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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Mir begegnen immer wieder Menschen, denen es eigentlich gut geht im Leben, die sich aber nicht darüber freuen können. Sie haben alles, was sie brauchen, sind gesund, in der Familie ist alles in Ordnung und auch beruflich läuft es ganz gut, trotzdem fühlen sie sich irgendwie im Minus. Wenn ich ehrlich bin, geht es mir auch manchmal so, und vielleicht kennen Sie das ja auch von sich selbst.

Aber woher kommt das? - Vielleicht daher, dass meine innere Waage, mit der ich das Gute in meinem Leben messe, falsch eingestellt ist.

Denn das muss man mit jeder Waage machen, sonst wird alles falsch. Die elektronische Waage, die bei uns zu Hause im Badezimmer steht, zeigt präzise bis auf zehn Gramm genau mein Gewicht an. Aber bevor sie mir mit roten Digitalziffern unbestechlich ihre Wahrheit entgegen leuchtet, muss sich meine Waage zuerst richtig einstellen. Ich muss kurz warten, bis die Null auf dem Display erscheint. Wenn ich mich drauf stelle, bevor die Waage ihre Null anzeigt, dann zeigt sie eben mit mir Null an, obwohl ein sattes Gewicht auf ihr lastet.

Ich glaube, manchmal mache ich genau diesen Fehler bei meiner inneren Waage. Ich stehe mit all dem Guten, das es in meinem Leben gibt, drauf, und sehe trotzdem nur eine Null. Eben weil ich meine innere Waage nicht auf Null gestellt habe, bevor ich darauf gestanden bin.

Ich denke, dass wir Menschen uns an das Gute sehr schnell gewöhnen. Dass es mir gut geht, empfinde ich schnell als Normalzustand – Normal-Null sozusagen. Dabei ist das Gute gar nicht selbstverständlich. Das merke ich, wenn ich mit älteren Menschen rede, die die Kriegs- und Nachkriegszeit mitgemacht haben. Oder wenn mir Spätaussiedlern erzählen, wie sie von Stalin verschleppt wurden und es als Deutsche in Russland sehr schwer hatten. Solche Gespräche stellen mein Empfinden für das Gute immer wider neu ein. Und sie machen mich dankbar Gott gegenüber.

Manchmal zeigt meine Bilanz aber auch deshalb Null oder sogar Minus an, weil ich die guten und die schlechten Dinge gegeneinander aufwiege. Das liegt zwar nahe, aber das sollte man nicht tun. Denn das Negative, das ich in meinem Leben erfahre, kommt mir meistens viel schwerer vor als das Positive. Da kann eine einzige schwierige Begegnung mit einem Menschen das Ergebnis eines Tages nach unten ins Minus ziehen, obwohl dieser Tag ansonsten gefüllt war mit guten Erfahrungen. - Also, lieber das Positive für sich nehmen und das Negative auch. Das Schlechte wird damit nicht klein gemacht, aber es frisst das Gute nicht auf.
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„Wann wirst du endlich erwachsen?“ - Das fragen sich viele Väter und Mütter, wenn sie auf ihre Kinder sehen. Die sind längst volljährig und haben ihren 18. Geburtstag schon lange hinter sich. Aber irgendwie sind sie noch nicht richtig im Leben angekommen. - „Wann werde ich endlich erwachsen?“ das fragen sich manche junge Frau und mancher junge Mann auch selbst. Die Psychologen sagen, dass die Menschen heute immer später erwachsen werden, manche erst zwischen 30 und 40 Jahren, also etwa in der Mitte ihres Lebens.

Von einem, der auch sehr spät erwachsen geworden ist, erzählt die Bibel: er hieß Jakob, und war einer der so genannten Stammväter des Volkes Israel. Als er erwachsen wurde, war er schon lange verheiratet und hatte sogar schon eigene Kinder.

Jakob war der Lieblingssohn seiner Mutter Rebekka. Sie hat ihn verhätschelt und ihm immer geholfen, wenn er in Schwierigkeiten war. Als junger Mann hat Jakob versucht, sich mit Tricks durchs Leben zu schlagen. Seinen älteren Bruder Esau hat er hinterlistig betrogen. Esau wollte ihn dafür umbringen. Wieder kam ihm seine Mutter zur Hilfe, hat ihn gewarnt, und Jakob konnte rechtzeitig in ein fremdes Land fliehen. Dort hat er dann geheiratet und eine Familie gegründet.

Jakob beginnt erwachsen zu werden, als er sich viele Jahre später entschließt, in die alte Heimat zurückzukehren: Als er auf der Heimreise an den Fluss Jabbok kommt, wird er von einem Mann angegriffen. Aber diesmal haut Jakob nicht ab. Er nimmt den Kampf an und gibt nicht auf. Die ganze Nacht ringt er mit dem geheimnisvollen Fremden. Und er besteht den Kampf – ohne wegzulaufen, ohne Trickserei und ohne, dass seine Mutter ihm zur Hilfe kommt. Jakob wird erwachsen.

Erwachsenwerden bedeutet, sich dem Leben zu stellen. Nicht einen einfachen Weg durchs Leben zu suchen, den es ja doch nicht gibt. Sondern selbstbewusst seinen Platz im Leben einzunehmen und dort seinen Mann oder seine Frau zu stehen – auch wenn es manchmal schwierig wird.

Also keine leichte Sache, das Erwachsenwerden. Jakob geht aus dem Kampf auch nicht unbeschadet heraus. Der Fremde schlägt ihm auf die Hüfte, so dass er danach nur noch hinken kann. Aber er ist endlich im Leben angekommen.

Die Geschichte erzählt auch: Auf seinem langen Weg ins Erwachsenwerden war Jakob nicht allein. Gott hat ihn begleitet, auch auf manchem Irrweg. „Gott ist mit mir gewesen“, sagt Jakob im Rückblick. - Das finde ich ermutigend für alle, die auf dem Weg ins Erwachsenwerden sind und auch für ihre Eltern: Menschen müssen diese schwierige Reise nicht allein meistern. Gott gibt ihnen die Zeit dazu, und er will ihnen dabei helfen anzukommen.

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Sind Sie zu Ihren Kindern immer so, wie Sie es gerne sein möchten? Mir gelingt das leider nicht immer. Ich möchte mir Zeit nehmen, um mich ganz bewusst mit meinen Kindern zu beschäftigen. Aber nur selten mache ich das auch. Ich werde ärgerlich, wenn das volle Apfelsaftglas umfällt, obwohl ich doch eigentlich gelassen reagieren möchte. Ich weiß ja, dass es keine Absicht war. Ich will aufmerksam zuhören, wenn meine Kinder mir von der Schule oder vom Kindergarten erzählen. Aber ich ertappe mich dabei, wie meine Gedanken abschweifen und ich an meine Arbeit oder sonstwas denke.

Ich habe Vorstellungen davon, wie ein guter Vater sein sollte, und bleibe oft dahinter zurück – leider. Ich habe das Gefühl, dass ich meinen Kindern einfach nicht so viel Aufmerksamkeit geben kann, wie ich es eigentlich gerne möchte. Ich wäre gern ein Einser-Papa. Aber ich fürchte: Beim Pisa-Eltern-Test - wenn es ihn gäbe - würde ich über einen Dreier nicht hinauskommen.

Ich habe mich gefreut, als ich neulich in der Bibel gelesen habe, dass es einen Einser-Papa für meine Kinder gibt, auch wenn ich selbst das nicht sein kann. In einem Brief des Apostels Paulus steht: Gott ist der „rechte Vater (…)“ und zwar „über alles, was Kinder heißt im Himmel und auf Erden“ (Epheser 3,15). Also auch für meine Kinder – ein Vater, der Zeit hat, zuhört und sich nicht gleich ärgert.

Für mich bedeutet das, dass ich ein Bisschen gelassener auf meine Defizite als Vater blicken kann. Ich möchte weiter versuchen, ein so guter Vater wie möglich zu sein. Aber, dass es da noch so einen richtig guten Vater gibt, das entlastet mich und nimmt mir den Druck, besser zu sein als ich kann.

Gott ist der rechte Vater für meine Kinder. Mit ihm möchte ich meine Kinder deshalb auch bekannt machen. Deshalb erzähle ich ihnen Geschichten aus der Bibel. Und wir berichten Gott vor dem Schlafengehen, was wir den Tag über erlebt haben: was uns gefreut und was uns traurig gemacht hat.

Ich bin mir sicher, dass nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene so einen rechten Vater gut gebrauchen können. Schließlich hat kaum einer selbst einen Einser-Vater gehabt. Sicher: Die meisten Väter haben es so gut gemacht wie sie es eben konnten. Sie sind ihren Kinder dabei aber trotzdem viel schuldig geblieben: an Anerkennung, Unterstützung und Liebe – all den Dingen, die man braucht, um selbstbewusst und stark durchs Leben zu gehen. Ich glaube, es lohnt sich deshalb und ist nie zu spät, den „rechten Vater“ kennen zu lernen – auch für Erwachsene.

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Glauben heißt, auf Gott zu vertrauen. Das ist mehr als zu wissen, dass es Gott gibt, oder bestimmte Sätze über ihn für wahr zu halten. Ich kann eine Sache für wahr halten - sogar fest davon überzeugt sein - und trotzdem nicht darauf vertrauen. Dazu eine kleine Geschichte:

Ein Lehrer fordert seine Schüler im Physikunterricht auf, Experimente zu verschiedenen Themen vorzubereiten. Sie sollen sie dann der ganzen Klasse vorstellen. Zwei Schüler bekommen das Thema „Pendel“. Als sie mit ihrer Präsentation dran sind, befestigten sie an der Zimmerdecke zwei lange Seile und hängen daran ein Gewicht aus Eisen - fünf Kilo schwer. Das ist das Pendel. Dann erklären sie: „Wenn man ein Pendel von einem bestimmten Punkt aus loslässt, kann es – nach den Gesetzen der Physik - unmöglich weiter zurück schwingen als bis zu dem Punkt, von dem aus es gestartet ist“. Der Lehrer nickt zustimmend. Um das zu beweisen, bitten sie aber jetzt den Lehrer, sich ins Zimmer zu stellen. Direkt vor seiner Nase lassen sie das Pendel los. Das Fünf-Kilo-Eisen-Gewicht saust durchs Klassenzimmer, dreht am Wendepunkt um und kommt zurück – direkt auf den Lehrer zu und - er zieht den Kopf weg. Er hat gewusst: „Das Pendel kann mich unmöglich treffen“. Aber er hat dem, was er für wahr gehalten hat, nicht vertraut.

Man könnte auch sagen: In der Theorie hat er das Pendelgesetz für wahr gehalten, aber in der Praxis, im echten Leben, sah die Sache dann ganz anders aus. Ich denke so ist das auch mit Gott. Ich kann in der Theorie wissen, dass es ihn gibt und dass das, was ich in der Bibel über ihn lese, wahr ist. Aber es ist noch eine ganz andere Frage, ob ich ihm in der Praxis, im echten Leben, in meinem Alltag auch vertraue.

Für mich als Christ ist das eine große Herausforderung und ein großes Lernfeld. In einer schwierigen Situation zum Beispiel: Weiß ich dann nur, dass Gott da ist und mir durchhilft, oder vertraue ich darauf? Weiß ich nur, dass mich nichts – weder Tod noch Leben, noch irgendeine Macht - von seiner Liebe trennen kann, oder rechne ich ganz real mit dieser Liebe? Im einen Fall ist das nur ein schöner Gedanke, im andern Fall kann ich davon leben.

Gott lädt mich dazu ein, seine Vertrauenswürdigkeit im Alltag zu testen: „Ich bin nicht nur in der Theorie dein Gott“, sagt er, „sondern in echt, probier‘s aus“. Sich darauf einzulassen, ist ein Wagnis, zu dem ich immer wieder Mut brauche. Aber ich denke, es lohnt sich.
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„Kindergeschrei ist Zukunftsmusik“, hat neulich ein Politiker gesagt. Ich weiß nicht, von wem dieser Satz ursprünglich stammt. Der Politiker wollte jedenfalls damit sagen: ein Land ohne Kinder hat keine Zukunft. Sicher hat er recht. Aber ich finde, in diesen Worten steckt mehr drin als der Aufruf zum Kinderkriegen: Der Satz fordert mich auf, Kinder mit anderen Augen zu sehen.

Für Viele müsste ja ein Satz, der mit dem Wort „Kindergeschrei“ beginnt, ganz anders weitergehen: „Kindergeschrei geht auf die Nerven“, oder: „Kindergeschrei ist unerträglich“. – Als wir neulich mit drei befreundeten Familien und insgesamt neun Kindern beim Italiener saßen, stand unseren Tischnachbarn jedenfalls so ein Satz ins Gesicht geschrieben. Und auch ich selbst hätte mich wohler gefühlt, wenn unsere Kleinen wären etwas leiser gewesen wären.

„Kindergeschrei ist Zukunftsmusik“ erinnert mich in solchen Situationen: Auch, wenn sie manchmal nerven: Kinder sind mehr als man im Moment sehen und hören kann. Sie stecken voll von Möglichkeiten. Wenn ich sie zusammen mit diesen unsichtbaren Möglichkeiten vor mir sehe, dann verändert sich was. Manchmal gelingt es mir dann, sie respektvoller und liebevoller zu sehen; im Restaurant, zu Hause oder in der Schule, wenn’s im Religionsunterricht mal drunter und drüber geht.

Der Reformator Martin Luther hat als Kind in der Schule sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Noch als Erwachsener hat er sich mit Schrecken an die Prügel erinnert, die er von seinem Lehrer bekommen hatte. Wie erstaunt war er, als er auf eine höhere Schule kam: Dort wurden die Schüler nicht geschlagen, sondern der Rektor verbeugte sich jeden morgen vor der ganzen Klasse. „Man kann nie wissen, ob nicht einmal Ärzte, Bürgermeister oder Richter aus Euch werden“, so hat der Rektor seine Verbeugung begründet.

Natürlich wird nicht jedes Kind Arzt oder Bürgermeister. Aber dazu, dass sie aufrichtige, lebenstüchtige Menschen werden, dazu können wir Erwachsene etwas tun. Indem wir ihnen etwas zutrauen. Indem wir die Entwicklungsmöglichkeiten sehen und ernst nehmen, die in jedem Kind stecken.

Vielleicht begegnen Ihnen ja heute schreiende Kinder – irgendwo: gegenüber auf dem Spielplatz, im Kindergarten, in der Schule, im Bus oder zu Hause. Und vielleicht denken Sie dann an diesen Satz: „Kindergeschrei ist Zukunftsmusik“. Es könnte sein, dass das wortwörtlich stimmt. Es wäre möglich, dass in dem kleinen Schreihals vor Ihnen ein großer Musiker von morgen steckt – wer weiß das schon.
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Meine Kinder überraschen mich immer wieder, indem sie Dinge über Gott wissen, die ich ihnen gar nicht zugetraut hätte.

Da sagte mein fünfjähriger Sohn einmal zu mir: „Ich würde sogar die Schuld von der Heidi auf mich nehmen“. Ich habe gestutzt. Heidi, das ist nämlich unser Hund. - Wer Schuld ist, das ist für meinen Sohn gerade ein großes Thema. Wenn er mit seiner älteren Schwester streitet oder beim Spielen etwas zu Bruch geht, ist es ihm wichtig, dass er nicht Schuld daran ist. Schuld an irgendeinem Unglück zu sein, das belastet ihn. Und Schuld wegzunehmen, ist deshalb etwas ganz Tolles.

„Ich würde sogar die Schuld von der Heidi auf mich nehmen“ – Ich bin mir nicht sicher, ob er richtig verstanden hat, was er da gesagt hat. Aber ich weiß genau, was er damit gemeint hat. Er wollte sagen: „Ich habe die Heidi ganz arg lieb“. Wenn er morgens aufsteht, dann begrüßt er als erstes ausgiebig unseren Hund. „Mit der Heidi kann man ganz toll kuscheln“, hat er neulich gesagt. Dass er ihr sogar die Schuld abnehmen würde, ist eine einzige große Liebeserklärung an unseren Hund: „Ich würde alles für dich tun“.

Damit hat der kleine Kerl eine wichtige Aussage des christlichen Glaubens ganz richtig verstanden. Wahrscheinlich hat er irgendwann einmal im Gottesdienst oder in der Kinderkirche gehört, dass Jesus Christus unsere Schuld auf sich genommen hat.

Jesus hat die Schuld der Menschen auf sich genommen, als er am Kreuz gestorben ist. Viele runzeln die Stirn: „Warum musste ein anderer wegen meiner Schuld sterben?“ Ich denke: Er musste es nicht, aber er wollte es.

Jesus hat gesehen, wie Menschen um ihn herum ihr Leben mit Schuld belastet haben und in einer Spirale der Schuld gefangen waren: Wie die Zöllner zum Beispiel andere betrogen haben, dafür gehasst wurden und deshalb erst recht betrogen haben. Selbst die, die ein Leben ohne Schuld führen wollten, haben das nicht geschafft: Weil sie die verachtet und links liegen gelassen haben, die nicht so fromm waren wie sie. Und die Männer, die Jesus ständig begleitet haben, seine engsten Freunde, haben darum gestritten, wer der Größte von ihnen ist und zuerst an sich selbst gedacht.

Jesus hat gesehen: Schuld belastet und zerstört das eigene Leben und das der anderen. Und weil wir Menschen nicht selbst damit fertig werden, hat er die Schuld auf sich genommen. Das hat ihn sein eigenes Leben gekostet. Aber offenbar war er bereit, alles für uns zu tun. Warum? Weil wir ihm viel bedeuten. - Eine große Liebeserklärung.
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