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26FEB2024
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Können Sie jemandem ein Kompliment machen, das ihr Gegenüber noch nie gehört hat?

Mit unserer erwachsenen Tochter habe ich in der Stadt den kürzesten Weg zur Parallelstraße gesucht. Gehen wir erst vor oder zurück? Ich habe einen älteren Herrn gefragt, etwa Ende 70. Er empfahl uns nach vorne weiter zu gehen. Dann könnten wir bei der Brücke den Übergang zur Parallelstraße nutzen. Ich habe mich bedankt und meine Tochter, die das Down-Syndrom hat sagte zu ihm: „Du bist ein toller Mann“. Daraufhin richtete der Mann sich auf, wurde ungefähr 10 cm größer und begann über das ganze Gesicht zu strahlen. „Das hat noch niemand zu mir gesagt“ war seine Antwort.

Wie viele Menschen warten auf ein Lob und wie viel kann es bewirken? Es war nicht das erste Mal, das unsere Tochter mit ihren Komplimenten andere überrascht und aufgemuntert hat.

Unglaublich wie Worte Menschen verändern können, sie aufrichten und zum Strahlen bringen. So dass dann der Tag in einem anderen Licht erscheint.

Anderen Gutes zu sagen bedeutet sie zu segnen, so die Wortbedeutung. Das ist gar nicht so schwer und tut beiden gut.

Ich hoffe, sie haben auch schon öfter gehört, dass sie ein toller Mensch sind. Wenn sie das noch zu selten erlebt haben, kann ich ihnen eines versichern. Auch Gott ist davon überzeugt, dass sie ein toller Mensch sind. In der Bibel vergewissert Gott es uns mit den Worten: „Du bist wertvoll in meinen Augen und ich habe dich lieb“. Was hat er nicht alles auch in sie hineingelegt und ihnen mitgegeben auf den Lebensweg? Unterschätzen sie sich nicht.

Bereits nach der Erschaffung des Menschen befand Gott, dass das Ergebnis sehr gut war. Danach ging allerdings vieles den Bach runter. Aber das konnte Gott nicht davon abhalten uns weiter zu lieben und wertzuschätzen. Darum hat er sich wieder eine vertraute Nähe zu uns gewünscht und seinen Sohn Jesus zu uns gesandt. Seitdem gilt: wer auf die Liebe Gottes eingeht, sich ihm anvertraut, der wird aufgerichtet. Und wer durch Wertschätzung aufgerichtet wurde, kann leichter anderen Wertschätzung zukommen lassen und sie damit ebenfalls aufrichten.

Wir können so einen Kreislauf anstoßen, der sich weiterdreht. Also, wem könnten wir heute ein herzliches Dankeschön, ein aufrichtiges Kompliment, ein ehrliches Lob sagen?

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24FEB2024
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Ein entspannter, freier Tag – vielleicht haben Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, den heute vor sich. Zumindest mein Kalender gibt mir heute kein großes Pensum vor. So ist viel Zeit, etwas zu unternehmen, das sonst zu kurz kommt. Ich gehe gerne mit meiner Familie auf eine Wanderung. Oder ich mache Musik. Manchmal baue ich auch an meiner Modelleisenbahn.

Am liebsten gehe ich jedoch auf Reisen. Nicht mit dem Auto, nicht mit dem Zug. Und doch weit weg. In Gedanken.

So begleite ich Winnetou und Old Shatterhand auf ihren Abenteuern im Wilden Westen. In Island breche ich mit Professor Lidenbrock zum Mittelpunkt der Erde auf. Oder lerne gemeinsam mit Robinson Crusoe auf einer Insel Freitag kennen.

Sie haben es längst bemerkt, ich nehme mir ein Buch und bin mit den Figuren unterwegs auf Reisen. Von mir zu Hause aus, in der warmen Stube. Oft geht es mir sogar so, dass ich alles um mich herum vergesse. Manchmal muss ich mich wieder orientieren, und erst feststellen, dass ich zu Hause bin.

Das Schöne bei diesen Reisen in Büchern ist, dass jeder etwas anderes erlebt.

Als Pfarrer gehe ich oft auch auf biblische Reisen. Ja, auch das klappt. So erlebe ich die biblischen Erzählungen lebendig und habe das Gefühl, mittendrin und dabei zu sein. Und beim nächsten Mal kann ich die gleiche Erzählung wieder ganz anders erleben. Die Fantasie ist eben nicht festgelegt, es können immer wieder neue Bilder entstehen. Meine eigenen Bilder. Das fasziniert mich besonders an diesen Reisen.

Heute nehme ich mir wieder die Zeit und gehe auf eine Reise. Wohin sie mich führt, weiß ich jetzt noch nicht, aber ich bin schon sehr gespannt.

Und wenn Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, heute arbeiten müssen, dann wünsche ich Ihnen, dass Sie nach der Arbeit Zeit finden für sich. Und vielleicht gehen Sie ja auch noch auf eine Reise. Denn die schönsten Reisen sind manchmal aus Papier.

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23FEB2024
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Unsere biblische Lesung für den kommenden Schabbat erläutert die Kleiderordnung der Priester der Israeliten im Heiligtum.  Sie zeichneten sich nicht durch Prunk und Pracht aus.  Diese Schlichtheit sollte sowohl den Israeliten als auch den Priestern deutlich machen, dass sie keine privilegierte, begünstigte, herrschende Klasse in Israel bildeten, sondern ausschließlich Diener des einen und einzigen G-ttes waren, deren Aufgabe es sein sollte, den Tempeldienst zu verrichten. Der Zweck dieser Tätigkeit war spirituell.  Nach dem Talmud sollten die Kleidungsstücke, die die Priester während ihres heiligen Dienstes trugen, das Erwirken der Sühne für das Volk symbolisieren, wie z. B. der weiße Mantel.  Das Tragen der Beinkleider hingegen sollte das Volk ermahnen, unmoralische Gedanken abzulehnen.  Der Gürtel erinnerte daran, dass man sich gegen unwürdige Versuchungen von außen wappnen und gürten sollte.  Der priesterliche Brustschild hatte das Ziel, begangenes Unrecht zu sühnen und das Volk zur Umkehr zu bewegen.  Das "Ephod", das Kleidungsstück, das wie eine Schürze getragen wurde, sollte eine ständige Warnung vor Götzendienst sein. 

Die Tora gibt in diesem Abschnitt auch ein Lehrbeispiel, das sich durch die gesamte antike Geschichte der Israeliten zieht, nämlich die strikte und konsequente Trennung der staatlichen Macht und Führung von den Ämtern des Kultes.

Auch heute noch - seit fast 2000 Jahren gibt es kein Tempelheiligtum mehr - sind in den jüdischen Gemeinden in aller Welt die Ämter und Tätigkeiten der demokratisch gewählten Gemeindevorsteher und die der gewählten Rabbiner strikt voneinander getrennt.  Auf diese Weise funktionieren die traditionellen Institutionen auch heute noch und ermöglichen das Fortbestehen unserer Gemeinden.

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22FEB2024
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Zahlen sind wichtig. Große Zahlen klingen nach Erfolg, wenn der Wert der Aktien steigt oder die Einschaltquoten einer Sendung steigen. Auf Zahlen kann ich zählen, zum Beispiel wenn ich ein Quiz spiele und 100% der Fragen richtig beantworte und weiß, ich hab es geschafft. Zahlen sind zuverlässig und aussagekräftig, an ihnen kann ich mich scheinbar gut festhalten.

Auch in der Bibel kommen Zahlen vor. Sie öffnen mir manchmal einen anderen Blickwinkel.

So erzählt die Bibel, dass sich einmal fünftausend Leute von Jesus und seinen Worten begeistern lassen. Sie hören ihm einen ganzen Tag lang zu. Am Abend will Jesus die Menschen nicht ohne Essen nach Hause schicken. Aber nur fünf Brote und zwei Fische sind in der Nähe. Jesus lässt das Wenige, was da ist, unter den Leuten verteilen. Die sitzen in Gruppen zu fünfzig zusammen und --- werden alle satt. Und am Ende bleiben sogar zwölf Körbe voller Essen übrig.

Ist das eine wunderbare Brotvermehrung? Oder haben die Menschen das bisschen, was sie hatten, miteinander geteilt? Doch wie kommt es dann, dass so viel übrigbleibt, ganze zwölf Körbe? Ich könnte nun wild rechnen, die 5000 Menschen durch die Zahl der Körbe, Fische und Brote teilen. Aber das Ergebnis würde nicht überzeugen. Vielmehr überzeugt mich an dieser Geschichte:

Ich kann mit Gott rechnen, denn Gott rechnet anders. Ich kann auf Gott vertrauen. Und ich bin froh, dass ich es kann. Auch wenn ich in meinem Leben mal enttäuscht wurde. Trotzdem lohnt es sich für mich, auf Gott zu vertrauen. Denn immer wieder erfahre ich, dass Gott sich durch viele kleine Dinge in meinem Leben zeigt: Es fällt mir eine Lösung für ein Problem ein, die nicht nur gut, sondern perfekt zu sein scheint. Ein überraschender Anruf eines Freundes gibt mir so viel Freude, dass mein Tag heller wird. Ich gebe einer Frau eine kleine Hilfe und ihr Dank macht auch mich froh. Da erfahre ich immer wieder, Gott schenkt mir noch etwas darüber hinaus. Mehr, als ich im Gepäck habe und so viel, dass ich mir nicht erklären kann, woher all dieser Segen gekommen ist. Und ich spüre: Ich muss mich nicht von Zahlen abhängig machen, denn ich kann auf Gott zählen.

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21FEB2024
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Tosend und mächtig braust der Schlussakkord des großen Orchesters; überzeugt hält der Chor seinen letzten Ton. Jetzt winkt der Dirigent ab --- nur noch der Nachhall füllt den Konzertsaal. Und dann bricht er los. Fast genauso tosend und fast ohne Ende erfüllt der Beifall der Zuhörer die Halle; einige Male kommt der Dirigent auf die Bühne zurück, lässt das Orchester und den Chor aufstehen und immer brandet eine neue Welle des Beifalls auf, manchmal sogar stehend.

Spätestens jetzt wissen jeder Chorsänger und jede Orchestermusikerin, weshalb man die Proben und Mühen der letzten Tage und Wochen auf sich genommen hat.

Beifall macht süchtig. Denn Beifall macht glücklich. Er zeigt den Künstlerinnen und Künstlern, dass ihnen wieder einmal etwas Tolles gelungen ist, für das sie lange geübt haben. Vom Beifall können sie zwar keine Miete bezahlen und nichts zu essen kaufen, aber er wird doch gerne das Brot der Künstler genannt. Denn davon ernährt sich ihre Künstlerseele bei jedem Auftritt: von dem Gefühl, dass sie mit ihrer Kunst das Publikum erreicht haben. Das spüren sie, wenn der Beifall besonders groß ist. Auch ich freue mich, dass ich als Chorsänger immer wieder Beifall erleben kann.

Der englische Essayist und Aphoristiker Charles Caleb Colton, der von 1780 bis 1832 gelebt hat, hat zu dieser Erfahrung den Satz geprägt: „Der Beifall ist der Ansporn vornehmer Geister, das Ende und Ziel der kleinen.“

Damit meint er: Wer nur wegen des Beifalls etwas tut, der hat zwar sein Ziel erreicht am Ende einer Vorstellung. Er bekommt Beifall. Aber es bringt ihn nicht wirklich weiter.

Ich will mich ja immer weiter entwickeln. Besser werden. Dazu spornt mich die Anerkennung des Publikums an. Sie tut gut und ist wichtig.

Genauso wichtig ist aber auch, mich selbst zu fragen, ob ich mit dem Erreichten schon zufrieden bin.

Wenn wir mit unserem Chor und Orchester den Beifall bekommen, dann ist für uns klar: Das nächste Mal wollen wir noch besser sein. Dafür proben wir heute wieder, weil wir uns auf den Auftritt und dann auch den Beifall freuen.

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20FEB2024
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Plötzlich scheint alles anders zu sein. Ich sehe Dinge anders als noch Minuten zuvor. So eine Verwandlung habe ich an mir selbst erlebt.

Vor einigen Jahren ist in Furtwangen über Nacht wahnsinnig viel Schnee gefallen. Eine fast ein Meter hohe Schneedecke hat sich auf den Wegen breit gemacht. Es ist Sonntag. Mein Sohn und ich machen uns also an die Arbeit und schippen massenweise Schnee weg. Der Weg zur Kirche muss frei gemacht werden für den Gottesdienst. Über eine Stunde sind wir damit beschäftigt und hinterher ordentlich k.o.

Wenn viel Schnee fällt, macht sich das meistens auch in der Zahl der Gottesdienstbesucher bemerkbar: Viele Gemeindemitglieder müssen erstmal selbst ihre Wege räumen oder kommen nicht weg, bevor der Schneepflug durchgefahren ist. So kommt an diesem Sonntag nur eine einzige Frau zum Gottesdienst. Ich ertappe mich da bei dem Gedanken, ob sie nicht auch hätte zu Hause bleiben können. Der Gottesdienst würde einfach ausfallen, schließlich bin ich ja müde und erschöpft von der Schipperei.

Da erinnere ich mich an eine Geschichte. Sie geht so: Ein Pfarrer will den Gottesdienst beginnen. Als er in die Kirche kommt, sieht er nur einen einzigen Mann, einen Landwirt, in der Bank sitzen. Darauf fragt der Pfarrer, ob sie den Gottesdienst nicht ausfallen lassen sollen. Der Bauer antwortet: Ich habe zu Hause eine Kuh im Stall stehen und ich müsste doch verrückt sein, wenn ich ihr kein Futter gebe, bloß weil sie die einzige ist.

Die Geschichte verwandelt mich, und für mich ist klar, dass der Gottesdienst stattfindet, mit dem Organisten, der Frau und mir. Freudig ziehe ich in die Kirche und wir feiern, singen und beten gemeinsam. Kurz und intensiv. Nach einer halben Stunde ist der Gottesdienst vorbei und die Frau geht beschwingt nach Hause. Ich bin auch glücklich, es hat Freude gemacht.

Nun will ich Ihnen aber auch das Ende der Geschichte nicht vorenthalten.

Der Pfarrer hat scheinbar verstanden und beginnt mit dem großen feierlichen Hochamt. Am Ende fragt er den Bauern, ob es denn so recht war. Und der Bauer antwortet: Ich habe zu Hause eine Kuh im Stall und ich müsste ja verrückt sein, wenn ich ihr Futter für zehn vorlege.

Wenn Sie jetzt schmunzeln, dann haben Sie der Freude und dem Lachen in sich Raum gegeben. Und mit diesem Lachen kann dieser neue Tag auch für Sie beschwingt werden.

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19FEB2024
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„Ich geh fischen!“ … einer meiner Lieblingssätze aus der Bibel.

Petrus versteht die Welt nicht mehr: Erst ist Jesus gestorben, dann soll genau dieser Jesus doch wieder leben, heißt es. Wer soll denn das verstehen? Und da wird es dem Petrus zu viel. Er guckt seine Freunde an und sagt: „Ich geh erstmal fischen!“ Ich schmunzele jedes Mal, wenn ich das lese. Ich meine: Gerade wurde ihm gesagt: Sein Freund Jesus lebt doch! Der Tod hat also nicht das letzte Wort. Es gibt ein Leben danach! Und er? Geht erstmal fischen!

Andererseits: Das ist ja naheliegend, für einen Fischer. Petrus ist von dieser Info überfordert …. und deshalb macht er das, was er am besten kann. Er geht Fischen. Was dem Petrus das Fischen ist, ist Mutter Beimer in der Lindenstraße das Spiegeleierbraten gewesen und bei mir ist es die Musik. Wenn ich die Welt nicht mehr verstehe, wenn mir alles zu viel wird im Kopf und überhaupt – dann setze ich mich in der Kirche an die Orgel und mache Musik. Das tut mir gut. Ich spüre, wie der Druck nachlässt und mein Gedankenkarussell anhält oder zumindest langsamer wird: Als würde meine Seele erkennen: Okay, wir können den Panikmodus beenden. Mit ein bisschen Abstand auf die Dinge gucken, die mich so umtreiben.

Ich glaube, dass es gut ist, sowas zu haben: Etwas, das mir hilft, wieder zu mir zu kommen. Das mir Zeit zum Nachdenken gibt. Allerdings sollte dieses "Erstmal“ unbedingt etwas sein, das weder mir noch anderen schadet.

Das ist manchen Menschen aber offensichtlich egal. Besonders das Internet scheinen sie für Ihren Angelteich oder ihre Spiegeleierpfanne zu halten, wenn sie sich über etwas ärgern – sie reagieren sich ab, laden dort ihren Frust ab.

Sie gehen auf Politiker, Presse, Kirche, Ausländer und was noch alles los – anonym, aber massiv.

Es müsste im Netz auch so eine „Erstmal-Funktion“ geben.

Also, wenn man etwas schreibt und auf „posten“ klickt, dann müsste die Plattform sagen: „Willst du nicht erstmal fischen gehen, bevor du das in die Welt sendest? Wenn du dann immer noch genauso denkst, dann sende es.“

Instagram, Facebook und Co werden diese Funktion wohl nicht einführen. Wer also raus will aus dem Gefühls- und Gedankenchaos, der muss sie eben selbst für sich finden, seine eigene „Erstmal-Funktion“ mit Zeit zum Nachdenken.

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17FEB2024
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Mein Sohn – 18 Jahre alt – spaziert zur Tür rein und meint: „Papa, Deutschland ist echt cooler.“ Ich bin verblüfft. Gerade ist er zurück aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Er war 3 Wochen zum Schüleraustausch in den USA. Und jetzt das: Papa, Deutschland ist echt cooler. Begründet hat er das mit seinem Eindruck vom Schulsystem, der Qualität des Essens und auch dem vorhandenen Umweltbewusstsein.

Eigentlich Balsam für das geschundene Selbstbewusstsein in unserem Land, das, glaubt man der vorherrschenden Grundstimmung, kurz vor dem finalen Untergang steht. Ich denke: Wir in Deutschland müssen aufpassen, dass wir nicht hinter jedem Starkregen eine Flutkatastrophe, hinter jeder Rezession den Untergang des Abendlandes und hinter jeder Zugverspätung eine Regierungskrise vermuten. Die Probleme schön zu reden, hilft nicht – sie katastrophal zu reden aber auch nicht. Was also tun – habe ich mir überlegt – um nicht in diese Falle zu tappen? 

Seit Anfang des Jahres schreibe ich jeden Tag drei Dinge auf, über die ich mich gerade freue, weil sie gut sind in meinem Leben und auch in unserem Land. Die Liste ist schon ganz schön lang: ein kleiner Auszug:

Die komplette Weihnachtspost, inklusive aller Pakete ist pünktlich angekommen.
Meine Schülerinnen und Schüler aus Klasse 10 sind sowas von motiviert und diskussionsfreudig.
Die Rechnung von der Autowerkstatt ist günstiger als gedacht. „Ölwechsel langts au nägsch mal, no“  sagt Herr Öczalan, bei dem mein alter BMW in ausgesprochen guten Händen ist.

Soweit der Auszug aus meiner Liste. Und noch was: Ich habe mir angewöhnt, mehr von meinen guten Erfahrungen zu sprechen. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es schließlich heraus. Und ich glaube, dass ich die Stimmung um mich herum damit positiv beeinflusse.

Nochmal zu meinem Sohn: „Schön zu hören, dass unser altes Deutschland so cool ist.“ habe ich ihm geantwortet, „aber die Vereinigten Staaten haben doch hoffentlich auch was zu bieten gehabt.“ „Klar“ meint er, „aber wie gut das Essen bei uns ist, das habe ich da erst so richtig gemerkt. Und wie viele Leute bei uns versuchen, was für die Umwelt zu tun, ist auch echt toll im Vergleich.“

Ganz ehrlich, ich glaube immer noch dran, dass es ziemlich viele Menschen gibt, die das Potential haben, unser Land zu einem echt coolen Fleckchen Erde zu machen.

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16FEB2024
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Wissen Sie was „auswendig lernen“ auf Englisch heißt? Learning by heart – also wörtlich übersetzt: Mit dem Herzen lernen. Wie es ist, wenn ein Mensch etwas wirklich by heart, nämlich von Herzen spricht und nicht auswendig runterbetet, das habe ich von Uli Hoeneß gelernt. Ja, Sie hören richtig. Von Uli Hoeneß. Vor 3 Wochen.

Es war bei der Trauerfeier für Franz Beckenbauer in der Münchner Allianz-Arena. Mehr als 30.000 geladene Gäste kamen, um sich vom Deutschen Fußball Kaiser zu verabschieden. Mehrere Reden wurden gehalten: vom Präsidenten des FC Bayern, vom Bundespräsidenten, vom bayerischen Ministerpräsidenten… Allesamt ehrenwert. Es waren gute, sehr wertschätzende Worte.

Aber dann kam Uli Hoeneß: By Heart. Auswendig. Ohne jedes Manuskript. Aber sowas von „von Herzen.“Und weil Uli Hoeneß von Herzen sprach, kam, das, was er sagte, über den Menschen, den Fußballer und vor allem seinen Freund Franz Beckenbauer auch bei mir und in meinem Herzen an.  Und nicht nur bei mir. Im Stadion hätte man die berühmte Stecknadel fallen hören.

Man muss ihn nicht mögen, Uli Hoeneß, den alten Haudegen, die fleischgewordene Abteilung Attacke des FC Bayern München.  Er bietet definitiv Angriffsfläche und hat sich auch schon manches zu Schulden kommen lassen. Aber das war in dem Moment alles nicht wichtig. Denn da hat sich einer von seinem Freund verabschiedet und gezeigt, was in seinem Herzen geschrieben steht. Und so Menschen erreicht. Mit dem Herzen.

Das will auch ich mich öfter trauen. Denn es ist so oft so wichtig zu sagen, was wir auf dem Herzen haben. Weg von dem, was man sagt, weil man es halt sagt und es sich vielleicht richtig anhört.

Und noch etwas: Ich glaube unser Leben wird im besten Sinn herzlicher und echter, wenn wir uns das, was wir voneinander denken und auf dem Herzen haben, auch sagen. Am besten zu Lebzeiten.

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15FEB2024
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„Herr Keuerleber, Sie sind ein Schatz!“ Herr Keuerleber ist Computerfachmann, und an jenem Morgen um 7.56 Uhr hat er meinen Rechner zum Laufen gebracht und meinen Tag gerettet. Mit meinem Gefühlsausbruch schien er allerdings leicht überfordert zu sein. Nach Sekunden des Schweigens hat er sich dann durchgerungen und ins Telefon gesagt: „I mach halt mei Gschäft.“

„Mei Gschäft macha“ – das bedeutete in diesem Fall, dass er sich in die Untiefen meines Computers gestürzt hatte, um schließlich ein Problem zu lösen, das mich schon seit mehr als einem halben Jahr begleitet und vor allen Dingen genervt hatte.  In mehreren Hotlines war ich kläglich gescheitert. Unzählige Stimmen hatten mir mehr oder weniger freundlich, aber immer bestimmt ihre Nichtzuständigkeit erklärt. Nicht so Herr Keuerleber. Weil er dranblieb, bis er eine Lösung gefunden hatte, deshalb hab‘ ich ihn an diesem Tag zu meinem persönlichen Schatz erklärt.

Ich bin immer noch beeindruckt von seiner Reaktion: „I mach halt mei Gschäft.“Ja! - und das gründlich. Ich finde es tut so gut, wenn jemand Verantwortung übernimmt und dranbleibt, bis es eine Lösung gibt.  Wie wohltuend sind Menschen, denen es nicht gleich ist, wie sie ihr Gegenüber zurücklassen.

So wie die Ärztin, die kurz bevor sie in den Urlaub fährt, noch bei der Patientin anruft und nachfragt, ob sie sich für die nächsten 2 Wochen gut versorgt fühlt. So wie der Elektriker, der am Samstagnachmittag die Leitung repariert, sodass das Fest doch stattfinden kann. So wie Herr Keuerleber. Seinetwegen lag auf diesem so gewöhnlichen Tag für mich ein kleiner Glanz. Und ich bin froh, dass ich ihn an diesem Tag zu meinem persönlichen Schatz erklärt habe. Ich glaube, ihm hat das gutgetan.

Ob Herr Keuerleber deshalb an diesem Tag nach Hause kam und seiner Frau entgegenrief: „Helga, du bist ein Schatz“ bleibt sein Geheimnis. Schön wäre das. Weil wir alle das Potential zum Schatz haben. Auch heute.

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