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21JAN2026
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In dem Haus, in dem ich früher gewohnt habe, gibt es ein Treppenhaus, das abends ziemlich dunkel wird. Das Licht geht nur an, wenn man auf einen kleinen Schalter drückt.

Jedes Mal ist mir dann dasselbe passiert: Ich drücke den Schalter, das Licht springt an, es bleibt aber nie so lange an, wie ich es bräuchte. Irgendwann, zwischen zwei Stockwerken, geht es einfach wieder aus.

Ich erinnere mich noch gut an einen Abend, an dem es gefühlt besonders dunkel war: Ich habe Einkaufstaschen in der Hand, bin müde – und das Licht geht schon nach der Hälfte aus. Ich stehe da und schnaube: „Nicht jetzt.“ Ich drücke erneut. Das Licht springt wieder an. Und ich merke, wie mich dieser kleine Moment nervt – jedes Mal.

Auf dem Weg nach oben denke ich: Vielleicht ist das Treppenhaus gar kein Problem. Vielleicht zeigt es mir etwas über mein Leben. Denn genauso geht mir manchmal das innere Licht aus. Ich starte motiviert in die Woche, ich habe Kraft, Energie, Freude. Und dann kommt etwas dazwischen. Eine schlechte Nachricht. Ein voller Kalender. Ein Streit. Und plötzlich stehe ich im Dunkeln.

Es wäre doch viel besser, wenn mein inneres Licht dauerhaft hell bleibt. Dass ich stabil funktioniere. Dass ich belastbar bin. Aber so bin ich nicht gebaut. Mein Licht hat Phasen. Es flackert. Es geht aus. Es geht wieder an. Und manchmal brauche ich jemanden, der für mich drückt, weil ich es gerade nicht schaffe.

So ist es für mich wie mit Gott. Er ist kein Scheinwerfer, der alles hell macht. Sondern jemand, der das Licht immer wieder einschaltet: in mir, um mich herum, in Begegnungen mit Menschen. Manchmal gebraucht Gott dafür andere: ein gutes Gespräch, ein ehrlicher Blick, ein Satz, der mich trägt. Und manchmal geschieht es leise: durch Ruhe, durch Musik, durch Gebet.

Ich mag einen Gedanken aus dem Psalmenbuch: „Herr, Du machst meine Finsternis hell.“ Das heißt nicht: Du nimmst alle Probleme weg. Es heißt: Wenn mein Licht ausgeht, kommt Gott mir entgegen.

Als ich mir das bewusst gemacht habe, bin ich anders durch Treppenhäuser gelaufen. Ich ärgere mich nicht mehr so sehr darüber, wenn das Licht zu kurz an bleibt. Denn ich weiß, ich muss gar nicht alles im Dunkeln aushalten, ich darf auf jedem Stockwerk einen Schalter drücken.

Niemand muss permanent stark sein. Niemand muss alles allein schaffen. Niemand muss im Dunkeln stehen bleiben, wenn das Licht ausgeht.

Wenn Ihr Licht heute schwächer wird – drücken Sie ruhig. Einmal mehr. Und wenn Sie es gerade nicht können: Vielleicht ist genau das der Moment, in dem man sich tragen lässt. Von einem Menschen, von einem Wort, von einer Hoffnung, die größer ist als man selbst.

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20JAN2026
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Ich habe beim Kochen eine Kleinigkeit versalzen. Nichts Dramatisches – aber ich habe mich geärgert. Über mich und dass ich unachtsam war. Und auch über diesen Moment, in dem ich dachte: „Jetzt ist alles ruiniert.“ Mein Mann probierte das Essen und sagte ganz ruhig: „Da fehlt ein bisschen Wasser. Dann passt’s wieder.“

Ich musste lachen. So einfach? Ein Schluck Wasser – und der Fehler löst sich auf? Ich habe es probiert. Und tatsächlich: Das Essen war wieder gut.

Seit diesem Abend denke ich öfter darüber nach: Wie oft halte ich mich an Fehlern fest, die sich eigentlich leicht ausgleichen lassen. Ich mache aus einem kleinen Missgeschick gleich ein Drama. Ich denke: „Das hätte nicht passieren dürfen.“ Und in mir wächst die Schwere, obwohl die Lösung manchmal ganz simpel wäre.

In Gesprächen mit Freundinnen merke ich, dass es ihnen ähnlich geht. Wir sind oft gnadenlos mit uns selbst. Wir vergeben anderen schneller als uns. Und wir erwarten eine Perfektion, die kein Mensch leisten kann. Wo kommt diese Strenge her? Und wem nützt sie eigentlich?

Ich finde in der Bibel ein Gegenbild. Da geht es nicht um Perfektion, sondern um Barmherzigkeit. Gott schaut die Menschen freundlich an. Nicht streng. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sondern mit einem Herzen, das weiß: Fehler gehören zum Leben. Und oft bringen sie uns sogar weiter. Wir lernen daraus. Wir wachsen daran. Und wir merken, wo wir Unterstützung brauchen.

Ich habe schon oft erlebt, dass etwas schiefgeht und später eine gute Wendung bekommt. Ein misslungenes Gespräch öffnet die Tür für ein ehrliches, klärendes Gespräch danach. Eine Enttäuschung macht mutig, Neues zu probieren. Ein Fehler im Alltag zeigt mir, dass ich mich nicht überfordern sollte.

Ich glaube, Gott erwartet nicht, dass wir fehlerfrei sind. Ich glaube, er wünscht sich Menschen, die freundlich mit sich selbst sind. Die sich nicht klein machen, sondern verstehen, dass jeder Tag ein neuer Anfang ist.

Seitdem ich das im Blick habe, reagiere ich anders. Wenn bei mir etwas daneben geht, atme ich einmal bewusst aus. Ich frage mich: Was braucht es jetzt, damit es wieder gut wird? Manchmal ist es ein Schritt zurück. Manchmal ein Gespräch. Manchmal ein kleines Gebet. Und manchmal – wie beim Kochen – einfach ein Schluck Wasser.

Ich muss meine Fehler nicht weg reden. Aber ich muss sie auch nicht größer machen als sie sind. Oft reicht ein bisschen mehr Barmherzigkeit – mit anderen und mit mir selbst.

Vielleicht erleben Sie heute auch etwas, das nicht ganz gelingt. Dann denken Sie daran: Es muss nicht perfekt sein. Nur menschlich. Das ist genug.

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19JAN2026
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Ich stehe beim Bäcker und warte auf meine Brötchen. Vor mir ist eine ältere Frau dran. Sie bestellt ruhig, lächelt freundlich – und als sie geht, sagt die Verkäuferin zu ihr: „Passen Sie gut auf sich auf.“ Ganz selbstverständlich, einfach so. Und die Frau nickt, als hätte sie genau das gebraucht.

Ein kleiner Satz und trotzdem bleibt er bei mir hängen. Vielleicht, weil er nicht belehrend klingt, sondern liebevoll. Vielleicht, weil ich solche Sätze viel zu selten höre.

Ich habe mich gefragt, warum das so ist. Wir reden jeden Tag so viel: beruflich, privat, übers Handy, in Sprachnachrichten. Aber oft bleibt nichts davon wirklich bei uns. Es sind Worte, die wir schnell sagen und genauso schnell wieder vergessen. Und dann gibt es diese kleinen, einfachen Sätze, die etwas berühren. Nicht weil sie groß klingen, sondern weil sie ehrlich sind.

In meiner Arbeit begegnen mir oft Menschen, die solche Sätze brauchen: Zuspruch. Trost. Ein „Du schaffst das“. Ein „Ich bin da“. Und ich merke, wie schwer es mir manchmal fällt, sowas auszusprechen. Als würde ich mich damit zu weit öffnen. Oder als wäre es peinlich. Dabei ist es eigentlich ganz leicht.

In der Bibel sagt Jesus öfter kurze Sätze wie: „Fürchte dich nicht.“ „Ich bin bei dir.“ „Habe Vertrauen.“ Das sind keine komplizierten theologischen Reden. Das sind Alltagssätze. Warm. Direkt. Kraftvoll. Und sie verändern etwas in meinem Herzen.

Ich glaube, genau das können wir als Menschen auch.

Wenn wir einander ernst nehmen.

Wenn wir hinschauen.

Wenn wir nicht aneinander vorbeihasten.

An dem Tag beim Bäcker habe ich gemerkt: Worte können stützen. Sie können aufrichten. Sie können jemanden wieder ein Stück aufatmen lassen. Und dafür reichen manchmal drei, vier Wörter.

Seitdem versuche ich, bewusster zu sprechen. Ich sage meinen Kindern öfter: „Ich bin stolz auf dich.“ Ich sage Freundinnen: „Meld dich, wenn du jemanden brauchst.“ Ich sage mir selbst: „Es ist okay, wenn du müde bist.“ Worte schaffen Atmosphäre. In Beziehungen. In Familien. In uns selbst.

Vielleicht denken Sie heute auch an einen Satz, den Sie jemandem schenken könnten. Nicht groß, nicht perfekt. Einfach ehrlich.

Denn Worte haben Kraft. Auch die ganz kleinen.

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17JAN2026
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„Beim Geld hört die Freundschaft auf!“, hört man oft. Ich habe das zum Glück persönlich noch nicht erlebt. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass ich mir bisher um Geld keine Sorgen machen musste. Mein ältester Sohn lebt in Berlin und kennt ganz andere Geschichten. Er gibt ehrenamtlich Nachhilfe für Schüler, deren Eltern die Nachhilfestunden nicht bezahlen können. Im selben Projekt arbeitet auch ein Rechtsanwalt als ehrenamtlicher Schuldnerberater. Und viele andere bringen sich mit ihren Fähigkeiten unentgeltlich ein.

Gerade erst hat mein Sohn etwas erlebt, was ihm sehr nahe gegangen ist. Unter dem Vordach seines Wohnblocks in Neukölln hat Norbert sich eingerichtet. Norbert ist obdachlos, schläft mal hier und mal da; tagsüber hält er sich die meiste Zeit in der überdachten Hausecke auf. Es sieht dort entsprechend aus, es riecht unangenehm, immer wieder kommt es zu Konflikten mit einzelnen Hausbewohnern; Frauen trauen sich nicht zu allen Tageszeiten allein an ihm vorbei. Manchmal hat Norbert auch Besuch; dann sitzen sie da zu zweit auf seinem Schlafsack, er und sein Freund.

Als mein Sohn mit einer großen Tüte Plastikpfandflaschen vorbeikommt, spricht Norbert ihn an. „Können wir die haben?“ „Klar“, sagt mein Sohn und drückt Norberts Freund die Tüte in die Hand. Er freut sich und überschlägt im Kopf, dass wohl knapp über zehn Euro rauskommen dürften, wenn die beiden das Pfand einlösen. Ein paar Wochen vergehen. Norbert scheint anderswo untergekommen zu sein; jedenfalls bleibt sein Platz unter dem Vordach lange leer. Dann sitzt er doch wieder da. Er spricht meinen Sohn an: „Nächstes Mal drückst du mir die Tüte in die Hand. Er hat mir nichts abgegeben.“

Mein Sohn ist getroffen. Und ich auch, als er mir die Geschichte am Telefon erzählt. Er ist selbstverständlich davon ausgegangen, dass die beiden sich den Erlös geteilt haben, vielleicht sogar mit zwei Bierchen angestoßen haben. Dass Not zusammenschweißt und geteiltes Leid irgendwie halbes Leid ist. Aber wieder einmal ist deutlich geworden, wie wenig ich die Not von Menschen kenne, denen nicht nur Geld und Obdach und Wäsche zum Wechseln fehlen, sondern auch menschliche Beziehungen, die ich so leicht als selbstverständlich erachte. „Jedem auf des Lebens Pfad einen Freund zur Seite“ wünscht der Dichter Johann Peter Hebel in einem Neujahrslied. „Und zu stiller Herzensgüte Hoffnung ins Geleite.“ Ich schließe mich ihm heute aus vollem Herzen an.

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16JAN2026
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Margit liegt unter einem ganzen Haufen von Turnmatten begraben und rührt sich nicht. Wir sind zu siebt und haben eine Gruppentherapiesitzung. Psychodrama nennt sich die Methode. Heute ist Margit an der Reihe. Sie darf Gegenständen oder anderen Gruppenmitgliedern Rollen zuweisen. Sie hat sich für die Turnmatten entschieden. Sie liegen auf ihr drauf und sollen alles darstellen, was sie bedrückt. Manchen Matten hat sie Namen gegeben.

Dann beginnt die kreative Phase. In Nullkommanichts hat Margit sich freigestrampelt. Einzelnen Matten verpasst sie Schläge und Fußtritte, andere werden mit Schmackes in die Ecke gepfeffert. Die Aktion dauert ziemlich lang. Margit tobt durch den Raum und wird immer röter im Gesicht. Als sie alle Matten erledigt hat, setzen wir uns mit dem Therapeuten zusammen und sprechen über das, was wir gesehen und erlebt haben.

Ich selbst hatte mehrfach den Impuls abzuhauen. Margits Aggressivität war mir total unangenehm. Gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich sie bewundere. Woher nimmt sie nur diese Energie? Und wird sie eigentlich nie müde? Gibt sie niemals auf? Margit hat mich an einen Mann aus der Bibel erinnert. An Jakob. Der ist nach einem Streit in seiner Familie, den er maßgeblich mit verursacht hat, von zuhause abgehauen und hat ein paar Jahre ohne jeden Kontakt zu seiner Familie in der Fremde verbracht. Dann kehrt er zurück. Das Wiedersehen steht an, vor allem mit dem verhassten Bruder, den er um sein Erbe gebracht hat. Jakob ist ein gemachter Mann; er muss sich vor niemand verstecken, aber vor der Begegnung mit der eigenen Vergangenheit hat er dann doch Angst. Er kann nicht schlafen und geht nachts unruhig auf und ab. Und dann heißt es in der Bibel: „Plötzlich war da jemand, der bis zum Morgengrauen mit ihm kämpfte.“ Wer oder was es ist, mit dem Jakob ringt, bleibt unklar, aber als der Gegner sich davonmachen will, macht Jakob ihm eine Ansage: „Ich lasse dich erst los, wenn du mich segnest!“ Und da sehe ich Margit vor mir. Wir sind Freundinnen geworden und seit jener Therapiestunde sind elf Jahre vergangen. Für mich ist Margit in all den Jahren die Gotteskämpferin von damals geblieben: Sie gibt keine Ruhe, sie lässt nicht locker, bis sie nicht allem, was sich ihr an Widrigkeiten in den Weg stellt, allem, was sie erdrücken und klein machen will, ein Stück Segen abgetrotzt hat. Ich bewundere das. Und manchmal schaffe ich es sogar, mir eine Scheibe Trotzkraft von ihr abzuschneiden.

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15JAN2026
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Das Gleichnis vom verlorenen Groschen hat mir noch nie besonders gut gefallen. Da wählt Jesus schon einmal eine Frau, um etwas über Gott zu erzählen, und dann passiert Folgendes: Einer Frau kullert eine Silbermünze aus dem Geldbeutel. Sie kehrt daraufhin ihr ganzes Haus von oben nach unten, findet den Groschen und, so wörtlich: „ruft ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir! Ich habe die Silbermünze wiedergefunden, die ich verloren hatte!“

Ist doch übertrieben, oder? Und voller Klischees über dusselige, pedantische Hausfrauen, die wegen jeder Kleinigkeit ihre Freundinnen anrufen. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich manche Sachen, die ich verloren habe, nicht wiedergefunden habe. Mein lila Fahrrad zum Beispiel. Das hatten meine Tübinger Studienfreunde für mich zusammengeschraubt, nachdem mir mein altes geklaut worden war. Und dann haben sie es auch noch in meiner Lieblingsfarbe angemalt. Was für ein wunderbarer Freundschaftsbeweis! Mein lila Fahrrad war absolut unverwechselbar. Ich habe es geliebt! Und dann war es plötzlich weg. Weil ich einmal zu faul gewesen bin, es abzuschließen; ich wollte ja nur schnell zum Bäcker und mir eine Brezel holen. Aber die eine Minute hat gereicht. Als ich wieder rauskam, war es weg. Und ist nie wieder aufgetaucht. Noch heute schmerzt es mich, wenn ich dran denke.

Aber nicht nur Gegenstände kommen abhanden. Mir sind auch Menschen verloren gegangen. Annette zum Beispiel, eine Freundin aus der Tübinger Clique. Wir waren ganz eng, haben stunden- und nächtelang miteinander geredet; später kam nur sie als Trauzeugin infrage. Und dann? Das Studium war zu Ende und jede von uns in einer anderen Stadt mit ihrem Berufsanfang beschäftigt; später mit Kindern und Karriere. Und da haben wir uns einfach aus den Augen verloren. Ohne dass etwas zwischen uns vorgefallen wäre. Es ist einfach so gekommen. Aber dann habe ich Annette wiederentdeckt. Auf einem Foto in der Zeitung. Ich habe sie gegoogelt, gefunden und ihr geschrieben. Und sie hat tatsächlich geantwortet. Neulich haben wir uns sogar getroffen. Zum ersten Mal seit 36 Jahren. Sofort war die alte Vertrautheit wieder da, ihr unverwechselbares Lachen und ihre Kunst, mich erfolgreich auf den Arm zu nehmen. Und da habe ich begriffen, dass es in dem Gleichnis vom verlorenen Groschen nicht bloß um eine Silbermünze geht, sondern um echte Goldstücke. Und hab mich gefreut wie Bolle und allen meinen Freundinnen davon erzählt.

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14JAN2026
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Den Tag von Anjas Beerdigung haben wir auf den 12. Februar festgelegt. An diesem Tag wäre sie 50 Jahre alt geworden. Manche fanden es schrecklich, die beiden Daten für immer aneinander zu binden. Aber ihr Mann und ihre Söhne waren der Meinung, Anjas erster Geburtstag ohne sie würde sowieso ein ganz furchtbarer Tag werden; warum dann nicht auch gleich den furchtbaren Tag der Beerdigung hinter sich bringen?

Anja war meine beste Freundin. Wir hatten Kinder im selben Alter, zusammen sechs Jungs, das hat uns mehr als zusammengeschweißt. Und weil auch unsere Männer sich gut verstanden haben, sind wir ein paar Mal als Familie zusammen in Urlaub gefahren. Als die Jungs älter wurden und jede von uns in eine andere Stadt umgezogen ist, hat sich unsere Freundschaft verändert.

Aber wir sind immer in Kontakt geblieben. Am Telefon hat Anja mir dann eines Tages erzählt, dass bei ihr ein Tumor im Unterleib entdeckt worden ist. Sie gab sich ganz zuversichtlich, aber schon ein halbes Jahr später war sie tot. Und dann kam der 12. Februar. Ihr 50. Geburtstag und der Tag ihrer Beerdigung. Die Kirche war voll. Zwischen einem Meer aus roten Rosen stand vorne die Urne mit ihrer Asche. Und wir haben gesungen: „Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst. Wie schön, dass wir zusammen sind; wir gratulieren dir, Geburtstagskind.“

Und jedes einzelne Wort haben wir auch genauso gemeint. Denn es war gut und unendlich tröstlich, dass wir an diesem Tag alle zusammen waren und uns gegenseitig Halt geben konnten. Wir haben gespürt, wie schön es war, dass Anja auf dieser Welt und all die Jahre an unserer Seite gewesen ist. Und wie sehr wir sie vermissen! Dafür gab es noch gar keine Worte. Für viele war es ein Trost, dass Anja selbst ganz fest daran geglaubt hat, dass der Tod wie eine zweite Geburt ist. Aufstehen in ein neues Leben bei Gott. So ganz begreifen konnten wir das damals freilich nicht. Bald kommt der 12. Februar wieder. In diesem Jahr wäre sie 56 geworden. Wir Freundinnen treffen uns seit sechs Jahren immer am Samstag nach Anjas Geburtstag an ihrem Grab, tauschen Erinnerungen aus und feiern eine kleine Andacht. Nur mit dem Singen will es noch nicht so recht klappen, weil uns dabei immer die Tränen kommen. Danach gehen wir in eins ihrer Lieblingscafés und stoßen mit Sekt auf das Leben an. Auf unseres. Und auf ihres in einer anderen Welt.   

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13JAN2026
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„Jetzt kommt sie in das Alter, wo es von alleine lacht“, war der Spruch, mit dem mein Vater die ersten pubertären Anwandlungen seiner Tochter kommentiert hat. Meine Freundin Peggy und ich, wir waren damals unzertrennlich. Ständig haben wir die Köpfe zusammengesteckt und gekichert; ich weiß heute selbst nicht mehr, worüber. Was ich noch weiß: Vieles, was uns mit elf oder zwölf gefallen hat, kam uns mit 13, 14 plötzlich total albern vor; anderes hat uns Angst gemacht und verunsichert. Die beste Reaktion auf beides: miteinander drüber lachen. Alles haben wir getauscht und geteilt: Klamotten, Schallplatten, wilde Träume. Peggy war mein Zwilling, mein Spiegel, meine zweite Hälfte. Und alles, was wir gern mit Jungs erlebt hätten, aber nicht kriegen konnten, haben wir uns eben gegenseitig versprochen: „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsre Freundschaft nicht.“ Ich habe fest dran geglaubt: Alles, alles mag sich ändern oder vorbeigehen, aber wir, wir bleiben uns treu.

Aber so war es nicht. Unsere Freundschaft ist zerbrochen. Zerbrochen an einem einzigen Satz, der mich damals mitten ins Herz getroffen hat. Zum Studium sind wir in weit auseinanderliegende Städte gezogen und hatten uns mittlerweile aufs Briefeschreiben verlegt. Auch das war schön und intensiv. Aber dann hat Peggy mir geschrieben, ich würde in meinen Briefen ja nur um mich selber kreisen. Sie fände das ziemlich egoistisch. Und ich? Ich hab die Welt nicht mehr verstanden. War das nicht der Kern unserer Freundschaft, dass wir uns immer alles voneinander erzählt haben? Warum sollte das jetzt nicht mehr gehen? Ich habe es nicht verstanden und war tief verletzt. Als hätte mir jemand, nein nicht jemand, sondern meine beste Freundin ein Messer in die Seele gerammt. Und wir hatten wohl beide auch keine Idee, wie wir mit dem, was plötzlich zwischen uns stand, hätten umgehen sollen. Ich habe immer darauf gewartet, dass sie den ersten Schritt tut und sich bei mir entschuldigt. Und Peggy? Ich weiß es nicht. Ich habe sie nie wiedergesehen. Und bin längst in einem Alter, in dem es manchmal auch von alleine weint. Lachen oder weinen wird gesegnet sein, heißt es in einem Lied.  Auf diesen Segen warte ich.

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12JAN2026
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„Sensationell!“ ist das Lieblingswort meiner Freundin Nina. Sie benutzt es oft und gerne; manche meinen, inflationär. Tatsache ist: Nina ist wahnsinnig begeisterungsfähig und hat dabei auch noch die wunderbare Gabe, andere mitzureißen. Mich zum Beispiel; von Natur aus eher grüblerisch veranlagt, profitiere von ihrem inneren und äußeren Sprühen.

Zum Beispiel: Nina hat sich spontan entschieden, auf der Rückfahrt vom Urlaub einen Umweg zu nehmen, um mit dem Glacier-Express durch die Schweizer Alpen zu fahren. Die Aussicht aus den gläsernen Waggons: sensationell! Nächste Begegnung: Nina hat die Neuinszenierung einer Oper besucht. Das Bühnenbild, das in drei Aufzügen drei Mal gewechselt hat: sensationell! In schwindelerregendem Tempo lässt sie vor meinem inneren Auge die ganze Oper mit all ihren Umbauten ablaufen. Oder: Nina hat in der Zeitung von einem alternativen generationenübergreifenden Wohnprojekt gelesen. Das Konzept findet sie sensationell! In Nebensätzen rechnet sie mit den letzten Jahrzehnten städtebaulicher Entwicklungen ab und fragt mich, wie ich eigentlich mal im Alter leben möchte.

Für viele Dinge, denen ich bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe, hat Nina mit ihrer Begeisterung meine Neugierde geweckt. Und noch etwas habe ich durch sie entdeckt: Solche verstaubten, fast ausgestorbenen biblischen Worte wie loben und preisen, jauchzen, frohlocken oder jubilieren haben für mich einen ganz neuen Sinn bekommen. Den kleinen Kanon „Lobet und preiset ihr Völker, den Herrn“ zum Beispiel singe ich schon seit Kindergottesdienst-Tagen. Aber wie das wirklich aussieht, wie es sich anhört und anfühlt, wenn ein Mensch lobt und preist, weil ihn die Welt mit all ihren Wundern nicht kaltlässt, sondern ergreift, das hat Nina mir gezeigt: „Sensationell, Gott, diese Bergwelt! Schneebedeckte Gipfel und zu Eiszapfen erstarrte Wasserfälle und das grandiose Lichtspiel der Sonne und der Mond, wie er durch die Abendwolken zieht, und erst der Mensch mit seinem wundersamen Gehirn, der Trassen konstruiert und Züge lenkt und Opern schreibt und Häuser baut und singt und liebt und denkt und sorgt. Mein Gott, du bist der Größte!“  Ein Quäntchen nur von Ninas sensationellem Blick auf die Welt wünscht Ihnen für dieses noch junge Jahr Martina Steinbrecher.

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10JAN2026
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Sind Sie eher Sammler- oder Wegwerfer-Typ? Ich beschreibe mal kurz: Die Wegwerfer freuen sich über jede Gelegenheit, etwas loszuwerden: Flohmärkte oder die Kleinanzeigen-App. Im Keller häuft sich nichts unkontrolliert an, in der Garage steht wirklich nur ein Auto und im Kleiderschrank findet sich immer noch ein freier Bügel. Falls Wegwerfer mal umziehen möchten, ist das gar kein Problem.

 

Ganz anders die Sammler. Sie horten schöne Dinge aus der Natur: Herzsteine oder Treibholz. Sie bringen es nicht übers Herz, sich von alten Zeitschriften zu trennen, geschweige denn von Erinnerungsstücken: die erste Konzertkarte oder das Akkordeon vom Papa. Das Größte ist es, wenn die Nachbarn kommen und nach einer Matratze fragen, weil sie unerwarteten Besuch bekommen. Klar, davon haben die Sammler einige rumstehen.

 

Was ist nun besser – sammeln oder wegwerfen? Ich finde, man sollte das eine nicht gegen das andere ausspielen, denn beide Lebensformen haben ihren eigenen Wert. Und ich glaube, beide Typen wünschen sich insgeheim manchmal, ein bisschen wie der andere zu sein: Zum Beispiel der Sammler, der auf dem völlig überfüllten Dachboden steht und sich nach etwas Übersicht und Luftigkeit sehnt. Und vielleicht fragt er sich dann, wer das alles einmal sortieren und entsorgen soll. Und bestimmt auch, wofür er das überhaupt tut, und wen das noch interessiert, wenn er mal tot ist.

 

Oder der Wegwerfer, der gerade wieder einen Schwung Bücher an einen Wohltätigkeitsflohmarkt losgeworden ist, und sich jetzt an diese eine gute Stelle erinnert, die er nochmal gerne nachlesen würde. Und auch er fragt sich in nachdenklichen Momenten, was von ihm bleibt, wenn er stirbt, außer einer gut aufgeräumten Wohnung.

 

Das ist die Frage, die beide Typen vereint: Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr auf der Erde bin? Und ganz egal ob aufgeräumte Wohnung oder überfüllter Dachboden, es gibt noch mehr, was bleiben könnte. Vielleicht ein selbstgemaltes Bild oder ein Baum, den ich gepflanzt und gepflegt habe. Ein Haus, in dem mein Herzblut und meine Arbeitskraft stecken. Vielleicht eine Frau, die um mich weint oder Kinder, die sich gerne an mich erinnern, denen ich was mitgegeben habe. Menschen, die von meiner Großzügigkeit erzählen, oder dass ich ein echter Anpacker war. Freunde, die sich erinnern, dass ich eine ehrliche Haut, dass ich tiefsinnig oder eine Stimmungskanone war. Oder vielleicht etwas ganz anderes.

 

Egal ob Sammler oder Wegwerfer - es gibt so viel was bleiben kann von mir – Gott sei Dank!

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