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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Hätte ich die Kraft nichts zu tun, täte ich nichts!“ Was für ein Spruch! Wie geschaffen für die Adventszeit. Weil es im Advent auch um Ruhe und Ausruhen geht. Ja tatsächlich Ausruhen! Denn ohne innere Ruhe werden Feste anstrengend oder nur halb so schön.
„Hätte ich die Kraft nichts zu tun, täte ich nichts.“ An einer Bürotür hab ich diesen Spruch entdeckt. Und Da passt er besonders gut, find ich. Denn er sagt mit einem gewissen Augenzwinkern: hier in diesem Büro steckt nicht mein einziger Lebenssinn.
Darum also mal wörtlich genommen, dieser wunderbar klingende Widerspruch im Spruch: dass ich Kraft brauche um nichts zu tun! Ja? Ist Nichtstun denn nicht leicht? Alle Viere von sich strecken, die Flügel hängen lassen. Nichts leichter als das! Scheinbar, denn schau ich auf meine Wochenenden oder die Urlaubstage, dann seh ich mich am Anfang meistens herumrennen wie ein aufgedrehtes Huhn, von einer Übersprungshandlung zur anderen. Weil ich aus den gewohnten Bahnen geworfen bin und die Betriebstemperatur einfach nicht so schnell runter fahren kann. Also auch wieder kein Nichtstun! Und es kommt noch ein Problem dazu. Viele Menschen können nicht Nichtstun, weil sie sich dann unnütz oder überflüssig vorkommen. Und manche halten das Nichtstun, die Ruhe einfach nicht aus. Weil sie nicht mit sich allein sein wollen oder können. Und so kommen wir tatsächlich an den Punkt wo Nichtstun wirklich Kraft kostet: Wenn alles eigentlich erledigt ist. Die Einkäufe, das Putzen, die Vorbereitungen fürs Fest. Mich dann gegen die manchmal übermächtigen Erwartungen von Außen oder gegen die Ansprüche an mich selbst hinwegsetzen und nichts tun, einfach nur sein. Das kostet dann schon Überwindung, ja sogar Kraft. Innere Kraft loszulassen, mich auch geistig vom Alltag, mit seinen Pflichten, Besorgungen und Sorgen zu befreien. Mein Glaube kann mir dabei helfen. Weil er mir sagt: Du bist nicht was Du tust oder was Du leistest. Du bist wertvoll, ganz einfach weil Du bist. Und wie Du bist. Und das gibt mir dann immer wieder mal wieder die Kraft genüsslich und mit gutem Gewissen mal nichts zu tun. GAR NICHTS!

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Jetzt sag bloß keiner, da kannst du eh nichts machen! Zum Beispiel gegen den Hunger in der Welt. Ein Kind hat es letztlich mal wieder gezeigt, wie es geht: Joshua. Joshuas Opa ist ein Freund von mir. Er ist Theologieprofessor in Tübingen und arbeitet regelmäßig in Armenvierteln in Peru. Als er mal wieder vor der Abreise stand, hat er sich von seinem vierjährigen Enkel verabschiedet und gesagt: „Joshua, ich geh jetzt für eine Weile weg, zu Kindern, die sind ganz arm. Die haben oft nur ganz wenig zu essen und manchmal gar nichts.“
Als Joshua das gehört hatte, drehte er sich um, ging in sein Zimmer, holte seine Sparbüchse und sagte zu seinem Opa: “Nimm das und kauf’ den Kindern Äpfel, denn Äpfel sind gesund!“ Und das hat Joshuas Opa dann auch gemacht. Im peruanischen Cusco hat er von den rund 20 Euro seines Enkels einen großen Sack Äpfel gekauft. Damit ist er in ein Dorf gefahren, das 4500 m hoch liegt. In dieser Höhe wachsen keine Bäume mehr, geschweige denn Äpfel. Es wurde eine Dorfversammlung einberufen, damit Joshuas Äpfel auch gerecht verteilt wurden. 50-60 Kinder saßen im Kreis und jedes bekam einen Apfel. Und es war ein Erlebnis wie die Kinder mit ihrem ersten und vielleicht einzigen Apfel umgegangen sind. Manche haben nicht gewusst wie ihn essen. Manche haben ihn nur staunend in den Händen gehalten und manche haben gierig in ihn reingebissen.
Joshuas Opa war tief berührt zu sehen wie die Äpfel seines Enkels nun an ihren Bestimmungsort gekommen waren. Und natürlich weiß er, dass der Hunger nicht mit geschenkten Äpfeln aus der Welt geschafft wird. Sondern nur wenn man die Menschen auch lehrt Apfelbäume zu pflanzen oder das, was in 4500 Metern eben noch gedeiht. Aber das, lieber Joshua wirst Du sicher auch noch lernen. Und wir noch hoffentlich viel von Dir!
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„Man braucht zwei Jahre um sprechen zu lernen und fünfzig um schweigen zu lernen.“ Ein weiser Spruch des Schriftstellers Ernest Hemingway. Und er passt auch ganz gut in den Advent. Weil zum Advent auch die Stille, das Schweigen gehört. Aber überall wird geredet, geplappert, gequatscht. In der Schule, im Job, auf der Straße, in der Kneipe, im Fernsehen und im Radio. Es ist ja auch urmenschlich zu reden und bei mir ist es der größte Teil meines Jobs. Nicht nur hier im Radio. Und weil ich so viel sprechen muss, ist mir mit den Jahren das Schweigen immer wichtiger geworden. Als Gegengewicht zum Reden. Erholung heißt für mich den Mund halten, schweigen. Das war nicht immer so. Ich habe mal eine dreiwöchige Reise allein gemacht. Da kam es schon vor, dass ich mehrere Tage kein Wort gesprochen habe und da war das erste Gespräch wie ein warmes Bad.
Die Balance macht es also, das Gleichgewicht zwischen Reden und Schweigen. Wie Einatmen und Ausatmen. Das Reden als Ausatmen, das Schweigen als Einatmen. Schweigen kann schön und erholsam sein, aber auch schrecklich und quälend. Wenn jemand durch Schweigen oder Nichtbeachten gemobbt oder bestraft werden soll, das ist Psychoterror, den niemand verdient. Man kann auch schweigen aus Angst oder Verlegenheit, wenn einem was Peinliches passiert ist. Oder wenn einem die Worte fehlen aus Trauer oder Schockiertheit. Eine der schönsten Arten zu schweigen ist das gemeinsame Schweigen. Wenn sich zwei Menschen so vertraut sind, dass sie nicht immer reden müssen um sich zu verstehen. Wenn sie eine Verbundenheit haben, die auch ohne Worte spürbar ist, durch Blicke, Gesten oder Berührungen. Und natürlich, das kann und soll in einer kirchlichen Sendung nicht fehlen: Schweigen ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für religiöse Empfindungen. Um Ruhe in meine Seele zu bekommen. Um die schönen und schrecklichen Dinge meines Lebens absinken zu lassen und sie so vor Gott zu legen, wie sie sind. Wie ich bin. Ohne Worte. Schweigend. Voll Trauer, Dankbarkeit oder Glück.
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Ihre Augen waren jung und alt zugleich. Und ich war kurz angebunden bis an die Grenze zur Unfreundlichkeit. Sie hatte bei uns geklingelt an einem Sonntagmorgen gegen halb zwölf. Wir hatten Gäste zum Brunch und ich war in ein Gespräch verwickelt. Es klingelte und da stand diese Frau mit den jungen, alten Augen. Eine südländisch aussehende Bettlerin.
Und ich ärgerte mich. Ärgerte mich aus dem Gespräch gerissen zu werden, ärgerte mich, dass mich Bettler jetzt auch schon Sonntagmorgen in meinem Privatbereich stören.
Die Frau sprach nur gebrochen Deutsch, zeigte Fotos von Kindern und murmelte was von Rumänien, Überschwemmungen und Hunger. Ich dachte an die Banden von Profibettlern, die Frauen und Kinder vor Kirchen und in Privathäuser schicken. Darum war ich kurz angebunden, brummelte was von „habe Besuch“ und ging wieder zu meinen Gästen. Aber ich war nicht mehr recht bei der Sache. Die Augen der Frau und mein blödes Verhalten ließen mich nicht los. Ich ging aus dem Haus und schaute nochmal nach der Frau. Sie stand vor der Haustür unserer Nachbarn und ich sagte zu ihr, „bitte kommen sie noch mal.“ Schon lang hatte ich hatte eine Handvoll Kleingeld für besondere Zwecke aufbewahrt und als ich die Bettlerin vor der Haustür meiner Nachbarn stehen sah, war mir klar dass sie es bekommen sollte.
Die Frau stand vor unserer Haustür, zu der drei Stufen hinaufführen. Damit ich nicht über ihr stand, ging in die Hocke und gab ihr die Münzen von meiner Hand in ihre. Dabei nahm sie meine Hand und küsste sie. Ich zuckte zurück, weil es mir weh tat, dass sich jemand über so wenig so viel freuen konnte. Und ich zuckte zurück weil sich diese Dankbarkeit für mich zu unterwürfig anfühlte. Wahrscheinlich spürte die Frau das. Sie zeigte zum Himmel und segnete mich. Und das konnte ich annehmen. So dankbar wie sie.
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Thanassis wohnt in Koroni, einem zauberhaften Städtchen im Südwesten Griechenlands. Ich hab’ zuerst durch Erzählungen von Thanassis erfahren. Meine Frau und unsere beiden Töchter waren zu Besuch in Koroni und bei ihrem Gang durch das Städtchen trafen sie auf einen alten Mann, der aus dem Fenster seines Häuschens schaute. Er verwickelte sie in ein Gespräch und lud sie zu einem griechischen Kaffee in sein Haus. Na ja, da kann man schon auch ins Grübeln kommen, aber es war ein sympathischer alter Mann, ein gastfreundlicher Grieche und meine Frau und unsere Töchter waren ja zu dritt. Und es war dann auch nur ein ganz netter Kaffeeklatsch, bei dem sich Thanassis wohl gefreut hat wie Bolle, dass er die drei Frauen bei sich zu Gast hatte. Am Ende hatte er aber noch eine Bitte:
Die Mädchen sollten ihm doch eine Postkarte aus Deutschland schreiben. Klar, wurde ihm versprochen, aber zurück in Deutschland natürlich vergessen, wie es eben oft so ist nach dem Urlaub.
Und wie das Schicksal so spielt, waren meine Frau und ich zwei Jahre später mit Freunden in Koroni und landeten wieder vor Thanassis’ Haus. Und wer kommt zur Tür heraus, Thanassis! Er erkannte meine Frau, begrüßte sie herzlich aber beklagte sich auch ziemlich darüber, dass er noch keine Post von den Mädels aus Deutschland bekommen habe. Das war uns natürlich peinlich und als ich zurück in Deutschland war, habe ich dafür gesorgt, dass Thanassis seine Postkarte bekam.
Diesen Herbst war ich dann zum dritten Mal in Koroni und weil es einfach in einer wunderschönen Gegend liegt, kamen wir wieder am Haus von Thanassis vorbei. Diesmal war er nicht da, wer weiß, ob er überhaupt noch lebt. Aber seine Haustür war über und über mit Namen beschrieben. Vornamen, die liebevoll mit verschiedenen Farben ausgemalt waren.
Eine ganze Tür bunt beschrieben mit Vornamen aus aller Welt und oben links die meiner Töchter, Judith und Helen.
Und warum erzähle ich das alles? Weil es bei der Geschichte von Thanassis um Versprechen und das Halten von Versprechen geht. Weil es um Sehnsucht geht, die Sehnsucht nach Gesellschaft und die Sehnsucht danach erinnert, bedacht zu werden. Und auch weil mir die Haustür von Thanassis vorkommt wie ein großer weltlicher Adventskalender. Ein Kalender, bei dem jeder Name ein erfülltes Versprechen ist. Und bei dem jeder Name nicht nur eine Tür bunt gemacht hat, sondern das Leben eines vielleicht einsamen alten Mannes reich.
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