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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ich freue mich, wenn mich jemand mag. Noch schöner finde ich es allerdings, wenn er nur mich allein mag. So geht es mir zum Beispiel mit unserem Hund. Er ist unheimlich freundlich, zu mir, meiner Frau, meinen Kindern, aber eben auch zu allen anderen. Egal wer zu uns ins Haus kommt, unser Hund wedelt mit dem Schwanz und will gestreichelt werden. Das ärgert mich manchmal. Insgeheim wünsche ich mir einen Hund, der mich anhimmelt, meine Frau und meine Kinder nett findet und alle anderen blöd.

Komisch, sobald ich Zuwendung mit anderen teilen muss, ist sie nicht mehr so viel Wert. Ich glaube, das liegt daran, dass ich und viele andere Menschen ihren Wert gerne dadurch bestimmen, dass sie sich mit anderen vergleichen. Eine Gehaltserhöhung von 500 Euro ist klasse - bis ich erfahre, dass mein Kollege 1000 Euro bekommt. Und der Glanz meines neuen Autos lässt in dem Moment deutlich nach, in dem mein Nachbar mit dem gleichen oder sogar einem teureren auf den Hof fährt.

Eigentlich ist das Vergleichen das Letzte. Es wäre doch viel besser, ich könnte mich an der Gehaltserhöhung, an der Zuneigung meines Hundes und an meinem neuen Auto einfach freuen, ohne auf die anderen zu schielen. Aber die Aufwertung des anderen nicht als meine eigene Abwertung zu empfinden, ist gar nicht so einfach.

Das ging auch den jungen Männern so, die mit Jesus durch die Gegend gezogen sind. Jeder wollte, dass Jesus ihn am liebsten hat. Sie haben sogar manchmal gestritten, wer von ihnen bei Jesus am höchsten im Kurs steht. Aber Jesus hat solchen Überlegungen immer eine Abfuhr erteilt.

Mir scheint, wer sich an Jesus orientiert, der muss sich notgedrungen vom Vergleichen verabschieden. Denn Jesus mag nun mal nicht nur mich. Andererseits - und das haben die Jünger Jesu mit der Zeit auch erlebt - bekomme ich von ihm so viel Wertschätzung, dass ich sie gar nicht mehr aus dem Vergleich mit anderen ziehen muss. Seine Zuwendung gilt jedem ungeteilt. Und mehr als ungeteilte Zuwendung kann es ja nicht geben. Mehr als randvoll kann ein Glas nicht sein. Da braucht man nicht zu vergleichen.

Das ändert auch meine Einstellung zu den anderen: dass Jesus Christus nicht nur mich liebt, sondern auch meine Nachbarn und Kollegen, das trennt mich dann nicht mehr von ihnen, sondern es verbindet uns.
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Immer wieder ziehen mich Dinge im Leben nach unten: Schlechtes Wetter zum Beispiel, oder eine Erkältung, oder viel Arbeit. Oft genug ziehe ich mich aber auch selbst nach unten, genauer gesagt, die Fehler die ich mache. Wenn ich ungerecht zu meinen Kindern bin, mit meiner Frau streite oder sonst irgendeinen Mist baue, dann zieht mich das nach unten, und ich fühle mich – wie die Amerikaner sagen – ziemlich down.

Ich glaube, dass das nicht nur mir so geht. Der Apostel Paulus hat diese ganz und gar menschliche Erfahrung auch gemacht und sie so formuliert: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“

Ich finde das schon ziemlich tröstlich, dass ich mit dieser Erfahrung nicht alleine stehe. Toll, dass Paulus so ehrlich war und den Mut hatte, andere Menschen auch seine Schwächen einzugestehen. Das ermutigt mich selbst, andere Menschen offen und ehrlich gegenüber zu sein und nicht den großen Helden rauszuhängen.

Etwas anderes finde ich aber noch tröstlicher, wenn ich mich selbst nach unten ziehe: nämlich dass Gott mich hält. In einer alten Kirche habe ich einmal ein Wandbild gesehen, an das ich mich, wenn ich down bin, gerne erinnere. Das Wandbild zeigt einen kleinen Menschen, der in einer großen Waagschale sitzt. An dieser Waagschale hängen seine Fehler in Gestalt von kleinen Teufeln mit grässlichen Fratzen. Mit aller Macht versuchen diese finsteren Gesellen die Waagschale nach unten zu ziehen. Aber obwohl es viele sind und jeder einzelne größer und schwerer als der kleine Mensch, schaffen sie es nicht.

Warum nicht? Auf dem Bild gibt es noch einen riesigen Engel. Der hält mit der einen Hand die Waage, mit der anderen hilft er aber kräftig mit, dass die Teufelchen trotz ihrer Übermacht keine Chance haben, die Waagschale nach untern zu ziehen.

Das macht mir Mut: Gott liegt etwas daran, dass meine Fehler mich nicht nach unten ziehen. Er ist nicht unparteiisch, sondern auf meiner Seite. Er weiß ganz genau, dass ich allein nicht die Kraft habe, oben zu bleiben. So wie Jesus Christus die, die das Leben nach unten gezogen hat, wieder aufgerichtet hat, so will er auch mir helfen.

Der kleine Mensch auf dem Wandbild zupft den Engel am Ärmel als wollte er sagen: „Kannst du mir bitte helfen, ich schaff das nicht alleine“. Ich glaube, Gott so zu bitten, ist der erste Schritt auf dem Weg nach oben. https://www.kirche-im-swr.de/?m=4551
Von Kindern kann man eine Menge lernen Kinder lernen. Mut und Vertrauen zum Beispiel.

Als unsere Familie vor einigen Wochen an einen anderen Ort umgezogen ist, da hat sich für uns alle viel verändert. Besonders aber für meine Tochter. Sie musste von vielen guten Freundinnen Abschied nehmen, und sie kam in eine neue Schule, in der sie kein einziges Kind und keinen Lehrer kannte.

Die ersten Tage im neuen Schuljahr waren nicht leicht für sie. Meine Frau und ich haben uns große Sorgen gemacht. Gleichzeitig hat mich beeindruckt, wie tapfer meine Tochter das gemacht hat. Jeden Morgen ist sie zur Schule gegangen, schweren Herzens, weil sie damit rechnen musste, in der Pause wieder alleine auf dem Schulhof zu stehen. Aber sie ist gegangen.

Sie war viel tapferer als ich das in schwierigen Situationen oft bin. Ich versuche dem, was mir Angst macht, aus dem Weg zu gehen. Oder, wenn das nicht möglich ist, suche ich nach Linderungen und Ablenkungen, die doch nichts bringen: Stundenlang fernsehen oder was Schönes einkaufen zum Beispiel.

Meine Tochter ist durch das, was ihr Angst gemacht hat, einfach mutig durchgegangen. Ich denke, das hat auch was mit Vertrauen zu tun. Sie hat - ganz unbewusst - darauf vertraut, dass das Leben sie trägt, auch in dieser schwierigen Anfangszeit in der Schule. Im Bild gesprochen: Sie hat gewusst, dass sie zwar über eine schmale Brücke muss, dass diese Brücke aber nicht zusammenbricht. Mir dagegen fehlt dieses Vertrauen oft. Ich bekommen in brenzligen Situationen oft Panik, die Brücke könnte einstürzen oder ich runterfallen.

Das Vertrauen meiner Tochter war übrigens nicht unberechtigt. Inzwischen steht sie nicht mehr allein im Pausenhof und neulich war die erste Freundin zum Spielen bei uns zu Hause.

Jesus hat einmal zu seinen erwachsenen Jüngern gesagt: „Werdet wie die Kinder“. Ich glaube, er hat damit genau das gemeint, dass wir Erwachsenen uns diesen Mut und dieses Vertrauen, das Kinder oft haben, zum Vorbild nehmen sollen. „Werdet wie die Kinder“ – eigentlich ist das gar keine Aufforderung, sondern viel mehr eine Einladung und ein Versprechen: Wir sollen und dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns trägt und es am Ende gut macht.

Ich möchte das jedenfalls von meiner Tochter lernen und mir von ihrem Mut und ihrem Vertrauen eine Scheibe abschneiden.
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Leben ist wie das Tapezieren mit einer Raufasertapete. Das hört sich komisch an, aber ich bin davon überzeugt, dass es stimmt. Diese Einsicht kam mir, als meine Frau und ich vor einigen Wochen unsere neue Wohnung tapeziert haben. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das gemacht. Meine Vorstellung vom Tapezieren war folgende: Ich schneide die Tapetenbahnen in die richtige Länge und klebe sie einfach eine neben die andere an die Wand – kein Problem. So weit die Theorie. Die Praxis sah dann aber ganz anders aus: Die erste Bahn wurde schief, die nächste ist eingerissen, und die dritte bekam hässliche Falten.

Leben ist wie das Tapezieren mit einer Raufasertapete. Wenn ich jung bin und am Anfang meines Lebens stehe, nach der Schulzeit zum Beispiel, dann habe ich genaue Vorstellungen wie mein Leben verlaufen soll und wie ich mein Leben anpacke. Aber dann kommt es ganz anders und wird irgendwie viel schwieriger, als ich gedacht habe. Ich merke, dass das Leben doch nicht so leicht und erfolgreich von der Hand geht. Ich erlebe, dass auch manches misslingt, dass es Risse und Falten gibt.

An den ersten drei Bahnen mit meiner Raufasertapete wäre ich schier verzweifelt. Ich wollte die Sache schon hinschmeißen und das ganze einen Profi machen lassen. Aber dann habe ich einfach weitergemacht, nicht perfekt, aber eben so gut ich konnte. Wenn es Falten gab, hab ich sie so gut wie möglich glatt gestrichen, schiefe Bahnen konnte ich einigermaßen grade schieben und die Risse hat man, als die Tapete trocken war, gar nicht mehr gesehen. Und siehe da: das Ergebnis war gar nicht so schlecht.

Leben ist wie das Tapezieren mit einer Raufasertapete. Wenn ich mich von zu hohen Erwartungen an mich und meine Fähigkeiten verabschiede. Wenn ich mich von der unrealistischen Vorstellung löse, alles müsste exakt passen. Wenn ich trotz Enttäuschungen und Fehlern nicht verzweifele, sondern weiter mache. - Dann wird’s auch was. Nicht perfekt, aber gut - so gut, wie ich es eben kann.

Ein perfektes Leben gibt es nicht. Aber gut kann es trotzdem werden. Ein wichtiger Schritt zu einem guten Leben ist, dass ich mich und mein Leben annehmen kann wie es nun mal ist. Dass ich bereit bin aus dem etwas zu machen, was ich kann und was ich habe – statt zu verzweifeln an dem was ich nicht kann und nicht habe. Dabei hilft mir Gott. Er gibt mir Geduld und immer wieder neuen Mut. Denn er hat kein Problem mit Menschen, die nicht perfekt sind, aber ein großes Interesse daran, dass sie das Beste aus ihrem Leben machen.

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Wer viel riskiert, kann viel gewinnen, aber auch viel verlieren. - Wer nichts riskiert, kann zwar nichts gewinnen, aber immerhin verliert er auch nichts. Wer nichts riskiert, ist deshalb immer auf der sicheren Seite. - Das dachte ich bisher. Bis mir folgender Satz begegnet ist:

„Nichts riskieren heißt, seine Seele aufs Spiel setzen“.

Gesagt hat das der dänische Philosoph Sören Kierkegaard; und dieser Satz hat mich ein Bisschen erschreckt. „Wer nichts riskiert, der setzt seine Seele aufs Spiel“ das heißt ja: grade dann wenn ich in meinem Leben auf Nummer sicher gehen will, riskiere ich, ohne es zu wissen, am allermeisten, nämlich meine Seele, mein ganzes Leben oder anders gesagt: mich selbst.

Ich glaube nicht, dass Sören Kierkegaard seine Leser mit diesem Satz zu wilden Aktienspekulationen, gefährlichen Auslandsreisen oder zum Roulettespielen auffordern wollte. Ich glaube er meinte das so: Wenn ich nichts riskiere, verliere ich deshalb mich selbst, weil ich nie eigene Schritte gehe. Ich werde durchs Leben durchgeschoben, mal hier hin mal dort hin: von anderen Menschen, von ihren Erwartungen, von den äußeren Umständen. Das ist bequem, aber meinen eigenen Platz im Leben und meinen eigenen Weg durchs Leben - mich selbst! – finde ich dann nicht. Dazu müsste ich schon eigene Schritte gehen, und das bedeutet etwas zu wagen: Ich riskiere, dass ich die Erwartungen anderer enttäusche, ich riskiere, dass es anstrengend wird, ich riskiere, Fehler zu machen. Aber ich gehe meinen eigenen Weg, mache mich auf die Suche nach meinem eigenen Leben, nach dem, was zu mir passt.

Ich glaube, Gott macht Menschen Mut, solche eigenen Schritte zu wagen. In der Bibel lese ich zum Beispiel von Abraham und Sara, denen Gott Mut gemacht hat, noch im hohen Alter ihre Heimat zu verlassen. Oder ich lese von den Fischern Simon und Andreas, die Jesus aufgefordert hat, ihre Netzte einfach liegen zu lassen und mit ihm zu gehen.

Alle diese Aufbruchsgeschichten haben eins gemeinsam: Abraham und Sara, Simon und Andreas sind bereit zum Risiko. Sie wissen nicht, was sie erwartet, aber sie wissen, wer mit ihnen geht. Sie wagen das Risiko, weil sie wissen, dass sie die neuen Schritte nicht allein gehen müssen, sondern dass Gott sie begleitet. Das macht das Risiko nicht kleiner. Im Gegenteil, für Sören Kierkegaard zum Beispiel war der Glaube - das Vertrauen zu Gott - das allergrößte Wagnis, das ein Menschen eingehen kann. Aber er war davon überzeugt, und ich glaube das auch, dass es sich lohnt, dieses Wagnis einzugehen.
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„Wie sagt man?“ – „Danke“, antwortet mein kleiner Sohn und beißt in die Wurst, die ihm die Metzgersfrau über die Theke gereicht hat. Sich zu bedanken, wenn man was bekommen hat, gehört sich, finde ich. Deshalb versuchen meine Frau und ich das unseren Kindern beizubringen. Genau wie meine Eltern es mir beigebracht haben.

Wer sich bedankt, ist höflich und freundlich. Aber Danken ist viel mehr als eine Pflicht, die ich dem anderen schuldig bin. Wer sich bedankt, tut auch sich selbst etwas Gutes. Daran hat mich der Satz eines alten Pfarrers (Friedrich von Bodelschwingh) erinnert, den ich neulich gelesen habe. Er hat gesagt: „Da wo man für das Kleinste danken lernt, wird es hell in einem Menschenleben“.

Ein schönes Bild, finde ich: Jedes Danke Sagen, ein Funke, der meinen Tag ein Bisschen heller macht. Dabei ist das Wort „Danke“, glaube ich, gar nicht so entscheidend. Es kommt darauf an, was in mir passiert, wenn ich mich bedanke. Mir geht es oft so: Viele Dinge, die ich geschenkt bekomme, sind mir gar nicht bewusst. Ich halte sie für selbstverständlich, obwohl sie es gar nicht sind. Beim Bedanken mache ich mir klar: „Hey, du hast grade ein Geschenk bekommen“: Die Vorfahrt an der Kreuzung, die Tasse Kaffee, den mir der Kollege mitbringt, den Anhänger, den mein Nachbar mir ausleiht. Über Geschenke freut man sich. Das sind die vielen kleinen Funken, die jeden Tag ein Bisschen heller machen können - wenn man sie nicht übersieht.

Nicht nur von Menschen bekomme ich jeden Tag viel geschenkt, auch von Gott. Ich befürchte, bei ihm vergesse ich es besonders oft, mich zu bedanken. Dass ich Arbeit habe, dass ich gesund bin, Freunde habe, Hobbys, die mir Spaß machen, dass es meinen Kindern gut geht – alles ziemlich große Geschenke. Und dann gibt’s da noch die vielen kleinen: Den sonnigen Tag, die leuchtend bunten Blätter an den Bäumen, der zwitschernde Vogel, ein kühles Bier … alles Gelegenheiten, danke zu sagen - alles Gelegenheiten, das Leben ein Bisschen heller werden zu lassen.

Dankbarkeit ist uns Menschen nicht in die Wiege gelegt. Aber ich denke, es lohnt sich, so etwas wie eine Lebenshaltung der Dankbarkeit einzuüben. Indem ich mir immer wieder klar mache, was andere Menschen und Gott mir jeden Tag schenken. „Undankbarkeit führt zu Sorge und Geiz“, hat der Reformator Martin Luther einmal gesagt. Klar: Wer nicht merkt, wie oft er etwas geschenkt bekommt, kann auch selbst nicht großzügig sein. Dankbarkeit dagegen macht das Leben weit und hell. Wie sagt man? Danke. - Nicht weil ich muss, sondern weil es sich lohnt.
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