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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW


Pilze im Wald bestehen aus Schirm und Stängel. Die Schirme sind unterschiedlich groß und farbig. Die Stängel je nachdem schmäler oder dicker, kürzer oder länger. Was wir sehen, ist allerdings nur ein kleiner Teil eines ganzen Biotops. Unterirdische Verflechtungen, Bodenbeschaffenheit, Sonne, Niederschläge, Schadstoffe aus der Luft und dem Wasser - alles kann dieses Gebilde Pilz massiv beeinflussen. Trotz vieler Forschungen kennen wir nicht alle Bestandteile und Zusammenhänge. Pilze sind ein Beispiel dafür, aus wie vielen Bausteinen unser Leben und unsere Natur zusammengesetzt ist.
Dies gilt überhaupt für die Natur.
Selbst für uns Menschen passt das Bild vom Pilz im Wald. An der Oberfläche zeigt sich nur ein Bruchteil des ganzen Lebens. Vieles kommt gar nicht zum Vorschein, bleibt geheimnisvoll. Auch ich selbst kann nicht alles an mir erklären. Auch mir bleiben manche Verhaltensweisen an mir fremd und ich habe mich nicht immer im Griff. Und doch gehört das alles zu meiner eigenen Natur.
Der Herbst, die Zeit, in der wir ernten und dafür danken erinnert uns an dieses Netz von Bausteinen und Zusammenhängen.
Ich staune darüber, wie aus einem kleinen Kürbiskern im Laufe von Monaten ein großer Kürbis wächst. Ich habe Ehrfurcht vor all den Wachstumsschritten und Abläufen, die dazugehören, dass aus gesäten Weizenkörnern Brot entsteht. Und ich danke dem, der das Leben schenkt.

In unserem Alltag ist vieles selbstverständlich. Unser weit erforschtes und durchtechnisiertes Leben verführt schnell dazu, das Staunen, die Ehrfurcht und den Dank zu vergessen. Stattdessen analysieren wir sämtliche Zusammenhänge und sind versucht zu glauben, dass alles beeinflussbar und machbar sei. Wir haben die Aufgabe, uns bewusst zu halten, dass wir trotz Erkenntnis und Fortschritt ein Teil der Erde und damit auch an ihre Grenzen gebunden sind. Auch an die Grenzen der Erkenntnis.

Der Herbst, die Zeit in der wir ernten und dafür danken, erinnert uns daran, dass wir Menschen in einem großen Beziehungsgeflecht einander und Gott das Leben verdanken.
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Die Mutter von Larissa hat Depressionen und liegt manchmal den ganzen Tag im Bett. Aber davon erzählt Larissa lieber nichts in der Schule.
Frau Maier wird von ihrem Mann geschlagen wenn er getrunken hat. Außer ihr und ihren Kindern weiß das aber keiner.
Max ist 13. Er wird von seinen Eltern nie gelobt. Nichts macht er gut genug. Er kann sich anstrengen wie er will. Max verschließt sich immer mehr aber keiner kommt dahinter, warum.

Es ist oft nicht sichtbar, was hinter verschlossenen Haustüren alles passiert. Trotzdem besteht daran kein Zweifel: Familienbeziehungen sind gnadenlos ehrlich. Reden können wir viel. Im Kontakt mit anderen Menschen können wir auch für kurze Zeit andere Seiten zeigen, können leichter freundlich, großzügig und verständnisvoll sein. Wenn die Familientür zugeht, kann sich dahinter ganz anderes abspielen.

Dies scheint immer schon so gewesen zu sein. Jedenfalls finden sich in der Bibel ganz konkrete Anweisungen für den Umgang zwischen Ehepaaren, Eltern und Kindern auf sogenannte Haustafeln. Sie hatten die Aufgabe, Menschen des frühen Christentums dabei zu helfen, achtsam und respektvoll miteinander zu leben. Sie wollten helfen, dass Menschen einander verzeihen, mit ihren Schwächen aushalten, sanft- und demütig sein können. Was damals hilfreich war, können wir heute in unsere Zeit nicht einfach übernehmen. Unverändert ist aber, was solche Haustafeln grundsätzlich beabsichtigt haben.

Partner, Eltern und Kinder erleben täglich, ob sie wertschätzend oder abwertend, ermutigend oder angstmachend, aufmerksam oder gleichgültig miteinander umgehen.
Es ist alles andere als leicht, sich innerhalb von Familienbeziehungen gegenseitig den Spiegel vorzuhalten. Glücklicherweise lernen Kinder und Jugendliche heute schon in der Schule positiv Rückmeldungen zu geben und auszusprechen, wenn sie sich Veränderungen wünschen. Wer dies im Glauben daran tun kann, selbst geliebt sein, gehalten von der Sanftmut Gottes, tut sich leichter. Der kann vielleicht sogar dankbar sein, wenn ihn andere im geschützten Rahmen und liebevoll auf blinde Flecken aufmerksam machen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6866

Franziska ist 20. Wie viele junge Menschen hat sie sich entschieden nach dem Abitur erst einmal ein freiwilliges soziales Jahr zu machen. Letztes Jahr um diese Zeit ist sie nach Afrika aufgebrochen. In einem kleinen Dorf hat sie in einer Krankenstation mitgearbeitet und an einer Schule unterrichtet. Zum ersten Mal war sie ganz allein auf einem fremden Kontinent, in dem Dorf als einzige Weiße, ohne all die selbstverständlichen Vorzüge, die sie hier hatte. Sie hat für mich unvorstellbar anders gelebt und sich in all dem neuen zurechtgefunden. Am Anfang hat sie oft Heimweh gehabt, auch viel geweint, sich gefragt, warum sie überhaupt da ist. Aus der Ferne habe ich immer wieder durch Rundbriefe oder Telefonate mitbekommen wie sie sich durchkämpft: wenn sie krank war und sich alleine darum kümmern musste, wieder gesund zu werden. Wie sie gelernt hat, ihre ganze Wäsche von Hand zu waschen oder sich daran gewöhnt hat immer kalt zu duschen. Trotzdem ist es für sie nicht in Frage gekommen, aufzugeben. Sie hat das Land und die Menschen dort lieben gelernt. Die Lebensfreude der Afrikaner ohne all den materiellen Reichtum hat sie angesteckt; sie hat den Alltag ohne Stress und Hektik genossen. In ihrem letzten Rundbrief vor ihrem Abflug nach Deutschland hat sie geschrieben: „Ich bin sehr dankbar für das Jahr, das ich hier verbringen durfte. Rückblickend kann ich sagen, dass dieses Jahr das wohl schwerste und anstrengendste meines bisherigen Lebens war, aber gleichzeitig auch das beste und wertvollste!“

Dieses ehrliche Résümé hat mich beeindruckt. Franziska hat Glück, dass sie das so schon als junge Frau erlebt. Schwer und anstrengend wünscht sich das Leben keiner. Trotzdem bleibt kaum einem erspart, schwierige Zeiten auszuhalten und durchzustehen. Das erlebt auch, wer nicht zu einem solchen Abenteuer aufbricht. Viel Mut und Kraft brauchen Menschen hier bei uns, die arbeitslos oder krank sind. Menschen, die unlösbare Konflikte aushalten oder sich nach einer zerbrochenen Beziehung wieder neu orientieren müssen. Sich dann nicht aufzugeben ist ein Segen.
Zu erleben, dass gut und wertvoll ist, was aus schwierigen Lebenssituationen erwächst, gehört zu den Kostbarkeiten, die einem keiner mehr wegnehmen kann.
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Ich arbeite seit September an einer neuen Schule. Ich habe schon vorher gewusst, dass in dieser Grundschule vieles anders ist. Deshalb habe ich mich auch darauf gefreut, dort Lehrerin zu sein. So gibt es z. B. keine Klassen sondern Lerngruppen, in denen Kinder von der ersten bis zur dritten Klasse gemeinsam lernen. Anders ist auch die Pause, für Kinder und Erwachsene. Bisher habe ich das so gekannt, dass jeder im Lehrerzimmer seine unverkennbar eigene Tasse in einem Schrank stehen hat. Auf einem Tisch daneben gibt es vielleicht die Kaffeemaschine und einen Wasserkocher. Jeder ist für seine eigene Tasse verantwortlich, wenn er sie benutzt hat. Einen Spüldienst für alle gibt es nicht.
In dieser Grundschule gibt es eine richtige Lehrerküche. Ob ich mir ausnahmsweise eine Tasse aus dem Schrank nehmen könne, habe ich an meinem ersten Arbeitstag gefragt. Ich hätte meine Tasse zu Hause vergessen. Bei uns hat nicht jeder seine eigene Tasse, war die Antwort. Dafür gibt es Küchendienste und irgendwann ist jeder mal dran. Tassen, Gläser und Teller sind für alle da. An einem großen Tisch in der Mitte mit Stühlen drum herum kann man sich setzen. Oft gibt es dort auch was zu Essen. Hefezopf, Brezeln, selbstgebackene Schneckennudeln, Weintrauben. Wer Zeit und Lust hat, bäckt, kauft was ein, sorgt für die anderen mit.

In dieser Küche für Lehrer mit Tassen und Tellern für alle erlebe ich, was den Kollegen dieser Schule wichtig ist. Sie verstehen sich als Gemeinschaft und sind solidarisch. Als neue Kollegin habe ich von Anfang an erleben können, dass ich willkommen bin und einbezogen werde. Viele wissen voneinander, was sie außerhalb der Schule beschäftigt oder bedrückt. Im Lehrerzimmer auch mal zu weinen, ist kein Tabu. Selbstverständlich gibt es Dienste, bei dem einer oder zwei etwas für alle tun. Am ersten Schultag begrüßen alle die Kinder vor dem Schulhaus mit einer gemeinsamen Aktion. Schulstunden werden oft von mehreren Kollegen vorbereitet.

Mir tut das gut und mir entspricht das. Bewusst geworden ist mir dabei auch wieder, dass Gemeinschaft nicht von alleine entsteht. Dafür braucht es entsprechende Räume, Zeit und Menschen, die das miteinander wollen.
Erstaunlich, was durch eine Kaffeepause alles sichtbar werden kann.
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Auf Wiedersehen! Tschüss! Machs gut! ... das sagen wir, wenn wir uns von jemandem verabschieden. Adieu, Gottbefohlen sagen viele Schweizer oder auch Franzosen. Einer meiner Freunde verabschiedet sich ganz originell immer mit: „Curagio!“ Ich habe ihn nie gefragt, wie und wann er darauf gekommen ist. Erst vor kurzem ist mir bewusst geworden, was er da eigentlich immer sagt. „Curagio“ – Mut – wünscht er mir, wenn ich gehe für die Zeit bis wir uns wiedersehen oder hören.

„Curagio“ – Mut wünscht mir ein Mensch, der selbst seine Lebenswege mutig gegangen ist. Ich kenne ihn zuversichtlich auch in Situationen, die bedrohlich und herausfordernd sind. Als 33 jähriger hat er sein Leben in einem Orden aufgegeben, weil er dort nicht mehr die Möglichkeit gesehen hat, das zu verwirklichen, wovon er überzeugt war. Er hat neu angefangen, noch einmal studiert, sich selbst finanziert und war sich für keine Arbeit zu schade, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Wenige Jahre später hatte er einen schweren Unfall, der ihm und seiner Frau fast das Leben gekostet hat. Danach hat er lernen müssen mit den körperlichen Einschränkungen zu leben.
Mit Ende 50 hat er seinen Arbeitsplatz verloren. Er hat sich neu orientieren müssen und schließlich andere sinnvolle Aufgaben gefunden. Dass er sich Sorgen gemacht hat, habe ich schon erlebt. Aber er hat nie gejammert oder geklagt. Er liebt Menschen, so erlebe ich das. Er setzt sich unbeirrt ein für die Schwächsten in der Gesellschaft und ermöglicht es, dass ganz unterschiedliche Menschen zusammenfinden und Gemeinsamkeiten entdecken. Wenn ich ihn frage, wie es ihm geht, antwortet er immer: „Ich bin dankbar!“

Curagio – Mut wünscht mir dieser Mann, immer wenn er sich verabschiedet und sagt mir: Lass dich von deinen Sorgen und Ängsten nicht entmutigen! Vertraue dich dem Leben an, so wie es dich herausfordert! Das Leben wird es gut mit dir meinen. Nimm dich selbst nicht allzu wichtig! Folge deinen Aufgaben und bleib dir treu! Suche dir die Hilfe, die du brauchst. Denk daran, wie viele anstrengende Lebenssituationen du schon mutig gemeistert hast. Schwierigkeiten sind dazu da, um daran zu wachsen. Du machst das gut. Vertraue deiner Kraft, deinen Begabungen und deiner Liebe zum Leben. Überlasse dich göttlichem Schutz und Segen.
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„Als Gott die Zeit schuf, schuf er genug davon...“ Diese Weisheit stammt aus Irland. Ich höre sie als Einladung, mir davon so viel zu nehmen, wie ich brauche.
„Als Gott die Zeit schuf, schuf er genug davon.“

Erlebt habe ich das so wie schon lange nicht mehr in meinen Sommerferien im August. Ich habe genug Zeit gehabt, um in der Hängematte zu liegen und alle Bücher zu lesen, die ich lesen wollte. Zeit genug, um alle Briefe zu beantworten, die teilweise ein Jahr auf meinem Schreibtisch darauf gewartet haben. Zeit genug, um zu kochen und Marmelade selbst zu machen. Zeit genug, um auszuschlafen und gemütlich im Bett liegen zu bleiben so lange ich wollte. Zeit genug, um jeden Tag in der Natur zu sein, die Sonne untergehen zu sehen und über den weiten Sternenhimmel zu staunen.

So ist es von ganz alleine in mir still geworden. Oft hat mich wie von selbst dieses Gefühl erfasst, das ich mit “Heiligkeit“ verbinde. Ich bin richtig erfinderisch geworden und habe gestaunt, welche neuen Rezepte mir beim Kochen eingefallen sind. Wenn ich den Duft von frischem Gemüse oder Melonenmarmelade plötzlich ganz bewusst gerochen habe, bin ich automatisch dankbar geworden: Für die Nahrungsmittel, mit denen ich koche, für die Erde, in der das Gemüse reift, für die Menschen, die es gepflanzt, versorgt und geerntet haben.
Es war so leicht, die Kostbarkeiten des Lebens wahrzunehmen und mich darüber zu freuen.

Während ich genug Zeit gehabt habe alles das bewusst zu erleben, habe ich mich zum 195. Mal gefragt, wie ich davon etwas in meinen Alltag mitnehmen könnte. Der ist eher schnell, dicht, pausenlos, oft gehetzt. Das Leben ist anstrengend so und die Sehnsucht nach der nächsten längeren Pause wächst schon bald. Ich weiß, dass es vielen Menschen ähnlich geht wie mir. Stressbewältigung ist eines der gesellschaftlichen Themen. Wir wissen heute, dass Stress krank machen kann. Manchmal ärgert mich richtig, dass mir noch immer nicht besser gelingt, den alltäglichen Wahnsinn zu unterbrechen. Ich bin entschlossen, nicht aufzugeben. Jedes Glas Marmelade, das ich im Herbst öffnen werde, wird mich an die wunderbare Erfahrung von Zeit im Sommer erinnern und helfen, mir täglich die Zeit zu nehmen, die ich brauche. Denn: „Als Gott die Zeit schuf, schuf er genug davon.“
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