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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Jeder von uns ist Ausländer - fast überall" - In meiner Schulzeit stand dieser Sponti-Spruch auf vielen Schulbänken. Er sollte aufrütteln gegen Ausländerfeindlichkeit.
Jetzt bin ich ihm wieder begegnet. Auf einer Tagung zum Thema „Virtuelle Welten - Leben im Computerzeitalter". Da hat der Referent zu uns gesagt: „Sie sind in dieser Virtuellen Welt Ausländer - die jungen Leute sind die Einheimischen."
Der Satz hat mir zu denken gegeben. Denn es stimmt: ich bin Einwanderer in diesen virtuellen Welten. Ich habe meinen ersten Computer mit 20 bekommen. Und das Internet hat mich erst Jahre später erreicht.
Seitdem nutze ich es zwar ständig und gerne. Aber vieles von dieser Welt ist mir immer noch fremd: Ich nutze keine Chaträume, ich bin nicht bei Facebook, ich kann nicht twittern, mein internetfähiges Handy benutze ich bloß als Telefon und wahrscheinlich werde ich meine erste SMS erst schreiben, wenn meine Kinder Handys haben.
„Sie sind in dieser Virtuellen Welt Ausländer", hat der Leiter der Tagung gesagt. „Und so wie Sie von unseren ausländischen Mitbürgern erwarten, dass sie sich integrieren und sich nicht abschotten von uns Einheimischen, genauso haben die Jugendlichen und Kinder bei uns ein Recht darauf, dass Sie offen sind für die virtuellen Welten, in denen Ihre Kinder beheimatet sind".
Und so haben wir auf dieser Tagung geredet mit Jugendlichen, die uns begeistert von ihren Computerspielen erzählt haben. Und wir haben selbst gespielt, sogar einige der gewalttätigsten Ego-Shooter-Online-Schießspiele.
Die finde ich immer noch schrecklich, aber ich habe verstanden, was die Jugendlichen, vor allem die Jungen, daran begeistert. Ich habe verstanden, dass es ihnen um Taktik, um Schnelligkeit, ums Gewinnen geht. Und ich habe gemerkt, dass sie gar nicht verstehen, wenn ich Angst habe, dass solche Spiele ihrer Seele oder ihrer Persönlichkeit schaden könnten.
Jeder von uns ist Ausländer - fast überall. Wir über 30jährigen sind es in den virtuellen Welten. Und wir sind es den Einheimischen, unseren Kindern, schuldig, dass wir uns für ihre virtuelle Heimat interessieren. Mit wachem Blick auch für die Gefahren, die darin schlummern, aber vor allem mit großer Offenheit. Denn sonst entfremden wir uns von ihnen, weil uns eine wichtige Heimat unserer Kinder fremd bleibt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10730

Ein Foto zeigt 22 Kinder, Mädchen und Jungen, 12-13 Jahre alt. Pfeile ragen in das Bild hinein: „Leidet unter Depressionen", „leidet unter einer Essstörung", „leidet unter Angstzuständen", „ist Opfer von Gewalterfahrungen".
Das Foto steht auf der Webseite der neu gegründeten Stiftung „Achtung Kinderseele"[1], in der sich Kinder- und Jugendpsychiater zusammengeschlossen haben. Denn: die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten nimmt stetig zu. Mittlerweile sind es knapp vier Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland, fast 20 Prozent der unter 18-jährigen - Tendenz steigend. Und die Kinder werden immer jünger. Immer häufiger werden schon bei 10-12jährigen depressive Krisen mit akuter Selbstmordgefährdung festgestellt.

‚Achtung Kinderseele' sieht die Gründe dafür bei uns Erwachsenen. Einerseits fordern wir von unseren Kindern und Jugendlichen ein hohes Maß an Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit und andererseits überfordern wir sie mit zu starken Leistungserwartungen.
Dazu kommt, dass psychische Erkrankungen bei Kindern nach wie vor ein Tabuthema sind. Wenn ein Kind Grippe hat, dann gehen wir mit ihm zum Arzt. Wenn es chronisch erkrankt - an Neurodermitis, Lebensmittelallergie oder Asthma -, dann gehen wir offen damit um, informieren Kindergärtner, Lehrer und Miteltern und bitten um Rücksicht.
Bei einer psychischen Erkrankung ist das oft anders. Da wird die Krankheit schamhaft verschwiegen oder gar nicht ernst genommen. Nur 15% der Familien mit erkrankten Kindern nehmen Hilfe in Anspruch. Deshalb unterbleibt häufig die Früherkennung und die Störung kann sich zu einer handfesten psychischen Erkrankung auswachsen.
Psychische Krankheiten von Kindern müssen früher erkannt und besser bewältigt werden, fordert die Stiftung ‚Achtung Kinderseele'. Und ich glaube: wir müssen auch lernen, psychische Krankheiten nicht anders zu bewerten als körperliche.
Jesus kann uns da ein Vorbild sein. Er hat sich den kranken Menschen zugewendet, egal ob sie innerlich bluteten, ob sie an Lähmungen litten oder ihr Kopf verwirrt war. Für ihn ist der Mensch nicht Körper und Seele, sondern eine lebendige Seele.
Also gleichgültig, ob ein Kind gesund ist oder krank; und gleichgültig, ob es an Asthma oder Angstsyndrom, Neurodermitis oder Depression, Grippe oder Schizophrenie leidet: Jedes Kind ist eine lebendige Seele, die verletzlich ist und unserer Fürsorge bedarf. 


[1] Die Webseite der Stiftung „Achtung Kinderseele" mit vielfältigen Informationen findet sich unter: http://www.achtung-kinderseele.de.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10729

„Haben Sie Verständnis für den Freitod von Gunter Sachs?" Als eine Fernsehtalkshow diese Frage auf ihre Webseite gestellt hat, lag die Zustimmungsrate bei 81 %! Was hätten Sie geantwortet?
Und wie wäre Ihre Antwort, wenn ich Sie fragte: „Hätten Sie Verständnis dafür, wenn ein von Ihnen geliebter Mensch aufgrund seiner Demenzerkrankung den Freitod wählt?"
Der Suizid des reichen Lebemanns Sachs hat ein aktuelles Thema an die Öffentlichkeit gebracht: das Problem des Alterssuizids, denn ein Drittel aller Selbstmörder bei uns sind über 65 Jahre alt - und die Quote nimmt zu - vor allem bei Männern[1].
Diese Senioren, die ihr Leben selbst beenden, treiben die gleichen Gründe wie Gunter Sachs: Die Angst davor, geistig und körperlich so abzubauen, dass sie nicht mehr selbst bestimmt handeln können; die Angst, vollständig die Kontrolle über das eigene Denken und Handeln zu verlieren, und die Angst, den Lebensabend in einem Pflegeheim verbringen zu müssen. Häufig sind diese Ängste gepaart mit einer schweren Altersdepression, die verschwiegen und unbehandelt bleibt. So wie bei Sachs, der niemanden, auch nicht seinen engsten Familienkreis, teilhaben ließ an seiner inneren Düsternis, an seinen Ängsten und Plänen.
Gunter Sachs hat seinen Selbstmord in seinem Abschiedsbrief so begründet: ‚Er wollte sich einen würdelosen Zustand ersparen'. Ich frage mich: Wollte er sich diesen Zustand ersparen oder konnte er den Gedanken nicht aushalten, dass andere ihn in diesem Zustand ertragen müssten? Denn diese Sorge ist, glaube ich, ein Grund, der hinter vielen Altersselbstmorden steckt.
Dabei bin ich überzeugt, dass viele Angehörige lieber mit der Demenzerkrankung ihres geliebten Menschen leben würden als mit seinem Selbstmord.
Ich habe großes Verständnis für die Ängste, die mit Krankheiten wie Demenz oder Alzheimer verbunden sind. Auch ich habe Angst davor, geistig und körperlich so stark abzubauen, dass ich die Kontrolle über mein Handeln verliere. Aber trotzdem denke ich: ich darf es den Menschen, die mich lieben, nicht antun, mein Leben selbst zu beenden. Ich habe eine Verantwortung vor den Menschen, die mich lieben - und ich habe eine Verantwortung vor Gott.
Gott hat mir mein Leben geschenkt. Er liebt mich und hält mich - durch mein ganzes Leben hindurch. Ich kann seine Liebe spüren - immer - auch in dunklen Zeiten, selbst durch eine Demenz hindurch, daran glaube ich fest. Und ich vertraue darauf, dass seine Liebe mich halten wird - bis in meinen Tod hinein - und dass sie stärker ist als alle meine Ängste.


[1] Die Zahl bezieht sich auf die Suizidrate des Jahres 2009. In diesem Jahr haben sich in Deutschland 9751 Menschen das Leben genommen, darunter 2398 Männer und 961 Frauen über 65 Jahren. Damit liegt der Anteil der über 65-Jährigen bei 35 Prozent - und das obwohl ihr Anteil an der Bevölkerung nur bei 21 Prozent liegt; vgl. dazu z.B. den Artikel im Tagesspiegel vom 18.12.2010: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/gesundheit/das-vergessene-drama/3589942.html.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10728

Wir leben in der Mobilitätsgesellschaft. Mobil, beweglich zu sein, ist für uns ein hohes Gut - und ein hoher Anspruch. Denn Mobilität bedeutet ja nicht nur, schnell mit dem Auto, der Bahn oder dem Flugzeug von einem Ort zum anderen kommen zu können. Gefordert ist Mobilität auch in anderen Bereichen: Geistige Beweglichkeit, Flexibilität und darin eingeschlossen, die Bereitschaft sich privat und beruflich immer wieder auf Veränderungen einzulassen.
Eigentlich ist das gar nicht neu. Veränderungen gehören zum menschlichen Leben.
Wenn ich mir mein Leben Revue passieren lasse, kann ich das bestätigen. Leben besteht aus Veränderungen. Aber die können auch ganz schön Angst machen: Wie wird sie sein die neue Arbeitsstelle? Wie wird sich die Partnerschaft gestalten, wenn das Kind da ist? Wie wird er werden - der Umzug in die neue Stadt?
Veränderungen machen Angst, denn jede Veränderung heißt: Abschiednehmen und Loslassen von Liebgewordenem und Gewohntem.
Jede Veränderung ist mit Trauer verbunden. Ich kann die Trauer leichter durchleben, wenn ich aktiv an der Veränderung beteiligt bin, wenn ich mir selbst die neue Arbeit, den neuen Wohnort ausgesucht habe und hinter der Veränderung vielleicht schon schöne Dinge für mich entdecken kann. Und schwerer ist mein Trauerweg, wenn die Veränderung über mich hinein bricht, wenn die neue Arbeit sein musste, weil die alte gekündigt wurde, oder wenn die Veränderung um des Partners oder um der Kinder willen passieren muss.
Aber wie kann man Veränderungen gut überstehen?
Für mich sind 2 Dinge dabei wichtig: Dass ich mir zugestehe, dass ich traurig sein darf über das, was ich zurück lasse und Angst haben darf, vor dem was kommt. Und dass ich mich zwinge, den Blick nicht zurück, sondern nach vorne zu richten - und Ausschau zu halten, auf das, was an Positivem in der Veränderung stecken kann - auch wenn ich es jetzt noch kaum erahnen kann.
Ich habe in meinem Leben schon einige einschneidende Veränderungen erlebt und es werden wohl noch einige hinzukommen. Aber es gibt etwas in meinem Leben, das Bestand hat - durch alle beruflichen, räumlichen und privaten Veränderungen hindurch: Menschen, die mir nahe sind und die zu mir stehen, - und Gott.
Denn ich weiß: Gleichgültig wo ich wohne, was ich arbeite oder wie durcheinander mein Leben gerade ist - Gott ist da. Und er macht mir Mut, alle Veränderungen meines Lebens getrost anzugehen. Er hat es mir versprochen, mir und Ihnen: „Sei getrost und unverzagt! Ich werde dich nie fallen lassen und nie verlassen!" (Josua 1,9).

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10727

„Die Würde des Menschen ist unantastbar." So beginnt unser Grundgesetz, das heute übrigens Geburtstag hat. Am 23. Mai 1949 wurde es in Kraft gesetzt. Das Grundgesetz meint damit alle Menschen - unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht, Alter, ihrem sozialen Status oder ihrem geistigen oder körperlichen Zustand.
Es gibt Staaten, die solch eine Festlegung von sich weisen würden. Auch in Deutschland war das mal so. In der Nazizeit wurde der Wert eines Menschen an Bedingungen geknüpft. Nur wer gesund und leistungsfähig war, wurde als wertvoll und würdig eingestuft.
Unser Grundgesetz zeigt: wir haben aus unserer Geschichte gelernt. Aber dennoch stelle ich immer wieder fest: Hintergründig beherrscht die Frage: „Welchen Wert hat ein Mensch, wenn er geistig oder körperlich versehrt ist?", durchaus noch unser Leben. Bei der Vergabe von Spendeorganen zum Beispiel. Da werden der körperliche Zustand und die Lebenserwartung eines Menschen eingeschätzt. Und danach wird bemessen, ob er oder nicht besser ein jüngerer, gesünderer Mensch ein gutes Spendeorgan bekommen soll. Und auch bei den Diskussionen über das Gesundheitssystem wird manchmal gefragt: wie viel und wie teure medizinische Versorgung  soll ein körperlich oder geistig versehrter, älterer Mensch oder ein armer Mensch denn bekommen?
Alle Menschen haben eine unantastbare Würde, haben denselben Wert und verdienen dieselbe Achtung, sagt unser Grundgesetz. Und Sie und ich würden wohl laut „Ja" dazu sagen.
Aber trotzdem höre ich immer öfter, dass Menschen sich fragen: „Kann ich mein Leben noch menschenwürdig finden, wenn ich körperlich oder geistig versehrt bin? Was ist, wenn ich selbst nicht mehr die Kontrolle über meinen Körper habe, wenn ich nicht mehr selbst für mich entscheiden kann - ist das dann noch ein menschenwürdiges Leben?"
Ich verstehe diese Ängste gut. Ich habe selbst Angst davor, körperlich und geistig so stark abzubauen, dass ich nur noch von anderen abhängig bin. Trotzdem finde ich die Frage gefährlich und falsch.
Denn als Christin glaube ich, dass jeder Mensch seine Würde von Gott bekommen hat und dass er diese Würde sein Leben lang behält - in Jugend und im Alter, durch alle Krankheiten und Gebrechlichkeiten. Jeder einzelne Mensch ist ein unverwechselbares Bild Gottes - darauf beruht seine Würde. Und diese Würde ist da, auch wenn wir krank sind, auch wenn wir dement sind, auch wenn wir geistig in eine andere Welt abdriften - jeder einzelne Mensch ist unendlich viel Wert. Vor Gott und -Gott sei Dank - auch vor unserem Grundgesetz.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10726

„Den Löffeln abgeben" - das ist eine saloppe Umschreibung fürs Sterben. Aber kennen Sie auch die Redewendung „die Gabel behalten?"
Ich kannte sie nicht, bis ich vor kurzem diese Geschichte gehört habe:
Als eine alte Frau erfuhr, dass sie höchstens noch drei Monate zu leben hätte, beschloss sie, alle Details ihrer Beerdigung festzulegen. Zusammen mit ihrem Mann besprach sie, welche Kleider sie anhaben wollte, welche Lieder gesungen und welche Bibelworte verlesen werden sollten.
Schließlich sagte sie: „Und vergiss nicht zu sagen: ich möchte mit einer Gabel in der Hand begraben werden!". Ihr Mann sah sie überrascht an: „Mit einer Gabel? Warum das denn?"
„Na, Du weißt doch", antwortete die Frau mit einem Lächeln. „ich war immer schrecklich gern bei Freunden zum Abendessen eingeladen. Und ich habe mich immer am meisten gefreut, wenn der Gastgeber nach dem ersten oder zweiten Gang beim Abräumen gesagt habt: „Behaltet bitte die Gabel". Da wusste ich: Es kommt noch etwas Besonderes, ein weiterer Hauptgang - etwas richtig Gutes: vielleicht Rouladen oder Schweinefilet.
Wenn ich aufgebahrt bin, dann will ich, dass die Leute auf die Gabel in meiner Hand schauen und sich fragen, was es damit auf sich hat. Und dann erzähl Du ihnen bitte, was ich gesagt habe. Und grüß sie alle von mir und sag ihnen, dass sie auch die Gabel behalten sollen, wenn sie sterben. Denn es kommt noch etwas Besonderes!"
Dass die Geschichte eine wahre Begebenheit erzählt, kann ich nicht glauben. Aber die Pointe finde ich trotzdem wunderbar: „Behaltet die Gabel - es kommt noch etwas Besonderes".
Ein schönes Bild für die christliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Wer stirbt, gibt nicht den Löffel ab, denn das Leben ist mit dem Tod noch nicht vorbei. Es kommt noch etwas - der Hauptgang, etwas besonders Gutes.
„Unsere Heimat ist im Himmel", lese ich in der Bibel. Wie der genau aussieht, da werde ich mich wohl überraschen lassen müssen. Aber soviel verraten die biblischen Schriften schon: Gott wird da sein - mitten unter uns. Tränen, Leid und Tod wird es nicht mehr geben. Gott selbst wird jede Träne abwischen, die wir in unserem Leben geweint haben und alles Leid wegstreichen, das wir erlebt haben.
Ich glaube, es wird sich lohnen, die Gabel zu behalten, wenn es mal so weit ist. Denn es kommt noch etwas, etwas ganz Besonderes!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10725