Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Fahrkartenautomaten sind Praktikumsplätze für die Nächstenliebe. Das habe ich neulich gedacht, als ich beobachtet habe, wie ein Mann am Bahnhof vor so einem Automaten stand und verzweifelt versucht hat, zu einer Fahrkarte zu kommen.
Nach einer ganzen Reihe von Fehlversuchen hatte er schließlich alle Eingaben richtig angetippt. Und als er dann bezahlen wollte, da hat das Gerät seinen 50-Euroschein nicht angenommen. Da hat sich die junge Frau hinter ihm gemeldet: Kann ich Ihnen helfen? Und mit ein paar Klicks war der Geldschein nebenan gewechselt und der Mann hatte seine Fahrkarte - und war um einiges schlauer. Seither weiß ich, im digitalen Alltag, tut sich ein ganz neues Feld zu „tätiger Nächstenliebe" auf. Und diejenigen, die hier helfen können, das sind definitiv die Jüngeren. Im Gegensatz zu der Generation 30plus gehören sie zu den „Digital Natives", den Leuten unter 30, die mit der digitalen Technik aufgewachsen sind. Viele von ihnen finden es ganz normal, sich immer wieder in ein neues digitales Gerät einzuarbeiten. Bei mir ist das nicht so. Daran merke ich, dass die Jungen mich eindeutig mit ihrem digitalen Wissen überholt haben.
„Es ist alles eine Frage des Willens und des Interesses", sagen meine halbwüchsigen Kinder, wenn bei mir mal wieder eine PC-Funktion nicht funktioniert und ich ihre Hilfe brauche. Und sie haben Recht. Meistens habe ich einfach Wichtigeres zu tun, als mich mit einem PC-Problem zu befassen. Aber es hilft ja alles nichts. Brauche ich eine Fahrkarte, will ich Geld überweisen oder meine Fotos ausdrucken - Wenn ich nicht weiß, welche Taste wann zu drücken ist, stehe ich ganz schön dumm da.
Ich brauche also immer mal wieder Nachhilfe. Und wer könnte die besser geben, als die Jungen, für die der Umgang mit der neuesten Technik zum Alltag gehört?
Kürzlich habe ich gehört, dass Jugendliche im evangelischen Gemeindehaus PC- Nachhilfe für ältere Menschen angeboten haben. Das finde ich gut. Warum sollen nur die Schülerinnen und Schüler zur Nachhilfe gehen? Warum nicht auch umgekehrt die Älteren? Und mit einem halbwegs geduldigen jungen Lehrer an der Seite, oder einer jungen Lehrerin, da kann auch die Generation 30plus noch einiges lernen. Und der nächste Fahrkartenautomat, der ist dann auch für sie das reinste Kinderspiel.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13092

„Vergiss nicht, das Altpapier rauszustellen, den Klavierlehrer anzurufen und Milch haben wir auch keine mehr!" Mein Mann schreibt mir manchmal solche Zettel zur Erinnerung. Es gibt Tage, da ist einfach zu viel los, um alles im Blick zu behalten.
Manchmal frage ich mich, wie mag es sein, wenn sich so eine ganz normale Vergesslichkeit häuft und zur Krankheit wird? Wenn ich vielleicht den Weg vom Bäcker nach Hause nicht mehr finden würde oder mir nicht mehr einfallen würde, wie meine Kinder heißen? Eine beklemmende Vorstellung ist das.
In Deutschland leiden etwa 1 Million Menschen unter Alzheimer, dieser Krankheit des Vergessens. Ihren Angehörigen, zerreißt das oft das Herz. Sie stehen daneben und haben oft das Gefühl, gar nicht mehr helfen zu können.
„Aber schöne Momente gibt es auch", hat mir eine Frau erzählt. „Wenn es geht, dann nehme ich meine Mutter in die Kirche mit. Und dann passiert es manchmal, dass sie das ganze Vaterunser mitspricht, obwohl sie seit Tagen nichts Klares mehr geredet hat. Dann singt sie sogar. Mehrere Strophen von „Großer Gott wir loben dich". Wenn etwas Vertrautes in ihr angesprochen wird, dann findet sie sich für einen Moment wieder zurecht. Und deshalb sucht die Tochter jetzt gezielt nach Dingen, die die Erinnerung aufwecken können. Sie singen jetzt auch zu Hause, Kirchenlieder und Volkslieder.
Viele Angehörige von Demenzkranken kennen diese Erfahrung: Die alten Leute fühlen sich wohl und sicher, wenn sie in ihrer Verwirrung Vertrautes entdecken. Wenn sie das Gefühl haben, das kenne ich, hier bin ich wieder Herr oder Frau meiner Gedanken. Das gibt Selbstbewusst sein. Da verschwinden für einen Moment die Verwirrung und die Angst.
Und manchmal finden bei solchen Übungen auch die Angehörigen Trost.
Kürzlich hat sie ihrer Mutter aus dem 103. Psalm vorgelesen, erzählt mir die Frau: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat." Das war zuerst  ein bisschen merkwürdig, hat sie gesagt, wo doch Alzheimer die Krankheit des Vergessens ist.  Aber der Psalm geht ja noch weiter. „Der dein Leben vom Verderben erlöst und der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit". Da hat sie gemerkt: Genau darum geht es. Die Demenz-krankheit mag den Menschen die Erinnerung nehmen und die Kontrolle über das tägliche Leben. Aber die Krankheit nimmt ihnen nicht die Würde. „ Ich habe gemerkt", sagt die Frau, „das gemeinsame Erinnern tröstet beide, die Kranke und uns, die Angehörigen auch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13091

Paul ist ein Mensch, treu wie Gold. Einen besseren Freund kann man sich gar nicht wünschen. Er ist immer da, wann man ihn braucht. Für seine Familie und seine Freunde würde er noch sein letztes Hemd hergeben. Nur eines, das kann er nicht. Er kann keine Krankenbesuche machen. Er wird richtig hilflos. Weiß nicht wohin mit seinen Händen. Findet keine Worte. Dabei will er doch seine kranken Angehörigen und Freunde besuchen. Er will ihnen gern etwas Gutes tun. Er weiß nur nicht so richtig wie.
Ich weiß, dass das vielen so geht. Deshalb habe ich mir überlegt, was bei einem Krankenbesuch wichtig ist. Auf 10 Regeln bin ich gekommen:
Wenn du unsicher bist, verabrede ich mit jemand anderem und geht zusammen zum Besuch ins Krankenhaus. Aber kommt nicht in Scharen. Der kranke Mensch hat mehr davon, wenn nicht alle auf einmal kommen.
Wenn du Bekannte im Krankenzimmer triffst, unterhalte dich trotzdem in erster Linie mit dem Kranken. Darum bist du schließlich hier und nicht, um andere Leute zu treffen.
Erzähle ruhig, was inzwischen draußen passiert ist. Auch die Kranken haben das Bedürfnis nach Kontakt zur Welt außerhalb der Klinik.
Wenn es möglich ist, dann setz dich auf einen Stuhl. Im Stehen mit jemanden zu reden, der im Bett liegt, das wirkt so „von oben herab".
Setz dich niemals aufs Bett oder lege irgendwelche Gegenstände darauf ab, außer, der kranke Mensch bittet dich darum. Das Krankenbett ist der einzige private Bereich, den Kranke in der Klinik noch haben; den musst du unbedingt achten.
Erzählt dir der kranke Mensch von seinen Ängsten und Befürchtungen, dann falle ihm nicht ins Wort mit Vertröstungen. Lass ihn reden. Höre ihm zu.
Wenn Du trösten willst, dann lüge nicht.
Habe keine Angst vor Gesprächspausen. Auch zusammen schweigen tut gut.
Wenn Du dem kranken Menschen die Hand halten willst, dann leg deine Hand unter die Hand des Kranken, nicht auf sie. Wenn es dem Kranken gut tut, wird er seine Hand in deiner liegen lassen. Wenn nicht, kann er sie ohne große Anstrengung wegnehmen.
Denke daran: Auch wenn du gar nichts tun kannst, die Tatsache, dass Du dir Zeit nimmst und da bist und zuhörst, allein das kann dem kranken Menschen schon gut tun und eine heilende Wirkung haben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13090

„Seit ich mein Mann tot ist", hat mir eine Frau erzählt, „werde ich immer weniger eingeladen von unseren Freunden. „ Du fühlst dich doch unter lauter Paaren sicher nicht mehr wohl", sagen sie. Früher waren wir immer so ein netter Kreis. Vier Paare. Wir sind zusammen wandern gegangen und haben Doppelkopf gespielt und uns zu den Geburtstagen getroffen. Aber seit ich allein bin", sagt sie, „gehöre ich anscheinend nicht mehr dazu."
Sie ist nicht die erste, von der ich das höre. Das empfinden viele Witwen so. Und zu ihrem Schmerz, den geliebten Mann verloren zu haben, kommt jetzt noch die Enttäuschung über das Verhalten der Freundinnen und Freunde dazu. Viele Frauen erleben nach dem Tod ihres Mannes, dass die Menschen jetzt anders mit ihnen umgehen als vorher. Irgendetwas stimmt nicht mehr. Irgendetwas ist aus der Balance gekommen. Dabei sind die Frauen doch dieselben geblieben. Und Zuwendung von ihren Freunden bräuchten sie heute noch mehr als früher.
Eine alleinstehende Frau hat mir auch erzählt, dass sie manchmal das Gefühl habt, sie könnte mit ihren alten Freunden nicht mehr so unbekümmert umgehen wie früher, weil sie Angst hat, die Ehefrauen könnten meinen, dass sie ihnen jetzt den Mann ausspannen wollte.
Witwe zu sein, ist ein sensibler Familienstand. Darum standen die Witwen in biblischen Zeiten unter dem besonderen Schutz Gottes und der Gesellschaft. Die Fürsorge ihnen gegenüber galt sogar als religiöse Pflicht.
Mir persönlich gefällt eine Geschichte, die Jesus erzählt hat, besonders gut: die von der bittenden Witwe (Lk 18, 1-8). Hier fordert die Witwe einen selbstgefälligen Richter immer wieder auf, er möge ihr Recht verschaffen gegenüber einem Widersacher. Sie setzt sich beharrlich ein für ihre Rechte. Und tatsächlich nimmt der Richter ihre Klage an und eröffnet einen Prozess für sie. Jesus hat erklärt: Genauso wird Gott denen Recht verschaffen, die immer wieder darum bitten.
Mir gefällt diese Geschichte so gut, weil sie erzählt, dass eine alleinstehende Frau einfach nicht den Mut verliert. Sie wartet nicht, bis die anderen sich um sie kümmern. Sie beginnt, sich selbst beharrlich Tag für Tag ein neues Leben aufzubauen.
Ihren Mut und ihre Kraft wünsche ich allen, denen es ähnlich geht. Damit sie um die eine oder andere alte Freundschaft kämpfen können und sich auch auf neue Freundschaften einlassen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13089

Am Montag sind die Autofahrer besonders genervt. Ich auch. Vor ein paar Wochen habe ich da eine Szene erlebt, die ist kaum zu glauben: Mitten auf der Autobahn-abfahrt schert der übernächste Wagen vor mir plötzlich aus der Reihe aus. Zieht das Auto quer über die Straße und stoppt den Wagen vor mir. Ich kann gerade noch mitbremsen. Ich denke, ich sehe nicht recht. Der Fahrer springt aus seinem Geländewagen, reißt dem vor mir die Türe auf, droht und schreit. Jetzt gibt's gleich eine Schlägerei, denke ich. Hinter mir bildet sich eine Schlange. Dann hat der Typ da vorne sich ausgetobt. Er steigt in seinen Wagen ein und fährt wieder weiter, als sei nichts geschehen.
Nicht immer geht es so extrem zu, zugegeben. Aber viel zu oft. Ich frage mich, woran das liegt, dass selbst die friedlichsten Zeitgenossen zu Ekelpaketen werden können, sobald sie am Steuer sitzen.
Weil sie vergessen, dass ihr Wagen vier Fenster aus Glas hat und jeder sehen kann, wie sie sich aufführen? Komisch eigentlich, dass man sich im eigenen Auto ungehemmter verhält und sich Dinge heraus nimmt, die man auf dem Bürgersteig so nie tun würde. Und wenn man selbst beschimpft wird, weil man einen Moment unachtsam war, dann fällt es oft richtig schwer, die Beleidigungen nicht an sich herankommen zu lassen.
Was kann man tun, damit einem das nicht passiert? Gibt es eine Methode, dass es gar nicht erst so weit kommt?
Ich habe eine Weile darüber nachgedacht und da ist mit eingefallen, wie Jesus gesagt hat: „Segnet die, die euch verfluchen und bittet für die, die euch beleidigen."(Lk 6,28) Im Straßenverkehr wäre das doch mal eine Möglichkeit, diesen Rat Jesu auszuprobieren, hab ich mir gedacht. Mich einfach nicht provozieren zu lassen und auch nicht erschrocken sein, wenn einer mich beschimpft. Das habe ich mir vorgenommen. Und das nächste Mal in so einer Situation in meinem Auto nicht laut gesagt „Du Depp", sondern „Gott segne Dich" - „Gott segne dich, der du dich jetzt so aufregen musst. Gott segne dich, dass Du keinen Unfall baust mit deiner Fahrweise. Gott segne dich, dass dein Blutdruck wieder sinkt."  Und als vor ein paar Tagen einer mir voller Wut den Vogel gezeigt hat, habe ich ihm ein Segenskreuz gemacht. Was der andere Fahrer sich da gedacht hat, kann ich nicht wissen. Mir jedenfalls ging es viel besser. Irgendwie hat mich die Wut des anderen nicht mehr so getroffen. Ich konnte ruhiger weiterfahren und hatte den Vorfall bald wieder vergessen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13088

Ich kenne Menschen, die machen sich immerzu Sorgen. Dass ihnen ein Unfall passieren könnte, wenn sie sich ins Auto setzen. Dass die Kopfschmerzen vielleicht auf eine ernste Erkrankung hindeuten. Dass das Geld für die Rente später nicht reicht. Abends gehen sie mit ihren Sorgen ins Bett und wachen morgens mit denselben Sorgen wieder auf.
In der Bibel gibt es einen Abschnitt, der ist ideal für Besorgte. Jesus hat diese Worte in der Bergpredigt gesprochen. Denn Besorgte, die hat es auch unter den Jüngern Jesu gegeben. Die meisten von ihnen hatten ja ihr ganzes Hab und Gut, ihre Berufe, ja sogar ihre Familien aufgegeben, als sie Jesus nachgefolgt sind. Ob das alles so richtig war?
Jesus hat zu ihnen gesagt: „Macht euch keine Sorgen um euer Leben. Seht die Vögel unter dem Himmel an. Sie säen nicht. Sie ernten nicht. Sie sammeln nicht in Scheunen. Euer Vater im Himmel ist es, der sie ernährt. Seid ihr nicht kostbarer als sie? Seht die Lilien auf dem Feld. Sie mühen sich nicht, sie spinnen nicht. Ich sage euch: Nicht einmal der König Salomo in seiner Pracht war kostbarer gekleidet als eine von ihnen. Wenn aber Gott das Gras, das heute steht und morgen ins Feuer geworfen wird, so kostbar kleidet, wird er nicht viel mehr für Euch sorgen, ihr Anfänger im Glauben? (Mt 6,25 ff)
Mir sagt das: Dass mein Leben gelingt und es mir gut geht, dafür kann ich eine ganze Menge tun. Aber ganz in der Hand habe ich es nicht. Nur, Sorgen helfen da kein bisschen weiter. Im Gegenteil, sie lähmen mich. Sie helfen nicht. Ich glaube, was wirklich hilft, ist: die Sorgen abzugeben und Gott für mich ‚sorgen zu lassen. Für mich reicht es manchmal schon, wenn ich so ein Wort höre: Gott sorgt für Vögel. Und Gott sorgt auch für die Lilien. Warum sollte Gott für mich nicht sorgen? Das klingt für mich wie ein Widerspruch gegen meine eigenen Sorgen. Ich finde, das hilft besonders dort, wo ich mir um andere Sorgen mache. Dann überlasse ich sie Gott und versuche darauf zu vertrauen, dass er für sie sorgen wird - wie für die Vögel unter dem Himmel und für die Lilien auf dem Feld. Und wenn Sie sich das nächste Mal Sorgen machen, dann hilft es vielleicht auch Ihnen, diesen Abschnitt in der Bergpredigt zu lesen - wie eine Medizin gegen allzu viele Sorgen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13087