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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Was schenkt man zur Konfirmation? Inzwischen fragen Eltern und Paten schon in Inter-netforen um Rat. Was schenkt man einem 14 jährigen Jungen oder Mädchen? Die klassi-schen Geschenke waren früher ein Gesangbuch oder eine Bibel, feine Taschentücher, ei-ne goldene Uhr oder ein Fahrrad, für Mädchen gern auch ein erster Anfang für die Aus-steuer: Tischdecken, Geschirrtücher, Bettwäsche. All das ist heute entweder total uncool oder unnötig. Oder die Konfirmanden haben es schon.
Deshalb schenken die Konfirmationsgäste meistens Geld. Und die Konfirmierten freuen sich darüber wirklich – haben manchmal schon Pläne für ein neues Schlagzeug, ein Mofa, einen PC. Trotzdem möchte ich Ihnen heute Morgen noch eine weitere Idee weiter geben. Verschenken Sie doch zur Konfirmation Zeit! Natürlich nicht einfach so und dann weiß man nicht recht, was miteinander anfangen. Aber vielleicht können Sie ja mit dem Kon-firmanden oder der Konfirmandin in ihrer Familie auch nach der Konfirmation ab und zu was unternehmen? Für Eltern und Patinnen und Paten ist das eine gute Möglichkeit, finde ich. Wie wäre es mit fünfmal gemeinsam Kino? Oder: Vielleicht gibt es ja in Ihrer Stadt oder in der Umgebung eine große Veranstaltungshalle? Schauen Sie doch mal, was es dort für ein Programm gibt. Vielleicht kommt demnächst irgendein Star, der für Ihr Pa-tenkind interessant ist? Oder: wie wäre es, ab und zu gemeinsam zum Fußball zu gehen, zum Basketball oder Handball? Vielleicht erkundigen Sie sich mal, wofür bei Ihrem Paten-kind das Herz schlägt? Wichtig scheint mir allerdings: es sollte etwas sein, das dem Kon-firmanden gefällt bzw. der Konfirmandin, nicht, was Sie richtig oder wichtig finden. Wenn Sie dann mitgehen, lernen Sie den jungen Menschen vielleicht ein bisschen näher kennen – und sie kommen ins Gespräch über das, was sie miteinander erlebt haben.
Eine besondere Idee für Patinnen und ihre Patentöchter bietet das Stift Urach an: „Well-ness für Konfirmierte“ heißt das. Ein Wochenende lang können Patin und Konfirmandin die Seele baumeln lassen, lange schlafen, gemütlich frühstücken, schwimmen, spazieren gehen, kreativ sein. Es gibt Anregungen, zu überlegen, wie es nach der Konfirmation weitergehen kann, wenn für die Konfirmierten eine neue, spannende Zeit anfängt. Und einen gemeinsamen Gottesdienst gibt es auch. (Infos: 07125/9499-0 bzw in-fo@stifturach.de)
Zur Konfirmation Zeit verschenken, damit auch danach etwas bleibt. Ich finde, das ist eine gute Idee.

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Etwas Verrücktes machen, manchmal tut das gut. Manchmal brauche ich das für mich selbst, um zu spüren, wie lebendig und bunt das Leben sein kann. Im Alltag vergesse ich das manchmal. Etwas Verrücktes machen – vor allem tut das anderen gut, wenn ich es für sie mache.
Was verrückt ist, das kommt immer darauf an, was man für normal hält. Für manche ist es schon verrückt genug, sich einen Blumenstrauß zu kaufen oder einen mitzubringen – wo sie das doch schon seit Jahren nicht mehr getan haben. Aber ich habe einen Freund, der bringt jeden Freitag einen Blumenstrauß mit nach Hause: der findet das gar nicht verrückt, sondern ganz normal, vielleicht beinahe schon alltäglich. Verrückt wäre viel-leicht auch eine neue, bisschen ausgefallene Frisur, eine neue Haarfarbe, 2 Tage Urlaub aus heiterem Himmel, um die Tochter zum Geburtstag überraschen zu können. Was ver-rückt genug ist, damit man es spürt, das kommt ganz darauf an.
Ziemlich verrückt war die Idee einer Frau, von der die Bibel erzählt. Die kauft eine Fla-sche mit kostbarem parfümiertem Pflegeöl und salbt Jesus damit die Füße. Vor allen Leu-ten, mitten in einer großen Gesellschaft. Das war für sie die einzige Gelegenheit, so was zu tun. In der staubigen Hitze Palästinas war das sicher eine Wohltat, wenn man den ganzen Tag in Sandalen unterwegs ist. Die Frau wollte Jesus damals zeigen, wie viel er ihr wert war. Und sie wollte ihm gut tun. Offensichtlich hat er das verstanden. Denn als ein paar Vernünftige meckern und sagen: das ist doch verrückt! Hätte die nicht mit dem Geld etwas Vernünftiges tun können! Da nimmt Jesus die Frau in Schutz: Sie hat mir gut getan. Was „Vernünftiges“ kann sie immer tun. Dies war jetzt schön. Merkt euch das! Hat er ausdrücklich dazu gesagt. Vielleicht hat er gewusst, dass es vielen vernünftigen Men-schen schwer fällt, mal was Verrücktes zu machen. Manche kommen einfach gar nicht auf so eine Idee. Schade eigentlich. Tut doch so gut!
Jesus selbst hat später für seine Jünger was Ähnliches gemacht – hat ihnen die Füße ge-waschen. Verrückt eigentlich. Das kann ich nicht annehmen hat einer der Männer gesagt. Und Jesus hat ihm klar gemacht: wer zu mir gehört, der braucht das. Das ist wichtig für unsere Beziehung, würden wir heute vielleicht sagen. Also lass es dir ruhig gefallen.
Wer etwas Verrücktes macht, womöglich für einen anderen, der zeigt, wie wichtig ihm der andere ist. Und das tut gut. Vielleicht probieren Sie’s mal aus. Heute, am Frühlings-anfang ist ein guter Tag dafür.
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Hoffentlich sieht mich keiner, denke ich manchmal, zum Beispiel wenn ich ins Kino gehe um den neuesten James Bond Film zu sehen. Ich finde James Bond Filme klasse, ich ha-be sie alle gesehen. Aber im Kino bei James Bond möchte ich nicht erwischt werden. Ir-gendwie käme ich mir bloß gestellt vor mit dieser Vorliebe. Was würden die Leute den-ken, die mich da sehen zwischen den halbstarken Jugendlichen? James Bond Filme gucke ich am liebsten da, wo ich mich verstecken kann, irgendwo im Multiplexkino in einer fremden Stadt. Wo mich keiner kennt.
Ich bin sicher, dass das nicht nur mir so geht. Ich vermute, dass viele Menschen solche Eigenarten haben, bei denen sie nicht erwischt werden möchten. Wie Adam und Eva im Paradies. Die haben sich auch versteckt, als sie plötzlich bemerkt haben, wie nackt sie sind. Und fanden, dass das ein Grund ist, sich zu schämen. So sollte sie niemand sehen. Dabei war doch nichts dabei. Gott hatte sie so geschaffen. Aber sie wollten sich so nicht sehen lassen. Konnten nicht zu dem stehen, wie sie waren. Schämten sich dafür. Und haben sich versteckt.
Ich weiß, wie das ist, wenn man Angst hat, dass einen jemand sieht. Das Leben ver-kümmert, wenn man sich verstecken muss mit seinen Vorlieben und Schwächen, mit sei-nen Bedürfnissen und Eigenarten. Dabei ist das mit dem Kino ja eine Kleinigkeit. Es gibt Menschen, die meinen, sie müssten viel mehr von sich verstecken.
Die Bibel erzählt dann, dass Gott seine Menschen sucht. „Adam, wo bist Du?“ (Gen 3, 9) fragt er. Und man begreift, das ist keine Kontrollfrage: „Wo bist du, was machst du denn da?“ Gott macht sich wirklich Sorgen. Denn als er sie findet, die beiden Menschen, die sich nicht ok finden können, da macht er ihnen Kleider. Kleider, damit sie sich nicht schämen müssen. Und man begreift: schlimm ist nicht, dass sie nackt sind. Schlimm ist, dass sie angefangen haben, einzuteilen. Das ist gut – das ist schlecht. Sie haben gelernt zu unterscheiden und nun machen sie Unterschiede. Teilen selber ein, was sie richtig fin-den und was falsch. Und finden eben: nackt ist schlecht. Deshalb schämen sie sich. So wie ich finde: Effi Briest im Kino wäre gut, Die Buddenbrooks auch – aber James Bond ist irgendwie verkehrt. Nicht das richtige. Was werden die Leute denken?
Wo bist Du? Die uralte Frage Gottes an seine Menschen erinnert mich: ich muss mich nicht verstecken mit meinen Vorlieben und Eigenarten. Solange sie niemand anderem schaden, muss ich mich auch nicht schämen für meine Ticks und Macken. So bin ich e-ben. Das gehört zu mir. Warum also soll ich nicht zugeben: Ja, ich bin Fan von James Bond. Und ich freue mich schon auf den nächsten Film

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In Karlsruhe ein Fan vom VFB Stuttgart zu sein, das ist nicht einfach, sagt man mir. Da muss man sich manche blöde Bemerkung anhören. Und umgekehrt ist es vielleicht noch schwieriger.
Was also tun? Viele, nehme ich an, werden einfach gar nichts tun. Nichts sagen. Es muss ja niemand merken, für welchen Verein mein Herz schlägt. Geht ja keinen was an und ich habe meine Ruhe. Aber so richtig zu Hause sein kann man dann nicht, glaube ich. Ir-gendwie bleibt das Leben grau und farblos, wenn ich verstecken muss, was zu mir gehört und was mir wichtig ist. Und für manche ist Fußball ja ein sehr wichtiger Teil ihres Le-bens.
Wahrscheinlich würde das Leben farbiger und bunter, wenn man in solchen Situationen den Mut hätte, Farbe zu bekennen. Ich bin für die Roten aus Stuttgart. Oder eben für die Blauen aus Karlsruhe.
Farbe bekennen, damit das Leben nicht farblos wird und mit der Zeit irgendwie leblos wird.
In einer viel schwierigeren Situation hat der Abraham das auch nicht gekonnt: Farbe be-kennen. Konnte nicht sagen, was eigentlich los ist, weil er Schwierigkeiten befürchtete. Er kam mit seiner Frau und großem Clan in ein fremdes Land, in seinem Fall nach Ägyp-ten. Seine Frau war schön, erzählt die Bibel. Und Abraham, offenbar kein großer Held, befürchtet Schwierigkeiten. Dass ein Herrscher den unbequemen Ehemann aus dem Weg schafft um die Frau für sich zu haben, das war damals keine Seltenheit. Da macht Abra-ham seiner Frau einen Vorschlag, der für unsere Ohren mehr als gewöhnungsbedürftig ist: „Lass uns doch sagen, du seist meine Schwester,“ schlägt er ihr vor, „damit wir keine Schwierigkeiten kriegen“ (Gen 12, 10ff). Genauer: „damit ich keine Schwierigkeiten krie-ge“. Es dauert nicht lange, da wird Sarah auch wirklich in den Harem des ägyptischen Königs geholt. Ich will gar nicht darüber nachdenken, wie sie das gefunden hat. Dazu kommt: es gedeiht nichts mehr in diesem Land. Für keinen. Das Leben verkümmert. Und als die Wahrheit herauskommt, zeigt sich: Abrahams ängstliches Versteckspiel wäre gar nicht nötig gewesen. Seine Ängste waren offenbar unbegründet.
Manchmal ist es wichtig, Farbe zu bekennen, damit das Leben gut werden kann: Ja, ich bin Fan vom KSC! Ja, ich glaube an Jesus Christus, ja, ich gehe sonntags zur Kirche – na und?? Meine Erfahrung ist: Wenn man zu dem steht, was einem wichtig ist, findet das meistens Verständnis und sogar Anerkennung. Ich kenne einen VFB Anhänger, der hat viel Spaß in seinem Büro in Karlsruhe, seit er sich auf die Frozzeleien seiner Kollegen tap-fer und humorvoll einlässt. Die wissen jetzt: der ist wie wir. Der hat ein Herz für den Fußball. Das schlägt für die Roten. Und das ist gut so.
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Missstände zu beklagen ist leicht: „Immer mehr Kinder haben Übergewicht. Die bewegen sich nicht genug“ Sich zu ärgern und Grundsatzreden zu halten ist einfach: „Die Jugend wird immer bequemer. Kein Wunder, wenn sich die Eltern um nichts kümmern.“ Aber von klugen Analysen und scharfer Kritik wird am Ende nichts besser.
„Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert!“ hat dagegen Gustav Werner gesagt. In der vergangenen Woche hat man in Reutlingen seinen 200. Geburtstag gefeiert. Gustav Wer-ner ist der Begründer der Bruderhaus-Diakonie. Das ist heute eine große, weit verzweigte Einrichtung mit Behindertenwerkstätten und Wohneinrichtungen, mit Altenheimen und Möglichkeiten für die Jugendhilfe.
Gustav Werner selbst, 1809 in Zwiefalten geboren, hatte Theologie studiert und predigte als junger Vikar in der Nähe von Reutlingen. Der Glaube ist nichts, worauf man sich aus-ruhen könnte, wahrer Glaube wird tätig, hat er gepredigt. Wahrer Glaube kümmert sich um die, die sich von Gott und der Welt verlassen fühlen.
Aber Gustav Werner konnte und wollte es nicht bei Sonntagspredigten belassen. „Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert!“ er machte Ernst damit. Ihm waren die Waisenkinder in seiner Gemeinde aufgefallen. Niemand kümmerte sich um sie. Gustav Werner tat es. Als die Mutter von 6 Kindern starb, nahm er selbst ein Kind auf und bewegte andere, die übrigen Kinder in ihren Familien aufzunehmen. 1840 gab er seinen Beruf als Pfarrer auf und zog er mit 6 Waisenkindern und Helferinnen nach Reutlingen, 10 Jahre später leben schon 90 Kinder und Hilfsbedürftige zusammen. Gustav Werner gründete Fabriken, in denen seine Zöglinge Arbeit fanden. Gottlieb Daimler war für ein paar Jahre sein Werk-stattleiter. Der Waisenjunge Wilhelm Maybach erhielt in Reutlingen bei ihm seine Ausbil-dung. Mit Daimler zusammen arbeitete er später an der Erfindung des Automobils.
„Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert.“ Gustav Werner hatte sich entschlossen, nicht bloß Missstände zu beklagen und Sonntagsreden zu halten. Er hat es gewagt, etwas zu tun. Er hat nicht gefragt, ob er das schaffen kann, nicht gefragt, ob das nicht auch ande-re tun könnten. Er hat begriffen: Einer muss es tun. Einer muss den Anfang machen. Und er hat viele gefunden, die ihn dann unterstützt haben.
„Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert!“ Missstände beklagen und sich ärgern ist leicht. Besser wäre es, etwas zu tun: Vielleicht eine Turngruppe für Kindergartenkinder anzubie-ten oder als Trainer im Sportverein mitzumachen. Das hat einen Wert und die Kinder müssen nicht so dick werden und die Jugendlichen haben jemanden, der für sie da ist
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Wie wird es mit mir zu Ende gehen? Viele Menschen machen sich Sorgen um die letzte Phase ihres Lebens. Werde ich einmal zu Hause sterben können oder wird man mich ins Krankenhaus bringen? Werden dann Menschen bei mir sein, mir beistehen und Kraft ge-ben?
Wie soll es mit mir zu Ende gehen? Solche Fragen machen Angst. Deshalb versuchen vie-le, sie zu verdrängen: Noch ist es ja nicht so weit. Darüber denke ich später nach, wenn es soweit ist. Noch schwieriger ist es, darüber zu sprechen. Ich will doch den anderen das Herz nicht schwer machen. Wir wollen nicht daran denken, dass wir eines Tages nicht mehr beieinander sein könnten.
Manche füllen eine Patientenverfügung aus. Da kann man festlegen, welche medizini-schen Maßnahmen man haben möchte am Ende des Lebens und welche nicht – soweit man das überhaupt festlegen kann. Man weiß ja eben nicht, was kommt und wie es wird. Allerdings wird die von den behandelnden Ärzten dann nicht in jedem Fall akzeptiert, wenn es soweit ist. Dafür mag es Gründe geben, der Bundestag arbeitet jetzt an einem Gesetz, dass da für mehr Sicherheit sorgen soll.
Aber die Unsicherheit bleibt und die Angst auch. Was aber kann man tun?
Ich meine, am wichtigsten ist Reden. Von der eigenen Angst reden. Von dem, was ich möchte. Womöglich auch von dem, was ich glaube. Damit die anderen wissen, wie ich denke. Damit sie das weitergeben können, wenn ich nicht mehr selbst für mich reden und entscheiden kann. Man kann mit den Kindern reden, mit Freunden oder Bekannten, mit einem Pfarrer oder einer Pfarrerin. Reden, damit Vertrauen wachsen kann: es sind Menschen da, die werden mir beistehen. Die wissen, was ich gewünscht habe. Nur, wenn ich mit meinen Kindern rede, können sie mir sagen: wir werden versuchen, in deinem Sinn zu handeln. Wir werden dich nicht allein lassen. Du kannst Dich auf uns verlassen. Reden hilft auch gegen die Angst, am Ende niemanden zu haben. Wer redet, kann andere bitten: Bleib bei mir. Rede für mich, wenn ich es nicht mehr kann.
Eine Patientenverfügung kann helfen das festzuhalten, was man besprochen hat. Auf den Internetseiten der Kirchen zum Beispiel können Sie Formulare finden. (www.ekd.de/patientenverfuegung/cpv_2.html)
Aber wichtiger ist, miteinander zu reden. Vielleicht geben Sie sich einen Ruck, auch wenn es schwer fällt davon anzufangen. Denn wenn man vom Sterben gesprochen hat, kann man leichter leben.
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„Eigentlich“ ist eigentlich ein schreckliches Wort. Für mich jedenfalls. Denn eigentlich er-innert mich an all das, was nicht so läuft, wie es soll. Eigentlich sollte ich weniger Auto fahren – das würde der Umwelt mehr nützen als die Grüne Plakette auf der Windschutz-scheibe. Eigentlich wollte ich mich nicht mehr ärgern über die blöde Kollegin. Eigentlich sollte ich weniger fernsehen und die gewonnene Zeit mit anderen Menschen verbringen… Aber… es gibt viele Gründe, es anders zu machen. Bloß: eigentlich weiß ich, dass ich da-mit nur meine Kompromisse und meine Schwächen entschuldige.
Jesus war anscheinend gegen Kompromisse. Das musste ein Mann erfahren, der sich ihm anschließen wollte. Aber vorher wollte er das seiner Familie erklären und sich verab-schieden. Dem hat Jesus gesagt: „Wer seine Hand an den Pflug legt und zurückschaut, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lk 9, 62) Keine Kompromisse also für die, die in Gottes neue Welt gehören wollen. Kein „eigentlich sollte ich…“ wenn man ernst machen will mit dem Glauben.
Aber halt! Vielleicht gilt das ja erst für Gottes Reich, für Gottes neue Welt, die irgend-wann kommt, aber eben jetzt noch nicht ist? Da nehmen die Menschen Anteil am Schick-sal der anderen und keiner bleibt allein. Da muss keiner mehr traurig sein und keiner wird für sein Recht kämpfen müssen.
Bloß: unsere Welt ist leider nicht das Paradies und auch nicht das Reich Gottes. Und Menschen sind keine Engel. Und können und müssen auch keine werden. Jedenfalls nicht jetzt gleich und schon gar nicht aus eigener Kraft.
Mir scheint deshalb: Eigentlich ist doch kein so schreckliches Wort, denn „eigentlich“ hält die Erinnerung wach. Die Erinnerung, dass es anders und besser sein kann. Eigentlich hält die Fragen wach: warum geht es jetzt im Moment eigentlich nicht anders? Warum kann ich die Auseinandersetzung mit der Kollegin eigentlich nicht endlich klären? Warum kann ich nicht auf die Bahn umsteigen und CO2 vermeiden? Es kann ja sein, dass es da-für gute Gründe gibt. Dass es nicht anders geht – eben weil die Welt ist, wie sie ist und eben nicht das Paradies. Es könnte aber ja auch sein, dass ich bloß zu bequem bin. Mich rausreden will mit dem Hinweis auf scheinbare Vernunftgründe und Sachzwänge.
Wie der Mann reagiert hat, dem Jesus keinen Kompromiss gestatten wollte, das erfährt man in der Bibel übrigens nicht. Mich hat seine Geschichte jedenfalls daran erinnert, wie das mit dem eigentlich ist. Vielleicht kann ich das ja versuchen: öfter mal tun, was ei-gentlich gut wäre. Damit die Welt ein bisschen besser wird.
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