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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Ich glaube nicht mehr an die Zeitung“, hat mein kleiner Sohn neulich enttäuscht beim Frühstück gesagt. Er kann noch nicht lesen, aber er interessiert sich sehr für diese kleinen Symbolen und Temperaturangaben, mit denen auf der Titelseite unserer Zeitung das Wetter vorausgesagt wird. Aber dann war das wirkliche Wetter einige Tage lang völlig anders. Und dadurch wurde das Vertrauen meines Sohnes in den Wetterbericht zutiefst erschüttert. Deshalb: „Ich glaube nicht mehr an die Zeitung“.

Viele Menschen verlieren den Glauben an Gott aus einem ganz ähnlichen Grund. „Ich glaube nicht mehr an Gott“ - hinter diesem Satz kann auch die Erfahrung stecken: „Gott stellt doch denen, die ihm vertrauen, ein zufriedenes und erfülltes Leben in Aussicht. Aber die Wirklichkeit meines Lebens sieht doch ganz anders aus!“ Diese Erfahrung ist dann besonders schmerzlich, wenn Menschen von einem Schicksalsschlag getroffen werden. Wie passt das damit zusammen, dass in der Bibel so viel von Gottes Liebe und Fürsorge die Rede ist? Klaffen Versprechen und Wirklichkeit hier nicht weit auseinander?

Manche Christen versuchen diese Lücke zwischen Versprechen und Realität dadurch zu überbrücken, dass sie einfach ihre Erwartungen an Gott zurückschrauben. Nach der Devise: Wenn ich mir nicht zu viel erwarte, kann ich auch nicht enttäuscht werden. - Ich muss gestehen, auch mir selbst liegt dieser Gedanke ziemlich nahe. Aber dann fällt mir zum Glück meistens ein Satz Martin Luthers ein. Er hat gesagt: „Glaube heißt, Gott nicht für einen Lügner halten“. Und dann versuche ich, meine Erwartungen an Gott nicht auf ein Minimum zurückzufahren, sondern ihn beim Wort zu nehmen, auch wenn er Großes verspricht.

Ich denke, wenn mein Vertrauen in Gottes Glaubwürdigkeit manchmal erschüttert wird, dann liegt das nicht so sehr daran, dass ich zu viel erwarte, sondern daran, dass ich das Falsche erwarte. Was verspricht Gott und was verspricht er nicht? Er verspricht seinen Menschen kein leichtes oder sorgenfreies Leben, er verspricht ihnen kein Leben ohne Schicksalsschläge und ohne trostlose Zeiten. Aber er verspricht, dass er in all dem ganz nahe bei ihnen ist, dass er sie in seiner Hand hält, auch wenn sie das vielleicht gar nicht merken, und dass er am Ende – vielleicht manchmal erst ganz am Ende - alles gut machen wird. Das finde ich eine ganz Menge, und dabei möchte ich Gott auch weiterhin beim Wort nehmen.
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In schwierigen Situationen bin ich oft unruhig und aufgeregt. Wenn ich zum Beispiel in einer Klasse unterrichten muss, die mir das Leben schwer macht. Oder früher im Pfarramt, wenn ich einen viel zu früh verstorbenen Menschen bestatten musste. Oder wenn ich zu einem festgelegten Termin irgendeine schwierige Aufgabe erledigen muss und in Zeitdruck gerate. Bei anderen Menschen sind es bestimmt andere Situationen, aber ich denke, fast jeder kennt dieses innere Aufgewühltsein.

In einer ziemlich kniffligen Situation befanden sich auch die Israeliten zur Zeit des Propheten Jesaja. Die damalige Weltmacht Assyrien bedrohte das kleine Land und versetzte die Menschen in helle Aufregung. Unruhig und aufgeregt überlegten der König und seine Berater hin und her, wie sie mit der brenzligen Lage fertig werden sollten, ich vermute sie hatten manche schlaflose Nacht.

In diese Situation hinein lässt Gott den Menschen durch den Propheten Jesaja ausrichten: „Wenn ihr (…) still bliebet, dann würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.“ (Jesaja 30,15).

Still sein, ruhig werden in einer bedrohlichen Lage. Ich denke, das ist ein guter Rat. In der Stille kann ich mich sammeln und meine Gedanken ordnen. Das ist wichtig, damit ich überlegen kann, wie ich dem, was auf mich zukommt am besten begegne. Die Stille ist aber auch die Voraussetzung dafür, auf Gott zu hören und ihm zu begegnen. Seine Stimme wird von der Unruhe in mir oft übertönt. Ich muss erst zur Ruhe kommen, um sie hören zu können.

Wenn ich so in der Stille Gott begegne, dann begreife ich, dass ich die schwierige Aufgabe oder die unangenehme Situation, die vor mir liegt nicht allein bewältigen muss. Ich kann darauf vertrauen, dass Gott mich unsichtbar begleitet. Das hat mir schon oft geholfen. Die Gegenart Gottes rückt die Dinge oft auch wieder ins rechte Verhältnis. Was mir wie ein Berg bevorsteht, verliert dann ein Bisschen von seiner bedrohlichen Größe. Und ich mache mir bewusst, dass es da noch jemand anderen gibt, der sich um mich kümmert. Dass ich nicht für alles alleine sorgen muss.

Eigentlich ist das eine Erfahrung, die mir nicht nur in Krisenzeiten gut tun würde. Manche Menschen reservieren sich deshalb jeden Tag einige Minuten für so eine Begegnung mit Gott. Fünf Minuten, meistens morgens, in denen sie einen kurzen Abschnitt in der Bibel lesen, Beten und ruhig werden vor Gott – „Stille Zeit“ nennen sie das.
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Heute ist für die Narren ein ganz wichtiger Tag, der Schmotzige Dunnschtig - hochdeutsch „Schmutziger Donnerstag“. Am „Schmutzigen Donnerstag“ geht die Schwäbisch-alemannische Fasnet in ihre heiße Phase. Es ist die Zeit der Umzüge, der Verkleidungen und Masken. Wenige Tage im Jahr in eine Rolle schlüpfen, ein ganz anderer sein, als man es sonst ist, unter dem Schutz der Maske unerkannt tun und lassen können, was man sonst nicht kann – ich denke, das macht für viele Narren den Reiz des Maskierens aus.

Interessant finde ich, dass das Wort „Person“, seinem Ursprung nach auch „Maske“ bedeutet. Darin steckt für mich eine tiefe Wahrheit: In gewissem Sinn maskieren wir Menschen uns nicht nur in der Zeit zwischen Schmotzigem Dunnschtig und Aschermitttwoch, sondern eigentlich immer und auch dann, wenn wir mit Fasnacht und Fasching eigentlich gar nichts am Hut haben. Person-Sein, Mensch-Sein heißt eine Maske tragen: Eine Außenseite, die ich den anderen zeige, unter der sich eigentlich aber ein ganz anderer verbirgt.

Dabei haben Menschen ganz unterschiedliche Masken im Repertoire. Den Arbeitskollegen zeige ich ein anderes Gesicht als meiner Familie und meinen Freunden wieder ein anderes als meinem Chef. Meistens versuche ich durch meine Masken ein möglichst gutes Bild von mir abzugeben und meine negativen Seiten, meine Schwächen und schlechten Gewohnheiten darunter zu verbergen.

Das ist allerdings ziemlich anstrengend und im Grunde sehnt sich wohl jeder Mensch danach, seine Masken auch einmal fallen lassen zu können. Mir jedenfalls geht es so, dass ich mich unter Menschen am wohlsten fühle, vor denen ich viel von mir selbst zeigen kann. Aber vielleicht kennen Sie das auch: Selbst unter guten Freunden oder im Kreis meiner Familie kann ich die Maske nie ganz fallen lassen, nicht alles von mir zeigen.

„Wenn ich allein und für mich bin“, schreibt der Theologe Alfonso Pereira in einer kleinen Geschichte, „Wenn ich allein und für mich bin, fällt mir die Maske vom Gesicht. Ich sitze da und es kann sein, dass ich anfange zu heulen – vor Enttäuschung über mich selbst. Wenn dann einer käme und sagte: Ich mag dich trotzdem, ich will dich so wie du bist, ich brauche dich …“

Ich verstehe diese Sehnsucht von Alfonso Pereira, und ich glaube: Genau das sagt Gott.
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„Wir sind Bettler, das ist wahr“. Dieser Satz stand auf einem Blatt Papier, das man nach dem Tod Martin Luthers auf dessen Schreibtisch fand. Es waren die letzten Worte, die der Reformator zu Papier gebracht hat. Heute vor 463 Jahren ist er gestorben, im Alter von 62 Jahren.

„Wir sind Bettler, das ist wahr“. Auf den ersten Blick wirkt dieser Satz vielleicht wie eine Bankrotterklärung, als ob Luther hätte sagen wollen: „Am Ende stehe ich wie ein Bettler mit leeren Händen da, alles war vergeblich, was ich in meinem Leben getan habe, es ist nichts Bleibendes dabei herausgekommen.“

Das wäre aber merkwürdig, denn geleistet hat dieser Mann eine Menge. Er war ein beliebter Theologieprofessor, der seine Studenten mitreißen konnte. Ein Bestsellerautor, dessen Bücher den Druckern nur so aus den Händen gerissen wurden. Ein begnadeter Prediger, Seelsorger und Pädagoge. Liederdichter und Komponist war er auch - und kein schlechter Gitarrist. Die Bibel hat er ins Deutsche übersetzt. Und nicht zuletzt war Luther der Begründer der evangelischen Kirche, den man mit Statuen geehrt hat und dessen Bildnis Jahrhunderte lang in keiner lutherischen Kirche und in keinem Pfarrhaus fehlen durfte. - Keine schlechte Lebensbilanz finde ich.

Luther war bestimmt auf vieles stolz, was er geleistet hatte. Es war ihm aber auch bewusste: Noch ist nicht klar, ob das alles gut wird, was ich angefangen habe. Aber auch mit dieser Frage konnte er leben, denn er hat geglaubt: Was einer im Leben leistet oder nicht, darauf kommt es letztlich gar nicht an. Die befreiende Entdeckung seines Lebens war die Erkenntnis: Gott bewertet mich nicht nach dem, was ich vorzeigen kann, sondern er liebt mich und nimmt mich an wie ich bin – mich als Person, nicht das, was ich tue.

Das wichtigste in seinem Leben - die Liebe Gottes und die Beziehung zu Gott – das hat Martin Luther geschenkt bekommen. Er hat gewusst, dass er sich das durch keine Leistung der Welt hätte verdienen können.

In diesem Sinn – als ein Mensch, der mit leeren Händen vor Gott steht – hat sich Luther als Bettler empfunden. Als ein Bettler, der alles, was er braucht, von Gott geschenkt bekommt. Dass Gott ihm die leeren Hände füllt und wie ein fürsorglicher Vater für ihn da ist, ich glaube, darauf hat Martin Luther auch in seiner Sterbestunde vertraut. Die Menschen, die in jener Nacht vom 17. auf den 18. Februar 1546 bei ihm waren, haben berichtet, er sei ruhig und getrost gestorben.

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„Kein Problem“, dachte ich. Ich hätte wirklich kein Problem, Hausmann zu sein. Davon war ich felsenfest überzeugt. Insgeheim war ich neidisch auf meine Frau. Immer zu Hause sein, umgeben von Kindern und Hund, von denen, die ich liebe und die mich lieben, das wäre auch was für mich. Das fand ich großartig. Und der archaische Stolz mancher Geschlechtsgenossen, unbedingt den Ernährer zu spielen, war mit sowieso völlig fremd.

Hausmann, mein Traumjob, dachte ich - bis ich es tatsächlich wurde. Zwei Tage in der Woche übernehme ich jetzt den Familienpart – und ich muss sagen, meine Meinung hat sich gründlich geändert. Die Arbeit als Hausmann ist ein echter Knochenjob. Besonders die vielen verschiedenen Dinge, die mit reichlich Zeitdruck erledigt werden müssen, machen mir echt zu schaffen. Kinder wecken, zum Anziehen treiben, Frühstück machen, Vesper richten, den Jüngsten in den Kindergarten bringen, mit dem Hund gehen, einkaufen, kochen und schon ist ein Vormittag rum, ohne dass ich auch nur ein Bügeleisen in die Hand oder andere dringende Dinge in Angriff nehmen konnte. Ich bin heilfroh, wenn meine Frau abends wieder nach Hause kommt. Ich beneide sie längst nicht mehr, ich bewundere sie.

Ich glaube, dass man diese Erfahrung nicht nur machen kann, wenn man in die Rolle der Hausfrau oder des Hausmanns schlüpft, sondern in jeden beliebigen anderen Beruf. Von weitem sieht das, was die anderen tun, oft viel einfacher aus als der eigene Job. Immer wieder begegnen mir viele Vorurteile und viel Neid anderen Berufsgruppen gegenüber, Sätze wie: Ärzte verdienen sich dumm und dämlich, Briefträger haben ab 12 Uhr frei, Pfarrer arbeiten nur sonntags und Lehrer machen sich sowieso einen schlauen Lenz - alles Quatsch.

Ich war schon Journalist und Gemeindepfarrer, bin jetzt Lehrer und Hausmann und habe früher in den Semesterferien als Briefträger und in einer Uhrenfabrik gearbeitet. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Jeder Beruf hat, wenn man drin steckt, seine ganz eigenen Herausforderungen und keiner lässt sich einfach so aus dem Ärmel schütteln. Es ist schon so wie Gott zu Adam am Ende der Schöpfungsgeschichte sagt: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ (1. Mose 3,19).

Die schlauen Jobs, z.B. den Bahnwärter, der zwei Mal am Tag seine Schranke hoch und runter kurbelt, gibt es längst nicht mehr. Ich habe den Eindruck, dass der Druck immer mehr steigt. Wer überhaupt das Glück hat, arbeiten zu können, der muss meistens eine Menge leisten. Deshalb sollten wir nicht neidisch auf die anderen sein oder das, was sie tun, abqualifizieren. Seien wir stolz auf das, was wir selbst leisten, und erkennen wir die Leistung der anderen an.
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Einen Fehler einzugestehen fällt schwer. Warum ist das eigentlich so? Als ich neulich einem andern die Vorfahrt genommen habe, da war ich fest davon überzeugt, dass es nicht mein, sondern sein Fehler war. Wäre dieser Kerl nicht viel zu schnell gefahren, hätte er auch nicht bremsen müssen. Ich beobachte das auch bei anderen. Bei meinen Kindern, wenn wieder einmal keiner Schuld sein will am Streit und beide behaupten der andere hätte angefangen. Oder bei Politikern, die erst einräumen, etwas falsch gemacht zu haben, wenn es gar nicht mehr anders geht. Woran liegt das?

Ich glaube, ich gestehe mir Fehler nicht gerne ein, weil das mein Bild von mir selbst beschädigt. Jeder Fehler, jedes Versagen ist eine Schramme an meinem Selbstbild, das ich doch so gerne makellos hätte.

Die Schuld auf andere schieben ist eine Strategie, eine weiße Weste zu behalten. Von einer anderen Strategie erzählt der Regisseur Woody Allen in einer kleinen Anekdote über Sandor Nadelmann. Er schreibt: „Als Nadelmann mit meiner Tochter und mir einmal in der Mailänder Oper war, beugte er sich aus seiner Loge und fiel in den Orchestergraben. Zu stolz zuzugeben, dass das ein Missgeschick war, besuchte er die Oper einen Monat lang jeden Abend und wiederholte jedes Mal den Sturz. Bald zog er sich eine leichte Gehirnerschütterung zu. Ich machte ihm klar, dass er damit aufhören könne, da er seinen Zweck erreicht habe. Er sagte: Nein, noch ein paar Mal. Es ist wirklich gar nicht übel“. Auch so gehen Menschen mit ihren Fehlern um: Sie beharren darauf - damit niemand merkt, dass es eigentlich ganz anders ein sollte.

Ich finde es interessant, was Gott über unsere Fehler sagt: Erstaunlicherweise ist für ihn unser Versagen gar nicht das Problem. Das Problem ist für ihn nicht das Hinfallen, sondern das Liegenbleiben. Und genau das machen Menschen in seinen Augen, wenn sie ihre Fehler schön reden oder auf andere schieben. Sie können dadurch ihre Schuld, das, was sie falsch gemacht haben, nie hinter sich lassen. „Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?“ (Jeremia 8,4), so fragt Gott - erzählt die Bibel - und man kann ihn förmlich den Kopf schütteln sehen über seine Menschen. Dabei wäre das Aufstehen doch gar nicht so schwer. Dazu macht Gott uns Mut und will uns dabei helfen. Er streckt uns seine Hand hin, um uns hochzuziehen. Vergebung nennt das die Bibel. Gott möchte dass wir unsre Fehler hinter uns lassen können und es das nächste Mal einfach besser machen.
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Eintausend Puzzleteile – an ein so großes Puzzle hatten sich meine Kinder noch nie gewagt. Viele Tage waren sie geduldig an der Arbeit und freuten sich daran, wie das Bild immer größer wurde und die fehlenden Teile immer weniger. Aber dann kam zum Schluss die Enttäuschung: Das letzte Puzzleteil fehlte. - Verloren gegangen im Staubsauger oder im Magen unseres Hundes, jedenfalls war es unauffindbar. Statt Freude und Stolz, große Enttäuschung.

Die Enttäuschung darüber, dass etwas nicht fertig wird, das etwas bruchstückhaft bleibt, das kennen nicht nur Kinder beim Puzzlen, diese Erfahrung machen auch viele Erwachsene. Vieles, was Menschen anfangen, wird nicht fertig, sondern bleibt mehr oder weniger unvollendet. Jedenfalls bleibt es sehr oft hinter dem zurück, was wir als Ideal im Kopf haben.

Die Frage ist, wie gehe ich mit den unvollendeten Puzzlen meines Lebens um? Ich denke, ich sollte nicht so sehr auf die leeren, sondern viel mehr auf die fertigen Stellen sehen. Leider tue ich oft genau das Gegenteil. In der Schule zum Beispiel: da können vier Unterrichtsstunden super laufen, dann kommt eine Stunde, die daneben geht – schon ist der ganze Tag im Eimer und die vier guten Stunden sind nichts mehr wert. Meine Kinder habe ich getröstet: Schaut mal, ihr habt 999 Puzzelteile geschafft, da kommt es doch jetzt auf das eine gar nicht so sehr an. Ich denke, so sollten wir Erwachsenen es auch machen: Viel mehr auf das schauen, was uns gelungen ist, und nicht so sehr auf das, was noch fehlt.

Ich glaube, so geht auch Gott mit den Bruchstücken meines Lebens um. Ein Pfarrer hat einmal gesagt: Wir Menschen sind „Gottes gesammelte Stückwerke“. Gott lässt uns mit unserem bruchstückhaften Leben nicht einfach liegen. Er sieht die guten Möglichkeiten auch in dem, was unvollkommen ist. Gott „ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben“ (Psalm 34,19), heißt es in einem Psalm der Bibel. Das finde ich tröstlich, besonders wenn es sich bei manchen Bruchstücken um richtige Scherbenhaufen handelt: Die gescheiterte Lebensplanung, der verfehlte Beruf, die zerbrochene Partnerschaft. Gott nimmt sich auch dieser Stückwerke an und will etwas Gutes daraus entstehen lassen.

Ich glaube deshalb, wir Menschen können Gott unsere gesammelten Stückwerke und Scherben hinlegen und ihm zutrauen, dass er daraus noch etwas ganz Neues und Gutes machen kann.
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