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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Jasmin, Jessica und Yvonne - schon von weitem höre ich ihre aufgeregten, hysterischen Stimmen. Ich kenne die drei schon eine Weile und daher weiß ich, dass sie wohl wieder wegen einer Kleinigkeit streiten. Männer nennen das gern abfällig Zickenkrieg: kreischende, keifende Mädels sind es, die viel Lärm um nichts machen. Da werden heimlich Intrigen gesponnen und der Ruf der anderen ruiniert. Wenn ich die drei Mädels so sehe, dann frag ich mich schon, was uns Frauen manchmal „Zicken" sein lässt und ich vermute, dass meist Neid und Missgunst dahinter stecken. Wer sieht besser aus? Wer hat mehr Erfolg im Beruf? Wer hat das glücklichere Leben? Eigentlich sind solche Vergleiche überflüssig, aber wenn ich ehrlich bin, dann habe auch ich solche Vergleiche schon gezogen. Und dann ist schnell der nächste Schritt getan und ich versuche die andere klein zu machen, um mein eigenes Ansehen zu steigern. So will ich eigentlich nicht sein und dennoch ertappe ich mich hin und wieder dabei. Aber mir fällt noch etwas ganz anderes auf: Um so eine richtige Zicke werden zu können, muss ich aufmerksam betrachten, wie die anderen sind und was sie können. In Italien haben sich Philosophinnen genau dieses Phänomen zu Nutzen gemacht und einen Leitsatz für Frauen formuliert, der mich beeindruckt: „Um stark zu werden, braucht eine Frau eine andere Frau, die stärker ist als sie." Affidamento nennen sie diesen genialen Gedanken, der unserem Zusammenleben richtig gut tun könnte: Eine Frau lernt von der anderen. Daran wächst sie. Das gelingt aber nur, wenn ich das, was die andere kann, wertschätze und meinen Neid im Zaum halte. 
In Berlin-Neukölln setzt eine Gesellschaft für Frauen in Not diesen Gedanken ganz praktisch um: Frauen bieten Frauen Hilfe - bei der Wohnungssuche, bei drohender Gewalt, in finanziellen Schwierigkeiten.
Ein anderes Projekt in Bayern trägt ebenfalls den Namen „affidamento": diesmal ist damit ein Gesprächskreis gemeint: Frauen vertrauen einander ihre Probleme an und suchen gemeinsam nach Lösungen. „Um stark zu werden, braucht eine Frau eine andere Frau, die stärker ist als sie." Affidamento - eine Haltung, die, wie ich finde, auch Männern gut steht.

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...und wieder ist es passiert! Ich schlage meinen Kalender auf und sehe die beiden Termine - wie befürchtet zeitgleich. In Gedanken spiele ich alle Möglichkeiten durch. Vielleicht schaffe ich es noch und es geht beides. Wenn ich bei dem Einen früher gehe und zum Nächsten später komme... Ich bin enttäuscht: Dieses Mal gibt es wohl nichts zu schieben. Ich muss mich entscheiden: Singe ich bei einem Chorkonzert mit oder verbringe ich das Wochenende mit Freunden - so ganz entspannt. Bei beidem wäre ich gerne dabei. Das Singen tut mir gut und auch mit meinen Freunden bin ich gerne zusammen. Aber egal, wie ich mich entscheide, irgendjemand wird immer enttäuscht sein. Eigentlich habe ich meine festen Regeln: wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Aber ich merke: So leicht geht es dieses Mal wohl nicht. Ich bin hin- und hergerissen. Das eine lockt mich, das andere lässt mich nicht los. Wie soll ich mich nun entscheiden?
Im 17. Jahrhundert unterscheidet der Ordensgründer Ignatius von Loyola, drei Arten des Wählens. Die erste ist für ihn die Intuition - das Reagieren auf eine Eingebung. Direkt und spontan. Aber Ignatius weiß selbst, dass solche spontanen Eingebungen selten sind. Deshalb gibt es für ihn noch zwei andere Arten: das Hören auf das Herz, auf die Gefühle - wir würden heute vielleicht sagen - auf den Bauch. Und das sorgfältige Prüfen mit Kopf und Verstand, das Abwägen der Gründe, die für oder gegen eine Möglichkeit sprechen. Einfacher wird dadurch die Entscheidung nicht. Aber wenn ich mir die Zeit nehme auf beides zu hören, auf den Kopf und das Herz, dann treffe ich Entscheidungen, die ich mir und anderen gegenüber gut vertreten kann. Dann fällt es mir leichter mit meiner Entscheidung zu leben, ohne ständig an die verpassten Chancen zu denken. Dieses Mal werde ich bei dem Konzert mitsingen. Natürlich bin ich auch enttäuscht, dass meine Freunde ohne mich wegfahren. Trotzdem werde ich das Konzert genießen und mich über die Musik freuen.

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Bekommen Sie auch so gerne etwas geschenkt? Ich finde Geschenke sind etwas Wunderbares. Da denkt jemand an mich, will mir etwas Gutes tun: zum Geburtstag, an Weihnachten oder - und das finde ich fast am Schönsten - einfach so. Ohne bestimmten Anlass. Wenn Sie am Sonntagnachmittag in Karlsruhe unterwegs sind, bekommen Sie seit einigen Wochen auch etwas geschenkt: einen Espresso. Aus einem offenen Fenster, eineinhalb Meter über dem Bürgersteig, wird Ihnen eine Tasse frisch gebrühter Espresso angeboten. Einfach so. Gratis. Eine Espresso-Bar der besonderen Art. Hinter dieser Idee stecken zwei junge Männer, die die Liebe zu einem guten Espresso verbindet. Und wenn sie dieser Leidenschaft gerade mal nicht nachgehen und die beiden keine Kaffeebohnen rösten, dann schreibt der eine an seiner Diplomarbeit und der andere arbeitet als Beamter im öffentlichen Dienst.  Die Menschen, die vorbeikommen, sind begeistert. „Geniale Sache, und nochmal Danke für den super leckeren Espresso, ich komm definitiv wieder", sagt eine Passantin. Auch ich finde die Idee Klasse. Menschen, die sich vorher noch nie gesehen haben, stehen für ein paar Minuten beieinander und trinken einen Espresso. Die Stimmung ist locker, die Gesichter strahlen. Klar, manche sind ziemlich verdutzt und ihnen erscheint die Aktion erst mal verdächtig. Wo bekommt man heute noch etwas geschenkt - so ganz ohne Hintergedanken? Doch die beiden sympathischen Männer erklären: „Wir wollen anderen eine Freude machen und mit Liebe gemachten Espresso servieren." Jetzt greifen auch die Zweifler gerne zu. 
Wenn ich das als Christin so recht bedenke, dann bekomme auch ich jeden Tag etwas geschenkt: Gottes Liebe und Zuwendung. Dass ich die nicht so leicht anpacken und festhalten kann wie einen Espresso, macht es mir manchmal schwer. Dabei schenkt er sie uns jeden Tag neu - nicht nur sonntags.
Und noch etwas habe ich mit den Passanten in der Karlsruher Innenstadt gemeinsam. Auch ich muss für sein Geschenk nichts tun: nur zugreifen!

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Da sitzt sie. Mitten in der Fußgängerzone. Mit dem Rücken lehnt sie sich leicht an die Hauswand. Sie schaut auf die Füße der Vorbeilaufenden. Obwohl ich ihr Gesicht kaum erkennen kann, schätze ich sie auf um die fünfzig. Vor ihr liegt ein altes Pappschild - die Sonne hat die Schrift schon ein wenig ausgebleicht, aber es lässt sich noch lesen. Drei Worte stehen darauf: Ich habe Hunger! 
Bestimmt bin ich schon oft an ihr vorbeigegangen und war froh, nicht angesprochen zu werden. Es ist anstrengend, wenn mich jemand um Geld bittet. Wenn ich mit Armut konfrontiert werde. Aber heute kann ich nicht so einfach weitergehen. Das Schild macht mich betroffen. „Ich habe Hunger." Ich werfe ein Geldstück in die kleine Schachtel, die vor der Frau steht. Eigentlich müsste ich jetzt erleichtert sein. Doch die Worte auf dem Schild gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. „Ich habe Hunger!" Hunger!  Wenn ich ehrlich bin - das habe ich selten. Eher Lust und Appetit. Aber ich kenne auch diesen anderen Hunger. Hunger nach dem, was ich wirklich zum Leben brauche: Respekt, Anerkennung, Zuneigung. Das sind große Worte - und doch stehen sie für viele kleine, aber wichtige Gesten in meinem Leben: das Kind aus der Nachbarschaft, das mir beim Einzug in die neue Wohnung freundlich „hallo" gesagt hat oder das herzliche „Danke" einer Kollegin für meine getane Arbeit. Diese Aufmerksamkeit kann ich mir nicht selbst geben. Dazu brauche ich andere Menschen. Und wie schnell passiert es, dass ich selbst jemanden übersehe, weil ich mit meinen Gedanken schon woanders bin. Der heilige Benedikt von Nursia, Ordensgründer der Benediktiner, schreibt in der Lebensregel für seine Mitbrüder: „Ein freundliches Wort geht über die beste Gabe" (Kap. 31, 14) Damit schließt er tatkräftige Hilfe nicht aus! Auch er weiß, wie nötig sie ist. Aber sie alleine genügt nicht. Wir Menschen brauchen Zuwendung. Ohne sie können wir nicht leben. Und was mich wirklich satt macht, daran hat mich die Frau auf der Straße erinnert.

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„Jeder ist seines Glückes Schmied." Diesen Satz bekomme ich zurzeit ganz schön oft zu hören. Eine Kollegin hat ihn zum Beispiel gesagt, als sie mir erzählt hat, warum sie ihre Stelle wechselt. Oder ein Freund: er erklärt damit, dass er in seinem Beruf sehr ehrgeizig ist und viele Überstunden macht. „Jeder ist seines Glückes Schmied." Das meint, dass jeder selbst für sein Leben verantwortlich ist. Es liegt also in meiner Hand, ob ich glücklich und erfolgreich bin? 
Es gibt doch die Situationen im Leben, in denen alles anders läuft, als ich es geplant hatte. Oder Situationen, in denen ich hilflos anderen ausgeliefert bin. Da bin ich alles andere als meines Glückes Schmied. 
Doch vielleicht kann ich ja noch etwas anderes in dem Sprichwort entdecken. Wenn ich manches nicht verändern kann, dann muss ich eben Möglichkeiten suchen, wie ich mit den unveränderlichen Situationen in meinem Leben umgehen kann. 
Die Bibel schlägt einen Weg vor, der mir sympathisch ist: „Werft all eure Sorge auf Gott, denn er kümmert sich um euch." (1 Petr 5,7)
Der Autor dieser Stelle weiß wohl, dass es manchmal im Leben nicht so läuft, wie man es sich wünscht. Aber er steht dem nicht ohnmächtig gegenüber. Er selbst traut der Einladung Gottes und er lässt es zu, dass Gott sich um ihn kümmert. 
Sicher: einfach ist das für mich nicht! Ich möchte auch nichts schön reden! Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sich leichter lebt, wenn ich mich nicht an die Dinge klammern muss, die ich eh nicht ändern kann. Manches ist eben einfach so. Daran kann ich nicht rütteln. Nur an mir selbst! Ich kann die Perspektive ändern und darf mir als Christin gewiss sein, dass ich mich nicht alleine um alles kümmern muss. Manchmal gelingt es mir, diese Haltung einzunehmen. Das tut mir dann gut. Und insofern bin dann auch ich meines Glückes Schmied.

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