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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Was ich ja schon gar nicht leiden kann, ist wenn manche Gläubige ihren Jesus so in der Tasche haben. So furchtbar sicher mit ihm hantieren wie sie es gerade brauchen. Das geht mir nicht nur gegen den Strich, weil auch der Zweifel zu meinem Glauben gehört. Ich mag den zu sicheren Umgang mit Jesus auch nicht, weil er so was Intimes ist. Natürlich hat Glaube einen öffentlichen Charakter und natürlich ist er ein Gemeinschaftserlebnis, aber in seinem Innersten ist er ein äußerst intimes Geschehen im Grund meiner Seele. Und da ist sprechen naturgemäß begrenzt, ja manchmal auch unangemessen. Ähnlich wie bei der Liebe, auch da gibt es Sprachgrenzen. Und Grenzen auch darüber, was andere davon zu erfahren haben und was gerade nicht. Aber der Mensch will, wenn ihm das Herz überläuft auch etwas davon über die Zunge gehen lassen, ins Wort bringen, sprechen, klar. Aber das geht dann eher in Bildern oder in Beschreibung von Träumen, den  Urbildern, die in unserer Seele sind. Es gibt tiefenpsychologisch geschulte Seelsorger, die von Jesus als dem "inneren Selbst" sprechen. Das gefällt mir, denn ich bin überzeugt, dass dieser Mann aus Nazareth die Seelen der Menschen berührt hat. Ja, noch heute berührt, wenn man ihn richtig versteht. Das heißt nicht mit dem Kopf oder in Formeln, sondern mit dem Herzen, der Seele. Der Psychologe C.G. Jung hat in diesem Zusammenhang von „heiligem Egoismus" gesprochen. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Denn wie auch schon die alte Lebensregel sagt „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", so gilt es auch und gerade bei der Religion, sich mit sich selbst zu beschäftigen, in sich hineinzuhorchen, in den eigenen Seelenraum. Dort, ganz bei mir, tief in mir, ist das zu finden, worum es Jesus ging, ja dort ist er zu finden. Eine Art Beweis für diesen inneren Jesus ist für mich eine Frage, die er immer wieder gestellt hat bevor er jemanden geheilt hat: „Willst du gesund werden?" Denn dieser kleine Satz mit der oft so großen Wirkung zielt ins Innerste des Menschen und sagt, nur wenn du auch wirklich bereit bist dich zu öffnen, dann wirst du heil.

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Verheizt unsere jungen Leute nicht! Dieser Gedanke kam mir in letzter Zeit immer wieder. Nachdem ich immer wieder auf junge Menschen getroffen war, die durch die Arbeit verplant, erschöpft oder gar ausgebrannt waren. Stichwort Burn Out. Überarbeitet, kaputt oder leer, in einem Alter in dem ich noch nicht mal wusste wie man Burn Out schreibt. Wir dürfen unsere jungen Leute nicht verheizen, wir müssen sie schützen. Schützen davor, dass sie nicht als Dauerpraktikanten missbraucht werden, die für einen Witz von Gehalt 10, 12, 14 Stunden-Tage hinlegen müssen. Wir müssen sie schützen vor dem Stress dauernd verfügbar und dauernd erreichbar zu sein, durch Handy, Email und Internet. Wir müssen die jungen Leute davor schützen alles schnell machen zu müssen. Schnell durch den Kindergarten, schnell durch Schule und Ausbildung oder Uni, schnell in den Arbeitsprozess, schnell leben und schnell sterben. Das kann's doch nicht sein. Es könnte purer Egoismus sein, wenn meine Generation die nächste schützen wollte. Denn ein Arbeitnehmer von morgen muss zwei Rentner, also zwei Menschen seiner Elterngeneration, also von uns, versorgen. Durch seine Arbeit, seine Steuern und seine  Sozialabgaben. Da müsste es einem ja geradezu daran gelegen sein, dass es der nächsten Generation gut geht. Mir geht es aber eher um deren Lebensqualität. Wie sollen die jungen Leute denn Freude am Leben haben, wenn alles zu viel ist und alles zu schnell gehen muss? Wie sollen sie denn politisch oder sozial aktiv sein, wenn sie vor lauter Arbeit und Funktionieren keine Zeit zum Denken und Fühlen haben?      Wie sollen sie Kinder zeugen und Zeit für eine Familie haben, wenn sie nicht lernen durften, dass Arbeit nicht alles ist. Ganz zu schweigen vom Glauben, der immer wieder Ruhe und Auszeiten braucht. „Unsere Söhne und Töchter sind Bäume, hochgewachsen in ihrer Jugend", heißt es in einem 3000 Jahre alten Text der Bibel. Verheizen wir also diese jungen Bäume nicht. Sondern lassen wir sie in Ruhe wachsen, damit sie groß, gesund und glücklich werden können...

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„Vater, Herrlichkeit, Ewigkeit, Amen", das sind die Worte einer alten, dementen Frau. Sie wiederholt sie immer wieder, solange bis sie ihre Mitbewohnerinnen im Pflegeheim damit nervt. „Vater, Herrlichkeit, Ewigkeit, Amen.". Und immer wieder schießt sie das Wort Freiheit dazwischen.
Vielleicht ist es ja ein Zwang aus ihren Kindertagen, in denen man Gebete auswendig lernen musste. Und das Wort „Freiheit" vielleicht der Drang diesen Zwang zu durchbrechen. Vielleicht sind die aneinander gereihten Worte aber auch eine Art Mantra, das gebetsmühlenartig Stabilität und innere Ruhe vermittelt. Durch den regelmäßigen Rhythmus und vielleicht auch durch die tiefe Bedeutung der Worte. Das Wort Vater, das für Lebensspender, Schutz und Stärke steht. Herrlichkeit, das für die Schönheit und Größe dieser Welt steht und vielleicht auch der anderen. Ewigkeit, für die Zeit, die nicht gemessen ist, die pure Gegenwart ist ohne Anfang und Ende. Und Amen, das Wort, das beschließt und zustimmt. Demenz wird als Krankheit bezeichnet. Demenz heißt „ohne Verstand". Geschätzte 1,2 Millionen Menschen in Deutschland sind dement. Klar, dass dieser Zustand des abnehmenden Verstandes in unserer Welt, die so rational  und kontrolliert ist, als Katastrophe gesehen wird. Das verstehe ich und auch ich habe Angst mal die Kontrolle über mein Leben zu verlieren. Und auch ich wollte anderen Menschen nicht zur Last fallen. Denn demente Menschen sind eine immense Last für Ihre Angehörigen, die damit auch nicht allein gelassen werden dürfen. Aber bei aller Angst und Belastung verliert man auch leicht aus den Augen, was die Kehrseite dieses Zustandes sein könnte. Dass ein dementer Mensch in einer anderen Welt lebt. In einer Welt der Gefühle und der Erinnerungen. Mit ganz anderen Qualitäten und Fähigkeiten. Eine Fachfrau aus der Seniorenarbeit hat mir von einer dementen Frau erzählt, die scheinbar völlig weggetreten von dieser Welt gewesen sei. Sie war aber immer wieder an den Betten von gerade Verstorbenen in ihrem Pflegeheim zu finden. Sie muss also gespürt haben, wenn diese ans Sterben kamen, hat sich zu ihnen gesetzt und sie still dabei begleitet. Ich will die Demenz weiß Gott nicht verklären, da kommt, wenn die geburtenstarken Jahrgänge mal alt werden noch einiges auf uns zu. Aber vielleicht lehren uns die dementen Menschen ja auch wieder mehr in Kontakt mit dem Leben zu kommen, das unter der Oberfläche ist. Und jenseits dessen, das wir sehen und hören, verstehen und planen können

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„Liebe als hätte dich noch niemand verletzt" - dieser Satz stand in einer PPS, die mir eine Hörerin geschickt hat. PPS sind Text-Bildkompositionen, mit Musik, die Menschen per Computer verschicken, wenn sie jemandem was Gutes tun wollen. Und bei diesem Satz bin ich hängen geblieben. „Liebe als hätte dich noch niemand verletzt". Geht das denn? In diesem Satz steckt, dass jeder Mensch seine Blessuren hat, seine Wunden, die ihm das Leben geschlagen hat. Und in darin steckt auch, dass die Liebe verletzen kann, sehr weh tun kann. Einer meiner Lieblingsschriftsteller, Khalil Gibran, hat die verletzende Seite der Liebe so beschrieben: „Und wenn dich ihre Flügel umfangen, so überlass dich ihr, mag auch das Schwert, das sie unter ihrem Gefieder verbirgt, dich verwunden." Also ist es dann nicht Verdrängung, wenn man versucht diese scharfkantige Seite der Liebe auszublenden? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist der Satz „Liebe als hätte dich noch niemand verletzt" ja eine Aufforderung, eine Ermutigung zum Leben trotz allem Risiko, trotz aller Enttäuschungen, trotz allem Schmerz. In diesem als hätte dich noch niemand verletzt, steckt das Wissen und das Bewusstsein der schmerzlichen Seite des Lebens und der Liebe. Und der wohlmeinende Wunsch sich davon nicht lähmen zu lassen, Gefühle nicht wegzudrücken aus Angst vor weiteren Verletzungen. Wünsche, Pläne, Visionen nicht fallen zu lassen, weil sie scheitern könnten oder manche vielleicht schon gescheitert sind. Und vielleicht steckt in dem Satz „Liebe als hätte Dich noch niemand verletzt" ja die Liebe selbst. Als fürsorglicher Wunsch an ihr festzuhalten, auch und gerade zu Zeiten in denen sie fehlt oder nur schmerzt. Und daran zu glauben, dass sie wieder kommt und dem Leben wieder Kraft, Farbe und Licht schenkt.           

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Jetzt hab ich schon so viel Kluges darüber gesagt und doch schaffe ich es immer wieder selber nicht: Langsam tun. Wo ich doch nun wirklich in einem Alter bin, in dem man die Ruhe weghaben könnte und zumindest manche Sachen langsam machen könnte. Klar, es gibt Dinge, die müssen schnell getan werden, schnell aber nicht hektisch. Hilfeleistungen an Leib oder Seele, manchmal auch Entscheidungen. Aber was hält mich bei den Dingen, die auch langsam gehen könnten davon ab, sie auch langsam zu tun? Eine Hörerin hat mir einen Text geschickt, der gut zu diesem Thema passt. Weil er mir das Langsam-Tun so sympathisch macht, gebe ich ihn gern weiter. Und vielleicht auch zum Innehalten, heute am Frühlingsanfang. Also, der Text ist von Jutta Richter und geht so: 

Ein Engel hat immer für dich Zeit,
das ist der Engel der Langsamkeit.
Der Hüter der Hühner, Beschützter der Schnecken,
hilft beim Verstehen und beim Entdecken,
schenkt die Geduld, die Achtsamkeit,
das Wartenkönnen, das Lang und Breit.
Er streichelt die Katzen, bis sie schnurren,
reiht Perlen zu Ketten, ohne zu murren.  

Und wenn die Leute über dich lachen,
und sagen, du musst doch schneller machen,
dann lächelt der Engel der Langsamkeit
und flüstert leise: Lass dir Zeit!
Die Schnellen kommen nicht schneller ans Ziel.
Lass den doch rennen, der rennen will! 

Ein Engel hat immer für dich Zeit...
Er sitzt in den Ästen von uralten Bäumen,
lehrt uns, den Wolken nachzuträumen,
erzählt vom Anbeginn der Zeit,
von Sommer, von Winter, von Ewigkeit.
Und sind wir müde und atemlos,
nimmt er unsren Kopf in seinen Schoß.

Er wiegt uns, er redet von Muscheln und Sand,
von Meeren, von Möwen und von Land.
Ein Engel hat immer für dich Zeit
Das ist der Engel der Langsamkeit...

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Das ist eine Nachricht an meinen Engel. Ich denke es gibt viele Engel. Sichtbare und unsichtbare. Und Engel in Menschengestalt. Meinen traf ich am 16. März 1993 im Kreiskrankenhaus in Esslingen. Also vor fast genau 19 Jahren. Mein Vater war am Morgen dieses Tages gestorben. Ich wurde in die Klinik gerufen. Der Platz an dem sein Bett stand war leer. Das habe ich noch wahrgenommen. Ich wurde in den Aufbewahrungsraum geschickt. Er war im Keller. Ein schöner Raum. Würdevoll, stilvoll, zeitlos. Den Tod - das Aussehen und die Ausstrahlung toter Menschen - kannte ich damals schon. Was mich aber tief berührt und zu Tränen gerührt hat war dieses Gesicht meines toten Vaters: Eine Mischung aus Säugling und Greis. Irgendwie nackt, verletzlich, friedlich. Und plötzlich wie ich bei meinem toten Vater stand, spürte ich eine Hand an meinem Rücken. Sanft, zärtlich, beruhigend. Mein Engel stand seitlich hinter mir. Bildschön, blond, in weißer Kleidung, wie auch Klinikschwestern sie tragen. Mein Engel stand nur still hinter mir und strich mir über den Rücken. Ich weiß nicht wie lange, aber es war wunderschön. Und auf einmal war er weg. Ich habe ihn nie wieder gesehen. Aber dieses Bild, dieses Gefühl hat einen festen Platz, tief in meiner Seele. Ich möchte Dir danken, mein Engel. Und ich hoffe Du bist noch in dieser Welt. Hast noch viele Trauernde getröstet mit Deiner sanften, lieben Hand. Ich schicke Dir meinen Dank mit einem Satz. Ein Satz der uns verbindet und der zu Dir passt. Weil er mich gelehrt hat wie Menschen zu Engeln werden können: „Wir Menschen sind Engel mit nur einem Flügel. Wenn wir uns berühren, können wir fliegen..."

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Gibt es eigentlich ein Leben vor dem Leben? Es ist doch interessant, dass die Zeit vor unserer Geburt in philosophischen oder theologischen Debatten keine Rolle spielt. Stattdessen wird immer nur hitzig über das Leben nach diesem Leben hier diskutiert. Ich habe gerade zwei Bücher gelesen, in denen es auch mal um das Leben vor dem Leben geht. Das eine ist von einem amerikanischen Psychoanalytiker, der nicht gläubig ist. Für ihn sind beide Seiten jenseits unseres Lebens schwarze Nacht. Für ihn kommen wir aus einem schweigenden Nichts und gehen auch wieder dahin. Der andere ist Rainer Maria Rilke. In einem seiner Gedichte schaut er auch auf die Zeit vor unserer Geburt und sagt: „Gott spricht zu jedem nur eh er ihn macht, dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht."     Auch bei Rilke befinden wir uns vor diesem Leben in einer Art Dunkelheit, aber in einer bergenden, schützenden Dunkelheit, in einem vertrauten Gespräch mit Gott. Der dann, wenn wir in dieses Leben treten schweigt, aber bei uns ist in dieser Sehnsucht, die nie zu stillen ist. „Geh bis an deiner Sehnsucht Rand", schreibt Rilke und meint wohl dass wir dann dort Gott spüren werden. Oder im Leben - in seiner Schönheit und seinem Schmerz. Überall im tiefen gelebten Leben sei er zu spüren. „Lass dich von mir nicht trennen", schreibt Rilke, und meint den zu seinem Geschöpf sprechenden Schöpfer vor der Geburt seines Geschöpfes. „Nah ist uns das Land, das sie Leben nennen, du wirst es erkennen an seinem Ernste" sagt Rilke. Das ist schön, anspruchsvoll und weise. Und er hat recht! Immer wenn das Leben tief, intensiv wird, wird es auch ernst. In der Liebe, der Geburt, dem Tod. In der Freude und im Schmerz. Überall dort geraten wir in den Grenzbereich Gottes. In eine Sphäre von heiligem Ernst. Und es ist so passend wie schön, dass das Gedicht von Rilke mit diesem schlichten Satz endet: „Gib mir die Hand!" Ein wunderschönes Bild für unsere Sehnsucht nach Gott, von dem wir kommen, nach dem wir hier in dieser Welt sehnsuchtsvoll unsere Hand ausstrecken. Und zu dem wir, so hoffe ich, einmal wieder heimkehren werden.

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