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15JUN2024
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Wenn ich ein Klavier höre, hüpft mein Herz! Mein Leben lang träume ich schon davon, selbst Klavierspielen zu können. Irgendwann, habe ich mir oft gesagt, irgendwann lerne ich das mal – wenn ich mehr Zeit habe, wenn die Kinder größer sind, wenn die Arbeit weniger ist.

Und dann war da meine Tochter. Als wir die Großeltern besucht haben, hat sie sich an das alte Klavier im Wohnzimmer gesetzt und die Tasten angeschlagen. Ganz versunken hat sie eine Weile geklimpert und dann verkündet: „Ich will auch ein Klavier! Ich wünsche mir nichts anderes, ich will Klavier spielen!“ Auch in den kommenden Wochen hat sie nicht mehr lockergelassen.

Und dann ging alles ganz schnell: Einen Monat später wurde unser E-Piano geliefert. Meine Tochter hat tagsüber ganz selig darauf gespielt. Als ich dann abends vor den Tasten saß und selbst die ersten Töne angeschlagen habe, hatte ich Tränen in den Augen. Mein großer Traum, den ich jahrelang verschoben hatte, aus unzähligen Gründen. So einfach ist es gewesen – dank meiner entschlossenen Tochter, die mich überzeugt hat, einfach zu tun, was ich schon immer wollte.

Ich frage mich seitdem, wie oft ich in meinem Leben schon Träume, Sehnsüchte aufgeschoben habe, weil ich auf den richtigen Zeitpunkt gewartet habe. Oder sogar aufgegeben, weil ich geglaubt habe, dass es jetzt zu spät dafür ist. Klar, nicht alle Träume sind so einfach zu erfüllen, wie dieser. Aber es lohnt sich darüber nachzudenken, welche meiner Träume weniger an den äußeren Umständen scheitern und eher deshalb, weil ich irgendwelche Bedenken habe. Und was mich davon abhält, sie anzugehen.

Manchmal geht es einfach darum, sich zu überwinden, endlich loszulegen. Nicht auf den großen Berg zu sehen, sondern nur auf den nächsten Schritt. Und ja: Wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich gerne jetzt sofort richtig Klavier spielen können. Aber wenn ich nicht mit den kleinen ersten Schritten anfange, wird das nichts. Also heißt es jetzt: dranbleiben und üben.

„Fürchtet Euch nicht“, sagt Gott in der Bibel immer wieder, wenn Menschen nicht recht wissen, was auf sie zukommt. Wenn sie unsicher sind oder unentschlossen. Gerne schickt er dafür auch einen Engel vorbei. Sie nehmen die Angst vor dem, was sich bisher keiner vorstellen konnte. Zum Beispiel bei Maria, die ungeplant schwanger war und nicht wusste, wie es weitergehen soll. Solche Engel können ja auch Freundinnen sein, - oder Menschen, die uns einen Stups in die richtige Richtung geben. Für mich ist meine Tochter jedenfalls so ein kleiner Engel, den ich wirklich gebraucht habe.

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14JUN2024
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Heute beginnt die Fußball-Europameisterschaft! Sind Sie Fußball-Fan? Dann freuen Sie sich bestimmt schon lange darauf, dass die Spiele jetzt endlich losgehen!
Ich gebe zu: Ich interessiere mich meistens nicht besonders für Fußball.
Bei Europa- und Weltmeisterschaften sieht das aber anders aus. Ich mag die besondere Stimmung, die dann überall zu spüren ist. Was sonst bringt so viele unterschiedliche Menschen zusammen, wie  ein Fußball-Großereignis? Viele verabreden sich zum Public Viewing, vier Wochen lang haben alle ein gemeinsames Thema und irgendwie ist da dieses Verbundenheitsgefühl untereinander, weil so viele Menschen gemeinsam anfeuern, hoffen, sich freuen, oder zusammen leiden, wenn ihre Mannschaft verloren hat.

Das finde ich besonders in einer Zeit, in der ansonsten so Vieles auseinanderdriftet. In der Unterschiede so sehr betont werden, in der lieber vorsichtig abgewartet oder kritisch beäugt wird, statt begeistert gemeinsam gefeiert. Ich mag die Fröhlichkeit und das Wir-Gefühl bei so einer EM und ich glaube, ein wenig Fußball-Fieber tut uns allen ganz gut -nach den vergangenen Jahren, die eher von Distanz geprägt waren.

Bemerkenswert finde ich dabei immer: Spieler, die sonst Gegner sind, spielen jetzt in den Nationalteams zusammen - vereint für ein größeres Ziel. Und noch mehr: Die Spiele verbinden uns in Europa über alle Grenzen hinweg. Eine Woche nach der Europawahl zeigen sie eindrucksvoll, was für ein unschätzbar hohes Gut der europäische Gedanke ist: Da kommen verschiedenste Länder, Mannschaften, Fans zusammen - verbunden in der Liebe zum Fußball. Sie setzen ein buntes und friedliches Zeichen, während woanders Kriege toben.

Sie zeigen: Uns verbindet mehr, als uns oftmals bewusst ist. Ganz konkret wird das beispielsweise auch bei einer Initiative der Kirchen[1]: Über eine Plattform im Internet bieten Fußballfans an, dass andere Fans kostenfrei bei ihnen übernachten können. Was für ein tolles Zeichen gelebter Gastfreundschaft!

Uns verbindet mehr, als uns trennt. Ich hoffe, dass diese Erfahrung in den kommenden Wochen überwiegen wird. Dass die Spiele friedlich ablaufen und ein positives Gefühl bleibt. Weil genau das doch der eigentliche Gewinn ist: gemeinsam spielen und feiern. Für mich ist das viel wichtiger, als jeder Pokal! In diesem Sinne viel Glück den Mannschaften, viel Spaß den Zuschauenden und allen tolle Erfahrungen und Begegnungen während dieser Fußball-EM!

 

 

[1]www.host4euro.com

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13JUN2024
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An der Schule meiner Kinder gibt es keine Noten. Die Schülerinnen und Schüler bekommen stattdessen Rückmeldungen wie: „geschafft“, „fast geschafft“, „noch nicht geschafft“.

Es geht darum, dass die Kinder sich nicht über ihre Noten definieren. Dass sie sich nicht aufgrund einer Zahl selbst einen Stempel aufdrücken –zum Beispiel: Ich bin eben schlecht in Mathe. Sondern dass bei allen Rückmeldungen im Fokus steht: Ich bin auf einem Weg. Ich habe das NOCH nicht geschafft, aber ich gehe weiter und irgendwann schaffe ich das.

Mir gefällt der Ansatz gut. Ich mag auch, dass die Grundaussage ist: Das habe ich geschafft. Und nicht: Darin bin ich perfekt. Wenn ich bei mir selbst schaue, dann ist das nämlich viel zu oft mein Anspruch. Alles richtig zu machen. Ich schaue dann zurück auf Situationen und gehe sie im Kopf durch – und mir fallen jede Menge Dinge auf, die ich besser hätte sagen oder machen können. Ich vergleiche mich immer wieder mit anderen – egal ob auf Social media oder in meinem Umfeld-  und bemerke natürlich immer genau die Punkte, die andere irgendwie besser hinbekommen als ich.

Ich finde, so eine „Geschafft-Kultur“ ist nicht nur in der Schule, sondern auch im sonstigen Leben ein guter Ansatz. Sie erlaubt mir, besser zu werden und zu wachsen, statt an einem oft willkürlichen Moment festzumachen, ob ich etwas kann oder nicht. Scheitern ist dann nicht mehr die endgültige Niederlage, sondern eher ein Anfang. Ein Schritt auf dem Weg. Etwas, woraus ich lernen kann. 

Ich will mich also darin üben, gnädiger mit mir zu sein. Beim Rückblick darauf zu schauen, was ich hinbekommen habe – nicht nur, was ich hätte besser machen können.

Wenn ich überlege, was ich alles schon geschafft habe, dann bin ich ganz schön dankbar. Ich denke an schwierige Jahre während meiner Schulzeit, an beruflich herausfordernde Situationen, an den Spagat zwischen Beruf und Familie. Gerade da, wo es besonders schwer war, wo die Herausforderung groß oder die Umstände besonders widrig waren: da bin ich auch etwas stolz, dass ich das hinbekommen habe. Sicher nicht perfekt, aber angesichts der Umstände doch: geschafft!

Wenn Sie zurückschauen – sicher haben auch Sie schon eine Menge geschafft- trotz aller Umstände.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie dafür dankbar sein können– und vielleicht auch ein wenig stolz auf sich!

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12JUN2024
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„Du hast die Wahl!“ steht auf dem Plakat, an dem ich jeden Tag vorbeilaufe. Seit Wochen hat es dazu aufgerufen, bei den Kommunal- und Europawahlen abzustimmen.   

Jetzt sind die Wahlen vorbei. Klar habe ich meine Kreuzchen auf den Wahlzetteln gemacht, weil ich  mitbestimmen möchte, wie es in Europa und hier in meiner Stadt weitergeht. Was in Zukunft besonders wichtig ist. Bei uns in der Stadt geht es zum Beispiel um eine neue Bücherei, die so etwas wie ein Wohnzimmer für alle sein soll. Ein Ort, an den alle kommen können ohne Eintritt zu bezahlen, der Menschen zusammenbringt.

Meine Wahl kann hier in meiner Stadt etwas verändern, das finde ich gut! Natürlich ist das, was jetzt nach den Wahlen passiert, nicht exakt das, was ICH mir wünschen würde. So funktioniert Demokratie eben- man versucht, die Bedürfnisse und Interessen ganz unterschiedlicher Menschen zusammenzubekommen. Manchmal klappt das besser und manchmal weniger gut.

„Du hast die Wahl“ – das Plakat hängt immer noch da. Und es macht mich nachdenklich; denn: Mitbestimmen und mitgestalten, wie es in unserer Stadt und unserer Welt aussieht, das kann ich jederzeit - auch zwischen den Wahlen. Ich denke an die vielen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Ganz aktuell an die vielen Feuerwehrleute und ehrenamtlichen Helfer die während und nach dem Hochwasser im Einsatz sind. Und an die vielen Menschen, die in Vereinen und Gruppen das ganze Jahr über ihren Lebensort mitgestalten. Die Stadt wird dadurch erst so lebendig und vielfältig, wie sie ist.

Die Wahl haben hat etwas mit Freiheit und Verantwortung zu tun. Das ist mir auch im Glauben wichtig. „Zur Freiheit hat uns Gott befreit, zur Freiheit hat uns Gott berufen“ schreibt Paulus in der Bibel. Für mich bedeutet das: Gott hat uns Freiheit geschenkt, selbst zu entscheiden, selbst zu wählen, wie wir leben wollen. Diese Freiheit heißt auch Verantwortung übernehmen; für mich, für andere und die Welt. Denn natürlich haben wir nicht alle die gleichen Möglichkeiten. Wieviel Zeit und Care-Aufgaben ich habe, wieviel Geld ich habe, ob ich körperlich und seelisch gesund bin –  all das entscheidet auch darüber, wie ich mich einbringen kann. Umso wichtiger ist mir, dass ich Verantwortung übernehme, eben weil ich die Möglichkeit dazu habe.

Wie ich mich entscheide, was ich sage und wie ich mich verhalte macht einen Unterschied. Natürlich – vieles hängt auch von anderen ab. Aber innerhalb meiner Möglichkeiten, manchmal auch im Kleinen, habe ich die Wahl. Nicht nur an der Wahlurne, sondern jeden Tag.

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11JUN2024
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Ikonen auf Munitionskisten copyright: Judith Schmitt-Helfferich

Was für ein Gegensatz. Ich bin in einer Ausstellung und schaue auf Ikonen, auf Bilder von Heiligen, die in der orthodoxen Kirche verehrt werden. Doch statt wie üblich, sind die Ikonen nicht auf einen kostbaren, aufwendig vorbereiteten Untergrund gemalt, sondern auf Munitionskisten aus der Ukraine. Die Bretter sind abgerissen oder gesplittert. Und teilweise befinden sich an den Seiten noch Scharniere. Und da ist er, dieser Gegensatz, den ich kaum zusammenbringe: Auf der einen Seite die Ikonen, die auf das Göttliche hinweisen und für das Leben stehen. Und auf der anderen Seite das Holz der Munitionskisten aus dem Kriegsgebiet. Ein Krieg, in dem schon so viele Menschen getötet wurden. Wohl auch mit dem Inhalt dieser Kisten. Waffen, mit denen die Ukraine sich verteidigt, die aber immer Leid und Tod bringen.

Die beiden Künstler der Ikonen heißen Sonia Atlantova und Oleksandr Klymenko. Sie sind ein Paar und wohnen in Kiew. Bereits seit zehn Jahren, seit der Krieg im Donbas begonnen hat, fertigen sie Ikonen auf den Holzdeckeln von Munitionskisten.

Die Idee dazu hatte Oleksandr. Er war selbst an der Front. Dort, mitten im Kriegsgebiet, hatte er die Idee, aus dem Kriegsmüll Kunst zu machen. Kisten, die eigentlich den Tod bringen, in lebensbejahende Kunst zu verwandeln. Mit Asche, Kreide und Tonscherben, also den Materialien, die er vor Ort gefunden hat, hat er begonnen. Wohl auch, um sich und den Soldaten um ihn herum, Mut zu machen und ein Hoffnungszeichen zu setzen. Dass die Gewalt und der Tod nicht alles sind. Dass – so unvorstellbar es gerade ist – Frieden und Versöhnung möglich sind.

Für Sonia und Oleksandr ist klar: es geht bei ihrer Arbeit in keiner Weise darum, den Krieg zu verherrlichen und Waffen für heilig zu erklären. Vielmehr verarbeiten sie durch ihre Kunst das alltägliche Leben mitten im Krieg. Die beiden sagen: „Mit den Ikonen drücken wir unseren Glauben aus, dass alles gut werden wird. Ohne diese Zuversicht könnten wir gar nicht arbeiten.“ Und nicht zuletzt helfen sie durch ihre Kunst auch ganz konkret. Denn mit den Spenden aus den Ausstellungen und dem, was durch den Verkauf der Ikonen zusammenkommt, finanzieren die beiden ein mobiles Krankenhaus in der Ukraine.

„Leben auf den Tod malen“ – so ist die Ikonenausstellung überschrieben. Im Kleinen könnte das geschehen, wenn in einem Streit ein versöhnliches Wort fällt oder wenn in einer Debatte wirklich zugehört wird und Kompromisse möglich sind. Und im Großen hält der Titel der Ausstellung in mir die Hoffnung wach, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.

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10JUN2024
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Die Heuschrecken haben alles gefressen. Nichts ist mehr da. Wo vorher noch Weizen und Gerste stand, sind jetzt nur noch abgenagte Stängel zu sehen. Die Ernte ist weg und damit auch die Lebensgrundlage. In kürzester Zeit sind die Heuschrecken in großen Schwärmen aufgetaucht. Niemand wusste, wo sie herkamen. Und niemand konnte etwas gegen sie tun.

Heuschreckenplagen – das gibt es immer wieder und auch die Bibel berichtet davon. Und auch in meinem Leben kenne ich solche „Heuschreckenzeiten“[1]. Wenn plötzlich alles Lebendige weg ist. Wenn die Lebensenergie aufgebraucht ist und die Zukunft trostlos aussieht.

Wenn ich viel Kraft in ein Projekt investiert habe und dann feststelle, dass es sich nicht gelohnt hat. Andere meine Mühen nicht würdigen. Das fühlt sich an, wie ein Kahlschlag der Heuschrecken. Oder wenn beim Arzt klar wird: das ist etwas Ernstes. Krebs oder eine andere schlimme Krankheit. Wenn Menschen mit einer chronischen Krankheit leben lernen müssen. Zu den Zeiten, die die Heuschrecken gefressen haben, gehören für mich auch die Momente, in denen ich das Gefühl habe: „es hat sich nichts getan“. Zum Beispiel, wenn ich in meinem Umfeld die Enttäuschung mitbekomme, dass das Kind zu früh und tot zur Welt kommt. Der Kinderwunsch unerfüllt bleibt.

In der biblischen Heuschreckenzeit spricht Joël, ein Prophet, im Namen Gottes ein Versprechen aus. Er sagt: „Ich werde euch die Jahre erstatten, die die Heuschrecken (…) gefressen haben.“ (Joël 2,25 Elberfelder Übersetzung)

Was für eine Verheißung: „Ich erstatte euch die Jahre.“ Das heißt doch: Es bleibt nicht, wie es jetzt ist. Da kommen wieder andere, bessere Zeiten, die die jetzigen aufwiegen.

Solch ein Satz hat Kraft. Und ist mehr als eine Vertröstung auf irgendwann. Die schwere Gegenwart hat nicht das letzte Wort, es gibt eine Perspektive. Und dann kann ich vielleicht bei aller Traurigkeit darüber, wie es gerade ist, sehen, was auch noch an Gutem da ist. Und mag es noch so klein sein. So ein Satz, so eine Verheißung fordert mich auf, noch einmal anders hinzuschauen. Und sie kann mir auch ein wenig Abstand verschaffen, so dass kreative Lösungsideen wieder Platz haben. Oder mir zumindest ein wenig Mut machen, dass die geplatzten Chancen, mein Pech und meine schlechten Erfahrungen zwar da sind und zu meinem Leben gehören, aber die Zukunft anders werden kann. Sei es in diesem Leben oder auch nach dem Tod.

[1] Vgl.: Christina Brudereck, Trotzkraft, Text 134

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08JUN2024
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Abends gehe ich gerne noch ein paar Schritte um den Block. Auf dem Weg durch die Nachbarschaft sehe ich einen Mann am Gartentor stehen. Wir kennen uns flüchtig. Kurz grüßen wir uns und ich wünsche ihm noch einen schönen Tag.

Im Weitergehen höre ich seine Frau durch die Hecke. Sie fragt ihren Mann erstaunt: „Sowas gibt´s noch? Wer hat dir denn da so freundlich einen schönen Tag gewünscht?“ Jetzt bin ICH überrascht. Kurz freue ich mich, dass ich offensichtlich positiv aufgefallen bin. Im nächsten Moment frage ich mich, wie so eine kleine Geste zu so großem Erstaunen führen kann. Das ist doch selbstverständlich. Oder doch nicht?

Vielleicht haben wir ja ein kleines Freundlichkeitsproblem?

Ich gebe zu. Ich grüße auch nicht jedes Mal und jeden am Gartentor. Je nachdem wer mir vorher begegnet ist und was ich schon mit Menschen erlebt habe, geht es auch bei mir mal freundlich zugewandt und mal weniger freundlich zugeknöpft zu. Wenn ich selber eine freundliche Begegnung erlebt habe, fällt es mir leichter, das an einen anderen Menschen weiterzugeben.

Freundlichkeit spielt auch in der Bibel eine große Rolle. Der Gott der Bibel wird als freundlicher Gott beschrieben: „Dankt dem Herrn, denn er ist freundlich.“ So schreiben es die Psalmbeter immer wieder. Sie erleben einen Gott, der ihnen freundlich zugewandt ist und der sie mit Freundlichkeiten beschenkt. Im Neuen Testament wird die Freundlichkeit neben Dingen wie Liebe, Freude und Frieden als etwas benannt, das Gott im Leben von Menschen stärken möchte. Dieser freundliche Gott schenkt auch Menschen ein freundliches Herz.

Eigentlich ist es gar nicht so schwer, mit Freundlichkeit einen Unterschied zu machen. Drei Möglichkeiten will ich hier nennen:

Lächeln – ich lächle gerne Menschen an, an denen ich vorbeigehe. Besonders solche Menschen, die ein bisschen grimmig gucken. Weil ich glaube, dass sie so grimmig gucken, weil sie noch nicht genügend angelächelt worden sind.

Danke und Bitte sagen – auch bei Leuten, wo man denkt: Das ich doch deren Job. Die Kassiererin im Supermarkt, der Busfahrer und ja, auch der Mann an der Tankstellen-Kasse, der mir eine horrende Summe abknöpft, freuen sich über ein Dankeschön. Und auch ein freundliches „Bitte“ öffnet so manche Tür.

Komplimente machen – wenn ich bei Menschen, etwas Positives entdecke, versuche ich nicht nur darüber nachzudenken, sondern es auch auszusprechen. Letztens habe ich eine Ticket-Kontrolleurin im Zug beobachtet, die mehreren Kindern nacheinander seelenruhig erklärt hat, wie sie ihr Schüler-Ticket aktualisieren können. Das fand ich wirklich stark und das habe ich dieser Frau dann auch gesagt.

Die Gesichter, in die ich nach einem Lächeln, einem Danke, einem Bitte oder einem Kompliment schaue, gucken zwar manchmal etwas verdutzt. Ganz oft kommt aber ein Lächeln zurück. Mit Freundlichkeit die Welt ein kleines bisschen schöner machen, ist eigentlich ganz leicht. Einfach mal machen.

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07JUN2024
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Manchmal werde ich fatalerweise gefragt, für welchen Fußballverein mein Herz schlägt. Wahrheitsgemäß antworte ich dann: „Ich bin Bayern-Fan.“ In einer schwäbischen Gemeinde im Großraum Stuttgart erntet man nach dieser Aussage so manches Kopfschütteln. Für viele scheint vor allem mein pastorales Amt und dieser Verein nicht zusammenzupassen. „Du bist Pastor und Bayern-Fan!?“

So oder ähnlich klingt das meistens mit leichtem Entsetzen in der Stimme.

Je nach Gegenüber habe ich für solche Fälle zwei Antworten parat. Entweder berufe ich mich augenzwinkernd darauf, dass mir auch als Pastor ein gewisses Maß an Makel zustehen würde. Oder ich verweise darauf, dass ich von Berufswegen ausreichend in Berührung mit den Katastrophen und Unsicherheiten des Lebens komme. Das gleiche muss ich nicht auch noch als Fan mit meinem Lieblingsverein durchleiden. Und da ist der FC Bayern nun mal die sicherste Bank.

Die Sehnsucht nach einer sicheren Bank im Leben kennt wohl jeder Mensch. Wir suchen nach etwas, auf das wir uns verlassen können. Vor allem in den kleinen und großen Katastrophen und Unsicherheiten, vor denen niemand verschont bleibt. Dass Fußball-Vereine sich dazu nur mittelmäßig eignen, ist selbst mir als Bayern-Fan klar.

Für Jesus war seine sichere Bank die Beziehung zu seinem Vater im Himmel. In der Bibel lesen wir immer wieder davon, dass Jesus sich zurückgezogen hat, um sich Zeit zum Beten zu nehmen. Beten war für Jesus wie auf dieser sicheren Bank Platz zu nehmen.

Jesus betete in Zeiten, in denen er auf der Welle des Erfolgs schwamm. Genauso betete er auch in der tiefsten Tiefe. Selbst als Jesus am Kreuz hing, rief er noch: „Mein Gott, mein Gott.“ Jesus lässt den Gesprächsfaden zu seinem Vater im Himmel nie abreißen.

Für die Menschen um Jesus herum, war nicht zu übersehen, was das Gebet mit Jesus machte. Die Art wie Jesus betete, faszinierte seine Jünger. So sehr, dass sie unbedingt von ihm lernen wollten, so zu beten wie er. Im Gebet fand Jesus Ruhe, Fokus, Klarheit, Geborgenheit, Motivation, Kraft und Liebe. Das Gebet war seine sichere Bank.

In der vergangenen Saison war der FC Bayern nicht immer die gewohnt sichere Bank. Dafür setzte der VfB Stuttgart zu ungeahnten Höhenflügen an. Das Fußballgeschäft ist genau wie das Leben und die Menschen manchmal ziemlich unberechenbar.

So finde auch ich in unsicheren Zeiten meine sichere Bank im Gebet. Wenn meine Kinder mich zur Weißglut treiben, hilft mir das Gebet, einmal tief durchzuatmen. Oder ich bekomme den Mut, meine Kinder um Entschuldigung zu bitten, wenn meine Reaktion zu heftig ausgefallen ist. Auch wenn ich mal wieder völlig davon überzeugt bin, dass alle anderen schuld sind, nur ich sicher nicht – dann lenkt Gott meinen Blick im Gebet liebevoll und zielgenau auf meine eigenen Anteile. Wenn ich bete, fühle ich mich in einer Welt voller Fragen geborgen in etwas, das größer ist als ich.

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06JUN2024
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Als ich von der Arbeit nach Hause komme, werde ich schon sehnsüchtig erwartet. Unser 5-jähriger Sohn rennt mir erwartungsvoll in die Arme: „Papa, Papa, du musst mir helfen. Mein Fahrrad ist kaputt. Du musst das reparieren.“ Für meinen Sohn ist es keine Frage, dass der Papa sein Fahrrad reparieren kann. Zum einen hat Papa das schon oft gemacht. Zum anderen kann Papa sowieso alles. Davon ist unser Sohn überzeugt.

Draußen schaue ich mir das Fahrrad an. Leider muss ich diesmal feststellen, dass ich den Schaden nicht reparieren kann. Mein Sohn ist fassungslos. Papa bekommt das nicht hin?! Die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Mit dem Gott der Bibel, dem Vater im Himmel, wie Jesus ihn nennt, geht es mir manchmal ganz ähnlich. Ich erwarte, dass dieser Vater im Himmel das Leben von mir oder anderen reparieren kann.

Eine Person, die mir wichtig ist, kommt in eine schwierige Situation – gesundheitlich, auf der Arbeit, in der Familie, in der Partnerschaft. Ich bete. Weil ich das eigentlich immer schon so mache. Und weil ich gelernt habe, dass dieser Gott alles kann. Er ist doch ein allmächtiger Gott.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich allerdings in meinem Leben noch nicht besonders häufig erlebt, dass Gott tatsächlich etwas an den äußeren Umständen geändert hat. Irgendwie komisch. Ich bete für etwas. Gott könnte etwas tun, so glaube ich zumindest. Aber er tut es nicht. Was ist das für ein Vater, der helfen könnte, aber das aus irgendwelchen unverständlichen Gründen nicht will?

Vielleicht habe ich das mit Gottes Allmacht aber auch noch nicht richtig verstanden.

Was wäre, wenn Gottes Allmacht etwas anderes bedeuten würde?

Jesus, der Sohn Gottes, wandelt jedenfalls nicht mit Superkräften ausgestattet in einem einzigen triumphalen Siegeszug der Alleinherrschaft entgegen. Der Sohn Gottes leidet wie wir. Und er stirbt wie wir. Der Unterschied ist: Es ist nicht sein Ende. Der Sohn Gottes besiegt den Tod.

Auch wenn mir diese Vorstellung vom leidenden und sterbenden Gott nicht immer gefällt. Sie befreit mich von falschen Vorstellungen und dem Frust, der damit verbunden ist. Ich erlebe Gottes Allmacht in seiner Macht, immer da zu sein. Und uns in allem, wie schlimm es auch gerade ist, seine Liebe zu schenken. Gott hat uns nie versprochen, dass er alle Hindernisse aus dem Weg räumt. Oder uns alle Schicksalsschläge erspart bleiben.

Im Gegenteil: Er hat das Alles selber durchlebt. Was Gott versprochen hat: Ich bin da. Ich lasse dich nicht im Stich. Es ist nicht dein Ende!

Und das habe ich tatsächlich schon oft erlebt. Da waren Situationen in meinem Leben, die mich in die Knie gezwungen habe. Aber Gott war da. Er hat mir die Kraft gegeben, wieder aufzustehen und weiterzugehen. Herausforderungen kommen und gehen. Aber, so sagt es die Bibel: Nichts und niemand kann uns trennen von seiner Liebe.

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05JUN2024
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Schon ziemlich gestresst biege ich auf den Parkplatz des Supermarkts ein. Entsetzt betrachte ich das rege Treiben. Leider habe ich zuvor beim Einkaufen die Erdbeeren für den Kuchen vergessen. Ein Blick meiner Frau genügte und ich war schon wieder unterwegs. Verflixt, wir sind eingeladen. Jetzt muss es schnell gehen. Aber alle Parkplätze sind belegt. Und ich bin nicht der Einzige, der sich auf Parkplatzsuche befindet. Einige andere Autos kreisen schon wie Habichte um ihre Parkplatz-Beute.

Alle Sinne laufen auf Hochtouren. In der nächsten Reihe leuchten die Rücklichter eines roten Golfs auf. Das bemerke nicht nur ich, sondern auch der Fahrer eines grauen BMWs. Den anderen fest im Blick positionieren wir uns – beide gewillt, diesen Parkplatz für sich zu ergattern. Der rote Golf setzt zurück. Nun bin ich taktisch im Vorteil, denn der Golf parkt in Richtung meines Gegners aus. Ich gebe Gas und schieße in die freigewordene Parklücke. Meins. Mit einem Gefühl des Triumphs steige ich aus und marschiere betont lässig am BMW vorbei Richtung Supermarkt.

 „Hier ist kein Platz für uns beide.“ Auf dem Parkplatz, in der Mannschaft, im Freundeskreis, im Auswahlverfahren der Firma oder bei der Partnerwahl. In der Regel schalten wir in solchen Situationen in den Kampfmodus. Ich will nicht zu kurz kommen. Im Gegenteil: Ich will das Beste für mich rausholen.

Im Alten Testament kommen Abraham und sein Neffe Lot in eine ähnliche Situation. Auf dem Land, wo sie sich als Nomaden niedergelassen haben, ist kein Platz für sie beide. Zwischen ihren Viehhirten kommt es immer wieder zu Streit.

Abraham schlägt vor, sich zu trennen. Als Onkel hätte er nun das Recht zu bestimmen, wer von ihnen wohin geht. Und natürlich auch, sich das bessere Stück Land zu sichern. Doch Abraham lässt völlig entspannt seinen Neffen entscheiden. Ich schüttele innerlich den Kopf und frage mich: Was denkt Abraham sich? Warum gönnt er seinem Neffen die erste Wahl?

Ich denke, das hat mit einem Versprechen zu tun. Abraham trägt es in seinem Herzen. Gott hatte zu ihm gesagt: „Ich will dich segnen und deinen Namen groß machen, so dass du ein Segen sein wirst.“. Und Abraham hatte tatsächlich schon etwas davon erlebt. Dadurch ist der Druck weg, sich selber auf Kosten anderer groß zu machen.

Bis heute ist Gott ein Gott, der segnet. Ein Gott, der versorgt. Ein Gott, der Menschen groß macht. Und der dafür sorgt, dass Menschen ein Segen für andere werden.

Ein Herz, das diese Versprechen Gottes kennt, kann entspannt gönnen. Nicht, weil ich nicht für mich eintreten könnte oder dürfte. Sondern weil ich weiß: Für mich ist gesorgt und wird es immer sein.

Ehrlich gesagt würde es auf dem Supermarktparkplatz auch deutlich weniger Nerven kosten, demnächst statt einer Kampfansage ein Lächeln zum BMW-Fahrer zu schicken: „Bitteschön, nimm du den Parkplatz.“ Denn eigentlich ist der Parkplatz groß genug für uns beide.

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