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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Stammtische sind für gewöhnlich nicht der Ort, an dem man über religiöse Fragen spricht. Eines Tages war Sinta gestorben. So hieß der Hund, der zur Gaststätte gehörte. Alle mochten den gutmütigen, mittlerweile 14 Jahre alten Rottweiler. Traurige Stimmung war im Lokal. Dann traute ich meinen Ohren nicht. In angeregtem Gespräch, mit gedämpfter Lautstärke, ging es um die Frage: Was passiert mit einem Hund nach seinem Tod? Gibt es auch für ihn eine Art Himmel? Am Stammtisch war zuvor nie die Rede gewesen vom Leben nach dem Tod. Selbst dann nicht , wenn einer der Kameraden verstorben war. Auf einmal – beim Tod eines Hundes! Muss man zuerst „auf den Hund kommen“, um über den Tod zu sprechen und was danach kommt? Die Augen richten sich auf mich. Ich gebe zu verstehen, dass ich in solchen Fragen nicht einfach Bescheid weiß. Ich mache aber darauf aufmerksam: Folgt man der Bibel, dann schreit die ganze Schöpfung nach Erlösung. (Römer 8,19-22) Und ich glaube, dass nicht nur wir Menschen in Gott endgültige Erfüllung finden, sondern auch unsere Mitgeschöpfe. Ich vertraue darauf, dass Gott sein Versprechen wahr macht, das er vor Zeiten dem Noah, einem Gerechten im Alten Testament, gegeben hat: „Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren des Feldes, mit allen Tieren der Erde.“ (Genesis 9,1-17) Die Vorstellung, dass die Tierwelt für Gott wichtig ist, hat in der Geschichte des Christentums ein eher bescheidenes Interesse gefunden, wenn überhaupt. Die christliche Theologie hat 2000 Jahre lang streng darauf geachtet, dass ja kein Hund durch ihre Wissenschaft tappt oder auch nur ein einziger Baum darin herumsteht. Erst in jüngster Zeit sind viele sensibler geworden. Immer mehr sind der Natur und den Tieren freundlich gesonnen. Sie wollen etwas dafür tun, dass die Schöpfung erhalten bleibt. Immer mehr sehnen sich nach einem verlorenen Paradies und haben wieder Freude an Gottes Schöpfung. Mit allen Pflanzen und Tieren.
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„Auch Tieren kann es helfen, wenn sie miteinander reden.“ – Das stand vor kurzem in der Stuttgarter Zeitung (13.03.2008): Ein Delfin rettet zwei gestrandete Zwergpottwale, indem er sie ins offene Meer zurückführt. Die Wale hatten die Orientierung verloren und drohten auf einer Sandbank in Neuseeland zu verenden. Umweltschützer hatten vergeblich versucht, den Tieren zu helfen. Plötzlich tauchte ein Delfin auf und schleuste die beiden orientierungslosen Pottwale in den Ozean. Das grenzt an ein Wunder. Wissenschaftler haben den „Gesang der Wale“ erforscht und dass sich Delfine verständigen und erkennen. Meeressäuger sind soziale Tiere und können sich geradezu unterhalten. Aber selbst für Umweltschützer und Verhaltensbiologen ist es ein Rätsel, wie diese Rettungsaktion zustande kam. Mich fasziniert es, wie ein Delfin hilflosen Zwergpottwalen zu Hilfe kommt und ihnen den richtigen Weg in die Freiheit zeigt. In den Weisheitsschriften der Bibel – sie entstanden etwa vor 2200 Jahren – steht: „Dort im Meer gibt es Wunderwesen, die erstaunlichsten, die Gott gemacht hat.“ (Sirach 43,25) Man mag das bei den Tieren Instinkt nennen. Vielleicht steckt aber auch mehr und größeres dahinter. Uns Menschen hat Gott Herz und Verstand gegeben. Und wie unmenschlich können Menschen mit den Mitgeschöpfen und mit den Mitmenschen umgehen. Und: Mancher Konflikt könnte entschärft werden, manche Beziehung könnte noch bestehen, wenn wir mehr miteinander reden würden. Wenn wir einander mögliche Wege aufzeigen oder ein Stück weit mitgehen würden. In der Zeitung stand: „Auch Tieren kann es helfen, wenn sie miteinander reden.“ Entsprechend gilt: „Auch Menschen kann es helfen, wenn sie miteinander reden.“ Was man von Tieren lernen kann, das zeigt diese wunderbare Rettungsaktion. Von Tieren lernen, das hört sich in der Bibel so an: „So frag doch die Tiere, sie lehren es dich, frag die Vögel des Himmels, sie künden es dir.“
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„Katholikendemo“ – vielerorts, genannt „Fronleichnam“. Ein sperriges Wort. Bei „Fron“ mag man an Knechtschaft denken. „Vron“ aber bedeutet Herr. Und „Leichnam“ ist auch nichts Totes, im Gegenteil: „Lichnam“ bedeutet: lebendiger Leib. Es geht um Jesus, und im Mittelpunkt von Fronleichnam steht eine „Brot-Hostie“. Brot. Für die meisten Menschen im nördlichen Teil der Erde ist die Vaterunserbitte um das tägliche Brot so gut wie überflüssig geworden. Es gibt Brot in Hülle und Fülle – allerdings auch in den Abfalltonnen. Und auf derselben Welt sterben jede Minute sieben Menschen an Hunger. Ihnen fehlt das tägliche Brot. Da wird es mir ganz anders. Jesus hat immer wieder Brot ausgeteilt, damit die Leute, vor allem die Armen, ihren Hunger stillen konnten. Und er fordert die Seinen bis heute auf: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Lukas 9,13) So berichten es die Evangelien. Für Jesus ist Brot aber noch mehr als ein Lebensmittel, um sich zu sättigen. Er versteht Brot als Zeichen für einen tieferen Hunger des Menschen nach Leben. Und ich glaube, es gibt keinen Menschen, der ohne Hunger nach einem anderen, besseren Leben existieren könnte. Und viele haben Sehnsucht nach Gott. Jesus hat Brot in die Mitte seiner Botschaft gestellt und sich selbst als das „Brot des Lebens“ bezeichnet. (Johannes 6,35.51) Vor seinem Tod am Kreuz hat Jesus mit seinen Freundinnen und Freunden ein Mahl gefeiert: Bei diesem Mahl dankt Jesus seinem Vater, bricht das Brot auseinander und verteilt es: „Esst, das ist mein Leib.“ (Markus 14,22-24) Das heißt: „Das bin ich – für euch.“ Jesus schenkt sich selbst im Zeichen des Brotes. Er verschenkt sich an die Menschen. Das Brot brechen – das heißt: Ich behalte es nicht für mich, ich teile es mit andern. Für mich persönlich heißt das weiter: Dass ich ein Gespür entwickle für Menschen, die in Not sind und meine Hilfe brauchen. Dass ich darauf achte, dass Menschen in meiner Umgebung nicht innerlich verhungern. „Dass ich Brot werde für andere.“ „Dass wir Brot werden füreinander.“ https://www.kirche-im-swr.de/?m=3724
„Güte in den Worten erzeugt Vertrauen,Güte beim Denkenerzeugt Tiefe,Güte beim Verschenkenerzeugt Liebe.“ Ein Wort von Lao-tse, chinesischer Philosoph und Weisheitslehrer, 300 v. Chr. Klingt schön und leuchtet ein. Schaue ich die einzelnen Punkte etwas genauer an, dann merke ich: Das ist ein beachtliches Programm!„Güte in den Worten erzeugt Vertrauen.“ Wenn ich rede, geht es nicht immer friedlich zu, schon gar nicht immer gütig. Wie rüde ist oft der Umgangston. Wenn man nicht miteinander spricht, sondern einander anschreit. Wenn man nicht offen spricht, sondern hinterhältig und spitz. „Güte in den Worten“ – damit der zwischenmenschliche Umgang seine Würde und seinen Respekt behält. Und das „erzeugt Vertrauen“.„Güte beim Denken erzeugt Tiefe.“ Die Gedanken sind bekanntlich frei. Sie entstehen nicht nur im Verstand. Sie kommen auch aus dem Herzen. Und das Herz ist unergründlich. Aus ihm kommen die Gedanken, die bösen und die guten. „Güte beim Denken“ – darunter verstehe ich: Ich versuche gut zu denken, von den Mitmenschen und stehe ihnen wohlwollend gegenüber. Ich habe friedliche Absichten: gegenüber dem Nächsten und gegenüber den Mitgeschöpfen. Ich mache mir Gedanken, wo ich helfen kann. „Güte beim Denken erzeugt Tiefe“ – eine Tiefe, in der ich mir selber begegne: Wer bin ich ? Wo stehe ich? Eine Tiefe, in der mir möglicherweise Gott begegnen möchte.„Güte beim Verschenke erzeugt Liebe.“ Manche verschenken nichts. Andere verschenken etwas, weil sie etwas erreichen wollen. Wieder andere verschenken etwas aus Verpflichtung, weil sie auch etwas bekommen haben. Mit Güte verschenken – das reicht von gerne über uneigennützig bis großherzig. Weil ich den andern mag. Mit Güte verschenken – das heißt auch, es nicht an die große Glocke hängen, keine Dankbarkeit erwarten. Dann kann der andere etwas in Freiheit annehmen und braucht sich nicht zu etwas verpflichtet fühlen. – Und das „erzeugt Liebe“
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„Das Unglück des Menschen beginnt dann, wenn er außerstande ist, mit sich allein in einem Zimmer zu bleiben.“ – Der französische Philosoph und Naturwissenschaftler Blaise Pascal (1623 – 1662) hat das vor bald 400 Jahren gesagt. Eine steile Behauptung. Wenn das stimmt, dann scheint das Problem gar nicht so modern zu sein. Dann taten sich die Leute auch früher schwer, mit sich allein etwas anfangen zu können. Wie das früher war, weiß ich nicht. Heute jedenfalls gibt es viele Gründe, warum sich Menschen ablenken, vielleicht ablenken müssen – und das quer durch alle Altersstufen. Manche suchen Abwechslung, weil ihnen ihr Leben langweilig erscheint. Andere suchen Spannung, weil der Alltag, die Arbeit eintönig ist. Oder sie entspannen sich beim Fernsehen, weil sie erschöpft sind. Mit sich allein sein, das ist gar nicht so einfach. Das bemerke ich immer wieder auch bei mir. In Ruhe ein Buch lesen, Gedanken zulassen – über mich und mein Leben. Es ist gar nicht so einfach, mich selbst auszuhalten. Es ist alles andere als leicht, mit mir selbst Geduld zu haben, barmherzig mit mir umzugehen. Alles Erfahrungen, die sich einstellen, wenn ich bei mir selbst bin, mit mir alleine bin. Trotzdem glaube ich, dass wir beides brauchen: sich zerstreuen, mit anderen zusammen gesellig sein, etwas unternehmen und mit sich allein sein können. Wir brauchen beides, um im Innern gesund zu bleiben. Allein sein können ist wichtig, um ausgeglichener und gelassener zu sein. Wenn ich irgendwie genug habe, wenn ich aus der Mühle heraus will, wenn mit der Tagesschau ab 20.15 Uhr der Abend gelaufen ist – dann schaffe ich es manchmal: Stop! Das kann es nicht sein. Dann geh ich spazieren. Und das tut gut, um die Mitmenschen, um die Natur im Blick zu behalten. Und vielleicht hat Gott etwas vor mit mir.

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Liebe – auf immer und ewig und nur mit dir. Die Schlager sind voll davon und die Sehnsucht danach ist groß. Die Liebe ist ein viel beanspruchtes Wort, zugleich verbraucht, oft mißbraucht. Wie viele Hoffnungen verbinden wir mit ihr. Wie viel Enttäuschung knüpft sich daran. Trotzdem ist das nun mal so: Ohne Liebe stirbt Leben ab. Und: Liebe ist mehr als nur ein schönes Wort für romantische Stunden. „Vertrauen und Achtung, das sind die beiden unzertrennlichen Grundpfeiler der Liebe, ohne welche sie nicht bestehen kann.“ – Der Dichter Heinrich von Kleist (1777 – 1811) hat das vor 200 Jahren gesagt. Für mich sind das zwei schlüssige Hinweise dafür, was zur Liebe gehört, ohne in himmlische Sphären abzuheben. Und Heinrich von Kleist fährt fort:: „Ohne Achtung hat Liebe keinen Wert und ohne Vertrauen keine Freude.“ Statt Achtung sagt man heute eher Respekt. Respekt vor der Würde des anderen, Respekt vor seiner Person. Dazu gehört auch, was er fühlt, welche Erfahrungen ihn geprägt haben, welche Biographie er hat. Respekt haben heißt auch, dass der andere nicht sein muss, wie ich ihn haben möchte. Der andere darf anders sein als ich. Haben zwei in ihrer Partnerschaft Achtung und Respekt voreinander, dann ist Liebe ein hoher Wert. Dann sind zwei füreinander da, ohne übereinander zu herrschen. Dann sind zwei füreinander da, ohne sich voneinander abhängig zu machen. Und wie ist das mit dem Vertrauen und der Freude in der Liebe? Ich befürchte: Ohne Vertrauen behält Mißtrauen die Oberhand. Ohne Vertrauen traue ich der Partnerin, dem Partner nicht so recht über den Weg. Ohne Vertrauen laufe ich Gefahr, den anderen ständig kontrollieren zu müssen und besitzen zu wollen. Und da kommt auf Dauer und so wirklich keine Freude auf. „Vertrauen und Achtung, das sind die beiden unzertrennlichen Grundpfeiler der Liebe“ sagt Heinrich von Kleist. Zwei schlüssige Hinweise dafür, wie Liebe gelingen kann und Freude macht.

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Der christliche Glaube bekennt sich zu Gott dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Heute ist Trinitatis, Dreifaltigkeitssonntag. Aber laut Umfragen kann nur die Hälfte der Christen damit etwas anfangen Wie lässt sich das erklären? – Ist das Glaubensverlust; mangelndes religiöses Wissen; zu schwer, um es zu verstehen? Oder reagieren manche – wenn auch unbewusst – auf das biblische Gebot: „Du sollst dir kein Gottesbild machen!“? (Deuteronomium 5,8) Aber die Bibel ist voll von Gottesbildern. Wir können von Gott gar nicht anders sprechen als in Bildern. Und Bilder verlangen Deutungen. Wir besitzen nicht die „reine und ganze Wahrheit“, sondern von Menschen und Religionen überlieferte Deutungen. Das Gebot: „Du sollst dir kein Gottesbild machen!“ erinnert daran: Wir sollen Gott nicht in irgend ein Bild einsperren, ihn nicht in menschlichen Deutungen konservieren. Wir sollen kein Gottesbild für alle verpflichtend machen, andere nicht darauf festlegen. Gott hat unzählige Namen in den Religionen der Welt. Er wird angebetet auf vielerlei Weisen. Gott ist eine Frage in unzähligen Herzen, und er wird angezweifelt in vielen Köpfen. Ich glaube, dass alle Menschen Zugang zu Gott haben. Aber jeder hat einen anderen Zugang zu ihm. Wer ist Gott für mich? – Wer ist Gott für Sie? Es ist wohl eine der größten Herausforderungen, sich dieser Frage immer wieder zu stellen. Und immer ist Gott ganz anders, aber immer ist er es. Der Schweizer Dichter und Theologe Kurt Marti hat dazu einen Text geschrieben, eine feinfühlige und freundliche Rede von Gott. * „Ehe wir Dich suchten, warst Du da. Bevor wir Dich Vater riefen, hast Du uns als Mutter umsorgt. Beugten wir die Knie vor Dir, dem Herrn, kamst Du als Bruder entgegen. Beschworen wir Deine Brüderlichkeit, erging die Antwort schwesterlich. Immer bist Du es, der vorher war; allwärts bist Du es, der begegnet.“ * Der Heilige Geist ist keine Zimmerlinde, Radius Verlag Stuttgart 2000, S. 172 https://www.kirche-im-swr.de/?m=3725