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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ostergottesdienst in der Betriebsseelsorge: Erwartungsvoll lauschen die Gäste zu Beginn der leisen, besinnlichen Musik. Da steht plötzlich einer auf, hebt die irdene Bodenvase in die Höhe und zerschmettert sie am Boden. Sie zerspringt unter ohrenbetäubendem Krach in tausend Scherben. Den Leuten fuhr der Schreck in die Glieder. Symbol dafür, was den Jüngerinnen und Jüngern Jesu am Karfreitag zersprungen war: Die Vision vom „Reich Gottes“, verkörpert durch diesen Jesus von Nazareth, auf den sie sich mit Haut und Haaren eingelassen hatten. Der hängt jetzt am Kreuz.
Nun griffen sich die Gottesdienstbesucher eine Scherbe vom Boden und beschrifteten sie mit den Bruchstücken ihres eigenen Lebens: Krankheit und Tod, Trennung und Arbeitslosigkeit, Mobbing und Überforderung war da zu lesen. Niemand, in dessen Leben nicht auch wertvolles „Porzellan“ zerdeppert worden wäre. Gleicht nicht manchmal unser Leben einem einzigen Scherbenhaufen zerschlagener Erwartungen, Hoffnungen und Träume?
Das mühsamste Stück Arbeit stand uns erst noch bevor, nämlich die Scherben mit Hilfe eines Fliesenklebers zusammenzufügen und so der zerbrochenen Vase wieder Form und Gestalt zu geben. Ein kümmerlicher Versuch! Immerhin – es entstand ein Gefäß, das den bunten Osterstrauß aufnehmen konnte, das Symbol für den Auferstandenen. Er, der selbst in seiner irdischen Gestalt zerbrochen wurde, begibt sich hinein in die Bruchstücke unseres Lebens.
Ostern wischt unsere Verletzungen nicht einfach weg. Wer krank ist, wird nach Ostern nicht plötzlich gesund. Wem man die Arbeit aus der Hand geschlagen hat, bekommt sie nicht einfach wieder. Wenn wir jedoch einander die Bruchstücke unseres Lebens hinhalten und sie zusammenfügen, werden sie zum Gefäß, in dem – auch wenn die Bruchlinien noch zu erkennen sind – die Hoffnung blüht.
Möge dieser Osterglaube in uns lebendig bleiben, beteten wir am Ende dieses Gottesdienstes. Der Auferstandene lebt inmitten unserer Gebrochenheit, unserer Halbheiten und Schwächen. Wenn er lebt, so hoffen wir, reißt er auch uns mit in ein neues, ewiges Leben bei Gott.
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Im Morgengrauen des 23. April 1945 – heute vor 64 Jahren – wurde in Berlin ein Trupp politischer Gefangener verlegt, aber unterwegs – angesichts der vorrückenden russischen Front – von einem Sonderkommando durch Genickschuss ermordet. Unter ihnen der Jurist Klaus Bonhoeffer, der ältere Bruder des bekannten Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, den er nur wenige Tage überlebte.
Über ihn war auch Klaus in diesen dunklen Jahren mit dem religiösen und politischen Widerstand gegen Adolf Hitler in Verbindung gekommen. Als Syndikus der Lufthansa nutzte Klaus Bonhoeffer seine intensive Reisetätigkeit und wurde sozusagen zum „Netzwerker“ der Widerstandsgruppen. Bald war auch er in die Attentatspläne des 20. Juli eingeweiht und geriet ins Visier der Gestapo. Nach seiner Verhaftung verurteilte ihn jener unselige Volksrichter Freisler noch im Februar 1945, kurz vor Kriegsende, zum Tode.
Vom überzeugenden Bekennermut und dem aufrechten Gang dieses Märtyrers Klaus Bonhoeffer, der im Schatten seines berühmten jüngeren Bruders kaum wahrzunehmen ist, berichtet ein heimlich aus dem Gefängnis geschmuggelter Papierfetzen: „Ich fürchte mich nicht vor dem Erhängtwerden. Ich möchte lieber sterben, als diese Gesichter nochmal zu sehen. Ich habe den Teufel gesehen, das werde ich nicht mehr los“.
Das sind bittere Worte! Wo selbst die natürliche Furcht vor dem sicheren Tod verblasst, kann man nur erahnen, was dieser Mann in seinen letzten Lebenstagen erfahren und durchlitten hat.
An ihn sei heute an seinem Todestag erinnert. Es darf nicht still werden um diese Zeugen des Widerstands. Wir schulden ihnen, dass ihr Zeugnis lebendig bleibt und uns ihr Beispiel ermutigt zum aufrechten Gang.
Beide Bonhoeffers haben mit Gottes Hilfe im Angesicht des Bösen jene entsetzliche Angst und Ohnmacht überwinden können, von der Dietrich aus dem Gefängnis schreibt: „Die Angst ist ein Netz, das uns der Böse überwirft, damit wir uns verstricken und zu Fall kommen. Wer Angst hat, ist schon gefallen.“
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„Wir gehen vertrauensvoll miteinander um“ - dieser Satz schmückt – fein säuberlich gedruckt und unter Glas – viele Foyers der Unternehmen. Klingt gut, aber was darf denn dieses Vertrauen kosten? In einem Fall war es ganze 1, 30 Euro wert. Diesen Betrag hatte eine Verkäuferin unterschlagen und wurde – nach dreißig Jahren Betriebszugehörigkeit – fristlos gefeuert. In einem anderen Fall wiegt dieses Vertrauen schon mal satte 3, 5 Millionen. Um diesen Betrag – ergänzt noch durch eine saftige Pensionsforderung – klagt derzeit ein Bank-Manager, der sein Institut in den Sand gesetzt hat und deswegen gechasst worden ist. Beide Vorgänge sind übrigens rechtens. So auch die Kündigung eines Bäckereigehilfen, der zwar sein Frühstücksbrötchen ordnungsgemäß bezahlt, aber dieses auf Kosten der Firma belegt hatte.
Gewiss – auch wer nur einen Pfandgutschein unterschlägt, begeht ein Eigentumsdelikt und beschädigt das gegenseitige Vertrauen. Aber wo bleibt die Verhältnismäßigkeit, und wie soll man das glaubwürdig vermitteln?
Viele Menschen, die heute teilweise mit erbärmlichen Verdiensten und stets in Angst um ihren Arbeitsplatz gute Arbeit abliefern, reagieren auf solche Vorgänge empört und verbittert. Jeder Arbeitsvertrag begründet eine Rechtsbeziehung auf Vertrauensbasis. Wie verträgt sich das aber mit schamlosen Bespitzelungen und heimlich geführten Krankenakten? Wird diese Basis nicht unterminiert, wenn man über Nacht Fabriken leer räumt?
Eines ist sicher: Wo das gegenseitige Vertrauen zwischen Arbeitenden und ihren Arbeitgebern in den Keller geht, zahlen am Ende alle drauf. Wer mit Unlust zur Arbeit geht, leistet allenfalls „Dienst nach Vorschrift“. Das klingt nicht sehr produktiv! Und geht erst mal die Saat des Misstrauens auf, wächst nur noch Unkraut auf dem Acker!
„Vertrauen ist für alle Unternehmen das größte Betriebskapital“, meinte der Theologe und Urwalddoktor Albert Schweitzer. Auch heute, an diesem ganz gewöhnlichen Arbeitstag, heißt es wieder, goldgerahmte Unternehmensleitsätze in die betriebliche Wirklichkeit umzusetzen!
Daher rufe ich den Beschäftigten ebenso wie ihren Arbeitgebern zu: Geben Sie einander Vertrauensvorschuss! Investieren Sie in Vertrauen! Ich bin mir sicher: Das ist keine Spekulationsblase, sondern eine stabile Leitwährung.


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Weinend sitzt sie vor mir, die kleine, italienische Mutter, alleinstehend und arbeitslos seit vielen Jahren. Warum hat sie nur versäumt, dem Job-Center die Lohnerhöhung ihres Sohnes bekannt zu geben, der bei ihr im Haushalt wohnt? Nun kämpfen sie beide mit einer Rückzahlung von eintausend Euro, die sie, wie es im schönen Amtsdeutsch heißt, zu Unrecht bezogen haben.
Milliardenschwer spannt man in diesen Tagen „Rettungsschirme“ über „notleidende Banken“, aber die „Witwen und Waisen“ lässt man im Regen stehen. Mit 18 Milliarden Euro wurde eines dieser maroden Geld-Institute wieder flott gemacht. Das ist dieselbe Summe, die sich in einem Jahr fünf Millionen „Hartz IV-Empfänger“ teilen müssen.
„Gnadenlos gerecht“, jubelte damals bei der Einführung des „Arbeitslosengeldes II“ ein Politiker. Tatsächlich – diese Gnadenlosigkeit haben inzwischen Millionen von Betroffenen zu spüren bekommen, auch diese italienische Witwe und ihr Sohn, die nun die „zu Unrecht bezogene Leistung“ in monatlichen Raten abstottern müssen.
Die Bibel geht mit sozialer Gerechtigkeit schonender und sorgsamer um. So zum Beispiel ist die Nachlese bei der Getreideernte für die Armen bestimmt. „Wenn du einen Ölbaum abgeklopft hast“, heißt es im 5. Buch Mose im Alten Testament (22, 20), „sollst du nicht auch noch die einzelnen Zweige absuchen. Was noch hängt, soll Fremden, Waisen und Witwen gehören“. Das war „Hartz IV“ im Volk Israel – unbürokratisch, praktisch, gut.
Missbrauch von Sozialleistungen ist auch angesichts der kriminellen Machenschaften an den Kapitalmärkten nicht zu beschönigen. Wie aber soll man heute den Ärmsten in der Gesellschaft vermitteln, dass sie mit aller Härte drangsaliert werden, während man Milliarden in Banken und Unternehmen pumpt und ihren Managern noch satte Abfindungen hinterher wirft? Sind das nicht auch „zu Unrecht bezogene Leistungen“?Das passt schlecht zusammen.
Wir wären gut beraten, in dieser Krise auch die Armen und Arbeitslosen unter den Schirm zu nehmen. Dabei geht es ja gar nicht nur um höhere Richtsätze, sondern vielmehr auch um berufliche Förderung und Qualifizierung. Sollte das gestrandete Schiff der Weltwirtschaft wieder flott kommen – und das bleibt zu hoffen, bedarf es einer hoch motivierten und fähigen Mannschaft, sonst säuft der Kahn endgültig ab.
Gerade in der Krise wäre es ein Gebot der Gerechtigkeit und der ökonomischen Vernunft, in „man power“ zu investieren.

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Das ist heute ein trauriger Tag im kleinen Städtchen Littleton im amerikanischen Colorado. Vor zehn Jahren massakrierten zwei Schüler der „Columbine Highscool“ zwölf ihrer Mitschüler und einen Lehrer, ehe sie sich selbst erschossen. Daran zu erinnern, tut weh. Umso mehr, als sich nun diese schreckliche Blutspur über Erfurt und Emsdetten bis nach Winnenden verlängert hat.
Auch diese Amokschützen damals trugen verhängnisvolle Bilder in ihren verwirrten Köpfen. Auch sie hatten zuvor in ihrer Freizeit an ihren Computer-Konsolen massenhaft Menschen zur Strecke gebracht. Nicht auszuschließen, dass dieser Kick aus Spielern echte Killer machte. Inzwischen weiß man, dass die US-Armee mit solchen Gewalt-Videos ihre GI´s für den Ernstfall trimmt, um die Hemmschwellen für gezieltes Töten abzusenken. Auf jeden Fall stürmten die beiden Jugendlichen zielgerichtet aus ihrer virtuellen Welt hinein in die reale Welt ihrer Schule, um dort ein verheerendes Blutbad anzurichten.
Soviel steht fest: Eine Gesellschaft, die die Schwächsten nicht vor solchem Schwachsinn und sich selbst nicht vor diesen Schwächsten schützt, hat versagt. Allein schon der Verdacht, dass Killerspiele labile Gemüter zur Tat animieren könnten, gebietet eindringlich politisches Handeln. Killer-Monster haben nichts im Netz und auf Festplatten zu suchen. Und das haben auch die vermeintlich Stärkeren, die das angeblich so lässig wegstecken, gefälligst zu akzeptieren. Sie werden diesen Verlust wohl verschmerzen. Wann aber wird sich die Politik endlich beschämt eingestehen, dass sie unter dem Vorwand der „Meinungsfreiheit“ die „Medienvielfalt“ einfach in die Zügel schießen ließ, statt sie an die Kandare zu nehmen?
Gewiss – man darf nicht allein Teile der Medien für die steigende Gewaltbereitschaft verantwortlich machen. Vielleicht hat unsere Gesellschaft generell das falsche Programm geladen. Im „Raubtier-Kapitalismus“ unserer Tage wird jungen Menschen doch ständig vor Augen geführt, dass nur die Abgebrühten und Gerissenen überleben. Hyänen sind nun mal keine Kuscheltiere.
Es wird Zeit, uns neu auf Menschlichkeit zu besinnen. An einem so gewöhnlichen Tag wie heute entscheidet es sich, wie wir in der Schule und am Arbeitsplatz, in Nachbarschaft und Familie miteinander umgehen. Ob wir die offen oder heimlich geballten Fäuste auftun und uns – wie bei der beeindruckenden Trauerfeier in Winnenden – die Hände reichen. Ob wir Fronten bilden oder Kreise schließen.

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In den katholischen Gottesdiensten wird heute ein Text aus dem Neuen Testament vorgelesen, der schon so manchen auf die Nerven ging. Die Apostelgeschichte beschreibt das Leben der ersten Christengemeinde in Jerusalem: „Die Gemeinde der Gläubigen“, heißt es da, „war ein Herz und eine Seele. Keiner nannte etwas von dem, was ihm gehörte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam... Alle, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften ihren Besitz... Jedem wurde soviel zugeteilt, wie er nötig hatte.“ (4, 32, 34-35).
Klingt das nicht nach DDR und „Kommunistischem Manifest“? Hat nicht gerade der Kommunismus das Privateigentum bekämpft und zwangsweise Gütergemeinschaft verordnet? Und ist er letztlich nicht daran gescheitert? Der „ur-christliche Kommunismus“ hingegen war auf Freiwilligkeit gegründet und lud einfach dazu ein, anders zu leben. Auch das ging übrigens gründlich daneben. Ein vermögendes Ehepaar, so berichtet die Apostelgeschichte weiter, suchte sein Heil in einer Art Doppelstrategie. Hananias und seine Frau verkauften einen Acker, brachten aber nur einen Teil des Erlöses in die Gemeinde ein und behielten den Rest für sich. Das wars dann wohl...
Nicht ganz! Denn die faszinierende Idee, dass allen alles gemeinsam gehört, ist seitdem nicht mehr totzukriegen. Sie lebt immer mal wieder putzmunter auf in geistlichen Gruppen, in klösterlichen Gemeinschaften und Kommunen aller Art. Da gibt es weder Reiche noch Arme. Alle genießen die Früchte eines bescheidenen, aber doch auskömmlichen Lebens jenseits von Habgier und verzehrender Sorge um das Morgen.
Klar - politisch ist das Modell der Gütergemeinschaft kaum zu realisieren. Da bleibt uns nur die Annäherung auf den beiden bekannten Wegen, nämlich dem der „Barmherzigkeit“ und dem der „Gerechtigkeit“. Eigentlich sind die beiden gar nicht voneinander zu trennen.
Christinnen und Christen in aller Welt verbinden daher die Werke der Barmherzigkeit mit dem Kampf um soziale Gerechtigkeit. Sie engagieren sich in Vesperkirchen und Tafelläden, vergessen dabei aber nicht, politisch für eine neue Verteilungsgerechtigkeit einzutreten. Denn da zählt unser Land nicht gerade zu den Glanzlichtern. Zehn Prozent der reichsten Haushalte verfügen inzwischen über 61 % des gesamten Volksvermögens. Mit der Sozialverpflichtung des Eigentums – im Grundgesetz verankert – scheint es nicht weit her! Ich meine, es wäre die erste und vornehmste Aufgabe der Politik, für sozialen Ausgleich zu sorgen, damit alle gut zu leben haben.
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