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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Wer aufräumt, der muss auch wegwerfen. Wer Ordnung schaffen will, der muss sich auch von ein paar alten Sachen trennen können. Wegwerfen oder behalten? Das ist beim Aufräumen die große Frage.
Besonders heikel finde ich das bei alten Bibeln. Bei solchen, in denen man eigentlich nicht liest. Die nur herumstehen und Platz wegnehmen. Eine Bibel würde ich nie ins Altpapier tun. Dass es vielen Menschen auch so geht, weiß ich von Leuten, die aufräumen, bei sich oder auf dem Dachboden der verstorbenen Tante und die dort Bibeln finden, Aufbewahrt von Leuten, die ihre Bibeln auch nicht wegwerfen wollten.
Woran liegt es, dass die meisten Leute irgendwie ehrfürchtig mit einer Bibel umgehen? Vielleicht haben sie eine Scheu davor, ein Buch zu beschädigen, in dem „Worte Gottes" stehen. Oder sie spüren die jahrtausendelange Geschichte in diesem Buch. Die vielen Lebens- und Glaubenserfahrungen von Generationen. Das religiöse Erbe unserer Vorfahren. So etwas kann man wirklich nicht einfach ins Altpapier tun. Die Bibel ist eben kein Buch wie jedes andere. Obwohl sie natürlich von Menschen geschrieben, abgeschrieben, übersetzt, gedruckt und verkauft wird wie jedes andere Buch auch.
Was die Bibel so besonders macht, das sind diese Erfahrungen mit Gott, von denen Menschen uns in diesem Buch erzählen. Und die Aussicht, manchmal sogar das Versprechen, dass solche Gotteserfahrungen aus alter Zeit auch meine eigenen werden könnten: Bewahrt werden von Gott. Beschützt und gut versorgt sein. Die Sorgen, die Ängste loslassen können. Geliebt sein. Korrigiert werden. Fehler einsehen können und trotzdem nicht die Achtung vor sich selbst verlieren. Feinde nicht vernichten müssen. Verantwortlich sein für Schwache. Kinder Wert schätzen und Alte. Hoffnung haben, wenn es hart auf hart kommt,... Wie das gehen kann, das steht in der Bibel. Manchmal in alten, für uns heute ungewohnten Worten oder Vorstellungen. Das kann ja nicht anders sein bei Texten, die Tausende von Jahren alt sind. Deshalb gibt es ja auch neue Bibeln in heutigem Deutsch wie die Basisbibel zum Beispiel.  Ich finde, die Glaubenszeugnisse unserer Vorfahren, das sind brauchbare und hilfreiche Lebensmöglichkeiten auch für uns Menschen heute. Gott im eigenen Leben erfahren, das geht auch heute noch. In der Bibel steht, wie.
Wenn Sie also eine Bibel haben und wissen nicht wohin damit: Vielleicht auf den Nachtisch neben dem Bett. Sie könnten heute Abend darin lesen. Denn dazu ist eine Bibel ja schließlich da.

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Oft sind es die Großmütter, die ihren Enkeln etwas weitergeben vom christlichen Glauben. Jedenfalls war das früher so. Da beteten die Großmütter mit den Kindern, erzählten ihnen biblische Geschichten und segneten sie abends mit einem Kreuz auf der Stirn.
Heute ist das nicht mehr so selbstverständlich. Oft wohnen ja Großeltern und Enkel gar nicht am selben Ort. Man telefoniert, sieht sich zu den Familienfesten. Oder beim Omabesuch in den Ferien. Wie kann man da den Kindern etwas vom Glauben vermitteln?
Ich glaube es geht, aber vielleicht geht es anders als früher. Zum Beispiel, wenn sie miteinander reden. Auf Augenhöhe. Nicht als Lehrer und Schüler, sondern als zwei, die miteinander Gott und die Welt verstehen wollen. Jeder aus der Perspektive seines Lebensalters heraus.
Dazu muss man Kindern Zeit lassen, sie nach ihrer Meinung fragen und nach dem, was sie sich so denken. Und ihnen dann gut zuhören.
Zum Beispiel so: In der Religionsstunde hatte die Lehrerin die Geschichte vom Zöllner Zachäus erzählt. Und wie Jesus ausgerechnet bei diesem Fiesling, der den Leuten das Geld abpresst, zu Gast sein will. Wunderschön hat sie den Kindern ausgemalt, wie Zachäus nach der Begegnung mit Jesus wieder ein guter Mensch wurde und all das erpresste Geld den Leuten zurückgab.
Nachher zu Hause war die Großmutter zufällig da: „Was meinst denn du, warum ist Jesus denn zu Zachäus gegangen?" fragte sie. „Jesus ist zu Zachäus gegangen, weil er sehen wollte, was der für Vorhänge hat." „Ja, und was noch?"  „Und was für Möbel und was für Geschirr und wie schön die Frau von Zachäus ist." „Warum wollte Jesus das denn sehen?" „Na, weil er ihn gern hat."
Für das Kind gehört das alles zur Liebe: das Haus, die Vorhänge, das Geschirr und die Möbel und die schöne Frau. Die Liebe ist ja nicht abstrakt. Auch die Liebe Gottes nicht. Sie hat immer etwas mit Nähe zu tun und mit dem Alltag und damit, dass man am Leben des geliebten Menschen teilhaben will. So machen Menschen das, wenn sie sich mögen. Und Gott macht es genau so.
So hatte die Großmutter das noch nie gesehen. Im Gespräch mit ihrem Enkelkind hat sie noch einmal einen ganz anderen Blick für die Zachäusgeschichte bekommen.
Mit Kindern von Gott sprechen, heißt nicht, sie zu belehren. Man muss bereit sein, sich überraschen zu lassen und selbst noch etwas dazu lernen wollen. Zum Beispiel, wie das ist mit der Liebe und wo man ihr überall begegnen kann.

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Um mich herum werden die Leute älter. Das bringt mich zu dem Schluss, dass es bei mir genau so sein muss. Auch ich werde anscheinend älter. Auch wenn ich mich mit 50 immer noch so fühle wie mit 30. Tatsache ist: eines Tages werde ich alt sein. So Gott will, und ich lebe.
Darum finde ich es wichtig, wenn ich mir auch schon in den mittleren Lebensjahren das Alter anschaue. Wie machen es eigentlich die, die heute schon alt sind? Und gibt es Ratschläge, die mir einleuchten?
In dem Gebet aus der Kathedrale in Baltimore heißt es: „Ertrage freundlich-gelassen den Ratschluss der Jahre. Gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf. Stärke die Kraft des Geistes, damit sie dich in plötzlich hereinbrechendem Unglück schütze. Aber beunruhige dich nicht mit Einbildungen. Viele Befürchtungen sind Folge von Erschöpfung und Einsamkeit. Bei einem heilsamen Maß an Selbstdisziplin sei gut zu dir selbst."
So wäre es gut, alt zu werden: Gelassen, freundlich, bei klarem Verstand, ohne Ängste, mit lieben Menschen an der Seite und nicht verbittert über das, was nicht mehr ist.
Aber ich bezweifle, ob man sich das vornehmen kann. Das Alter birgt doch auch viele Zumutungen: Krankheiten, vielleicht der Verlust des Partners, nachlassende Kräfte an Körper und Geist, möglicherweise die Sorge, ob die Rente für alles reichen wird.
Und dann muss jeder ja auch vieles loslassen: den Beruf, die Kinder, den geschmeidigen Körper, vielleicht sogar den Verstand. Alle diese Abschiede sind doch kein Vergnügen.
Ob das geht, dabei gelassen und freundlich zu bleiben?
Ich habe mehr Fragen als Antworten. Aber eine Spur habe ich gefunden:
Gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf, steht in dem Gebet aus Baltimore. Und mir scheint: Mit Grazie könnte es gehen. Im Englischen heißt Grazie/grace nämlich auch Gnade. Gnade ist ein Gottesgeschenk. Man kann sie sich nicht verdienen und anschaffen wie all die Dinge, die wir uns in den mittleren Lebensjahren erwerben. Gnade schenkt Gott. Einfach so. Vielleicht kann man das ja im Alter besser spüren als in jüngeren Jahren? Tüchtigkeit und Wichtigkeit und alles, wofür ich Verantwortung trage, steht mir dann vielleicht nicht mehr so im Weg. Dann kann ich leichter erkennen, was alles im Leben ein Geschenk ist und überhaupt nichts mit meiner Leistung zu tun hat.
Ich will die Zumutungen des Alters nicht verklären. Ich bin mir aber sicher, dass sich auch im Alter noch Türen auftun, die einem in jüngeren Lebensjahren noch verschlossen sind.
Die Grazie, die Dinge der Jugend wieder abzugeben, weil ich sie nicht mehr brauche, das ist vielleicht so eine Tür. Und die Bitte um die Gnade Gottes, die ist der Schlüssel dazu.

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Beim Anpassen meiner neuen Brille haben wir über den Papstbesuch in Deutschland geredet. Da fragt mein Optiker:„Sind Sie eigentlich eine katholische oder eine evangelische Pfarrerin?". Schön wär's, habe ich gedacht, wenn wir schon so weit wären. Aber da sind wir noch lange nicht. Denn: Ob es Pfarrerinnen geben darf oder nicht, das ist eines der heißen Eisen in der Ökumene der Kirchen. Und ein entscheidender Punkt im Unterschied zwischen evangelisch und katholisch.
Denn wir Evangelische haben Pfarrer und Pfarrerinnen. Sie leben mit ihren Partnern zusammen. Und Kinder, die gibt es in den Pfarrfamilien natürlich auch.
Der katholische Priester lebt ohne Ehepartnerin, zölibatär, wie man sagt. In der Priesterweihe wird er in den Klerikerstand erhoben. Damit wird er Teil einer Hierarchie, die sich fortsetzt von Petrus über die Päpste, bis hin zum Priester selbst. In der Bibel steht, dass Jesus zu seinem Jünger Petrus gesagt hat: „Du bist der Stein, auf den will ich meine Kirche bauen." (Mt 16,18).Und weil dieser Petrus ein Mann war und keine Frau, darum werden in der katholischen Kirche bis heute Frauen nicht zu Priesterinnen geweiht. Obwohl es mittlerweile viele studierte katholische Theologinnen gibt.
Die Kirchen den Reformation, die evangelischen Kirchen, sind da einen anderen Weg gegangen. Hier gibt es Pfarrerinnen. Und zwar deshalb, weil Martin Luther, der Chefdenker der Protestanten im 16. Jahrhundert, eine wichtige Erkenntnis hatte. Er las in der Bibel: „In Christus" sind alle Menschen gleich, egal ob sie nun Juden oder Griechen, Sklaven oder Herren, Männer oder Frauen sind (Gal 3,28). Luther schloss daraus, dass alle Menschen den gleichen Zugang zu Gott haben. Insofern sind alle Gläubigen Priester. (1.Petr 2).
Nimmt man das ernst, dann kann es Frauen eigentlich nicht verwehrt sein, Pfarrerinnen zu werden. Und so kam dass, dass heute in der evangelischen Kirche auch Frauen am Altar stehen und predigen, taufen, das Abendmahl austeilen und zusammen mit dem gewählten Kirchengemeinderat eine Gemeinde leiten.
Zugegeben: Auch die evangelischen Männer haben ein paar hundert Jahre gebraucht, bis sie sich eine Frau am Altar vorstellen konnten. Aber es war möglich. Seit ungefähr 40 Jahren gibt es in der Evangelischen Kirche Pfarrerinnen.
Darum will ich nicht den Mut verlieren für meine katholischen Schwestern. Vielleicht kommt ja der Tag doch, an dem ich zusammen mit einer katholischen Pfarrerin einen ökumenischen Gottesdienst feiern kann. Ich bin sicher, nicht nur die Frauen würden sich freuen. Denn manchmal ist es gut, dass man dieselben Erfahrungen hat, wenn man miteinander betet, redet und singt.

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Angenommen, Sie sitzen im Zug und Ihnen gegenüber sitzt jemand mit einer Tätowierung auf dem Arm. Eindeutig kein Bild, sondern Buchstaben. Wären Sie neugierig? Würden Sie versuchen, zu lesen, was genau ihr Gegenüber sich da hat tätowieren lassen?
Ein Kollege von mir war in dieser Situation. Ein paar Tage später hat er mir davon erzählt, denn: die Tätowierung hatte mit mir zu tun. Ich will Ihnen die Geschichte weitererzählen: Dem Kollegen hat im Zug eine junge Frau gegenüber gesessen. In ihren Unterarm waren eindeutig Buchstaben tätowiert. Natürlich war er neugierig. Und natürlich hat er versucht zu lesen, was da stand. Wahrscheinlich so unauffällig wie möglich, stelle ich mir vor. Und was er da gelesen hat, das hat ihn vollkommen verblüfft. Da stand auf Englisch:„The Lord is my shepherd, I shall not want". - "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln". -Mit einem Bibelvers hatte er nun wirklich nicht gerechnet.
Deshalb hat er die junge Frau angesprochen auf ihre ungewöhnliche Tätowierung. Schließlich ist ein Bibelspruch nicht gerade das üblichste Motiv für ein Tattoo.
Warum sie sich gerade das habe stechen lassen, wollte er wissen.
„Das ist mein Konfirmationsspruch" hat sie ihm erklärt. Und: „ Die Pfarrerin, die mich damals konfirmiert hat, hat ihn für mich ausgesucht. Nur für mich persönlich. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln". Das bedeutet, dass Gott immer und überall für mich sorgt. Mein ganzes Leben lang. Das ist mir sehr wichtig. Das glaube ich. Darum habe ich es mir tätowieren lassen. Und da steht es jetzt für immer."
Schließlich hat sich herausgestellt: Die Pfarrerin von damals, die den Spruch ausgesucht hat, das war ich. Ich hätte mir ja nie träumen lassen, dass eine meiner Konfirmandinnen ihr Konfispruch so unter die Haut gehen könnte, dass später einmal eine Tätowierung daraus wird.
Aber wenn ich es mir recht überlege, so ungewöhnlich ist das auch wieder nicht.
Es gibt nämlich in der Bibel eine Stelle beim Propheten Jesaja, da heißt es: (Jes 46,16)

"Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet". Gott sagt das.
Ich habe dich in meine Hände gezeichnet. -Eigentlich müsste man aus dem Hebräischen sogar übersetzen: "geritzt". Oder: In meine Hände habe ich dich „tätowiert".
Gott hat uns Menschen in seine Hände tätowiert, um uns nie aus den Augen zu verlieren: Ich finde, das ist doch auch eine schöne Vorstellung. Auch wenn sie etwas ungewöhnlich ist.
Ich bin für immer und ewig in Gottes Hand. Diese Erfahrung, die wünsche ich meiner Konfirmandin von damals. Und Ihnen und mir, wünsche ich sie auch.

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Morgens schon im Stau. Und nachmittags wieder. Im Moment ist es vor allem die Autobahn zwischen Karlsruhe und Pforzheim, die mich zur Verzweiflung bringt. Schon Kilometer vor dem Engpass geht gar nichts mehr. Alles steht. Für mich ist das die reinste Geduldsprobe. Was könnte ich jetzt alles erledigen in der Zeit, in der ich hier festsitze. Immer sind es nur ein paar Meter, die es voran geht. Aber dann: eine Ausfahrt. Die Möglichkeit, dem Stau zu entkommen.
Der Weg durch die Dörfer. Statt Tempo 130, Tempo 50, manchmal nur 30. Ich fahre über Landstraßen und durch Ortschaften, die ich bisher nur dem Namen nach gekannt habe. Die Luft ist gut. Es riecht nach Herbst und nicht nach Abgasen. Der Wein an den Häusern hat schon seine wunderbare wein-rote Farbe. Da vorne am Feld werden Kürbisse verkauft. Und die Sonnenblumenfelder sind bald verblüht. Es ist so schön hier, mitten im Herbst. Von Stress und vergeudeter Zeit kann eigentlich keine Rede mehr sein. Nur - ohne den Stau hätte ich das alles gar nicht bemerkt. Wie heißt es so schön? Umwege erweitern die Ortskenntnis.
Und wie ich so hinter einem Traktor herschleiche, kommt mir der Gedanke: Das ist nicht nur im Stau so. Das gilt auch sonst. Umwege erweitern die Ortskenntnis. Irgendwie scheint auch das Leben die krummen Wege zu bevorzugen. Wie oft ist mir das schon passiert. Ich wollte irgendetwas erreichen oder unbedingt haben. Aber dann kam ein Stau. Irgendetwas kam dazwischen oder irgendjemand. Und es lief alles ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Manchmal wusste ich wirklich nicht, ob ich jetzt noch geradeaus fahre oder nur noch auf der Stelle trete. Und dann tat sich etwas Neues auf. Ganz anders, als ich es geplant hatte. Und später dann, mit Abstand, konnte ich sagen: das war doch ganz gut so, wie es gelaufen ist. Die Umwege waren nicht wirklich umsonst.
"Hab' deine Umwege lieb", hat jemand gesagt "denn es könnten die Wege Gottes sein." In der Bibel wird ständig von solchen Umwegen erzählt. Von endlos langen Wüstenwanderungen, von gefährlichen "dunklen Tälern", von unerträglichen Durststrecken - alles Umwege, die zu Wegen Gottes geworden sind. Weil Gott mit dabei war. Häufig allerdings mit einem anderen Ziel vor Augen als die Menschen es geplant hatten. Über diese Lebens-Umwege steht in der Bibel: "Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, Gott aber lenkt seinen Schritt" (Spr. 16.9). Anscheinend muss man erst in

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