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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Die Medien sind schuld“, das hört man oft in unserer Gesellschaft. Und das ist richtig und falsch. Beim Schlimmsten zum Beispiel, das in letzter Zeit bei uns passiert ist, bei Amokläufen. Es ist falsch die Medien, genauer gesagt die Horrorfilme und die Killerspiele allein verantwortlich zu machen für die sogenannten Amokläufe an Schulen. Da muss noch viel mehr schief laufen. Richtig ist aber, dass die Täter, die in den letzten Jahren Tötungsorgien in Schulen veranstaltet haben, ausnahmslos pubertierende Jungs waren. Jungs ,die exzessiv Horrorfilme geschaut oder so genannte Killerspiele am Computer gespielt haben oder beides.
Die Mischung macht’s. Ein schwieriges Elternhaus, Demütigungen in der Schule, die Erreichbarkeit von Waffen und Probleme eines pubertierenden Jungen. Kommt das alles zusammen, dann können Medien die Auslöser sein. Auslöser, die aus einem scheuen, bleichgesichtigen Knaben einen kaltblütigen Killer machen.
Aber das geht nicht von heute auf Morgen. Dazu muss man sich monate- oder jahrelang das virtuelle Gift in die Seele träufeln. Dazu muss man sich nächtelang am Computer natürliche Hemmungen abtrainieren. Wenn es zum Beispiel bei Killerspielen Sonderpunkte für Kopfschüsse gibt.
Dazu braucht man Vorbilder, die das, was einem zuerst mal als ferner dunkler Gedanke erschien auch tatsächlich gemacht haben. Todessüchtige Pseudohelden, die gezeigt haben, dass das serielle Töten nicht nur virtuell geht und wie es geht. Sozial schwächliche Buben, berühmt und unsterblich gemacht durch die Veröffentlichung ihrer Tat im Internet.
Und dazu braucht es die jahrelange Gewöhnung daran, dass Gewalt, körperliche und seelische Gewalt normal ist. Vorgeführt in unzähligen Fernsehsendungen, Horrorfilmen und neuerdings auch auf Handys.
Was tun? Was also tun, wenn das Dunkle, Düstere, Zerstörerische scheinbar so normal und so stark ist? Dagegenhalten! Ruhig, konsequent und geduldig dagegen halten. Das kann und muss mit Gesetzen und durch Verbote geschehen. Das wird aber nicht reichen. Wir müssen achten und ächten. Wir müssen darauf achten, was sich unsere Kinder medial alles so reintun. Und bestimmte Dinge müssen wir einfach ächten:
Die kranke Zurschaustellung menschlicher Qualen in Filmen. Und das virtuelle Einüben ins Töten durch Computerspiele. Denn Quälen ist krank. Und Töten spielt man nicht!
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„Eine Waffe ist ein Feind, selbst für ihren Besitzer!“ So ein Sprichwort. Und jetzt sag diesen Spruch einem unbescholtenen Schützenmeister, dessen Leidenschaft das Schießen und die Waffe sein Sportgerät ist. Und du bist mitten im Getümmel zwischen Sportschützen und Waffengegnern in unserer Gesellschaft. 1,5 Millionen Sportschützen und Sportschützinnen gibt es in Deutschland, 350 000 Jäger, insgesamt rund 7 Millionen legale Schusswaffen in Privatbesitz. Bei diesen Zahlen wundert es einen, dass eigentlich so wenig passiert. Doch wenn etwas passiert, dann meistens etwas so schreckliches wie in Erfurt oder Winnenden. Und das ist dann auch die andere Seite der Medaille. Bei so vielen Menschen, die Zugang zu Waffen haben ist die Chance, dass da auch Gestörte darunter sind eben auch groß. Und bei fast allen so genannten Amokläufen in Schulen hatten die Täter Zugang zu Waffen und waren geübt im Umgang mit ihnen. Natürlich ist nicht jeder Sportschütze ein potentieller Amokläufer. Bis es zu den sogenannten Amokläufen an Schulen kommt, muss noch viel mehr und ganz anderes schief laufen. Und natürlich sind Schützenvereine die Heimat friedliebender und honoriger Menschen. Aber man muss auch sehen: die Erreichbarkeit von Waffen und der geübte Umgang mit ihnen sind ein zentrales Element der Amokläufe in Schulen.
Was also tun um diesem Element von Amokläufen vorzubeugen? Man kann die Waffengesetze mit jedem Amoklauf noch strenger machen und damit die Rahmenbedingungen erschweren wie es zur Zeit auch passiert. Aber die volle Sicherheit wird es nie geben. Denn wie im Spruch vom Anfang: eine Waffe ist eben nicht nur ein Sportgerät, sondern auch ein Feind des Menschen, weil mit ihr getötet werden kann. Wodurch sie ja auch einen Großteil ihrer Faszination erhält. Und solange der Mensch eben so ist, dass er diese Faszination braucht, muss man ihn eben auch vor sich selbst schützen, so gut es geht.
Zum Beispiel dadurch, dass keine Waffen mehr in Privathaushalten erlaubt sind. Denn für manche Menschen ist allein die Möglichkeit schon eine Gefahr. Sei es anderen Menschen Gewalt anzutun oder sich selbst.
Darum sollten Waffen nur an den Orten aufbewahrt und gesichert werden, an denen sie auch benutzt werden. Damit das Risiko dort bleibt wo es hingehört: bei denen, die schießen.
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„Ist das noch mein Kind?“ Das fragen sich manchmal besorgte Eltern, wenn ihr Kind in die Pubertät gekommen ist. Das fragen sich völlig geschockte Eltern, wenn ihr Kind zum Amokläufer geworden ist.
Warum denn jetzt das Thema Amoklauf wenn’s um die Pubertät geht?
Weil das durchschnittliche Alter von Amokläufern an Schulen 16 Jahre ist. Und weil die Täter in Deutschland bisher ausnahmslos männliche Heranwachsende im Alter von 16 bis 19 Jahren waren. Also mehr oder weniger Pubertierende. Natürlich wird nicht jeder junge Mann mit Pubertätsproblemen zum Amokläufer, da müssen noch viele andere Probleme hinzu kommen. Aber wenn man sich Gedanken über die Gründe und Hintergründe der immer häufigeren Amokläufe an Schulen macht, kommt man an den pubertierenden Jungs nicht vorbei.
Es ist ja auch ein furchtbar schwieriges Alter. Die Hormone spielen verrückt, der Körper und die Welt verändern sich, die Pickel sprießen, die Clique wird zum Bewährungsort. Erfolge oder Misserfolge bei den Mädels gehen bis ins Mark. Und die Gefühle fahren Achterbahn zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt.
Bei all dem fühlen sich die Jungs oft sehr allein und sie werden oft auch ziemlich allein gelassen. Es gab eine Zeit, da gab es Mädchenförderung, weil sie gegenüber Jungs scheinbar benachteiligt waren. Ich denke jetzt ist es an der Zeit, Jungenförderung einzuführen, und zwar für die Pubertierenden.
Weil der Druck auf sie immer größer wird und weil sie nicht die psychosozialen Techniken haben so gesund damit umzugehen wie die Mädchen. Weil die Kluft zwischen den medial vorgeführten Idealen und ihrer Realität immer größer wird. Weil die Rückzugsmöglichkeiten für scheue und schwächliche Jungs in virtuelle Welten zu groß und zu einflussreich geworden sind. Weil die Aggressivität der pubertierenden Jungs immer explosiver wird. Und weil den pubertierenden Jungs zu oft die Väter fehlen. Als Vorbilder und Gegenbilder an denen sie sich reiben und ihre Identität bilden können. Denn nicht in virtuellen Welten entwickeln sich selbstbewusste und belastbare Männer, sondern in Auseinandersetzungen mit reellen Menschen. Menschen die Zeit haben für sie und sie ernst nehmen mit all ihren Stärken und Schwächen.
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„Du Opfer“ – ein Schimpfwort aus der Jugendsprache. Dieses Wort bringt es so knapp wie verächtlich auf den Punkt, wenn Schwächere öffentlich gedemütigt werden. Alltag auf den Schulhöfen Deutschlands. Laut einer Studie wird fast jeder dritte Schüler von Klassenkameraden gemobbt. Körperliche Gewalt auf dem Schulhof hat fast jeder zehnte Schüler erlitten. Es sind aber nicht nur die Jungs, die seelische und körperliche Gewalt ausüben oder erfahren. Mädchen machen das subtiler, weniger körperlich, dafür aber seelisch brutaler.
Erfurt vor 7 Jahren, Winnenden vor 7 Monaten und Ansbach vor knapp 5 Wochen. Amokläufe an Schulen gibt es leider immer öfter in Deutschland. Sogenannte Amokläufe. Amok ist eigentlich der falsche Ausdruck, denn Amokläufer schießen oder stechen in wilder Raserei um sich. Amokläufer in Schulen gehen aber geplant, gezielt und emotional kalt vor, wenn sie töten. Und es sind nicht die aggressiv Auffälligen, sondern die Stillen, Unscheinbaren und nicht selten eben auch „Opfer“. Opfer von Ausgrenzungen, Enttäuschungen oder Demütigungen in der Schule. Sei es durch Mobbing oder durch den immer größeren Leistungsdruck. Natürlich wird nicht jedes Mobbingopfer oder jeder schulisch Frustrierte gleich zum Amokläufer, da muss noch viel mehr schief laufen. Aber die Schulen sind Verdichtungsorte von Frustrationen und Demütigungen junger Menschen. Darum finden die Explosionen von Jugendseelen ja auch in den Schulen statt. Und Opfer, im wahrsten Sinne des Wortes sind dann die Gegenbilder der tödlich Frustrierten. Die sozial oder sportlich erfolgreichen Schüler, die schönen oder beliebten Schülerinnen - oder die Lehrer. Nach den Amokläufen sind die Debatten und die Betroffenheiten immer groß. Aber die Zeit zwischen den Amokläufen ist die Zeit sie zu verhindern. Durch größere Sensibilität für die Stillen und mehr Einfühlungsvermögen für die Schwachen. Durch größere Aufmerksamkeit für Auffälligkeiten. Und durch Hinsehen und Eingreifen, wenn es nötig ist. Damit ein soziales Klima an Schulen entsteht, in denen Schimpfworte wie „Opfer“ nicht mal mehr denkbar sind.
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Denken Amokläufer eigentlich nie an ihre Familien? Sind sie so verstrickt in ihre düsteren Gedanken oder ihre kalte Wut, dass sie sich gar keine Gedanken machen an das, was danach über ihre Familien hereinbricht?
Warum beschäftige ich mich heute, an einem ganz normalen Dienstag mit dem schrecklichen Thema Amoklauf? Weil Amokläufe an scheinbar ganz normalen Tagen wie diesem vorbereitet werden und an scheinbar ganz normalen Tagen wie diesem passieren. Und die Täter kommen meistens aus scheinbar ganz normalen Familien.
Die Familie: Vater, Mutter, Kind oder Kinder, ersehntes Idealbild der meisten Menschen. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Familie haben, Familie sein, in welcher Form auch immer, wird einem extrem schwer gemacht in unserer Gesellschaft. Angefangen dabei dass es für Frauen noch immer viel zu schwer ist Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen. Bis zu den Finanzen. 120 000 Euro kostet ein Kind bis es 18 Jahre alt ist, ohne Ausbildung oder Studium versteht sich.
Familie sein erschweren auch die verschiedenen Konkurrenten der Familie. Wenn zum Beispiel beide Elternteile arbeiten müssen oder wenn die Anforderungen für die Kinder in der Schule immer höher werden. Es fehlt einfach zu oft die Zeit füreinander und miteinander. Auch und gerade in den Familien. Und nicht zuletzt die Medien sind Konkurrenten der Familie. Fernsehen und Computer gehören heute natürlich zu jedem Haushalt dazu. Aber oft isolieren sie die Familienmitglieder und verbrauchen die wenige Zeit die Eltern und Kindern noch füreinander bleibt. Und nicht selten werden die Medien so zu den heimlichen Erziehern von Kindern und Jugendlichen.
All das erschwert das Familie-Sein - eine Lebensform, die doch Raum für Wachstum, Entwicklung und Geborgenheit geben sollte.
Natürlich sind diese Erschwernisse nicht der Grund dafür dass es immer mehr Amokläufe junger Menschen gibt. Aber anders herum gesehen:
ist es denn vorstellbar, dass ein junger Mann zum Amokläufer wird, dessen Eltern wirkliches Interesse an seinem Leben haben? In dessen Familie Konflikte ausgetragen und ausgehalten werden? Und wo er Respekt, Anerkennung und Liebe erfährt?

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Erfurt vor 7 Jahren, Emsdetten vor 3, Winnenden vor einem halben Jahr und Ansbach vor knapp 4 Wochen. Es ist eigentlich kein Thema für den frühen Morgen. Aber wann will man schon davon hören: von den sogenannten Amokläufen an Schulen. Doch man muss sich mit ihnen beschäftigen, wenn man sie verhindern will. Nicht nur wenn sie vor kurzem passiert sind, sondern auch und gerade im Alltag.
Sogenannte Amokläufe sind nicht zu verhindern, sagen nicht wenige. Sie haben wohl recht, wenn sie dabei nur an Gesetzesverschärfungen, Verbote oder technische Vorkehrungen denken. Sie haben nicht recht, wenn sie damit Ursachenforschung und Vorbeugung meinen. Wir können lernen. Wir müssen lernen aus den Amokläufen an Schulen. Das sind wir den Opfern und den Angehörigen der Opfer schuldig. Und den Tätern, die natürlich und zuerst Täter, aber auch Opfer sind.
Wir können zum Beispiel lernen, dass es niemals nur eine Ursache für einen Amoklauf gibt. Jeder ist anders, aber jeder entsteht aus einem Bündel von rabenschwarzen Gründen, die dann zur mörderischen Katastrophe führen.
Es fängt an in der Familie, wie so vieles. Wie viel Zeit, wie viel Aufmerksamkeit, Respekt und Liebe bekommt der Junge. Ja, der Junge! Denn so gut wie alle Amokläufe in Schulen wurden von männlichen Heranwachsenden verübt. Ich denke wir brauchen heutzutage eine Jungenförderung, eine Begleitung pubertierender Jungs. Auch und gerade in der Schule, diesem Zentrum möglicher Kränkungen. Und wir müssen lernen menschenverachtende Medien zu ächten. Wenn Horrorbilder zu Vorbildern werden und Töten virtuell trainiert werden kann. Und nicht zuletzt müssen wir uns fragen was Waffen in Privathaushalten zu suchen haben.
Es gibt viel zu tun. Ein Anfang ist gemacht mit dem Expertenkreis Amok. Ein sehr guter Anfang. Denn mit diesem Expertenkreis hat das Land Baden-Württemberg die Gesellschaft gewissermaßen um einen runden Tisch versammelt. Ein Tisch an dem so ernsthaft wie kompetent darum gerungen wurde wie künftige Amoktaten möglichst verhindert oder wenigstens erschwert werden können. Ein Tisch an dem auch Angehörige der Opfer des Amoklaufs in Winnenden gesessen haben.
83 Empfehlungen hat dieser Expertenkreis gegeben. Und jede ist es wert gehört, bedacht und breit diskutiert zu werden. Denn Amokläufe entstehen dadurch dass Vieles schief läuft bei einem Menschen. Und das kann nur von Vielen verhindert werden.
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