fest an der Verletzung oder an dem Menschen, der Dich verletzt hat. Und bist ganz einfach unfrei dadurch. Ein weiteres Mittel für ein ausgeglichenes Seelenleben ist Dankbarkeit. Wenn Du danken kannst, siehst Du nicht nur die schlechten Seiten in Deinem Leben. Du kannst erkennen was Du alles geschenkt bekommen hast. Und das kann vieles Negative ausgleichen und froher machen. Und schließlich: Versuche immer wieder in die Ruhe zu kommen, egal, was passiert. Ob Gutes oder Schlechtes, suche Deine Mitte, die in Dir liegt. Sei es durch Meditation, Gebet oder Yoga. Deine Seele wird es dir danken, wenn Du sie immer wieder in ruhigere Gewässer führst.

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„Elf Freunde müsst ihr sein" -  eine der klassischen Fußballweisheiten von Sepp Herberger, dem legendären Trainer der deutschen Weltmeistermannschaft von 1954. Und vielleicht auch kein schlechtes Motto für das EM-Spiel heute Abend gegen Holland. Freundschaft unter den Spielern war eines von Herbergers Erfolgsgeheimnissen und Erfolg war bei ihm sicher nicht nur das bessere Torverhältnis. Für ihn war das gute Verhältnis der Spieler untereinander eine, wenn nicht die Voraussetzung für schönen und erfolgreichen Fußball. Aber gerade auch für mehr. Wenn sich die Spieler nicht nur fußballerisch verstehen, sondern auch menschlich, wenn sogar Freundschaften bestehen, dann herrscht ein anderer Geist im Team, dann wird Fußball richtig gut. Weil dann die einzelnen Spieler über sich hinauswachsen können und Fußball eben mehr als nur Fußball wird. Natürlich leben wir nicht mehr zu Sepp Herbergers Zeiten und natürlich ist Fußball heute ein beinhartes Profigeschäft, in dem es primär um Erfolg und Geld geht. Aber Gott sei Dank blitzt auch immer wieder das hervor, was den Fußball so reich macht und was als urmenschliche Erfahrung über ihn hinausreicht: Eine unvergleichliche Gemeinschaft, ein wunderbarer Teamgeist. Bixente Lizarazu, der 1,69 kleine Spieler der französischen Weltmeistermannschaft hat diesen Teamgeist einmal so beschrieben: "Wir haben uns unglaublich stark gefühlt, es war wie eine Verwandlung. Ich kam mir vor als ob ich 4 m groß wäre, 300 Kilo schwer und dazu fähig die 100 m in 5 Sekunden zu laufen. Wenn einer mal einen Fehler machte, war sofort der andere da um zu helfen. Das funktionierte wie selbstverständlich. Wir reagierten aufeinander als wenn wir ein einziger Körper wären."  Als ob wir ein einziger Körper wären. Besser und schöner kann man es nicht beschreiben, wenn die Mannschaftssportart Fußball ganz zu sich selbst kommt. Wenn elf einzelne Menschen durch den Einsatz füreinander über sich hinaus wachsen und etwas ganz Anderes und Großes schaffen: eine Gemeinschaft, die wunderschön ist und unglaublich stark macht, im Fußball wie im richtigen Leben.

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40 % der Zeit, die wir miteinander reden, reden wir über Personen, die nicht anwesend sind. Das hat eine Studie gezeigt. Ist ja auch kein Problem, wenn ich zum Beispiel mit meiner Frau über unsere Kinder rede. Ein Problem ist es aber, wenn über die Nichtanwesenden schlecht geredet wird, gelästert wird. Lästern ist ein so universelles wie zeitloses Phänomen. Es gehört wohl zum Menschsein. Männer wie Frauen tun es, Alt und Jung lästert. Lästern gilt als eine Art Psychohygiene. Weil ohne direkte Konfrontation Aggressionen abgebaut werden können. Lästern soll verbinden, heißt es, und verbünden, indem sich die Lästernden gemeinsam abgrenzen. Womit wir aber auch schon bei der dunklen Seite des Lästerns sind. Die Lästernden üben Macht aus über den Gelästerten und der Gelästerte ist ohnmächtig. Er oder sie hat keine Chance sich gegen das Gesagte zu wehren. In früheren Zeiten konnte das leicht lebensgefährlich werden. Im Mittelalter zum Beispiel konnte eine Frau durch Klatsch und Tratsch nur allzu schnell zur Hexe werden und auf dem Scheiterhaufen landen. Heute, in Zeiten des Internets, kann ein Ruf für immer beschädigt werden. Das Netz vergisst nichts, heißt es. Der Mann aus Nazareth konnte sich furchtbar aufregen, weil er den Ungeist, das Negative, das im Lästern steckt, nicht ausstehen konnte. Er hat gesagt, dass die Menschen einmal über jedes einzelne Wort, das sie reden, Rechenschaft ablegen müssen (Matthäus 12,22; 15,16). Au au au, da kann man schon ins Grübeln kommen! Aber das war sicher nicht als Drohbotschaft Jesu zu verstehen, sondern aus seinem Aber gegen das verletzende Gelaber der Menschen. Und weil er wollte, dass sie in einem guten Geist miteinander umgehen. Das ist mir auch  immer wichtiger geworden, auch und gerade beim Reden. Und deshalb arbeite ich seit geraumer Zeit an einer ganz speziellen Übung. Immer wenn ich über einen Menschen rede, der nicht anwesend ist, versuche ich so über ihn zu reden, wie wenn er da wäre. Und es ist schon sehr interessant, wie sich meine Sprache dabei verändert...

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Welches ist unser größtes Sinnesorgan? Die Nase oder die Ohren? Nein, die Haut! Mit einer Gesamtfläche von eineinhalb bis zwei Quadratmetern ist die Haut nicht nur unser größtes Sinnesorgan, sondern unser größtes Organ überhaupt! Vielleicht sind Sie ja gerade im Bad und pflegen Ihr Sinnesorgan. Und das ist ja auch gut so, dass Sie Ihre Haut hegen und pflegen, denn sie schützt uns. Rund zwei Millionen Hautzellen schützen uns vor Krankheitserregern, vor UV-Strahlen, vor zuviel Hitze oder Kälte. Millionen von Nervenzellen lassen uns Gänsehaut bekommen oder warnen uns durch Schmerz vor größerem Schaden. Wer an Hautkrankheiten leidet, weiß welche Belastung das ist. Wenn es juckt bis zum Verrücktwerden und die Krankheit auch noch so deutlich sichtbar ist. Und Menschen mit Hautkrankheiten wissen um die Verbindung von außen und innen, von Leib und Seele. Das hat sicher auch der Mann aus Nazareth gewusst. Jesus hatte viel Hautkontakt mit den Menschen, hat sie angefasst. Selbst wenn sie schlimmste Krankheiten hatten wie Lepra und damit aussätzig waren, aus der Gemeinschaft ausgestoßene. Er hat sie berührt an Leib und Seele. Hat sie von Haut zu Haut spüren lassen, dass sie, gerade sie, die für unappetitlich und minderwertig gehalten werden, kostbar und liebenswert sind. Das Wort Haut ist verwandt mit dem Wort Hülle. Die Haut umhüllt unser Inneres, das Körperliche, aber gerade auch das Seelische. Von der Haut aus kann man die Seele pflegen. Das spürt man nicht nur bei Massagen, Umarmungen und Streicheleinheiten. Babys entwickeln sich nachweislich besser, wenn sie berührt und gestreichelt werden. Ein unsägliches Experiment im Mittelalter hat gezeigt, dass Säuglinge sogar sterben, wenn sie alles zum Leben bekommen außer Berührungen. Und was sagt uns das alles? Soll ich nun den anderen zu allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten antatschen? Nein sicher nicht, aber vielleicht echt ein Gespür dafür entwickeln, wann eine Berührung hilfreich oder heilsam ist. Sei es als Pflege meiner oder eines anderen Haut. Oder durch ein gutes Wort, das unter die Haut geht und Balsam ist für die Seele.

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Es ist schon eine richtig schöne Idee: In den Stuttgarter U-Bahnen gibt es Gedichte zu lesen, großflächig an der Wand zwischen U-Bahnplan und Werbung. Und meistens nehme ich den kleinen Sprach- und Sinn Happen auch gern mit. In der kurzen Zeit zwischen Ein- und Ausstieg. Einer von diesen Sinnhappen heißt „Ein Tag für Impressionisten". Impressionismus ist eine Stilrichtung der Kunstgeschichte. Bei dieser Kunstrichtung spielt - wie das Wort „Impression" schon sagt - der Eindruck eine große Rolle. Der Eindruck, den das Werk durch seine künstlerische Mittel erzeugt. Der in der Malerei durch Farben und das Licht geschaffen wird. Der französische Maler Claude Monet vor allem wird mit dieser Stilrichtung verbunden. Impressionistische Bilder wirken ganz verschieden je nach dem wie weit entfernt man von ihnen steht. Aus der Distanz setzt sich das Bild dann erst zum Gesamteindruck zusammen.
Das ist auch oft außerhalb der Malerei so. Dass man durch einen Schritt zurück, durch zeitliche oder räumliche Distanz ein Gespür für's Ganze bekommt. Der Sonntag ist für mich so ein Distanz-Tag, ein „Schritt- zurück-Tag", ein Verweiltag für Impressionisten. Und in diesen Sonntag hinein möchte ich Ihnen den Text des Dichters Rainer Malkowski mitgeben. Auf dass er ein wenig verleiten möge zur Ruhe zu kommen:

Auch nach drei Wochen noch keine Spur von langer Weile
beim Anblick des Sees. Das Wasser schmatzt an's Ufer mit ungestilltem Appetit. Ein Tag für Impressionisten, vielleicht etwas windig. Der alte Mann auf der Bank hält die flatternden Buchseiten fest. Nichts überschlagen, jedes Wort ist das Gesuchte. Eine Glocke buchstabiert die Mittagsstunde, ruhig und bestimmt ins Blaue...

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