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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

So klein und schon eine Fremdsprache, das dachte ich unwillkürlich, als ich eine et-wa dreijährige Französin am Strand allerliebst mit ihrer Oma sprechen hörte. Was ich mir mühsam mit Kursen und Wörterbüchern aneignen muss, das klingt bei dieser Kleinen ganz leicht und selbstverständlich.

Klar, so ist das immer mit der Sprache, die man als erste hört und dann sprechen lernt. Muttersprache nennt man sie ja nicht ohne Grund, denn sie ist nicht nur die Sprache der Mutter, sondern auch die Mutter aller Sprachen, auch wenn sie völlig unterschiedlich klingen kann. Ich habe mich im Lauf meines Lebens an mehreren Fremdsprachen versucht und komme damit im Ausland so einigermaßen zurecht. Aber es ist nicht ein Teil von mir, es bleibt etwas Äußeres, das ich gebrauche wie ei-nen Gegenstand, um damit etwas zu tun.

Bei der Muttersprache ist das nicht so. Da kommt es nicht nur auf die Bedeutung an, die ein Wort hat. Von vielen Wörtern weiß ich noch, von wem ich sie zum ersten Mal gehört habe. Andere verbinde ich mit einem bestimmten Geruch, einer Farbe, einer Form, die es nirgendwo gibt außer in meiner Phantasie. Und bei manchen sehe ich heute noch das Mienenspiel meiner Mutter, wenn sie dieses Wort aussprach.

In meinem Kalender steht, heute sei der Tag der deutschen Sprache. Sie ist mir sehr wichtig, die deutsche Sprache, und trotzdem finde ich den Tag der Muttersprache sympathischer, der im Februar begangen wird. Denn ich möchte, dass wir die Vielfalt pflegen, uns daran freuen, was für einen kulturellen Reichtum die Menschheit mit den unzähligen Sprachen und Dialekten hat, die es auf der Welt gibt.

Das Johannesevangelium im Neuen Testament beginnt mit dem schlichten Satz: Im Anfang war das Wort. Beziehung, Verständigung, Kommunikation und letztlich auch Sprache, das ist nach biblischer Sicht nicht etwas Zusätzliches, auf das die Schöp-fung auch verzichten könnte, sondern ihr innerstes Prinzip, die kreative Energie, aus der alles entsteht. Etwas feierlicher kann man es auch das Prinzip Liebe nennen.

Die Sprache wäre dann eine Gestalt der Liebe. Was für eine schöne Vorstellung, auch weil ich es oft so ganz anders erlebe. Wie wär’s, heute mal darauf zu achten, wo Worte tatsächlich Ausdruck von Wohlwollen und Liebe sind. Vielleicht zeigt sich dann, dass die Muttersprache aller Menschen Liebe heißt.
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Wenn wir ein fremdes Gesicht zum ersten Mal sehen, brauchen wir gerade mal einen Wimpernschlag lang, dann ist entschieden, wie wir diesen Menschen einschätzen: schön, hässlich, langweilig, sympathisch, sexy, intelligent, abstoßend, Vertrauen er-weckend – der Bruchteil einer Sekunde genügt für den berühmten ersten Eindruck. Das jedenfalls sagen uns Fachleute.

Schublade auf, Gesicht rein, Schublade zu. So funktioniert das also mit dem ersten Eindruck. Und deshalb setzt man alles daran, dass der auch möglichst gut ist. Früher ging man nur zum Fotograf, wenn man gerade keinen Pickel im Gesicht hatte und sich erholt fühlte. Heute kann man Bilder so beliebig bearbeiten, dass am Ende aus jedem Gesicht eine Katalogschönheit wird. Aber immer noch kommt nach dem ers-ten Eindruck der zweite und viele weitere, und die zeigen unbestechlich, wie man aussieht oder wirkt.

Aber für viele ist der zweite Blick ja auch eine Chance, denn nicht jeder hat den Charme, durch den ersten Eindruck gleich zu punkten. Überspitzt könnte man sogar sagen, es gibt zwei Sorten von Leuten: die einen können bei näherem Kennen Ler-nen gewinnen, und die anderen verlieren. Aufs Ganze gesehen hat man’s im Leben leichter, wenn man zur zweiten Sorte gehört. Und die Statistik sagt, dass Beziehun-gen viel dauerhafter und belastbarer sind, wenn sie sozusagen erarbeitet werden und es nicht schon bei der ersten Begegnung Klick gemacht hat. Das klingt nicht e-ben romantisch, aber das richtige Leben ist halt anders als ein schöner Spielfilm.

Ich glaube, ich fliege heute nicht mehr ganz so leicht auf den ersten Eindruck, den ich von einem Menschen habe. Zu oft habe ich erlebt, dass ich da getäuscht werde, von Erlebnissen und Erinnerungen, die mit dieser konkreten Person überhaupt nichts zu tun haben. Ich möchte andere nicht einsperren in meine Erwartung, so wenig, wie ich selbst festgelegt werden will, auf eine misslungene Geste, ein ungeschicktes Wort, eine einzelne Situation.

Du sollst dir kein Bildnis machen, so heißt das zweite der Zehn Gebote. Kein endgül-tiges Bild von Gott und auch keines von den Menschen, die er nach seinem Ange-sicht geschaffen hat. Weil Gott und die Menschen und das Leben immer für eine Ü-berraschung gut sind.

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Eigentlich kann ich mir Witze ja nicht gut merken. Und schon gar nicht so weiter er-zählen, dass die Pointe auch so richtig zündet. Mein derzeitiger Lieblingswitz macht’s mir aber so leicht, dass ich mich traue. Er kommt aus dem Jiddischen und er geht so: David telegrafiert aus Tel Aviv an Mosche in New York: „Mach dir schon mal Sorgen. Näheres später.“

Mach dir schon mal Sorgen. In meinem Freundeskreis macht dieses Sätzchen mitt-lerweile als geflügeltes Wort die Runde. Manchmal läuft es ja so: Irgendwer fängt an zu spekulieren, was an Katastrophen wieder alles passieren könnte… was man macht, wenn alle, die auf die Kleine aufpassen können, am Dienstag selbst einen dringenden Termin haben… wenn man auf dem Weg zur Prüfung im Stau stecken bleibt… wenn das Ziehen im Bein der erste Hinweis auf eine bedrohliche Krankheit ist, wenn… wenn… wenn…

Die Sorge neigt zum Wuchern. Es ist wie mit einer Hecke: Wenn ich sie ihren eige-nen Kräften, ihrem eigenen Wachstum überlasse, dann treibt sie in alle Richtungen aus, ihre Triebe verwildern und eh ich mich umdrehe ist sie mir über den Kopf ge-wachsen. Auch die Sorge kann mich so zuwuchern, dass alles unter ihr erstickt, mein Vertrauen in die Zukunft, meine Lebensfreude, meine ganze Kraft, die ich für den All-tag brauche.

Einer Hecke kann ich zu Leibe rücken. Dazu muss ich einfach die Gartenschere an-setzen und sie beherzt zurückschneiden. Mit den Sorgen kann ich im Prinzip dassel-be machen, ich muss halt andere Instrumente nehmen, die geeigneter sind. Ein sol-ches Instrument gibt mir die Bibel an die Hand, es heißt: Euer Vater im Himmel weiß, was ihr zum Leben braucht. Wie viele der Sorgen, die ich mir in meinem Leben schon gemacht habe, waren – von hinten her betrachtet – umsonst. Die Sorge will vorsorgen, weil das Leben unberechenbar ist und die Zukunft ungewiss. Aber gerade weil die Zukunft immer offen ist, kann sich morgen ja auch etwas zum Guten wen-den, für das ich mir heute noch gar keine Lösung vorstellen kann.

Für mich ist das eine richtige Übung, die Sorge immer wieder bewusst wegzulegen und mir zu sagen: Für mich ist gesorgt. Manchmal sage ich stattdessen auch mit einem Augenzwinkern: Mach dir schon mal Sorgen.

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Früher nannte man es Müll, heute heißt es Wertstoff. Die Abfallwirtschaft boomt, und es gibt kaum ein Papierchen, eine Folie, einen Joghurtbecher mehr, der nicht gesammelt und wieder verwertet werden könnte. Aber warum nur Zeitungspapier oder Plastiktüten? Auch bei ideellen Dingen gibt es so etwas wie Abfälle, und auch die könnten in ihrer Kostbarkeit entdeckt werden.

Nehmen wir zum Beispiel die Zeit, von der man oft sagt, sie sei unser kostbarstes Gut. Auch bei meiner Zeit fallen immer wieder Abfälle an, darauf hat mich der Theologe Jörg Zink gebracht. Jeden Tag gibt es viele kleine Zeitschnipsel. Mal ist es ein Augenblick, mal eine Minute, vielleicht mal eine halbe Stunde, die ich zu nichts verwenden kann als eben zu warten. Weil ich an der Kasse stehe und der Kunde vor mir hat vergessen, die Bananen abzuwiegen. Weil der Kollege den Besprechungstermin anders notiert hat als ich. Weil ich den Anschlusszug nicht mehr gekriegt habe. Weil der, den ich anrufe, gerade mit jemand anderem spricht…

Nun kann man mit solchen Zeitabfällen unterschiedlich umgehen. Man kann sie als Müll behandeln, der zu nichts zu gebrauchen ist und den man wann immer es geht, vermeiden sollte. Man kann solche Zeitfitzelchen aber auch als Wertstoff ansehen. So wie man aus alten Handtüchern Putzlappen machen kann und aus Küchenabfällen Futter für die Schweine, so kann ich auch aus Zeitabfällen Sinnvolles machen.

Dazu brauche ich eigentlich gar nicht viel, nur die Bereitschaft, mich in meiner eigenen Tagesplanung immer wieder stören zu lassen. Nicht alles, was anders läuft, als ich es plane, muss deshalb schlechter laufen. Statt mich über die Schlafmütze an der Ampel zu ärgern, wegen der ich jetzt auf die nächste Grünphase warten muss, kann ich auch denken: diese zweieinhalb Minuten habe ich mir nicht selbst genommen, sie sind mir geschenkt, als klitzekleine Auszeit zwischen zwei Verpflichtungen, als Einladung, an etwas Schönes zu denken oder an gar nichts, ein Lied vor mich hin zu singen, ein Stoßgebet zu seufzen…

Abfall oder Wertstoff, es kommt darauf an, was ich daraus mache. Zum Beispiel bei den vielen kleinen Zeitabfällen, die sicher auch heute wieder wie Sägespäne der Zeit aus meinem Terminkalender fallen.


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Zu Mahatma Gandhi kommt eines Tages eine Frau, die sich keinen Rat mehr weiß. Ihr Sohn leidet an Diabetes und darf keinen Zucker essen, trotzdem aber nascht er den ganzen Tag Süßigkeiten. Die Mutter ist ganz verzweifelt und fragt den Meister um Rat. Gandhi hört sich die Sache an und sagt: „Geh nach Hause und komm mit deinem Sohn in einer Woche wieder.“ Als sie wiederkommt, ist sie voller Erwartung. Dann sagt Gandhi zu dem Jungen: „Iss ab heute keinen Zucker und keine Süßigkei-ten mehr.“ Enttäuscht sagt die Mutter: „Das hättest du doch schon letzte Woche sa-gen können.“ Gandhi antwortete: „Nein, ich musste erst selbst eine Woche keinen Zucker essen, vorher hätte ich das eben nicht sagen können.“

Was ist das Geheimnis der Autorität? Warum glaubt man Menschen wie Gandhi, was sie sagen, auch wenn man es nicht gern hört oder nicht nachprüfen kann? Und wa-rum misstraut man anderen, so sehr sie auch beteuern, dass sie Richtiges und Wich-tiges zu sagen haben? Ein Sprichwort bringt es auf den Punkt: Wasser predigen und Wein trinken; es stammt aus einem Gedicht von Heinrich Heine.

Manager großer Unternehmen fordern, den Gürtel enger zu schnallen. In welchem Loch sitzt ihr eigener Gürtel? Politiker erwarten, dass die Bürger vor Gericht und vor dem Finanzamt ehrlich sind. Wie ehrlich sind sie selbst, in Äußerungen über andere Parteien, in ihren Versprechen vor der Wahl? Eltern schicken ihre Kinder in den Got-tesdienst, wenigstens vor der Firmung oder der Konfirmation. Wie halten sie’s selbst mit dem Glauben? Die Kirchen mahnen soziale Gerechtigkeit an. Wie gehen sie selbst mit Macht und Reichtum um? Ich fordere ein ökologisches Umdenken, um die Erde bewohnbar zu erhalten. Wie oft steige ich ins Auto, weil es bequemer und schneller geht als mit dem Bus?

Das Geheimnis der Autorität greift auch hier. Wenn ich will, dass man mir glaubt, darf ich nicht tricksen, auch nicht, wenn mir gerade mal niemand auf die Finger schaut. Man merkt das einfach, ob jemand eine Schau abzieht oder wirklich meint, was er sagt. Was ich mit Worten vertrete und fordere, das muss mir auch dann noch wichtig sein, wenn es nicht nur andern weh tut, sondern auch mir selbst. Sonst halte ich besser den Mund, und übe erst mal, im Stillen und ohne dass es jemand mitkriegen muss. So wie Gandhi, bevor er dem Jungen verbieten konnte, Zucker zu essen.

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Bauch, Beine, Po, Hüfte, Oberschenkel... Was früher mal Körperregionen waren, sind heute: Problemzonen. Abgehandelt werden sie gern in Frauenzeitschriften, oft schon auf der Titelseite. Nein, nicht, dass sie dort abgebildet wären, das Coverbild zeigt das genaue Gegenteil dessen, was als Problemzonen gilt: makellose Gesichter, Brüste, Taillen, Hinterteile..., alles perfekt und wie gemalt. Und damit die Leserin nicht verzweifelt, wenn sie diese Proportionen mit ihren eigenen vergleicht, wird ihr eine Gymnastik oder eine Diät angepriesen, die sie dem Model vielleicht einen Tuck ähnlicher macht.

Ich frage mich manchmal, ob unsere Problemzonen wirklich da liegen, wo halt ein bisschen Speck quillt oder die Haut leicht wellig aussieht. Mit geschickter Kleidung kann man das doch so verpacken, dass es sogar richtig gut rauskommt. Die Prob-lemzone sehe ich da eher anderswo, in den Augen, in der Wahrnehmung, in einem lieblosen, unbarmherzigen Blick auf uns selbst und andere.

Ich bin keine Schaufensterpuppe, die man in Kunststoff gießt nach den Maßen, die die jeweilige Mode vorgibt. Und die dann nichts anderes zu tun hat, als ein gut pro-portionierter Kleiderständer zu sein. Ich bin nicht in erster Linie dazu geschaffen, gut auszusehen, ich habe noch andere und noch wichtigere Aufgaben.

Und ich habe – neben vielem, was ich an mir gut finde – tatsächlich auch so meine Problemzonen, die mir zu schaffen machen. Aber die liegen mehr innen, unsichtbar und sind auch mit Sport und Diät und eiserner Disziplin nicht einfach weg zu trainie-ren. Es ist die ewige Unzufriedenheit über das, was ich an innerer und äußerer Aus-stattung mitgekriegt habe. Die Figur ist da sozusagen nur Teil eines größeren Ge-samtpakets an Unzufriedenheit.

Ob ich recht bin, so wie ich bin, kann ich aus mir selbst nicht wissen. Ich muss es von anderen gezeigt und gesagt bekommen. Aber auch sie wissen es nicht aus sich selbst, und ihr Urteil kann sich ändern. Zur Ruhe komme ich erst, wenn ich versuche, mich mit den Augen Gottes anzuschauen, der mich so und nicht anders geschaffen hat. Es sind meist nur Augenblicke, aber hin und wieder bin ich dann ganz sicher, dass ich nicht eine wandelnde Problemzone bin, sondern ein Mensch nach Gottes Geschmack.



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