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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ich möchte Ihnen heute Morgen aus einem Brief zu einem aktuellen Thema vorlesen: "Es ist viel klüger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Beschäfti­gun­gen, als dass sie dich ziehen und dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Du fragst, an welchen Punkt? An den Punkt, wo das Herz hart wird. Frage nicht weiter, was damit gemeint ist; wenn du jetzt nicht erschrickst, ist dein Herz schon so weit. (...) Ja, wer mit sich selbst schlecht um­geht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht: tu das immer, ich sage nicht: tu das oft, aber ich sage: tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen." Diese dringende „Urlaubsempfehlung" gab der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux keinem Geringeren als Papst Eugen III. im Jahre 1150. Die Erfahrung, dass jeder Mensch zwischen­durch Ruhe, Er­holung und Ab­stand braucht, ist keine Erfindung moderner Touristikunternehmen mit ihren Wellnessangeboten. In der klösterlichen Tra­di­tion nennt man daher auch das arbeitsfreie, ge­sellige Beisam­men­sein der Klosterge­meinschaft „Re­kreation", was man mit „Neu­schöpfung" übersetzen kann und eben die Er­holung vom (Arbeits-)Alltag meint. In der Erholung kann Neues ent­stehen, z. B. neue Kraft, neue Mo­tivation, neue Gesundheit, neuer Elan, neue Lebens­lust. Schon Jesus wusste um die Notwen­dig­keit des erholsamen Abstan­des zu den Dingen und Men­schen. Im Evangelium heißt es: „Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen." (Mk  6,31) Es gibt Zeiten im Leben, da sollte ich eigentlich gar nicht „nütz­lich" sein. Schon Jesus führt seine Jünger an Orte, wo sie sich den Menschen, die so viel von ihnen erwarten, entziehen kön­nen, wo sie durchatmen und Ruhe fin­den  können und dadurch auch die Ge­le­gen­heit, zu sich selbst zu finden, wo sie den Blick für das Wesent­liche neu schärfen können. Auch wir müssen nicht immer zur Stel­le sein, auch nicht alles mitmachen. Es ist wichtig, dass wir uns Ruhe und Abstand gönnen, Muße und Erholung. Sonst laufen wir Gefahr, dass unser „Herz hart wird", weil wir nur noch funk­tio­nieren und machen und tun, aber nicht mehr innehalten und aufatmen. „Denk also daran: Gönne dich dir selbst." Ein guter Rat auch für uns. Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende!

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Brot ist mehr als Brot. Das ist mir in diesem Monat, in dem die Kirchen Erntedank gefeiert haben, mal wieder bewusst geworden. Brot ist nicht nur Brot. Es ist Symbol. In der Umgangssprache bedeutet Brot bis heute Nahrung und Lebens­unter­halt. Es symbolisiert also alles, was mit der materiellen Exis­tenz zu tun hat, und Broterzeu­gung meint mensch­liche Arbeit schlecht­hin. Schon in früher Zeit wurde die übliche Ver­gütung der Arbeitskraft mit Na­tura­lien durch die Entlohnung mit Geld er­setzt. Dennoch blieb der Gedanke des „Broterwerbs" bis heute. Brot steht also für Geld und Lebens­unterhalt allge­mein: Man verdient seine Brötchen; Arbeit­neh­mer haben einen „Brötchen­geber" - früher nann­te man ihn den „Brot­herrn"; man spricht neben dem „Brot­erwerb" auch manch­mal von „brot­loser Kunst". Dass der Mensch sein Brot „im Schweiße sei­nes An­gesichts es­sen", also hart da­für arbei­ten muss, erklärt schon die Bibel (Gen 3, 19), und die Römer wussten, dass man das Volk ruhig halten kann, wenn man ihm „Brot und Spiele" gibt. Das Sprichwort „Wes' Brot ich ess, dess' Lied ich sing" zeigt, in welche Abhängigkeit der Mensch aus Sorge um seinen Le­bens­unterhalt geraten kann. Wenn der Berliner ausdrücken will, dass etwas nichts kostet bzw. ihm keine (finanziellen) Aufwendungen ent­stehen, sagt er „Det frisst ja keen Brot." Arme Leute hingegen „sparen sich das Brot vom Munde ab", um über die Runden zu kommen oder sich mal etwas Be­sonderes leis­ten zu können. Sie merken schon bei der Aufzählung dieser Redewendungen aus unserer Alltagssprache, welche Bedeutung das Brot auch in Zeiten von Fast Food und unzähligen Kochsendungen immer noch hat. Im Vaterunser beten wir „unser täg­liches Brot gib uns heute". Da geht es nicht um das Verdienen. Da bitten wir einfach um Brot. Mit dem Erntedankfest, das wir Anfang Oktober gefeiert haben, soll auch daran er­innert werden, dass es nicht allein in der Hand des Men­schen liegt, über aus­rei­chend Nah­rung zu verf­ügen. Ein Bauer, der nach einem schlechten Jahr eine Missernte einfährt, hat ja nicht schlechter gearbeitet als sonst. „Unser tägliches Brot gib uns heute" - darin liegt auch die Bitte um all das, wofür Brot eben auch steht: für das Leben schlechthin. Ich glaube, es täte uns manchmal gut, „kleine Bröt­chen zu backen", also bescheiden zu bleiben und dankbar auch für die kleinen Dinge, die unser Leben bereichern. Vielleicht werden wir dann auch wieder gelassener, trotz mancher Misserfolge. Vielleicht fällt uns dann das Teilen auch in schwierigen Zeiten ein wenig leichter.

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Wie schnell habe ich besonders in stressigen Zeiten das Gefühl, dass die Zeit mal wieder hinten und vorne nicht reicht, um alles erledigen zu können.
„Ich habe keine Zeit" - dieser Satz wird dann besonders hart, wenn die entsprechende Ergänzung folgt: Ich habe keine Zeit für die Kinder, für einen freien Abend mit meiner Frau, für ein lange anstehendes Telefongespräch, usw.
Volle Terminkalender, Hektik, Arbeitsdruck - das macht vielen Menschen das Leben zur Qual.
Die alten Griechen fassten solche Erfahrungen in mythologischen Bildern zusammen.So gibt es den Mythos von Kronos, dem Gott der Zeit. Er geht erbarmungslos seinen Weg, kennt kein Zurück und frisst am Ende sogar seine eigenen Kinder. Dem gegenüber steht Kairos, der Gott der guten Zeit. Er steht für all jene Möglichkeiten, die wir auch immer wieder haben, um aus unserem Leben etwas Sinnvolles zu machen. Ich glaube, dass hinter beiden Götterfiguren die gleiche Erfahrung steht, nämlich: Ich kann die Zeit nicht machen, ich kann sie nicht verlängern und nicht verkürzen. Auch der biblische Prediger Kohelet sagt, dass alles seine Zeit hat, geboren werden und sterben, finden und verlieren, Lieben und Hassen, usw. Vielleicht haben Sie ja auch schon die Erfahrung gemacht, dass man plötzlich mehr Zeit hat, weil ein Termin ausgefallen ist oder eine Arbeit schneller als gedacht fertig wurde, und dann steht man da und kann die gewonnene Zeit überhaupt nicht genießen. Verrückt, oder? Ich sehne mich oft nach mehr Zeit, und wenn ich sie habe, weiß ich nicht so recht mit ihr umzugehen! Genau aus dieser Erfahrung heraus behaupte ich, dass mehr Zeit allein noch nicht genügt. Ich glaube, es braucht neben der Zeit auch einen Rhythmus. Was ich damit meine ist vielleicht mit dem Wort Gewohnheit gut ausgedrückt. Die Zeit, die mir unerwartet zur Verfügung steht, bleibt oft dem Zufall überlassen. Damit bleibt es auch zufällig, ob ich gerade die Zeit genießen kann oder nicht. Wenn ich aber einen Rhythmus habe, also eine gewisse Regelmäßigkeit von Zeiten, die mir wichtig sind, dann kann ich mit der Zeit anders umgehen. Es ist dabei gar nicht so entscheidend, was ich in der Zeit, die ich mir für mich nehme, im Einzelnen tue. Allein schon das Wissen darum, dass ich in meinem Rhythmus immer wieder kleine Zeitinseln habe, kann mich gelassener machen. Und die Laune wird dann meistens auch gleich besser. „Alles hat seine Zeit", sagt Kohelet. Das gilt auch für unseren Rhythmus: Eine Zeit für die Arbeit und eine Zeit für die Erholung, eine Zeit für andere und eine Zeit für mich. So viel Zeit muss sein!

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Ein Kind macht seine ersten Schritte. Noch wird es von der Mutter gehalten. Ein paar Meter entfernt hockt ihm gegenüber der Vater mit ausgebreiteten Armen. „Komm!" fordert er es auf. „Komm in meine Arme!" Und das Kind, ganz fixiert auf den Vater, ist im Begriff, loszulaufen.
Der Maler Vincent van Gogh hat dieses Bild festgehalten. „Erste Schritte" nennt er es. Kürzlich habe ich es bei einem Gottesdienst zum Schuljahrsbeginn verwendet. Ich dachte dabei an die ersten Schritte der ABC-Schützen, aber auch an die ersten Schritte, die überhaupt in ein neues Schuljahr führen. So gesehen gibt es viele Situationen, in denen erste Schritte anstehen. Das ist so, wenn ich eine neue Stelle antrete, aber auch, wenn ich nach einem erholsamen Urlaub wieder in meinen Alltag zurückkehre. Manchmal kann ich es nicht erwarten, die ersten Schritte zu tun. Manchmal scheue ich mich davor. Gelegentlich habe ich sogar Angst.
Das Bild von Vincent van Gogh erinnert mich an eine Geschichte aus der Bibel. Da sitzen die Jünger Jesu im Boot, um vom einen Ufer eines Sees zum andern zu fahren. Das Ganze spielt sich nachts ab, es ist finster. Und zu allem Unglück ist ein Wetter aufgezogen. Wie eine Nussschale wird das Boot hin und her geworfen. Die Jünger vergehen vor Angst. Plötzlich sehen sie eine Gestalt auf sich zukommen. Sie hören eine Stimme, die ihnen zuruft: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!" Es ist die Stimme Jesu. Einer von ihnen, Petrus, erwidert: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme." Und wie der Vater auf dem Bild Vincent van Goghs ruft Jesus dem Petrus zu: „Komm!" Petrus wagt diesen ersten Schritt auf Jesus zu. Er wagt auch weitere Schritte. Aber die See tobt. Und bei ihrem Anblick schwindet sein Vertrauen dahin. Jesus aber streckt Petrus seine Hand entgegen und hält ihn (Mt 14,22-33).
Mir helfen solche Bilder wie das des Petrus oder das des Kindes. Ob nun die ausgestreckte Hand Jesu, die mich auffängt und hält, oder die Eltern auf dem Bild Vincent van Goghs: Ich gewinne dadurch Vertrauen, dort, wo Neues oder Herausforderndes auf mich zukommt, erste Schritte zu wagen.

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„Können Sie da einsteigen?" In meiner Ausbildungszeit als Vikar bekam ich diese Worte oft zu hören. Mein Chef war voller Ideen und Pläne. Und bei vielen davon hatte er bereits eine Rolle für mich vorgesehen. „Können Sie da einsteigen?"
„Ich steige ein in das Leben" heißt es in einem modernen Kirchenlied aus den 80er Jahren. Das klingt unternehmungsfreudig. Ich fühle mich aus der Reserve gelockt. Herausgefordert, aktiv zu sein. Genauso verlockend kommen mir die Geschichten vor, die uns der Evangelist Lukas überliefert - gestern war sein Gedenktag. Für mich sind es Geschichten zum Einsteigen.
In einer wird das besonders deutlich. Es ist eine Ostergeschichte. Sie erzählt von zwei Jüngern, die unterwegs sind von Jerusalem nach Emmaus (Lk 24,13-35). Der eine wird mit Namen genannt: Kleopas. Der andere bleibt namenlos. Diese Namenlosigkeit, glaube ich, ist nicht zufällig. Sie reizt dazu, sich selbst in der Gestalt dieses Jüngers zu sehen. Einzusteigen in diese Geschichte. Sie von innen her zu erleben. So wird sie allmählich meine Geschichte. Der Weg von Jerusalem nach Emmaus wird zu einem Wegabschnitt meines Lebens. Im Gespräch mit einem anderen Menschen verarbeite ich, was ich erlebt habe. Und mit unterwegs - das ist der springende Punkt dieser Geschichte - ist Jesus. Ich erfahre: Er ist nicht tot. Er ist nicht verbannt in ein Grab. Er ist an meiner Seite. Er lässt sich auf mich ein. Er spricht sogar zu mir. Er lebt. Wenn es nach Lukas geht, müsste mir jetzt das Herz brennen. Vielleicht brennt es aber auch erst, wenn ich mit den anderen beim Mahl bin, wenn uns dann beim Brechen des Brotes die Augen aufgehen und wir uns an seine Worte erinnern: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!" (1 Kor 11,24f)
Die Geschichte erzählt, was Kirche ist: Menschen unterwegs. Menschen, die sich gegenseitig Anteil geben an ihren Lebensgeschichten. Und die miteinander erfahren, dass Jesus in ihnen vorkommt. Dass er in sie hineinspricht und in sie hineinwirkt. Und dass das Brechen des Brotes bis heute Ausdruck seiner Gegenwart ist. Die Einladung, da mitzumachen, steht. Steigen Sie ein!

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Das Innere unserer Kirche in Stuttgart wird noch einmal neu gestrichen. Es hatte sich nämlich herausgestellt, dass nach einem Brand vor vier Jahren nur der untere Teil der Wände von den kaum sichtbaren Rußpartikeln befreit worden war, der obere Teil aber nicht. Als dies jetzt, im Zuge weiterer Sanierungsmaßnahmen, offenbar wurde, glaubte niemand ernsthaft daran, dass die Versicherung nach so langer Zeit sich dieses Schadens noch annehmen würde. Doch genau das ist geschehen. Eine wirklich gute Nachricht.
Gute Nachrichten wirken immer dann befreiend, wenn sie etwas, das bislang nicht gut war, verändern. Nach tagelangem Regen kann ein Wetterbericht, in dem endlich schönes Wetter verheißen wird, viele Menschen aufrichten. Und wer nach einem notwendigen medizinischen Test besorgt auf das Ergebnis wartet, ist erleichtert, wenn es am Ende heißt: Alles in Ordnung!
Aber auch für die, in deren Leben nicht alles in Ordnung ist, gibt es eine gute Nachricht. Das griechische Wort dafür heißt „Evangelium". Heute, am 18. Oktober, ist der Gedenktag des Evangelisten Lukas. Mit der Überlieferung der guten Nachricht hat Lukas vor allem Menschen im Blick, die alles andere als froh und zufrieden sind. Menschen, für die sich Wesentliches im Leben ändern könnte, wenn sie die frohe Botschaft hörten, die Lukas weitergeben will. Wie er das tut, lässt sich an einer seiner bekanntesten Geschichten veranschaulichen: der Geburt Jesu. Laut Lukas ereignet sich diese in einem Stall. Und es sind Hirten, die zu Zeugen dieses Ereignisses werden. Kein Zweifel: Lukas will, dass sich in dieser Geschichte auch die Menschen wiederfinden, die gesellschaftlich kaum beachtet werden. In ihre Welt, in ihr Leben hinein verkündet der Engel Gottes: „Ein Retter ward euch heute geboren..." (Lk 2,11). So wendet sich Gott den Menschen zu.

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