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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Auf einem kunstgewerblichen Herbstmarkt fand ich eine liebevoll hergestellte Postkarte. Wenige Zeilen standen darauf, die aber waren wunderschön handgeschrieben:
Zeit des Friedens
Tage der Besinnung
Stunden der Freude
Minuten der Stille
Sekunden des Glücks
Augenblicke der Hoffnung
WEIHNACHTEN
Ich habe davor gestanden und überlegt, was damit gemeint sein könnte. Ich las die großartigen Worte der Sehnsucht, suchte aber nach einer Erklärung, warum die Zeiteinheiten immer kleiner abgestuft werden: Warum so weit gefasster Friede und so kurze Momente des Glücks, warum ganze Tage der Besinnung aber nur Augenblicke der Hoffnung?
Oder steckt vielleicht gar nichts dahinter? Ist die Rede von kürzer werdenden Phasen nichts weiter, als der Versuch, eine tiefe Sehnsucht in schöne Sprache zu kleiden?
Was aber ist der Wert schöner Sprache, wenn die Begriffe entleert sind, wenn Sehnsüchte angerissen werden, aber Antworten fehlen?
Warum denn Frieden? Warum denn Freude, Glück und Hoffnung?
Fehlen die Inhalte, mag die Verpackung zwar schönstes Kunstgewerbe sein, das Gesamte aber wird belanglos. Und Menschen, die Weihnachten nicht als Frieden, Glück und Hoffnung erleben können, weil ihre Umstände so sind, wie sie sind, - traurig, schmerzvoll oder entbehrungsreich - werden brüskiert und verletzt.
Genau das Gegenteil bedeutet aber Weihnachten und auch die Adventszeit, die wir gerade erleben: Im Ursprung geht es um Jesus Christus, der auf uns Menschen zukommt, und der sich selbst uns als Geschenk bringt. Er ist der Friede, Er ist das Glück, Er ist die Hoffnung. Erst wo Er Menschen anrührt, kann wirklich Weihnachten werden.
Mit Frieden, der nicht nur Stimmung ist, sondern Streit überwindet,
mit Besinnung, die sich mutig auch den Abgründen des Lebens stellt,
mit Glück, das sich in Gott geborgen weiß und zugleich die ganze Welt umarmen könnte,
Und mit Hoffnung, die so weit ist, dass sie Flügel verleiht.
In der Bibel klingt das so: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht und über denen, die im Finstern wandeln, scheint es hell."
Das sind mehr als schöne Worte. Diese Worte haben's in sich.

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An einem bitterkalten Tag drängten sich ein Rabbi und seine Schüler um ein Feuer. Einer der Schüler, Sprecher seines Meisters, sagte: Ich weiß genau, was an einem so eiskalten Tag wie heute zu tun ist.
Was - fragten die anderen?
Warm halten.  - Und wenn das nicht möglich ist. Weiß ich immer noch, was zu tun ist.
Was?
Frieren.
Die Geschichte stammt von Anthony de Mello, einem Jesuitenpriester, der über die Beschäftigung mit Theologie und Psychologie zu einem tiefgründigen und humorvollen Geschichtenerzähler wurde. Was in dieser Geschichte auf den ersten Blick altklug erscheint, erweist sich beim näheren Hinhören als sehr viel tiefgründiger, steckt voller Lebensweisheit  und Glaubenserfahrung. Ich weiß, was zu tun ist. Warm halten. Und wenn das nicht möglich ist: frieren.
Alles hat seine Zeit, so formulierte es die jüdische Tradition. Und meint damit: Es gibt unterschiedliche Zeiten und Lebensphasen, Zeiten zum Jubeln und zum Klagen, Zeiten zum Freuen und zum Weinen, zum Aufbauen und zum Warten. Alles hat seine Zeit und alles braucht auch seine Zeit.
Freilich. Daraus wird im Alten Testament keine Schicksalsergebenheit, die den Menschen zu Ohnmacht und Untätigkeit verdammt.
Vielmehr redet die Bibel so von der Zeit, dass diese von Gott her bestimmt wird. Jede Zeit hat ihre eigene Chance und Herausforderung.
Auch die Adventszeit ist besondere und gefüllte Zeit. Ich versuche, sie bewusst zu erleben und wach zu sein - für mich selbst, für Gott und für Menschen um mich herum. Als Zeit, die mir gegeben ist: das Leben wahrzunehmen - mit den Höhen, aber auch mit den Tiefen, mit Glanzpunkten und mit den dunklen Seiten. Und ich versuche, das das Richtige zu erkennen: z.B einem Menschen Wärme zu geben oder ihm zumindest zu helfen, die unausweichliche Kälte auszuhalten.

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„Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. So pessimistisch bin ich nicht!" Der Satz stammt vom Künstler, Sänger und Kabarettisten Georg Kreisler. Er war bekannt für seine spitze Zunge und für seinen schwarzen Humor. „Die Gegenwart ist düster genug. - Bitte keine Verlängerung über den Tod hinaus!"
Da hat Kreisler natürlich recht: Wo wir anfangen, uns den Himmel vorzustellen, dort wird's schnell grausig. Ich denke nur an den Münchner im Himmel: dem kann ichs gut nachempfinden, dass er wieder raus will aus diesem Himmel, in dem er von morgens bis abends Halleluja brummeln muss. Oder die Vorstellung, dass ich im Himmel auch mit denen zusammen sein soll, denen ich hier auf Erden lieber aus dem Wege gehe. Nicht unbedingt begeisternd. Dann lieber mit Humor. Wie jener Pfarrer, der im Sterben, kurz vor seinem Tod mit seinem Bruder sprach, Es war ein ernstes Gespräch, über den nahen Tod und seine Unausweichlichkeit. Sagt der Sterbende plötzlich: „Weißt Du, worauf ich mich am meisten freue? -  Auf's Rauchen. Wenn ich im Himmel ankomme, da werde ich als Erstes wieder eine rauchen!"
Bilder vom Himmel entziehen sich unserer Vorstellungskraft. -
Doch - ohne Bilder verblasst die Hoffnung zu einem ungewissen Etwas: „Man weiß ja nichts!"
Und gleichzeitig wird - wo Bilder der Hoffnung fehlen -  auch der Tod zu einem ungewissen Etwas, das sich wie ein Nichts, oder auch wie ein undurchdringlicher Nebel über die Zukunft des Menschen legt. - unheimlich, irgendwie auch deprimierend.
Anders die Bibel. Sie erzählt ohne Scheu in schönsten Bildern von der kommenden Welt. Zum Beispiel von dem Gott, der tröstlich nahe bei den Menschen ist.
Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;
und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!
Darum: Anders als Georg Kreisler schließe ich mich gern der Hoffnung der Bibel an. Ich glaube an das Leben nach dem Tod, so optimistisch bin ich dann doch - um Gottes willen. 

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Über das Altwerden denken wir zurzeit in unseren kleinen Impulsen am frühen Morgen nach. Das ist nicht ihr Thema, denken Sie? - Ich habe es immer als hilfreich empfunden, mich durch Begegnungen mit alten Menschen schon früh damit auseinanderzusetzen. Ich hoffe, dass ich dadurch auf das Alter gut vorbereitet bin und etwas Sinnvolles aus den späten Jahren machen kann.
Im Alter entstehen ja durchaus Freiräume für Neues. Die Frage darf deshalb nicht lauten: Was kann ich noch tun im Sinne von: Wie weit kann alles weiterlaufen wie bisher? Vielmehr muss sie lauten: Was kann ich gerade jetzt tun? Wie kann ich konstruktiv im Heute leben, anstatt nur der Vergangenheit nachzutrauern? Ich kenne viele positive Beispiele dafür. Da passen Senioren auf die Babys der Jugendleiter auf, während diese in der Gemeinde mitarbeiten. Da ist man sensibel geworden, sich in die Nöte anderer hineinzuversetzen und wird auf einmal zum geschätzten Gesprächspartner. Da investiert sich jemand ehrenamtlich in ein soziales Projekt oder gründet sogar eines.
Das Alter als eigene, positive Phase wird aber nur der erleben, dem es gelingt, die Vergangenheit aufzuräumen und loszulassen. Nicht nur das Schöne gilt es loszulassen, auch das Dunkle, das Belastende soll zurückbleiben. Im Alter hat der Mensch in der Regel mehr Zeit. Längst vergessen Geglaubtes meldet sich wieder zu Wort. Menschen von damals werden wieder wichtig, gerade auch solche, die vermeintlich oder tatsächlich an uns schuldig geworden sind und versagt haben: Eltern, Lehrer, Partner - oder auch die Gesellschaft, die Umstände, die Zeit damals... Da kann sich leicht das Gefühl einschleichen, ich bin zu kurz gekommen. Vielleicht bricht aber auch eigene Schuld wieder auf. Immer wieder kreisen die Gedanken darum, und alle Versuche, sich selbst davon frei zu argumentieren wollen einfach nicht gelingen.
Wie gut ist es, mit all dem zu Gott zu gehen. Bei ihm lerne ich, bewusst Ja zu sagen, zu meinen Grenzen, die vielleicht viel enger geraten sind, als ich es mir erhofft hatte. Ich nehme endgültig Abschied von den geplatzten Träumen. Ich nenne beim Namen, was ich durch meinen Eigensinn von Gottes Plänen vereitelt habe. Ich bitte Gott und Menschen um Vergebung, für das, was ich ihnen schuldig geblieben bin. Dabei reift zwangsläufig auch die Bereitschaft, anderen zu vergeben.
Am Ende ist es keineswegs so, als wäre all das Schwere nie geschehen. Ein vernarbtes Leben bleibt zurück, und Narben können durchaus gelegentlich noch schmerzen. Aber es sind eben keine offenen, unbehandelten Wunden mehr, die sich entzünden könnten. Wie der alte Simeon im Neuen Testament kann man sagen: „Nun lässt du deinen Diener in Frieden ziehen (Luk 2,29).

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Schon wieder Advent, schon wieder ein Jahr vergangen. Wo bleibt nur die Zeit? - Gerade wenn Menschen älter werden, haben sie den Eindruck, dass die Zeit immer schneller verrinnt und ihnen das Leben davonläuft. Das kann einem schon Angst machen, oder?
Von Abraham heißt es (1.Mose 25,8), dass er am Ende "alt und lebenssatt" starb. Das etwas ungewöhnliche Wort meint etwas Anderes, als das Leben satt zu haben und lebensmüde zu sein. Nehmen wir das Bild ruhig wörtlich: Das Leben ist wie ein gutes Essen. Ich habe zugelangt - es hat geschmeckt - und nun bin ich satt. Da ist zwar noch mehr auf dem Tisch, aber es reizt nicht mehr. Ich will es nicht in Gier auch noch in mich hineinstopfen. Übertragen heißt das: Ich habe gelebt - es war alles in allem schön, wenn auch nicht immer leicht - ich danke Gott dafür, aber nun ist es genug und ich bin bereit aufzustehen und in Gottes andere Welt zu gehen.
Ich denke, um einmal „lebenssatt" wie Abraham sterben zu können, muss man die spezifische Aufgabe des Alters bewältigen. Und die heißt Loslassen. Diese Aufgabe wird nicht theoretisch am Schreibtisch gelöst, sondern das Leben selbst legt uns die Lektionen zu seiner Zeit vor. Das Alter kommt ja nicht von einem Tag auf den anderen unerwartet über uns. Es kündigt sich durch nachlassende Kräfte oder vermehrte Krankheiten an. Oder nehmen wir das Ausscheiden aus dem Beruf. Gewiss, manche erleben das Ende der Berufstätigkeit als Befreiung aus der täglichen Tretmühle. Ganz oft aber ist es auch ein Stück Sterben.
Eine alte Dame, die erfolgreich im Beruf gestanden hatte, sagte mir einmal: "Meine Verabschiedung mit all den Blumen und Lobesreden kam mir vor, als nähme ich an meiner eigenen Beerdigung teil."
So etwas ist bitter, aber es ist auch hilfreich und notwendig. Schließlich gehen wir alle auf den Tag zu, wo von unserem Leben nur noch zählt, was in Gottes Augen wichtig und richtig war. Was bleibt denn, wenn wir jene andere Welt betreten, in die wir nichts mit hinübernehmen können aus dieser Zeit: keine Titel und Diplome, keine Leistungen und Verdienste, keine Guthaben und Erfolge. Niemanden, wirklich niemanden interessiert dann noch, was uns so wichtig war.
Ob es nicht Gottes Weisheit ist, wenn uns im Alter ein paar Trainingseinheiten im Loslassen verordnet werden? Sind wir wirklich auf dem richtigen Weg, wenn wir uns, wo immer es geht, um diese Lektionen herummogeln und möglichst, wie das Knoblauchmännchen in der Apothekenwerbung, bis zum Abpfiff durchs Leben turnen? Mir ist es wichtiger, einmal wie Abraham zu sagen: Es ist genug, ich bin satt. Danke, Vater im Himmel.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12063

Es ist schlimm bestellt mit der Achtung vor dem Alter. Darin sind sich ältere Menschen schnell einig, wenn sie miteinander reden. Tatsächlich gibt es diesbezüglich in unserer Gesellschaft große Veränderungen. In früheren Zeiten lebten die Jungen davon, dass die Alten ihnen ihr Wissen weitergaben. Das ist weitgehend vorbei. Im Zeitalter der Datenautobahnen erleben viele, dass ihre Ausbildung und ihr Wissen bereits nach wenigen Jahren wertlos sind. Wer sich nicht ständig weiterbildet oder auch nur ein paar Jahre aus seinem erlernten Beruf ausscheidet, wird schon sehr bald von der Entwicklung überholt. Und das bedeutet auch: das Sachwissen und die Berufserfahrung der Älteren stellen für die Jüngeren oft keinen Wert mehr dar.
Auch im sozialen Bereich haben die letzten 50 Jahre gewaltige Umbrüche mit sich gebracht. Das Rollenverständnis von Mann und Frau hat sich stark verändert. In der Kindererziehung erscheinen Jüngeren die Vorstellungen und Ratschläge ihrer Eltern nicht mehr angemessen. Zwischen dem 17- und dem 67-Jährigen liegen, gemessen an früheren Zeiten, ganze Jahrhunderte.
Das eigentliche Problem liegt nun darin, dass wir vielfach die Achtung vor dem Alter als eine Art Rendite auf die Vergangenheit verstehen. Sie ist ein Anspruch, den ich mir verdient und erarbeitet habe. Doch was ist, wenn der Ertrag meines Lebens für die nachfolgende Generation kaum mehr einen Wert hat? Wer in der Blütezeit nur auf seinen gesellschaftlichen Marktwert setzt, wird am Ende mit leeren Händen dastehen.
Für Christen ist die Achtung vor dem Alter aber nach wie vor ein hohes Gut. Schließlich heißt es in der Bibel (3. Mose 19,32): „Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren, denn ich bin der Herr." -
Die Begründung ist hier eine ganz andere als in unserer Gesellschaft. Weil Gott der Herr ist und weil die Ehrfurcht vor ihm es gebietet, deshalb verdient der alte Mensch Respekt. Verstehen Sie, wie radikal anders dieser Ansatz ist? Die Würde des alten Menschen ist nicht in seiner Vergangenheit, sondern in seiner Gegenwart zu finden. Und sie leitet sich auch nicht von seiner Leistung ab, sondern ist allein im Schöpfer des Menschen begründet.
Jeder Mensch hat Würde und verdient Respekt, weil er ein Original Gottes ist. Das gilt für den erfolgreichen Unternehmer genau so wie für den Obdachlosen in der Bahnhofsunterführung, für das beneidete Topmodel wie für die behinderte Rollstuhlfahrerin und für den jungen genau so wie für den alten Menschen. Ich persönlich möchte diese Sichtweise bereits heute, wo ich noch mitten im Berufsleben stehe, einüben. Ich möchte nicht, dass mir am Ende alles wegbricht, was mir das Gefühl von Wichtigkeit gab und ich innerlich vor dem Nichts stehe. Ich möchte jetzt und im Alter darauf setzen, dass ich in Gottes Augen wertvoll bin - egal was ich leiste.

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