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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Der beste Zeitpunkt einen Baum zu pflanzen war vor 20 Jahren. Der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt. Superafrikanisches Sprichwort. Glasklar, konsequent und mit Perspektive. Weil es anerkennt, dass was versäumt wurde, schon lang versäumt wurde. Und was gibt es nicht alles an verpassten Gelegenheiten im Leben. Wenn ich in der Schule einfach nicht in die Gänge gekommen bin, vielleicht den falschen Beruf erwischt habe oder nie den Traumjob. Wenn ich mich vor lauter Alternativen nicht entscheiden konnte, für die richtige Ausbildung, den richtigen Lebensstil, für einen Partner oder für ein Kind. Der beste Zeitpunkt einen Baum zu pflanzen war vor 20 Jahren, der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt. Den afrikanischen Spruch finde ich auch deshalb so gut, weil er das Negative so unverkrampft ins Positive dreht: Dann mach’s halt jetzt! Dann ändere dein Leben jetzt. Lamentiere nicht, hadere nicht, rede nicht, sondern tu was, wenn dir was fehlt. Wenn du etwas ewig nicht gemacht hast, was du schon immer machen wolltest oder solltest. Beim einen muss sich dieser Schritt zurecht wachsen, entwickeln, bis es glasklar ist, dass er etwas tun muss. Jetzt, hier, heute oder nie. Der andere braucht den Kick oder den Tritt von außen. Oder den Steigbügel, der ihm hilft den ersten, den entscheidenden Schritt ins neue, ins andere Leben zu tun. Dieser Punkt, ob er nun von außen kommt oder in einem selbst gewachsen ist, nennt man auch Kairos, den richtigen Zeitpunkt. Und er ist ein zentrales Motiv in der Bibel: Kehr’ um, heißt es immer, wenn es um den Kairos, den richtigen Zeitpunkt geht. Und die Bibel ermutigt den Menschen diesen Schritt zu tun. Und wer ihn versäumt hat, wer ihn verpasst hat? Der hat ihn eben verpasst. Aber das zu erkennen ist die beste Vorraussetzung den zweitbesten Zeitpunkt zu erwischen.
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Und schon geht’s wieder rund auf dem Alltagskarussell! Und wenn es dann so richtig auf Touren kommt, dann drehen sich die Tage, Wochen und Monate wieder rasend schnell durchs Jahr, wie gehabt...
Das ist nicht gut und auch nicht gesund. Der Mensch ist nicht geschaffen für den Dauerbetrieb. Aber die Maschinen, die Termine, der Chef oder ich selbst schaffen immer wieder diesen Alltagsstress. Und mit ihm verringern sich Lebenslust und Lebenskraft.
Aber man kann auch gegensteuern! Sanft gegensteuern. So dass es auch wirklich geht und dass es auch spürbar wirkt. Durch Rituale, kleine, feine in den Tag eingebaute Rituale, die dem Alltag die Macht über mich nehmen. Sie mir als Bewusstsein zurück geben und mir dabei helfen gewahr zu werden, dass ich bin, wo ich bin und wer ich bin.
7 Rituale. Ich hab’ von ihnen beim Benediktinermönch Anselm Grün gelesen und festgestellt, dass ich ein paar davon schon seit Jahren mache. Sie sind also alltagsfähig und darum will ich sie gern als Anregungen weitergeben.
Zum Beispiel das erste, gleich am Morgen: das Fenster öffnen, die frische Luft einatmen. Den Tag sehen, ihn kommen lassen, ihn überdenken. Und wenn man gläubig ist in Gottes Hand legen.
Bei der Arbeit immer wieder kurz inne halten um nicht ganz von ihr aufgesogen, aufgebraucht zu werden.
In der Mittagspause tut es gut, wenigstens kurz aus dem Büro, der Fabrikhalle oder aus dem Haus(halt) zu gehen, für den kleinen Tapetenwechsel.
Am Ende des Arbeitstages die Bürotür bewusst schließen. Und damit die Arbeit gedanklich hinter sich lassen. Zu Hause dann, wenn möglich, mit jemandem zusammen essen. Und mit einem kleinen Spaziergang lässt sich der Tag ganz gut ausklingen. Das baut die Betriebsamkeit ab und entspannt so gut wie ein Bier.
Und schließlich: Vor dem Schlafengehen die Kleider bewusst ausziehen und damit den Tag mit seinen Plänen, Projekten und Plagen ablegen. Damit sie es nicht in mein Bett schaffen.
Ein frommer Wunsch, eine gute Absicht, ich weiß. Ich weiß aber auch wie stark die kleinen Dinge werden können, wenn man sie regelmäßig macht. Man muss ja nicht immer alle 7 Rituale machen, aber das eine oder andere immer wieder tut wirklich gut....
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Eine erfundene Geschichte, die aber - wie so viele erfundene Geschichten - wahrer ist als manche wirklichen:
Ein alter Mann zeigte mir ein leeres Glas und füllte es mit Steinen. Danach fragte er mich ob das Glas voll sei. Ich stimmte ihm zu.
Er nahm eine Schachtel mit Kieselsteinen aus seiner Tasche und schüttete diese in das Glas. Natürlich rollten sie in die Zwischenräume. Wieder fragte er mich ob das Glas nun voll sei. Lächelnd sagte ich ja.
Der Alte seinerseits nahm nun wieder eine Schachtel. Diesmal war es Sand. Er schüttete diesen in das Glas und auch der verteilte sich in den Zwischenräumen.
Nun sagte der alte Mann: „Ich möchte, dass Du erkennst, dass dieses Glas wie dein Leben ist. Die großen Steine sind die wichtigen Dinge im Leben, wie zum Beispiel Deine Liebe, Deine Familie, Deine Gesundheit. Also Dinge, die, wenn alle anderen wegfielen und nur Du übrig bleibst, Dein Leben immer noch erfüllen würden.
Die Kiesel sind andere, weniger wichtige Dinge, wie zum Beispiel Deine Arbeit, Dein Haus, Dein Auto.
Der Sand symbolisiert die ganz kleinen Dinge im Leben. Wenn Du den Sand zuerst in das Glas füllst, bleibt kein Raum für die Kieselsteine und die großen Steine.
So ist es auch in Deinem Leben.
Wenn du all Deine Energie für die kleinen Dinge im Leben aufwendest, hast Du für die großen keine mehr.
Nimm Dir Zeit für die Liebe und Deine Familie, achte auf Deine Gesundheit, es wird noch genug Zeit geben für Arbeit, Haushalt usw..
Achte zuerst auf die großen Steine, denn sie sind es die wirklich zählen...
Der Rest ist nur Sand.


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„Liebe ist ein Glas das zerbricht, wenn man es zu unsicher oder zu fest anfasst.“
Ein russisches Sprichwort. In ihm steckt eine doppelte Wahrheit. Es ist schwierig sich Menschen zu nähern oder gar in eine Liebesbeziehung zu kommen, wenn man selbst nicht in sich ist. Wenn man kein Selbstbewusstsein hat. Im doppelten Sinn: Ein Bewusstsein meiner selbst, aus dem Selbstsicherheit und Selbstvertrauen entstehen kann. Sei es in der Erziehung oder auch zwischen erwachsenen Menschen: Groß wie Klein haben ein natürliches Gespür dafür ob jemand echt ist. Und Liebe ohne Echtheit geht nicht.
Deswegen kann man die Liebe auch nicht erzwingen. Das Glas der Liebe zerbricht, wenn man es zu fest anpackt, wie es das russische Sprichwort sagt. Liebe ergibt sich, und Liebe ist eine Haltung, eine Lebenssicht und eine Lebensweise.
Im Neuen Testament der Bibel, im Johannesevangelium gibt es einen so schlichten wie großen Text. Darin geht es um das Vermächtnis Jesu. „Liebt einander“, sagt Jesus zu seinen Jüngern, „ Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt!“
Das ist so schlicht wie schön. Und wirksam muss es auch gewesen sein. Denn nach dem Urteil antiker Geschichtsschreiber waren sie ganz besondere Leute, diese so genannten Christen. Weil sie so deutlich anders, so deutlich besser miteinander umgegangen sind. Untereinander, aber auch mit Menschen, die nicht zu ihnen gehört haben. Die Urchristen haben geteilt was sie hatten. Hatte einer mehr, dann gab er denen die weniger hatten. Sie feierten regelmäßig ihr Erinnerungsmahl und sie heilten. Das war ein ganz wesentliches Merkmal der ersten Christen: sie haben Menschen geheilt. An Leib und Seele. Und das geht am besten oder vielleicht sogar nur, wenn man die Menschen liebt.
Die Menschen lieben, das heißt für mich nicht ihnen um den Hals fallen und sie mit meinen überbordenden Gefühlen bedrängen. Oder blind sein für ihre Boshaftigkeit und Brutalität. Die Menschen lieben heißt für mich: Sie in ihrer Schönheit und Zerbrechlichkeit sehen. Und sie behandeln wie kostbares Glas: Vorsichtig, respektvoll, mit Neugier und mit Freude. Weil jeder von ihnen ein ganz eigenes wundervolles Gefäß ist, für das Beste das wir haben: das Leben!
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„Was würden Sie tun, wenn Sie nur noch ein Jahr zu leben hätten?“ Diese Schockerfrage haben zwei Psychologinnen 350 Personen im Alter von 30 bis 80 gestellt. Die Antworten darauf waren ziemlich einheitlich: Zwei Drittel der Befragten sagten, sie wollten mehr Zeit mit Menschen verbringen, die ihnen lieb sind. Sie würden ihr Leben ordnen, Konflikte beilegen, den Liebsten zeigen, wie gern sie sie haben. Dreiviertel der Befragten wollten endlich Dinge tun, die sie lange hinausgeschoben: ein Konzertbesuch, eine Sportart beginnen oder die klassische große Reise machen. Ein kleiner Prozentsatz, vor allem Jüngere, würde es so richtig Krachen lassen, die Schule schmeißen, Party machen, Geld auf den Kopf hauen oder etwas tun, was man sich bisher verboten hatte. Diese Gedanken kommen einem vielleicht bekannt vor. Was aber tun die Menschen, die tatsächlich nur noch ein Jahr zu leben haben? Davon berichten Mitarbeiter in Sterbehospizen. Und das sieht ganz anders aus als die Vorstellungen von Menschen die nicht wirklich vom Tod bedroht sind. Menschen, die tatsächlich nicht mehr lange zu leben haben reagieren so unterschiedlich darauf wie unterschiedlich sie eben sind: Die einen wollen ganz alltägliche, scheinbar banale Dinge tun: Die Sonne auf der Haut spüren, über den Markt schlendern oder Blumen riechen. Andere wollen gar nichts mehr, nichts klären, nichts abschließen, nichts bekommen, nichts mehr erleben. Und manche können gar nichts mehr tun, wegen ihren Schmerzen.
Was aber allen Todkranken gemeinsam ist, sie werden authentischer, geradliniger, kümmern sich nicht mehr um Konventionen. Es geht ihnen weniger ums Machen und mehr ums Sein. Weniger ums wünschen und mehr ums Weglassen. Sie grübeln nicht mehr so viel, planen und sorgen sich weniger. Der Moment zählt. Alles wunderbare Verhaltensweisen. Aber was sind wir Menschen doch für eigenartige Wesen, dass wir es oft erst schaffen so zu leben, wenn wir sterben müssen.
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Es ist doch immer wieder dasselbe: am Jahresanfang nimmt man sich die großen Veränderungen vor. Und immer wieder scheitert man damit. Weil sie eben oft zu groß sind. Ich hab einen Text entdeckt,der genau das Gegenteil beschreibt. Ein Gebet von Antoine de St.-Exupéry und es geht so:

Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Herr. Sondern um die Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte...
Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung. Schenke mir das Fingerspitzengefühl um herauszufinden was erstrangig und was zweitrangig ist.
Lass mich erkennen, dass Träume nicht weiterhelfen, weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft. Hilf mir, das nächste so gut wie möglich zu tun und die jetzige Stunde als die wichtigste zu erkennen.
Verleihe mir die nötige Phantasie, im rechten Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben.
Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.
Erinnere mich daran, dass das Herz oft gegen den Verstand streikt. Schick mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen.
Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, dass ich diesem schönsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin.
Mach aus mir einen Menschen, der einem Schiff mit Tiefgang gleicht, um auch die zu erreichen, die „unten“ sind.
Bewahre mich vor der Angst ich könnte das Leben versäumen.
Gib mir nicht was ich mir wünsche, sondern was ich brauche.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.


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Es gibt Phasen im Leben, da fühlt man sich nackt, schwach und schutzlos. Das gibt man natürlich nicht gern zu und noch viel weniger zeigt man es. In einer Welt in der man stark sein muss, schämt man sich wenn man schwach und hilfsbedürftig ist.
Manchmal geht das aber einfach nicht mehr: stark sein, durchhalten, den Alltag bewältigen. Dann brechen Menschen zusammen und sind wie gelähmt. Oder sie bekommen Angst, wenn sie bestimmte Menschen sehen oder Menschen überhaupt. Oder sie haben keine Kraft mehr, zum Einkaufen, zum Arbeiten gehen, zum Leben.
Menschen in diesen Phasen - und diese Phasen sind häufiger als man denkt, nur redet kaum einer darüber – brauchen Hilfe und Schutz. Sie brauchen Schutzräume. Zunächst ganz einfach Räume, die sie vor den Anforderungen und Überforderungen des Lebens schützen. Das kann die eigene Wohnung sein, das kann ein Krankenhaus sein, das kann eine Psychiatrie sein, manchmal muss es sogar eine geschlossene Psychiatrie sein. Geschlossen, nicht ausgeschlossen aber geschützt vor sich selbst und auch vor anderen Menschen.
Schutzräume. Räume, die über Wochen oder Monate Schutz geben. Menschen rausnehmen aus dem Alltag, der brutal sein kann und für manche einfach zu viel.
Es ist gut dass es solche Schutzräume gibt. Mehr noch dass es Menschen gibt, die diese Räume erst zu Schutzräumen machen. Ärztinnen, Pfleger, Sozialarbeiterinnen. Sie brauchen eine gute Ausbildung um Menschen zu helfen, die in ihre Obhut kommen. Sie brauchen Kraft, und sie brauchen die Fähigkeit die Balance zu halten zwischen zuviel Einfühlungsvermögen und zu wenig. Und sie brauchen einen langen Atem. Denn nicht selten dauert es Wochen und Monate bis ein Mensch wieder fähig ist den Schutzraum zu verlassen. Und behutsam wieder in den Alltag zurückzukehren.
Zurück bleiben dann die, die ihnen geholfen haben. Mit immer wieder neuen Menschen die zu ihnen kommen und Hilfe suchen. Ein nie endender Strom schutzbedürftiger Menschen. Darum müssen die, die helfen auch immer wieder ihre eigenen Schutzräume suchen. Damit sie ihre wichtige und unersetzliche Arbeit gut und gern machen können.
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