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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Kann man einen Film über Gott drehen? Die meisten schütteln wohl den Kopf und sagen: Nein, das kann man nicht. Gott kann man nicht so einfach vor die Kamera bekommen. Menschen können mit Gott sprechen im Gebet, ihm begegnen in anderen Menschen, ihn erfahren in der Natur. Man kann ihn suchen und wenn man Glück hat, eine Spur finden, die auf ihn hinweist.
Darum geht es in dem Film Tree of Life, der im Juni in Cannes die goldene Palme gewonnen hat. Der Regisseur Terence Malick will zeigen: Gott ist da, ganz nah. Du kannst eine Ahnung von ihm bekommen. Du kannst ihn hören im Rauschen des Wassers. Im Spiel der Farben kannst du dich an ihm freuen. In den Menschen kommt er dir nahe. Gott kann erfahren werden. Auch als schmerzlich abwesend - in Leid und Tod. An Tagen des Schreckens wie heute vor 66 Jahren, als in Japan die erste Atombombe alles in Schutt und Asche gelegt und hunderttausende getötet hat in Hiroshima. 
Der Film zeigt wunderbare Naturbilder. Die Aufnahmen unter Wasser fand ich besonders beeindruckend. Vor allem aber erzählt er eine Familiengeschichte aus dem Texas der 50erJahre.
Ein Vater erzieht seine drei Söhne.
Er lehrt sie boxen. Sich zu benehmen bei Tisch, das heißt für ihn: den Mund zu halten. Dad ist verboten, Herr Vater müssen sie zu ihm sagen. Aber in all dem möchte er, dass etwas aus ihnen wird. Dass sie wissen, wofür sie da sind.
Er verliert seine Arbeitsstelle. Die Familie muss aus dem schönen Haus ausziehen. Kalt und vom Leben enttäuscht wirkt der Vater. Großartig dann dennoch die Szene, wo er seinen Sohn um Verzeihung bittet für seine harten Strafen.
Jack, der Älteste der 3 Söhne rebelliert. Er widerspricht dem Vater, plagt seine Brüder, jagt einen Frosch in die Luft. Dann stirbt sein Bruder. Warum bleibt unklar. Unendliche Trauer legt sich auf die Familie. Jeder ist für sich.
Am Ende der Geschichte geht der älteste Bruder durch ein Tor. Dahinter gehen viele Menschen schwebend über einen Strand. Sein suchender Blick lässt Jack seine Familie wiederfinden. Jetzt sind all die Zwistigkeiten, die Rachegefühle, der Hass, alles vorbei. Alle sind zusammen.
Das will Hoffnung wecken, dass am Ende alles gut wird und erinnert an das biblische Versprechen: Siehe ich mache alles neu.
Ich habe den Film zusammen mit Freunden angeschaut. Die Meinungen gingen ziemlich auseinander. Was wir aber gut fanden an dem Film: da steckt eine Einladung drin, Gott zu entdecken mitten im Leben. Zu lauschen auf das, was uns umgibt, achtsam zu sein auf das, was wir miteinander erleben.

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Man ist so alt wie man sich fühlt. Altwerden und jung bleiben. Junge Alte.
Merken Sie etwas?
Altwerden ist gefragt, aber nur dann, wenn es mit Gesundheit, Vitalität und Lebensqualität verbunden ist. Wer will schon von sich hören, er sei alt geworden oder sich selbst sagen, er gehöre zu den Alten. Alt sind immer die andern.
Eine Geschichte habe ich aufgelesen, irgendwo, die bringt das rüber mit Humor.
Als ich zum ersten Mal im Wartezimmer meines neuen Zahnarztes saß, entdeckte ich an der Wand eine Urkunde, und darauf den vollständigen Namen des Mannes.
Ich erinnerte mich, dass vor gut 30 Jahren ein schlanker, fleißiger Junge in meiner Klasse war, der auch so hieß.
Doch als ich den Arzt sah, verwarf ich den Gedanken. Dieser Mann, mit Glatze und weißem Bart und tiefen Falten auf der Stirn, war viel zu alt, um in meiner Klasse gewesen zu sein. Dann kam ich an die Reihe.
Nachdem er meine Zähne untersucht hatte, konnte ich es nicht lassen, den Zahnarzt zu fragen, ob er das örtliche Gymnasium besucht hätte.
Ja, antwortete er.
Und wann haben Sie Abitur gemacht? fragte ich weiter.
1972, warum?
Sie waren in meiner Klasse, antwortete ich.
Da betrachtete er mich aufmerksam und fragte dann:
Was haben Sie unterrichtet?
Ich musste über diese Geschichte lachen. Sie hat mich aber auch nachdenklich gemacht, denn manchmal vergleiche ich mich auch mit anderen. Wenn ich aber versuche, mich mit den Augen der anderen zu sehen, dann merke ich: Jede und jeder wird älter. Und wenn einer wirklich besonders gut dran ist und fit, dann gilt auch hier: Was hast du, das du nicht empfangen hast. Dann ist Dankbarkeit und nicht Stolz die passende Antwort.
Wenn es zum Sportabzeichen in diesem Jahr nicht mehr reicht, dann schwimme ich eben meine Längen ohne Stoppuhr. Und wenn die anspruchsvolle Bergtour, die Sie in den letzen 10 Jahren jeden Sommer gemacht haben, nicht mehr geht, weil das Knie nicht mitmacht, dann kann es trotzdem ein guter Sommerurlaub werden.
Sie und ich, wir brauchen nicht for ever young - für immer jung zu sein.
Gott liebt uns, auch wenn wir älter und alt werden. Er verspricht uns: auch wenn ihr grau werdet, ich will euch tragen, wie ich es immer getan habe (Jes 46,3+4). Das trägt dazu bei, heiter und gelassen zu bleiben - und zu werden, trotz Knie und Falten. Und immer mehr dankbar.

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Die Schnelligkeit unserer Zeit hat etwas Unbarmherziges an sich, finde ich.
Heute steht einer im Rampenlicht der Öffentlichkeit, wird gefeiert wie ein Held - morgen ist er weg vom Fenster. Ein Misserfolg als Trainer und es heißt: abtreten. Und wenn dann über den hergezogen wird, dem gestern alles zujubelte, wer erinnert sich dann noch daran, dass dieser Mensch ganz Beachtliches geleistet hat. Irgendwie unbarmherzig? Oder?
So gesehen hat diese Schnelligkeit oder eher Schnelllebigkeit etwas von Unbarmherzigkeit.
An einer Stelle aber erlebe ich etwas, das ich eine Art öffentliche Barmherzigkeit nennen möchte. Da erlebe ich auch heute Geduld und Nachsicht, und die gehören ja zur Barmherzigkeit.
Mein Beispiel kommt aus dem Straßenverkehr - Sie kennen es auch.
Dieses Gesicht, das lacht - Mundwinkel nach oben - wenn ich die richtige Geschwindigkeit fahre. Das aber enttäuscht aussieht - Mundwinkel nach unten - wenn ich die angegebene Geschwindigkeit nicht einhalte.
Statt Blitzer und Strafzettel eine Erinnerung: deine Geschwindigkeit ist nicht ok.   Hallo, du bist zu schnell, bitte langsamer fahren. Das Gesicht zeigt mir meinen Fehler. Ich werde nicht gestoppt und ich muss nichts bezahlen. Ich bremse so weit ab, dass aus dem weinenden Mund ein lachender wird. Und bin froh, dass ich auf so nachsichtige Weise auf meinen Fehler hingewiesen werde. Danke für diese Art Barmherzigkeit im öffentlichen Leben. Menschen, die so ein Ding aufstellen, sind irgendwie barmherzig. Sie pochen nicht auf Strafe. Sie glauben, dass wir Menschen auch ohne Knöllchen bereit sind, unser Verhalten zu ändern.  
An diesem Beispiel erlebe ich ein Stück Barmherzigkeit in unserer schnelllebigen Zeit. Das wollte ich Ihnen nicht vorenthalten. Und außerdem möchte ich Sie einladen, machen Sie mit, bremsen Sie ab, bis Sie ein lächelndes Gesicht sehen. Denn ich glaube: Wenn diese barmherzigen, weichen  Methoden nichts nützen, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn sie immer mehr aus dem Verkehr gezogen werden. Dann gibt es bald nur noch Blitzer und Strafzettel, um auf einen Fehler hinzuweisen.

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Das kann dann jeder selbst entscheiden, ob er mit dem Auto fährt oder mit der Stadtbahn, sagt sie, blickt in die Runde. Kein Widerspruch.
Kann er nicht, fährt es Eva heraus. Erstaunen, was soll das denn? Es gibt keinen jeder hier. Verdutzte Blicke. Plötzlich lachen alle. Der Groschen ist gefallen. Kein einziger Mann in der Runde. Es sind Frauen unter sich. Wenn ich so etwas erlebe, dann frage ich mich: Wann wird das selbstverständlich sein, dass Frauen so sprechen, dass in ihrer Sprache zum Ausdruck kommt, dass sie Frauen sind?
Von Gott heißt es in der Schöpfungsgeschichte: und er schuf sie als Mann und Frau.
Er hat es so gewollt. Kein Einheitsmensch, sondern Männer und Frauen. Und dass sie verschieden sind, würde wohl kein Mensch in Frage stellen. Deshalb ist auch die sprachliche Form dazu da, dies zu zeigen. Es geht gar nicht um einen Wettbewerb oder um ein Gegeneinander. Es geht darum, dass Frauen, wenn sie von sich und zu  anderen Frauen sprechen, die weibliche Form wählen, die sie als Frauen erkennbar und ansprechbar macht.
In diesem Fall haben die meisten Eva recht gegeben, auch wenn sie immer wieder dazu neigen, als Frauen unter sich in der männlichen Form zu sprechen. Manche finden das auch kleinlich. Sie sagen: Du weißt doch, wie es gemeint ist. Dann sag es doch auch so, gibt Eva angriffslustig zurück. 
Ich stimme Eva zu und den Frauen, die nicht länger hinnehmen wollen, dass Frauen einfach mitgemeint sein sollen, wenn die Männer angesprochen werden. Da werden sie so etwas wie blinde Passagiere, die unsichtbar und unhörbar mitlaufen. Aber ganz  komisch finde ich es, wenn Frauen selbst diese männlichen Formen wählen, auch dann, wenn sie unter sich sind. Ich finde, Frauen können durch ihre Sprache zeigen, dass sie Frauen sind und dazu beitragen, dass sie auch als Frauen wahrgenommen werden.
Es bringt mich zum Schmunzeln, wenn Eva noch eins nachlegt und sagt: 
Stellt euch doch einmal eine Gruppe von Männern vor. Sie haben sich zum Radfahren verabredet.
Bei km 45 wird es einigen zu viel. Könnt ihr euch vorstellen, dass der Leiter der Gruppe vorschlägt: Jede fährt jetzt in ihrem Tempo weiter und in Bruchsal treffen wir uns im Clubhaus auf ein Bier.
Natürlich nicht. Jetzt lachen alle. Nein, das kann sich keine vorstellen.
Also bitte den weiblichen Formen mehr Beachtung schenken, meine Damen - und Herren. Denn Gott schuf sie als Mann und Frau...

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Ich denke heute Morgen an alle, die heute Geburtstag haben. Bestimmt gehört dazu auch eine große Zahl von Ihnen, die Sie mir jetzt zuhören.
Ihnen schicke ich einen herzlichen Glückwunsch durchs Radio. Gottes Segen und viel Gutes auf dem Weg durch das kommende Lebensjahr wünsche ich Ihnen.
Geburtstage sind Danktage. Zuerst natürlich für die Geburtstagskinder. Aber nicht nur für sie. Danken, sich verdanken, das geht uns alle an. Das gehört in irgendeiner Weise zu jedem Leben dazu.
Natürlich gibt es auch Menschen, die hart dran sind, denen es im Augenblick nicht gut geht oder die keine unbeschwerte Kindheit hatten. Aber auch in ihrem Leben lassen sich glückliche Augenblicke finden oder Menschen, die das später aufgefangen haben und auf die einen oder anderen Weise für sie da waren.
Mehr oder weniger - wir haben alle zu danken. Wenn wir nur ein bisschen nachdenken, dann entdecken wir: vieles was wichtig ist für unser Leben tun wir nicht selbst und können es nicht selbst tun. Das beste Beispiel ist wohl unsere Geburt.
Und wir merken: das Leben und Wirken anderer kommt uns und unserer Familie zugute. Ich weiß, dass jetzt viele Angehörige von pflegebedürftigen Menschen zustimmend nicken. Sie können oft die häusliche Pflege nur durchhalten, weil jeden Tag die Schwester vom Pflegedienst kommt oder eine Nachbarin einspringt und mithilft.
Hans Dieter Hüsch hat ein Gedicht vom Danken geschrieben. Darin erinnert er, wie Denken und Danken zusammenhängt:
Ich hab die Faser nicht gesponnen,
die Stoffe nicht gewebt, die ich am Leibe trage, ich habe nicht die Schuhe,
die Schritte nur gemacht. Ich habe nicht gelernt zu schlachten, zu pflügen und zu säen
und bin doch nicht verhungert,
ich kann nicht Trauben keltern
und trinke doch den Wein.
Und dann schließt er:
Wer mich ansieht, sieht viele andere nicht,
die mich genährt, gelehrt, gekleidet haben,
die mich geliebt, gepflegt, gefördert haben.
Mit jedem Schritt gehen viele Schritte mit.
Mit jedem Dank gehen viel Gedanken mit.
Soweit das Gedicht von Hanns Dieter Hüsch. Es zeigt mir: Nachdenken führt zum Danken. An allen Tagen - am Geburtstag besonders.

 

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Sommerzeit ist Urlaubszeit und Urlaubszeit ist Reisezeit. Dabei muss reisen nicht heißen: Hauptsache weit weg von zu Hause. Es steht eher für: eintauchen in eine andere Welt. Und die kann schon ein paar Kilometer entfernt vom Wohnort beginnen. Sie fängt für manche sogar schon damit an, dass sie frei haben, lange ausschlafen, auf dem Balkon frühstücken, die ganze Zeitung und nicht nur die Überschriften lesen.
Wer in ein anderes Land reist mit fremden Gewohnheiten und anderer Sprache, für den beginnt eine Entdeckungsfahrt.
Ach, wenn ich nur besser italienisch könnte... Kannst du uns nicht helfen Max? Max sitzt neben mir im Auto. Du hast doch Italienisch als Wahlfach gehabt.
Aber zum Glück habe ich Hände und Füße, kann zur Not eine Zahnbürste auf einen Zettel malen oder noch einfacher an der Theke mit dem Finger auf den Kuchen zeigen, auf den ich Lust habe.
Trotzdem finde ich: Es lohnt sich, wenigstens guten Tag und gute Nacht, bitte und danke in der fremden Sprache zu lernen. Auch wenn es nicht perfekt ist. Es ist ein kleines Zeichen für die Menschen, denen ich damit zeigen kann, ich schätze sie und ihre Lebensart - und auch ihre Sprache. Damit es nicht so geht, wie der Kirchenvater Augustin es beobachtet hat:

Die Menschen
reisen in fremde Länder
und staunen über
die Höhe der Berge,
die Gewalt der Meereswellen,
die Länge der Flüsse,
die Weite des Ozeans,
das Wandern der Sterne.
Aber sie gehen
ohne Staunen
aneinander vorbei.

Wenn ich ein paar Brocken ihrer Sprache kann, dann ahnen die mir unbekannten Menschen, dass ich nicht nur wegen der Berge oder der tollen Strände  komme, sondern dass ich auch sie, die Menschen, kennen lernen will und wie sie leben. Und dann kann es geschehen, dass wir einander verstehen über alle Sprachprobleme hinweg, dass wir einander Respekt entgegenbringen, im Grüßen und Danken, im Annehmen dessen, was mir die Menschen und ihr Land zu bieten haben. Dann geschieht manches Mal das Pfingstwunder im August. An Pfingsten, so erzählt die Bibel, haben Menschen sich irgendwie verstanden, auch wenn sie nicht dieselbe Sprache gesprochen haben. Das hat Gottes heiliger Geist zustande gebracht. Der  braucht nicht immer nur Worte, um sich auszudrücken. Ein Winken, Zeigen mit Händen und Füßen und am besten immer ein Lächeln gehören zu seinem Wortschatz. Dann kommt die Begegnung mit den Menschen nicht zu kurz im Ferienprogramm.

 

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