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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Unter einer Kirche verstehen wir meist ein Gebäude aus Stein mit Kirchturm und Glocken. Man geht hin, um zu beten, um Ruhe zu finden, um Gottes Gegenwart zu spüren. Viele Kirchen sind alt, manchmal viele Jahrhunderte. Sie werden für Gottesdienste genutzt. Manche sind wertvolle Kulturdenkmäler, touristische Attraktionen.
Ich habe in Kenia eine Kirche erlebt, wie ich sie zuvor noch nicht gesehen habe. Auf einem Hügel in einer ländlichen Gegend. Ein Holzschuppen mit Wellblechdach. Etwa 15 Meter lang und 6 Meter breit. Das einfache Holzkreuz auf dem Giebel ist das einzige Zeichen dafür, dass es ein christliches Gebäude ist. Kein Turm. Keine Glocke. Keine bunten Fenster.
Unter der Woche dient der Schuppen als Grundschule. Etwa 100 Kinder hocken dann dicht gedrängt auf Holzbänken und auf dem gestampften Erdfußboden. Der Raum ist notdürftig in drei Klassenzimmer aufgeteilt. Raumteiler sind einfache Folien, wie sie in der Landwirtschaft genutzt werden. Schultafeln sind alte Spanpressplatten.
5 oder 6 mal im Jahr wird die Klassenzimmer-Kirche zur Krankenstation. Dann kommt ein Jeep aus dem 20 km entfernten Ort über den holprigen und staubigen, manchmal schlammigen Feldweg, die einzige Strasse weit und breit. Zwei Krankenschwestern und ein paar Helfer versorgen dann die Bevölkerung. Die Sprechstunde geht den ganzen Tag. Es werden HIV-, Malaria- und Typhus-Tests durchgeführt. Biss-, Schnitt- und andere Wunden werden versorgt. Medikamente werden ausgegeben. Ich habe das letzten Monat erlebt, als ich eine katholische Krankenstation in Kenia besucht habe. Am Morgen kamen circa 120 Menschen, Männer und Frauen mit kleinen Kindern. Ich dachte, es handelt sich um die gesamte Bevölkerung dieser Gegend. Aber dann kamen die Schulkinder. In Reih und Glied und Schuluniform standen sie an. Und es kamen immer mehr Menschen. Frauen, Kinder, Alte. Und immer wieder eine andere Schule aus dem Distrikt, gut zu unterscheiden an den unterschiedlichen Schuluniformen, teilweise in erbärmlichem Zustand. Bis zum Abend, so die Statistik, waren fast 3000 Menschen gekommen.
Ein Mehrzweckraum: Schule, Krankenstation und Kirche in einem. Wie wäre das bei uns in Europa, wenn die Kirchenräume nicht nur Gottesdienstorte sondern gleichzeitig auch Klassenzimmer und Krankenstation wären? Dadurch, dass wir den Luxus besitzen, dass wir für alles eigene Gebäude und spezialisierte Räumlichkeiten haben: Krankenhäuser, Sozialstationen, Schulen... nehmen wir gar nicht mehr wahr, was Kirchen alles leisten.
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“Ach früher, damals ...“. Oder: “Wenn ich dieses Ziel erreicht habe, dann werde ich glücklich sein!“ Die meisten Menschen, so scheint es, richten den größten Teil ihrer Aufmerksamkeit entweder auf Erinnerungen aus der Vergangenheit oder auf Pläne und Ziele in der Zukunft. Der Augenblick verliert an Bedeutung. Das Hier und Jetzt wird zur einfachen Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft. Menschen haben schon gelebt, oder werden erst noch leben. Für mich wird es immer wichtiger hier, jetzt, heute zu leben.
Es kann an meinem Lebensalter liegen. Vielleicht bin ich zu jung, um nur in der Vergangenheit zu leben. Nur daran zu denken, was ich früher alles erlebt habe, welche Stationen es in meinem Leben gab. In der Erinnerung das Glück und die Freude nochmals zu durchleben, welche Gelegenheiten ich ergriffen habe, beruflich und privat. Oder auch dem nachtrauern, was ich verpasst habe, welche Chancen ich nicht wahrgenommen habe. Was hätte alles sein können.
Vielleicht bin ich inzwischen auch zu alt dafür, um mein Leben nur in der Zukunft zu sehen. Kinder und Jugendliche, darf man annehmen, haben ihr Leben noch vor sich. Zukunftspläne, Wünsche, Träume.
Sicher ist es wichtig, sich zu erinnern, was schon alles geschehen ist, was in der Geschichte bedeutend war. Errungenschaften der Zivilisation und kulturelle Fortschritte werden leicht vergessen. Manchmal scheint es wir würden Nichts aus unseren Fehlern lernen.
Sicher ist es in jedem Alter wichtig, Ziele zu haben, eine Vorstellung davon zu haben, was man alles tun will, womit man sich beschäftigen will, welche Menschen einem etwas bedeuten.
Eins ist mir inzwischen sehr wichtig: Manche Gelegenheiten gibt es im Leben nur einmal.
Im Vorbeigehen sehe ich im Schaufenster ein einfaches oranges Kleid. Ein ideales Geschenk für meine Frau. Aber sie hat erst nächstes Jahr wieder Geburtstag und bis Weihnachten ist auch noch Zeit. Trotzdem, es wird ihr jetzt im Sommer Freude bereiten und es macht auch keinen Sinn es in der Schublade aufzubewahren.
Oder: Spontan besuchte mein Patenkind, bevor es mit seinen Eltern für ein Jahr nach Australien ging. Wir erlebten unvergessliche Momente.
Der Brief an den Freund aus Afrika. Schon lange schiebe ich ihn vor mir her. Jetzt oder nie.
Ich will nicht mehr verschieben, sondern im Jetzt leben. Das ist nicht leicht. Mir gelingt es nicht immer, aber immer öfter.
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Ferien zu haben ist wunderschön. Für mich heißt das: manchmal morgens etwas länger mit offenem Fenster im Bett liegen bleiben und lauschen. Das langgezogene, dann geraspelte Pfeifen gehört wahrscheinlich einem Rotkehlchen. Ein fröhliches „zi zi däh“-Zwitschern muss eine Mönchsgrasmücke sein. „Zilp zalp zelp“, der heißt, wie er singt: Zilpzalp. Und jetzt flötet noch eine Amsel dazu. Spatzen schwatzen und in der Ferne höre ich den unverwechselbaren Ruf eines Kuckucks. Das ist Urlaub für mich. Staunen über den Reichtum der Schöpfung. Morgens ganz bewusst auf das Konzert der vielen Vogelstimmen hören. Meine Mutter hat mir als Kind ein paar beigebracht. Das Krächzen eines Eichelhähers, das Klappern der Störche, das Flöten eines Pirols. Ein Vogel klingt wie eine rostige Gartenschere, ich glaube, das ist der Hausrotschwanz.
In meinem letzten Urlaub war ich auf der Halbinsel Eiderstedt, an der Nordsee am Wattenmeer. Das Vogelstimmenkonzert in den Morgenstunden war einmalig. Für mich Süddeutschen waren viele unbekannte Stimmen dabei. Wahrscheinlich singen Sie Plattdeutsch, oder ich kenne sie einfach nicht. Bei einer vogelkundlichen Führung kam ich dann kaum aus dem Staunen heraus, was es alles gibt. Nonnengänse und Eiderenten, Seeschwalben und Lachmöwen und all die anderen Vogelarten dort. Ich hörte, dass über ein Drittel aller Vogelarten in Europa vom Aussterben bedroht sind. Darunter eher Unbekannte wie Uferschnepfe und Wachtelkönig. Aber auch vertraute Vögel wie Rabe und Seeadler. Ein unermesslicher Reichtum droht uns verloren zu gehen. Manche brüten nur hier am Wattenmeer. Zugvögel ruhen sich hier aus, versorgen sich mit Nahrung für ihre tausende von Kilometern lange Reise von Afrika bis in die arktischen Regionen. In der Vergangenheit wurde dieses ökologisch wichtige Gebiet mit Erdöl-Bohrinseln oder mit gedankenloser Ausbeutung gefährdet. Der Profit stand im Vordergrund. Inzwischen hat die UNESCO das Wattenmeer als Weltnaturerbe anerkannt. Wir können hoffen, dass sich die Natur jetzt erholen kann.
Die Vögel des Himmels und die Blumen des Feldes sind Teil einer einmaligen Schöpfung.
Wir Menschen sind wie die Vögel, denke ich. Manche sind bunt, manche sind grau. Mal tragen wir Schlichtkleider, mal tragen wir Prachtkleider. Einige krächzen und schimpfen, manche singen wunderschön. Es wäre schade, wenn uns diese Vielfalt verloren ginge. Und ich freue mich schon darauf, in einer lauen Mondnacht einer Nachtigall bei Ihrem endlosen Gesang lauschen zu können.
Gott zur Ehre und den Menschen zur Freude.
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Wir können jederzeit überall hin reisen, wenn wir die Voraussetzungen dafür mitbringen, wie Zeit, Geld, Gesundheit. Für viele gilt diese Reisefreiheit. Innerhalb von Europa heute sowieso. Auch für ein afrikanisches Land ein Visum zu bekommen, ist für uns ganz einfach. Nach Kenia zum Beispiel: Es kostet ein paar Euro, und schon kann’s losgehen. Urlaub an der Küste des indischen Ozeans. 5 Sterne Standard zu erschwinglichen Preisen.
Für Afrikaner ist das ganz anders. Es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit, nach Deutschland zu reisen. Auch wenn das Geld für ein Flugticket beisammen ist, müssen noch etliche Behördengänge gemacht werden. Ein Visum gibt es nur, wenn eine Einladung aus Deutschland vorliegt. Ohne Schmiergeld ist dieses Visum praktisch nicht zu bekommen. Man muss nachweisen, dass man über ausreichende Deutschkenntnisse verfügt. - Wie wäre das, wenn wir zuerst eine Kiswaheli-Prüfung ablegen müssten, bevor wir die Reise nach Kenia buchen dürften!? Dieser große Unterschied ist mir kürzlich bei einem Aufenthalt in diesem ostafrikanischen Land deutlich geworden.
Mir begegnete dort eine große Reise-Sehnsucht. Auch so etwas wie Neid, dass ich reisen kann, praktisch wohin ich will. Ich habe dann erzählt, dass es vor 20 Jahren in Europa auch nicht selbstverständlich war, zum Beispiel von Ost nach West zu reisen. Er gab die Mauer, den eisernen Vorhang. DDR-Bürger konnten nicht einfach in den Westen. Und so lange ist es auch noch nicht her, dass wir in Europa zwischen den Ländern keine Kriege mehr führen. Wir verdanken es dem entschiedenen Einsatz von Politikern, so wie damals nach dem 2. Weltkrieg. Die Staatsmänner De Gaule und Adenauer verfolgten konsequent die deutsch-französische Versöhnung. Austauschprogramme für die Jugend, für Lehrer, Polizisten und andere Berufe, sorgten dafür, dass wir mehr voneinander erfuhren. Heute ist es unvorstellbar, dass wir gegeneinander Krieg führen. Im Gegenteil, wir sind in Mitteleuropa so zusammengewachsen, dass wir fast wie in einem großen Land leben.
Ich bin dankbar dafür, dass ich eine große Reisefreiheit genießen darf. Ich verstehe die vielen Afrikaner, die versuchen, illegal nach Europa zu gelangen, über’s Mittelmeer oder sonst wie. Sie unternehmen diese lebensgefährliche Reise, weil sie auf ein besseres, friedvolles Leben hoffen. Eine Lebensperspektive, die ihr eigenes Land nicht zu bieten scheint. Warum fällt uns nichts Besseres ein, als viele von diesen Flüchtlingen einfach wieder abzuschieben oder im Meer umkommen zu lassen? Ich wünsche mir und bete darum, dass wir eine bessere Welt schaffen können, in der Reisefreiheit kein exklusiver Luxus für ein paar Wenige bleibt.
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“Kinder sind wie frischer Zement, jeder Eindruck hinterlässt dauerhafte Spuren“ steht groß auf einem Plakat. Es hängt an der Innenseite der Türe in einer Grundschule. Vom Schreibtisch des Rektors aus gut zu sehen. Jeder, der zum Gespräch in diesem Büro war und den Raum verlassen will kann gar nicht anders, als diesen Satz lesen.
Jeder Eindruck hinterlässt einen Abdruck. Wer am Bau arbeitet, kennt das: Der Zement ist gerade frisch eingegossen, er muss nur noch aushärten. Manchmal sind es Kleinigkeiten, ein zufällig herabfallendes Blatt zum Beispiel, aber andere Eindrücke können auch richtig tief sein. Zum Ausglätten ist es zu spät, das Abbinden ist zu weit fortgeschritten. Die Spuren wird man ewig sehen. In der fraglichen Zeit muss die empfindliche Oberfläche des frischen Zements gut geschützt werden. Man kann natürlich auch absichtlich das Datum oder einen Namen einritzen oder die Abdrücke von Händen oder Füßen verewigen.
Kinder sind wie frischer Zement. Alle Erfahrungen hinterlassen in den Kindern dauerhafte Spuren. Es ist eine Mahnung an Lehrer, Eltern, Pädagogen. Es prägt die Kinder nachhaltig, wie wir Erwachsene mit ihnen umgehen, was wir zu ihnen sagen, wie wir sie behandeln. Ob wir sie nur kritisieren, schlecht machen, ihnen nichts zutrauen, oder ob wir sie ermutigen und loben, ob wir glauben, dass sie es schaffen können. Kinder sind wie frischer Zement.
Ich erinnere mich deutlich, was mich als Kind geprägt hat. Verletzt haben mich Abwertungen und Demütigungen. In Mathe hat mich nicht gerade ermutigt: “Du wirst das nie können“. Oder die Bemerkungen ich sei jähzornig und faul: In meiner kindlichen Naivität habe ich tatsächlich damit gerechnet, dass mir irgend ein Körperteil mal abfault.
Ich erinnere mich aber auch ganz genau, dass man mir etwas zugetraut hat, mir auch eine zweite Chance gegeben hat. Mit meiner Trompete habe ich einmal ein Weihnachtskonzert vor lauter Aufregung total verhunzt. Ich wollte im Boden versinken und war todunglücklich. Aber mein Trompetenlehrer hat mich beruhigt: „Das kann passieren, das nächste Mal wird’s klappen, ich weiß, Du kannst es!“
Seit ich das Bild im Kopf habe, “Kinder sind wie frischer Zement, jede Erfahrung hinterlässt dauerhafte Eindrücke“ bin ich noch vorsichtiger und behutsamer im Umgang mit Kindern geworden. Nicht ängstlicher. Aber so wie die Oberfläche von frischem Zement vor unerwünschten Einflüssen geschützt werden muss, so tragen Erwachsene Verantwortung dafür, welchen Schutz sie Kindern bieten und welche Eindrücke die nächste Generation für ihr Leben mitbekommt.
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