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29MAI2024
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Ich bin stolz darauf, dass ich „donum vitae“ fast vom ersten Tag an unterstützt habe. Donum vitae heißt übersetzt „Geschenk des Lebens“ und ist ein Verein, den katholische Christinnen und Christen vor 25 Jahren gegründet haben. Heute gehören zu diesem Verein rund 200 professionelle Beratungsstellen. Sie kümmern sich um schwangere Frauen, die in einer schwierigen Lage sind: weil sie nicht genug Geld haben, um für ein Kind zu sorgen, weil der Vater des Kindes sie allein gelassen hat oder weil sie überlegen, das Kind nicht zu bekommen, die Schwangerschaft also abzubrechen.

Donum vitae gibt es, weil Papst Johannes Paul II. damals ein Verbot ausgesprochen hat: Die katholische Kirche darf keine Frauen mehr begleiten, die ihre Schwangerschaft womöglich beenden wollen. Die Kirche soll damit nichts mehr zu tun haben; weil der Schutz des ungeborenen Lebens über allem steht. So wurde das damals begründet.

Viele Katholikinnen und Katholiken hat das empört, mich auch. Gerade in so einer Situation, wenn Frauen in einem so großen Konflikt stecken – gerade da soll und muss Kirche doch da sein. Und deshalb haben engagierte Christinnen 1999 donum vitae gegründet.

Ich kann mich gut an die ersten Jahre erinnern, als ich mich da engagiert habe: Wir durften offiziell keine Veranstaltungen in einem Raum der Kirche durchführen, wer bei der Kirche beschäftigt war, der wurde aufgefordert, keine Funktion bei donum vitae zu übernehmen; ein Stand auf dem Katholikentag, wie jetzt in Erfurt, das war undenkbar. Ich fand das unglaublich, weil wir doch genau das getan haben, was man von Christen erwarten darf: Menschen in Not zu begleiten. Da sein, zuhören, zusammen nach Perspektiven suchen und ganz konkrete Hilfe vermitteln. Für mich war und ist donum vitae genau deswegen immer echt katholisch!

Ich stehe bis heute hinter dem Verein, weil mir die Haltung richtig erscheint: Bei einer Beratung braucht beides Platz: Das Recht der Frau, selbst zu bestimmen und das Recht des ungeborenen Kindes zu leben. Dieser Konflikt ist und bleibt schwer aufzulösen. Klar ist aber: Nur wenn man eine Frau in so einer Situation ernst nimmt und sie begleitet, gibt es überhaupt eine Chance für das Kind.

Mittlerweile hat die katholische Kirche in Deutschland donum vitae anerkannt und würdigt die Arbeit; immerhin, das war ein wichtiges Zeichen. Jetzt fehlt noch ein Schritt: Bis zum 30-jährigen Bestehen wünsche ich mir, dass diese Beratungsstellen endlich auch finanziell von der Kirche unterstützt werden. Denn mehr katholisch geht gar nicht!

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28MAI2024
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Großer Jubel, Applaus und Umarmungen, Freudentränen bei den Medizinstudentinnen und -studenten in New York. Vorne, am Mikrofon im Hörsaal, steht die ehemalige Professorin der Hochschule, 93 Jahre alt, und verkündet: Ab diesem Sommer ist das Medizinstudium am Albert Einstein College gebührenfrei. Für immer. Ruth Gottesman heißt die Dame, die ihrer alten Universität eine Milliarde Dollar gespendet hat. Den Jubel der jungen Leute kann ich verstehen, denn: in den USA kostet ein Medizinstudium rund 60.000 Dollar im Jahr.

Das ist ein tolles Signal. Die Uni wird künftig junge Leute aus jenen sozialen Schichten anziehen, die Talent und Leidenschaft mitbringen, aber eben wenig finanzielle Mittel. Der Rektor der Uni glaubt, dass sich dadurch sogar die Geschichte des Gesundheitswesens verändern wird.

Ortswechsel, ich schaue nach Rom zu Papst Franziskus. Er hat vor gut zwei Jahren eine „Stiftung für das katholische Gesundheitswesen“ gegründet. Der Vatikan unterstützt damit weltweit medizinische Einrichtungen von Orden und katholische Krankenhäuser. Weil er verhindern will, dass die von Trägern übernommen werden, denen „nichts liegt am katholischen Geist“. Und damit meint er jene Konzerne und Investoren, die Kliniken ausschließlich deshalb kaufen, um damit Gewinn zu erwirtschaften.

Dass so viele Kliniken auch hier in Deutschland rote Zahlen schreiben, liegt nicht daran, dass sie schlecht wirtschaften. Sondern daran, wie das Gesundheitswesen organisiert ist. Ein wichtiger Punkt dabei: Solange es Kliniken erlaubt ist, Gewinne zu machen, sind Investoren und Konzerne sehr daran interessiert, auf diesem Gesundheitsmarkt mitzumischen. Die Zahlen belegen das: Mehr als jede dritte Klinik in Deutschland gehört einem Investor. Und das hat Konsequenzen: Gesundheit wird zur Ware. Dabei ist sie ein Menschenrecht! Es geht darum, sich Zeit zu nehmen und sich zu kümmern, um Menschen, die krank und verletzt sind, an Körper und Seele. Das passt nicht zusammen mit dem Ziel, so viel wie möglich Gewinn mit ihnen zu machen. Dieses Thema spielt bei der aktuellen Gesundheitsreform der Politik leider überhaupt keine Rolle.

Ruth Gottesman hat die Milliarde übrigens von ihrem Mann geerbt. Der war Investment-Banker an der Wallstreet. Sie hat jetzt entschieden, das Geld so einzusetzen, dass es dem Gemeinwohl zugutekommt – der Bildung und der Gesundheit.

Deswegen ist ihre Initiative, ebenso wie die von Papst Franziskus, so wertvoll. Beide zeigen: Es geht anders – wenn man will. Mit einer Haltung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, nicht das Geld. Und so eine Haltung kommt am Ende uns allen zugute!

https://www.stern.de/gesellschaft/new-york--ehemalige-professorin-schafft-mit-einer-spende-die-studiengebuehren-einer-uni-ab-34495878.html

https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2021-10/papst-franziskus-handschreiben-stiftung-gesundheit-krankenhaus.html

https://www.domradio.de/artikel/der-papst-und-die-kranken-franziskus-will-keine-profitorientierung-im-gesundheitswesen

https://www.gemeingut.org/

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27MAI2024
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An vielen Schulen gibt es diesen Sommer keine Bundesjugendspiele. Zumindest nicht mehr so, wie ich sie noch kenne: Wir Schülerinnen sind um die Wette gelaufen und weitgesprungen. Je besser unsere Leistung war, desto mehr Punkte gab es; am Ende haben die guten Athleten eine Siegerurkunde bekommen, die ganz guten eine Ehrenurkunde und die sportlich schlechten Schüler – nichts. Als Alternative findet an etlichen Schulen jetzt eine Art gemeinschaftliches Sport-Event statt. Dass es dabei noch mehr gibt als siegen und verlieren, das erzählt eine Situation, die an der Schule meiner Kinder passiert ist:

Es ist die letzte Disziplin des Tages, ein 800 Meter-Lauf. Alle sind schon im Ziel, bis auf einen Schüler. Kein Wunder, der junge Kerl ist nicht für den Sport gemacht und er hat einfach ein paar Kilo zu viel auf den Rippen. Das weiß er – und ist trotzdem angetreten. Er kommt völlig außer Puste auf die Zielgerade. Und dann passiert folgendes: Seine Mitschülerinnen und Mitschüler haben sich entlang der Zielgeraden aufgestellt; sie klatschen und feuern ihn an. Und meinen das total ehrlich.

Ich war überrascht, als ich diese Geschichte gehört habe. Normalerweise werden unsportliche Schüler eher von den anderen belächelt – aber nicht angefeuert, denn der eigene Sieg ist wichtiger.

Hier anscheinend nicht. Das klingt, ganz im Sinne von Jesus, nach einer Umkehrung der Verhältnisse – zumindest nach einem Anfang dieses Jesus-Prinzips: „Die Letzten werden die Ersten sein“. Das hat er damals zu seinen Jüngern gesagt und meinte damit: Es ist nicht wichtig, viel zu besitzen oder bei irgendetwas der Beste zu sein. Für ihn galt: Wer der Erste sein will, der soll den anderen dienen, der soll sich um sie kümmern und für sie sorgen. Damit andere groß werden können, muss man sich selbst klein machen. Die Schüler haben nicht den Sieg oder die Besten gefeiert, sie haben sich zurückgenommen und dadurch dem Langsamsten, dem Letzten ihre Aufmerksamkeit geschenkt.

Ich bin mir sicher, an irgendeiner Stelle im Leben ist jede und jeder von uns einmal Letzte oder Letzter. Ich war es in Mathe und bin es, wenn es drum geht, Ordnung zu halten, das bekomme ich einfach nicht gut hin. Und dann unterstützt zu werden, nicht ausgelacht zu werden, dass tut so gut. Und motiviert mich, es immer wieder zu probieren. Ich glaube, es ist keine Lösung, wenn wir Dinge vermeiden oder gar abschaffen, nur weil wir womöglich Letzte oder Letzter sein könnten.

Die Alternative ist: Das Jesus-Prinzip immer wieder einzuüben. Und das kann man ganz wunderbar auch im Schulsport tun.

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25MAI2024
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Manchmal fühlt sich das Leben toll an, finde ich. Unbeschwert die Sonne genießen, Freunde treffen, zusammen lachen, … Aber es gibt auch Tage, da greifen andere Gefühle nach mir: Trauer. Schmerz. Angst. Solche negativen Gefühle können das Leben sehr schwer machen. Sollte man sie also möglichst rasch wieder loswerden? *

Natürlich kann man versuchen, die negativen Gefühle zu verdrängen. An was anderes, Schönes zu denken. Den schwierigen Themen auszuweichen. Von Zeit zu Zeit ist das sicher auch vernünftig, um sich nicht komplett runterziehen zu lassen. Aber ich erlebe immer wieder, dass das nicht auf Dauer hilft. Trauer, Schmerz, Angst kommen wieder hoch, wenn ich sie einfach nur wegschiebe. Manchmal ganz unvermittelt oder noch stärker als vorher.

Schon zu biblischen Zeiten hat man diese Erfahrung vermutlich gekannt. Jesus hat mal von einem bösen Geist gesprochen, der einen Menschen für kurze Zeit verlässt, dann aber bald noch stärker zurückkommt. „Am Ende geht es diesem Menschen noch schlechter als am Anfang“ [Lukas 11,26b; BasisBibel], sagt Jesus dazu.

Wenn ich diesen „bösen Geist“ mit dem „bösen Geist“ negativer Gefühle vergleiche, dann heißt das für mich: Es geht nicht darum, negative Gefühle komplett loszuwerden. Aber ich kann lernen, mit ihnen zu leben und sie dabei ein Stückweit innerlich loszulassen. So dass sie mich nicht dauerhaft beherrschen. Ich habe dann immer noch zum Beispiel Angst. Aber die Angst hat nicht mehr mich. Sie gehört zu meinem Leben, aber sie bestimmt es nicht.

Negative Gefühle dürfen also sein. Es ist nicht falsch, dass sie zu meinem Leben gehören. Und schon gar nicht bin ich falsch, wenn ich traurig bin oder Schmerz empfinde oder Angst habe. Das zu wissen, finde ich wichtig. Es hilft mir, negative Gefühle zu benennen, sie auszudrücken. In der Bibel passiert das ganz oft. Zum Beispiel in den Psalmen. Da beschreiben Menschen anschaulich ihre Trauer, ihren Schmerz, ihre Angst. Und sagen das alles sogar Gott im Gebet.

Und: Wenn ich negative Gefühle als Teil meines Lebens akzeptiere, – dann können sie mir mit der Zeit vielleicht auch Wichtiges verraten. Über mich selbst, mein Innerstes, meine Lebensziele. Und dann haben Trauer, Schmerz oder Angst sogar noch etwas Gutes.

*? [Vgl. im Folgenden „barfuß + wild“, „Die Kunst des Loslassens: Wie Vergebung (wirklich) funktioniert, https://seelenfutter.barfuss-und-wild.de/kleineweisheit/1850]

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24MAI2024
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Wohngeld. Kinderzuschlag. Leistungen für Bildung und Teilhabe. So heißen Gelder für armutsbetroffene Menschen und Familien. Man kann sie beantragen, wenn das eigene Einkommen unter bestimmten Grenzen bleibt.

Für mich war das lange Zeit nur Theorie. Ab und zu habe ich die Begriffe in den Nachrichten oder so gehört, aber direkt zu tun hatte ich damit nichts. Meine Frau und ich haben immer ausreichend verdient; das Geld hat problemlos gereicht.

Aber dann gab es vor anderthalb Jahren einen beruflichen Einschnitt bei mir, eine Zeitlang habe ich deutlich weniger verdient. Und mit einem Mal hatten wir Anspruch auf diese Hilfen. Zwei Monate lang haben wir Wohngeld bekommen, etwas länger noch Kinderzuschlag und Leistungen für Bildung und Teilhabe. Dafür bin ich sehr dankbar. Und ich habe gemerkt: Es gibt hilfreiche finanzielle Unterstützung in unserem Staat. Menschen in vielen anderen Ländern weltweit können davon nur träumen.

Was mir aber zu denken gegeben hat: Bis wir diese Zuschüsse wirklich bekommen haben, war es ein beschwerlicher Weg. Zuerst mussten wir ja überhaupt von der Möglichkeit erfahren. Das war reiner Zufall – plötzlich tauchte da eine Zeitungsmeldung auf. Dann war herauszufinden, welcher Topf von welcher Stelle genau verwaltet wird. Überall gab es andere Anleitungen – und andere Antragsformulare. Manche konnten wir online einreichen, manche nur klassisch in Papierform. Und dann waren da noch viele Wochen Wartezeit bis zu den Bewilligungsbescheiden.

Wer sich mit Zahlen, Texten oder auch der deutschen Sprache schwertut, wer nicht so gut vernetzt ist und um Rat fragen kann, für den liegt die Hürde noch höher. Für viele zu hoch, befürchte ich. Deshalb finde ich es gut, wenn bürokratische Hürden nach und nach abgebaut werden sollen. Und dass es die Idee gibt, verschiedene Geldleistungen zusammenzuführen, wenn sie sowieso denselben Personengruppen zu Gute kommen.

Inzwischen ist mein Einkommen wieder höher, wir können unseren Lebensunterhalt wie früher komplett selbst bestreiten. Eine Zeitlang Unterstützung gebraucht und bekommen zu haben, das war eine wichtige Erfahrung für mich. Ich fühle mich verbunden mit allen, die diese Hilfe ebenfalls bekommen oder brauchen. Und ich bezahle gerne Steuern dafür.

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23MAI2024
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Unsere jüngste Tochter hat sich zu einer leidenschaftlichen Sammlerin entwickelt. Egal, wo wir gerade unterwegs sind, – irgendwas findet sie immer: Einen Holzstab vom letzten Silvesterfeuerwerk, die Metallöse eines Kleiderhakens, Dachziegel-Bruchstücke – nichts entgeht ihrem aufmerksamen Blick. Manchmal fragt sie uns noch: „Kann ich das mitnehmen?“ Aber meistens wandern die Sachen gleich in ihre Jackentasche und zu uns nach Hause.

Für uns Eltern sind diese Fundstücke in der Regel nur Müll. Dinge, die man nicht mehr braucht, die andere weggeworfen haben. Manchmal sagen wir das auch genervt: „Was willst du denn damit wieder?“ Aber dann hören wir, was unsere Tochter schon damit plant, – und bekommen mit, was sie dann tatsächlich daraus macht: Persönliche Taschen, Spielfiguren, neulich sogar eine ganze Wichtelstadt. Ihr ganzes Zimmer ist voll von solchen Basteleien, regelmäßig auch Wohnzimmer und Esstisch. Und ich denke mir: Etwas einfach nur als Müll zu bezeichnen, ist halt erst mal meine Erwachsenen-Sicht. Und vielleicht bin ich manchmal zu schnell mit dieser Bewertung. Das vermeintlich Wertlose kann doch Bedeutung haben.

„Was für die Welt keine Bedeutung hat und von ihr verachtet wird, das hat Gott ausgewählt“, heißt es mal in der Bibel [1. Korinther 1,28a; BasisBibel]. Da geht es darum, dass Christen an Jesus glauben, der gekreuzigt wurde – also aus der Gesellschaft aussortiert und hingerichtet. Ausgerechnet in diesem einen allerschwächsten Menschen soll sich Gott zeigen. Und das stellt natürlich alles komplett auf den Kopf. Die gesamte Sicht auf die Welt ist dann plötzlich eine andere. Denn dann kann ja alles von Bedeutung sein, was nach normalen menschlichen Maßstäben eigentlich nichts wert ist. Ja, noch mehr: Gerade das kleine, mickrige ist unter Umständen ganz viel wert.

Indem unsere Tochter Dingen einen Platz gibt, die wir schon aussortiert haben, führt sie uns also eine tiefere Wahrheit vor Augen, ändert unseren Blick auf die Dinge. Klar – manchmal setzen wir der Sammelleidenschaft unserer selbstbewussten Sechsjährigen auch Grenzen. Das neulich im Badezimmer ausgetauschte alte Waschbecken durfte sie nicht behalten. Aber trotzdem: Meine erwachsen-eingefahrene Weltsicht, die will ich mir auch in Zukunft von ihr hinterfragen lassen. Und offen sein dafür, was alles von Wert sein kann.

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22MAI2024
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Bei uns im Wohngebiet, nur zwei Ecken weiter, gibt es einen kleinen Teich. Meistens ist es dort still und beschaulich. Aber einmal im Jahr, so Anfang April, übernehmen die Frösche das Sagen. Da beginnt nämlich ihre Paarungszeit. Und die Männchen haben auch diesmal alles getan, um sich gegenseitig zu übertrumpfen. Anzeigerufe nennt man ihr Quaken dann. Und wenn sie damit loslegen, hört man nichts anderes mehr. Autolärm ist nichts dagegen. Auch tobende Kinder nicht, oder die gelegentlichen Teenager-Treffen am Seeufer. Das vielstimmige Froschkonzert übertönt einfach alles. Vor allem abends und nachts.

Wie die Anwohner direkt am See das so finden, weiß ich nicht genau. Hoffentlich haben sie beim Einzug gewusst, worauf sie sich da im Frühjahr einlassen … Ich persönlich finde das Quaken der Frösche schön. Und ich finde es auch gut, dabei zu spüren: Wir Menschen haben nicht allein das Sagen auf unserer Welt.

Im Wohngebiet wirkt das ja sonst schnell mal so. Das haben Menschen komplett nach ihren Bedürfnissen und ihrem Geschmack angelegt und gestaltet. Früher mal gab es hier Wiesen, Bäume, auch Gewässer – jetzt vor allem Häuser, Straßen, Parkplätze. Auch der Teich ist künstlich angelegt, – aber er ist immerhin ein Stück Natur. Ein Rückzugsort – nicht nur für die Menschen, sondern auch für Pflanzen und Tiere.

… und hier übernehmen noch regelmäßig die Frösche das Sagen. Die hat es ja schon viele Millionen Jahre vor uns Menschen gegeben. Und auch nach den Texten der Bibel werden zunächst die Tiere erschaffen. Die bekommen in der Erzählung von der Schöpfung zuerst einen Platz auf Gottes Welt. Erst später, gegen Ende, kommt der Mensch noch dazu. Und er hat dann auch Verantwortung für den Lebensraum der Tiere. [Vgl. 1. Mose 1,28b] Dieser Auftrag ist oft missverstanden worden im Lauf der Jahrhunderte. Menschen haben sich über die Natur gestellt, sie für ihre Zwecke ausgebeutet. Und sich als Herren der Schöpfung aufgespielt. Ich fürchte: Das geht nach hinten los, diese falsche Rangfolge fällt uns auf die Füße über kurz oder lang. Gut also, wenn sie ab und zu spürbar durchbrochen wird.

Daran denke ich, wenn ich am Teichufer stehe und über das Wasser schaue. Auch wenn die Paarungszeit der Frösche zu Ende geht und es wieder schweigt im Teich.

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21MAI2024
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Neulich habe ich die Arbeitsstelle gewechselt. Und ich habe erlebt, wie wichtig es ist, sich richtig zu verabschieden und das Alte loszulassen.

Auf meiner bisherigen Stelle ist es mir sehr gut gegangen, ich war gerne dort. Aber von Anfang an war klar: Das ist nur eine kleine Teilzeitbeschäftigung für den Übergang. Ich bin für eine begrenzte Zeit dort – anderthalb Jahre dann schließlich.

Deshalb wollte ich eigentlich nicht groß Abschied feiern. Ich bin ja sozusagen nur zu Gast gewesen und wollte kein großes Aufheben machen. Das habe ich nicht für nötig gehalten. Mit meinem kleinen Team in einem Büro nochmal kurz zusammenstehen, das hätte mir gereicht.

Aber dann sind meine Kolleginnen und Kollegen auf mich zugekommen. „Mach‘ es doch ruhig ein bisschen offizieller. Wir organisieren dir was. Und wir machen deinen Abschied auch offiziell bekannt.“

Ich habe das Angebot angenommen. Und obwohl die Runde, die dann schließlich zusammengekommen ist, gar nicht so viel größer war als ursprünglich von mir gedacht, hatte mein Abschied dadurch mehr Bedeutung. Ich habe gemerkt, wie wichtig ich den anderen war und bin. Was in diesen anderthalb Jahren passiert ist, um mich herum und auch innerlich. Und ich konnte meine Aufgabe anschließend gut loslassen, um jetzt an einem anderen Ort neu zu beginnen. Vielleicht ist auch das in der Bibel gemeint, wenn es da heißt: „Alles hat seine Zeit.“ [Prediger 3,1] Alles im Leben hat seine Zeit – und verdient einen ordentlichen Abschied!

Meiner Frau ist es neulich ganz ähnlich gegangen mit einem Abschied. Sie hat viele Jahre lang eine ehrenamtliche Aufgabe in einer Kirchengemeinde übernommen. Letztes Weihnachten hat sie aufgehört – und das ist im Trubel damals irgendwie untergegangen. Aber vor ein paar Wochen hat sie eine Einladung von den anderen Mitarbeitenden bekommen. Zu einem gemeinsamen Frühstück, um den Abschied nochmal richtig zu begehen. Auch sie hat das genossen. Und sie hat bei dieser Gelegenheit auch nochmal auf die lange Zeit in ihrem Ehrenamt zurückgeschaut.

Abschiede sind ja gar nicht so einfach. Da können viele verschiedene Gefühle zusammenkommen. Dankbarkeit und Freude genauso wie Wehmut und Trauer. Und ja längst nicht nur bei der Person, die geht. Deshalb finde ich es hilfreich, den Übergang nicht einfach nur irgendwie vorbeirauschen zu lassen. Sondern dem Abschied einen gebührenden Platz zu geben.

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„Die Bibel – was steckt drin?“ Zu diesem Thema habe ich neulich eine Fortbildung angeboten. Da ging es zum einen um den Inhalt der Bibel. Was steht in diesem alten Buch? Zum anderen haben wir aber auch über die Frage gesprochen: Was bedeutet die Bibel eigentlich für uns? Und wie gehen wir mit ihr um?

Meine eigene Sicht auf die Bibel hat sich verändert im Laufe der Jahre. Es gab Zeiten, da habe ich in der Bibel vor allem klare Antworten gesucht. Ich habe ihre Texte als eine Art Gebrauchsanweisung verstanden, die mir sagt, wie ich mein Leben gut hinbekomme. Ein eher „technisches“ Verständnis also – das hat mir damals Orientierung gegeben, das war mir wichtig.

Aber mit der Zeit ist mir immer deutlicher geworden, dass es in den biblischen Texten auch Spannungen und Widersprüche gibt. Zum Beispiel in der Frage, wie wichtig es ist, gut zu handeln. „Gott liebt dich einfach so, bedingungslos“, schreibt einer [vgl. Römer 3,28]. „Ohne gute Taten ist der Glaube tot“, hält ein anderer dagegen [vgl. Jakobus 2,17]. Es gibt auch Stellen in der Bibel, die kann man kritisieren oder für falsch halten. Dass man etwa bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit auf Gott hinweisen soll [vgl. 2. Timotheus 4,2], das finde ich längst nicht immer angemessen und sinnvoll.

Das alles wird zum echten Problem, wenn ich die Bibel als reine Gebrauchsanweisung verstehe. Einzelne schwierige Teile stellen dann gleich das gesamte Buch in Frage. Weil die Rechnung sozusagen nicht mehr aufgeht.

Heute glaube ich: Die Bibel erzählt in erster Linie Geschichten. Geschichten mitten aus dem Leben. Und da hat alles Platz, was Menschen umtreibt. Alle Gefühle. Alle Gedanken. Und genauso alle Erfahrungen mit Gott.

Deshalb ist es eigentlich ganz logisch, dass diese Lebensgeschichten auch Spannungen enthalten. Längst nicht alles passt da genau zusammen. Das ist ja auch in meinem eigenen Leben so. Ich sehe eine Sache gerade so – und in einiger Zeit wieder ganz anders. Auch mein Glaube verändert sich. Ich entwickle mich weiter mit der Zeit. Und trotzdem gehört das alles zu mir, zu ein und derselben Person.

Gerade weil die biblischen Geschichten so spannungsreich sind wie mein eigenes Leben, habe ich Platz darin. Ich kann sozusagen mit eintauchen in die Texte der Bibel. Und so wie die Menschen damals kann ich dabei auch Gott begegnen, Erfahrungen machen mit seiner Kraft. Dann bin ich ein Teil seiner großen Geschichte mit der Welt, stecke selbst dort drin. Das macht die Bibel für mich zu einem besonderen Buch. Und gerade so gibt sie mir auch Orientierung.

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18MAI2024
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Eisenbahn, Auto, E-Bike… Ideen und Erfindungen prägen die Welt. Das war schon immer so. Sie haben uns weiter gebracht, kulturell und wissenschaftlich, in Technik und Wirtschaft.

Und auch heute sind es die Ideen, die die Welt am Laufen halten. Aber welche Ideen? Tragen sie noch, die alten bewährten Ideen? Passen sie noch in unsere Welt? In eine Welt, die sich so sehr verändert hat, wie wir‘s uns nicht mal in Sience Fiction-Filmen hätten ausdenken können.  

Der amerikanische Musiker John Cage hat gesagt: „Ich verstehe nicht, warum sich die Menschen vor neuen Ideen fürchten. Ich fürchte mich vor den alten.“ Es klingt wie ein Bonmot, und zugleich trifft es unsere Situation ziemlich genau. Ich jedenfalls erkenne mich darin, besser als mir lieb ist. Ich sehe, dass alte Grundsätze, Muster, Ziele unsere Welt an die Wand fahren – und zugleich habe ich Angst davor, alles tatkräftig zu verändern. Angst, dass alles so bleibt, wie es ist – und Angst, dass nichts so bleibt, wie es ist. Ich sehe mit Schrecken, dass unser Wirtschaftssystem die Welt vollends ausbeutet – und zugleich fürchte ich auch, dass Veränderungen unseren Lebensstandard senken würden. Ich bin gegen Kriege, und doch traue ich den Alternativen zu militärischer Gewalt nicht wirklich. Ich weiß, dass Flugreisen dem Klima schaden, und habe mir doch eine Ausnahme von meinem Grundsatz, nicht zu fliegen, gegönnt… 

Wir stehen an der Schwelle zu Pfingsten. Für Christen das Fest des Geistes, des heiligen Geistes. Der schöpferischen Kraft Gottes, die immer wieder neue Horizonte eröffnet und uns neue Ideen ins Herz legt. Neuen Mut, lähmende Bedenken zu überwinden. Neues Vertrauen, dass wir es schaffen können, die Welt zum Besseren zu verändern. Die ganze Schöpfung soll aufatmen, so verheißt die Bibel, wenn Gottes Geist Raum bekommt. In unserem Denken und Fühlen und dann auch in unserem Handeln.  

Noch ist nicht Pfingsten. Und so fühle ich mich auch. Noch bin ich zögerlich, das, was ich als gut und notwendig erkenne, auch beherzt zu tun. Deshalb bete ich, was ich auch unterm Jahr oft als Stoßseufzer nach oben schicke: Komm, heiliger Geist! Und nimm mir die Angst vor Veränderungen und vor neuen Ideen. Und von den alten Ideen hilf uns  bewahren, was gut an ihnen ist. 

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