Alle Beiträge

Die Texte unserer Sendungen in den SWR-Programmen können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.

Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

     

SWR2

    

SWR3

  

SWR4

      

Autor*in

 

Archiv

13APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Jetzt – nach fast zwei Wochen – habe ich mich so langsam an die Zeitumstellung gewöhnt. Mich nervt die Umstellung von Normal- auf Sommerzeit zwar jedes Mal – aber ich liebe es auch, wenn es abends lange hell ist.

Es hat Zeiten in meinem Leben gegeben, da konnte die Abenddämmerung für mich gar nicht spät genug anbrechen. Denn wenn es dunkel geworden ist, dann ist auch meine Seele immer wieder mal in die Dunkelheit abgetaucht. Und ich bin sicher, das geht vielen Menschen ähnlich: Anstatt zur Ruhe zu kommen, fangen die Gedanken an, zu kreisen: Was ist liegen geblieben? Was ist morgen zu tun? Wo weiß ich nicht weiter? Abends stapeln sich ihre Sorgen im Kopf und manche begleitet das sogar bis unter die Bettdecke. Wer nachts nicht schlafen kann, weil die Gedanken kreisen, der hat wirklich eine finstere Nacht.

Am nächsten Morgen ist das Gefühl meistens wieder verflogen. Es wird hell, und bei eine Tasse Kaffee oder Tee sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Ich bin immer froh, wenn mir ein neuer Tag auch neuen Schwung gibt. Bei Licht betrachtet sind meine Probleme auch nicht größer als die, anderer Leute, und ich fürchte, ich nehme sie manchmal einfach zu wichtig. Und trotzdem: Abends sitze ich wieder da und grüble.

Ich ärgere mich darüber, denn eigentlich weiß ich es ja besser. Anstatt auf das zu starren, was liegen geblieben ist, sollte ich lieber an das denken, was mir gelungen ist. Vielleicht ist das gar nicht viel. Vielleicht habe ich nur den Müll rausgebracht oder ein bisschen aufgeräumt - aber immerhin. Und warum sollte morgen nicht etwas Gutes auf mich warten? Morgen ist ein neuer Tag. Und ganz sicher geht die Sonne wieder auf.

Es gibt ein Lied im evangelischen Gesangbuch, das nimmt den Abend und den Morgen zusammen in den Blick: „Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen“ und darin heißt es:

„Die Sonne, die uns sinkt, bringt drüben den Menschen überm Meer das Licht: und immer wird ein Mund sich üben, der Dank für Gottes Taten spricht.“

Das ist doch ein schöner Gedanke: Wenn es hier langsam auf den Abend zugeht, dann geht irgendwo anders auf der Welt gerade die Sonne auf. Ich stelle mir vor, wie die Menschen aus ihren Betten kommen und sich erst einmal recken und strecken. Bestimmt kocht gerade irgendjemand Kaffee - oder was auch immer dort zu einem Frühstück gehören mag. Irgendwo auf der Welt fängt gerade jemand neu an. Und hier bei mir? - Hier kommt nach einer langen Nacht auch wieder der nächste Morgen. Und ich bin gespannt, was der neue Tag bringen wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39683
weiterlesen...
12APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Und ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag. Vielleicht haben Sie heute viel vor. Und vielleicht auch schon Pläne für heute Abend – oder sogar heute Nacht. Ich selbst verziehe mich nach Feierabend aufs Sofa. Aber manchmal, da hat der Tag auch einfach nicht genug Stunden. Und es gibt Leute, die können gar nicht genug unternehmen und sind von früh bis spät auf Achse.

Je älter ich werde merke ich, dass es kein Fehler ist, nach einem langen Tag ein bisschen früher ins Bett zu gehen, um mich richtig zu erholen. Der Start in den kommenden Tag fällt dann viel leichter – und deshalb nehme ich mir das auch immer wieder vor. Allerdings klappt das fast nie. Abends überkommt mich nämlich doch wieder das Gefühl, ich könnte irgendetwas verpassen. Oder ich habe tagsüber etwas vor mir hergeschoben, dass ich abends dann noch erledigen muss. Wäre es nicht doch besser, noch eine Weile am Schreibtisch zu sitzen und eine Aufgabe abzuschließen? Schon heute Morgen fürchte ich, dass mir das wieder passieren wird – und ich abends wieder da sitzen werde – vor dem Computer oder vor dem Fernseher – und es später und später wird und der Mond scheint zum Fenster herein.

Der Mond erinnert mich dann hoffentlich an eins meiner Lieblingslieder: Das berühmte Abendlied von Matthias Claudius: Der Mond ist aufgegangen. Da heißt es in einer Strophe:

„Wie ist die Welt so stille und in der Dämm‘rung Hülle so traulich und so hold / als eine Stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt.“

Matthias Claudius vergleicht die Nacht und ihre Dunkelheit mit einer stillen Kammer, einem ruhigen Zimmer. Da drinnen ist es ruhig und friedlich. Ich bin in Sicherheit und darf ganz beruhigt einschlafen. Und den ganzen Trubel der vergangenen Woche, alles, was liegen geblieben ist, das darf ich einfach einmal verschlafen und vergessen. Ich darf mich erholen.

Das sind doch eigentlich schöne Aussichten – auch jetzt schon frühmorgens, wenn der Tag noch jung ist. Er könnte wieder ziemlich voll werden. Und hoffentlich auch spannend und erfolgreich. Meine Arbeit ist mir wichtig und abends will ich auch noch etwas erleben. Aber irgendwann darf dann auch Schluss sein, auch wenn noch nicht alles erledigt ist und nicht alles erlebt habe, was die Nacht zu bieten hat. Die Nacht ist eben auch zum Schlafen da, und die Dunkelheit hüllt mich ein wie eine ruhige und sichere Kammer. Hier kann ich mich beruhigt erholen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39682
weiterlesen...
11APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ostern ist noch nicht lange her – das christliche Fest, dass Jesus den Tod besiegt hat und auferstanden ist. Können Sie das glauben? Oder auch andere Glaubenssätze, dass zum Beispiel Jesus Kranke wieder gesund gemacht hat. Können Sie damit etwas anfangen oder solche Erzählung für ihr eigenes Leben deuten?  

Zweifel und auch handfeste Kritik an der Kirche und dem, was sie verkündigt, gibt es nicht erst seit gestern. Eigentlich gibt es die schon immer, von Anfang an, seit es Christen gibt. Und ganz besonders elegant und gekonnt hat Johann Wolfgang von Goethe den Glauben aufs Korn genommen, wie ich finde. Goethe ist einer der berühmtesten deutschen Dichter. Und in seiner Tragödie „Faust“ gibt es eine Szene, in der seine Hauptfigur, Heinrich Faust, zusammen mit einem Gehilfen einen Spaziergang machen. Und zwar im Frühling am Ostersonntag.

Faust ist in dieser Szene allerbeste Laune. Er sieht von einer Anhöhe aus zu, wie die Menschen fröhlich aus der Stadt hinausdrängen – in den farbenfrohen Frühling. Denn – findet Faust – sie haben genug vom dunklen Winter, ihren engen Häusern und von den Zwängen des Arbeitsalltags. Als wären sie selbst auferstanden. Und dann sagt er noch: „aus der Kirchen ehrwürd’ger Nacht / sind sie alle ans Licht gebracht.“

Wie böse! Und wie scharfzüngig: In den Kirchen ist es also zappenduster, und er meint damit: Zappenduster für den eigenen Verstand. Also lieber raus aus den Kirchen, hinein in die Natur, wo es hell ist. Da kann der Mensch selbst denken, seinen eigenen Verstand benutzen und erkennen, wie’s im Leben läuft. So sieht Goethe das also – und reibt es mir als Vertreterin meiner Kirche so ganz nebenbei mal so richtig rein.

Hat er recht? Ja – und nein, wie ich finde. Ja, denn die Kirchen waren im Laufe der Zeit immer wieder wissenschaftsfeindlich. Und nein. Denn in den vergangenen Jahrhunderten haben sie selbst die Wissenschaften auch vorangebracht. Sie haben mit dafür gesorgt, dass alle zur Schule gehen können und selbst nachlesen, was so alles in der Bibel steht.

Mir gefällt die scharfzüngige Kritik von Goethe deshalb gut. Er piekt mich und die Kirchen ein bisschen, damit wir nicht aufhören, nachzufragen und darüber nachzudenken, was der Glaube für unser Leben bedeutet.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39681
weiterlesen...
10APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor einigen Jahren habe ich einen jungen Mann kennengelernt – der hatte es wahrlich nicht leicht. Der junge Mann, kaum 19 Jahre alt, musste in eine psychosomatische Klinik eingewiesen werden, weil er magersüchtig war. Magersüchtig war er, weil er kaum etwas essen konnte. Und essen konnte er kaum, weil er sich mit allem, was lebt, auf das engste verbunden gefühlt hat.

Im Gespräch hatte er eine spröde Art. Es mit ihm auszuhalten war nicht leicht einfach, weil man immer das Gefühl hatte, von ihm beurteilt zu werden. Oder besser: als würde man von ihm verurteilt werden: Beim Blumenpflücken als sinnloser Zerstörer von Pflanzen. Bei einem unachtsamen Schritt als Mörder von Schmetterlingen und Ameisen. Und mit jedem Brotkrümel, den man auf dem Teller zurückließ, hatte man Ackerboden um sonst gepflügt, mit Dünger und Pestiziden malträtiert und sowieso die Weizenhalme fürs eigene Überleben ausgebeutet.

Es war nicht leicht mit dem jungen Mann. Aber am aller schwersten war es für ihn selbst. Denn er war ja nicht dumm. Er war auch nicht wirklich arrogant oder besserwisserisch. Er wusste genau, dass das völlig übertrieben war, und dass er ein Recht hatte zu leben und zu essen – auch lebendige Pflanzen. Aber seine übergroße Empathie und sein Mitfühlen mit jeder Kreatur konnte er trotzdem nicht unterdrücken – er konnte einfach nicht anders – aus welchen Gründen auch immer.

Einmal, als er etwas Vertrauen gefasst hatte, sagte er zu mir: „Weißt Du, ich sehe eine Art Kraft um alles, was lebendig ist.“ „Du siehst das wirklich?“, frage ich. „Ja – wie eine Aura, eine Art Leuchten um alles, was lebendig ist.“

Ich habe die große Not und das Leid dieses jungen Menschen niemals vergessen. Ich hoffe und bete, dass es ihm heute gut geht – oder wenigstens besser. Und obwohl sein Mitgefühl und seine Empathie für ihn selbst zerstörend gewesen sind – mir hat er eine heilsame Dosis davon mitgegeben. Und ich denke gern an ihn - an seinen Blick auf die Welt und auf alles, was darin lebendig ist und fühlt und wächst - jedes Mal, wenn ich eine Blume pflücke und dann zu meiner Freude in die Vase stecke oder ein paar Brotkrümel mit der Fingerspitze vom Teller sammle und auf der Zunge schmecke.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39680
weiterlesen...
09APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Vor ein paar Jahren war ich Teilnehmerin bei einer Gesprächsrunde von Pfarrerinnen und Pfarrern. Wir haben uns über das Bild von uns selbst ausgetauscht – über unser Selbstverständnis in unserem Beruf. Und kaum hatten wir angefangen, ging es auch schon los, und die eine hat berichtet, wie unzufrieden sie mit ihren Predigten im Gottesdienst ist. Der nächste: wie er bei Beerdigungen manchmal einfach nicht die richtigen Worte findet. Und der wieder der nächste, wie sehr er unter Zeitdruck steht… Der Leiter unserer Runde hat sich das leise lächelnd eine Weile angehört. Und dann gesagt: „Aber verehrte Kolleginnen und Kollegen – wir sind doch als Christen alle gerechtfertigt.

Ich habe das nie vergessen – auch nicht, wie mich dieser Satz damals aus meinen fest eingefahrenen Gedanken herausgerissen hat. Eine der zentralen Aussagen des christlichen Glaubens: Ich bin gerechtfertigt.

Damit ist nicht gemeint: Wenn ich Mist gebaut habe, dass ich dann eine Rechtfertigung parat habe wie: „Mein Wecker hat nicht geklingelt“ oder „Bus verpasst. Selbst wenn es stimmt und mir wirklich etwas in die Quere gekommen ist und ich deshalb eine Sache nicht ordnungsgemäß erledigen konnte. „Ich bin gerechtfertigt“ meint nicht, dass es einen Grund dafür gibt. Sondern gemeint ist: Ich habe Christus an meiner Seite – und der rechtfertigt mich.

Diesen zentralen Glaubenssatz hat der Leiter unserer Gesprächsrunde von Pfarrerinnen und Pfarrern mitten hineingestellt in unser Nachdenken über uns selbst – und man konnte förmlich spüren, wie fast augenblicklich die Atmosphäre eine andere geworden ist. Als hätte jemand das Fenster geöffnet und frische Frühlingsluft hereingelassen. Als wäre der Druck auf der Schulter eines jeden einzelnen von uns auf einmal weniger geworden.

Ich bin gerechtfertigt. Weil ich getauft bin und zu Christus gehöre. Und der ist mein Fürsprecher vor Gott und lässt mich Mensch bleiben – mit allen meinen Fehlern und Unzulänglichkeiten. Es wird mir trotzdem immer zu schaffen machen und niemals egal sein, wenn ich wieder einmal einen Termin vergesse, eine Aufgabe nicht pünktlich erledige oder sonst hinter dem zurückbleibe, was andere zu Recht von mir erwarten können. Aber gerade dann tut es mir gut, wenn ich mich an die Stimme meines Kollegen von damals erinnere: „Frau Wurz, vergessen Sie nicht: Sie sind gerechtfertigt.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39679
weiterlesen...
08APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ein Vorteil meiner Wohnung ist, dass ich auch mal zu Fuß zum Einkaufen gehen kann. Der Supermarkt ist nicht weit. Ich gehe also die Straße entlang Richtung Fußgängerampel – da sehe ich gegenüber einen Mann laufen – etwa in meinem Alter. Und ich sehe, dass er weint.

Das ist jetzt zwei, drei Wochen her und ich frage mich, wie’s ihm heute wohl geht. Man weint ja nicht einfach so ohne Grund. Noch dazu auf offener Straße und in aller Öffentlichkeit. Andererseits: Gibt es überhaupt irgendeinen Ort, an dem Weinen etwas Normales oder Passendes ist? Den Mann hat es auf dem Weg zum Supermarkt gepackt. Warum nicht zu Hause? Weil ihn da vielleicht die eigenen Kinder sehen oder der Partner oder die Partnerin? Oder die eigenen Eltern? Die würden das ja nicht einfach nur sehen, sondern sich auch Gedanken machen. Sich Sorgen machen. Und würden sich vielleicht mit runterziehen lassen. Oder es geht sie vielleicht schlicht und ergreifend nichts an… Dann doch lieber allein auf der Straße, wo wahrscheinlich niemand so richtig hinsieht. Beim Supermarkt angekommen, sollte man sich allerdings wieder einigermaßen im Griff haben.

Ich glaube, genau deshalb muss ich an den Mann immer noch denken. Am Supermarkt hatte er sich ganz bestimmt wieder im Griff, oder zu Hause vor seiner Familie oder bei der Arbeit vor den Kollegen. Da geht’s vielleicht sogar lustig zu: positives Betriebsklima, good vibrations… Gute Stimmung teilt man gern mit anderen – warum nicht die schlechte?

Vermutlich, weil es so schwer ist, das eigene Innere zu zeigen. Und das eigene Innere anderen zuzumuten. Ich denke, es gibt viele Menschen, die eher heimlich weinen: auf der Straße, allein im Auto oder nachts allein in der Küche – einfach, weil es gar nicht leicht ist, wirklich in Gemeinschaft mit anderen zu leben. Und gemeinschaftlich wirklich alle zu teilen – die guten Seiten des Lebens, aber eben auch die schlechten.

In der Bibel meint der Apostel Paulus einmal: Wenn ihr Teil der Gemeinschaft von Jesus Christus sein wollt, dann lacht mit den Lachenden und weint mit den Weinenden. Habt Mitgefühl. Scheut euch nicht, von euch etwas zu zeigen und auch, den anderen etwas zuzumuten. Ein weiser Rat, wie ich finde.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39678
weiterlesen...
06APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Der Europarat[1] hat festgestellt: In Deutschland klafft die Spanne zwischen arm und reich immer mehr auseinander. Und das soll in Deutschland der Fall sein? Wo wir doch die stärkste Wirtschaftskraft in Europa sind und einen gut funktionierenden Sozialstaat haben? Dabei ist es gerade deshalb so: Weil wir so ein reiches Land sind, fällt es um so mehr ins Gewicht, dass ein Teil der Menschen in unserem Land schlecht dasteht. Und weil es in der biblischen Tradition eine klare Option für die Armen gibt, greife ich das Thema heute auf. Als Christ kann mich Ungerechtigkeit nicht unbeeindruckt lassen.

Der Europarat nennt drei Bereiche, bei denen Deutschland dringend etwas tun muss.

Erstens Armut. Betroffen sind besonders behinderte Menschen und Senioren, vor allem aber Kinder. Konkret geht es darum, die Rechte von Kindern zu stärken, damit ihre Bedürfnisse bei politischen Entscheidungen nicht vergessen werden.

Zweitens Wohnungsnot. Noch immer steigt Jahr für Jahr die Zahl von Menschen, die bei uns ohne festen Wohnsitz sind. Um daran langfristig und umfassend etwas zu ändern, muss sich auch das Mietrecht ändern, weil es Eigentümer zu wenig in die Pflicht nimmt.

Drittens Ausgrenzung. Wachsende Ungleichheit führt dazu, dass Menschen regelrecht aufeinander losgehen, indem sie den anderen verachten und beschimpfen. Rassismus und auch Judenfeindlichkeit sind die Folgen. Dagegen muss die Politik mehr unternehmen. 

Am Ende lautet das Fazit des Europarats: Das hohe Maß an Armut und sozialer Benachteiligung steht in keinem Verhältnis zum Reichtum des Landes[2]. Deutschland muss die soziale Gerechtigkeit fördern und die Lebensbedingungen für alle verbessern.

Dieses „für alle“ ist für mich der Schlüssel. Weil hier ins Spiel kommt, wie ich als Christ auf andere schaue. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Alle haben die gleichen Rechte und Pflichten. Ungleichheit lässt sich aber nicht vermeiden. Deshalb steht der, der mehr hat, in der Pflicht zu teilen. Und teilen kann ich ganz schön viel. Ich kann andere an dem teilhaben lassen, was ich weiß, wo ich Einfluss und Beziehungen habe. Zu teilen heißt auch, ein offenes Haus zu haben und gastfreundlich zu sein. Und natürlich kann man einfach von dem abgeben, was man hat. Bei den meisten ist es ohnehin zu viel, und die die weniger haben, wären froh. Es genügt nicht, das Problem auf die Politik abzuladen. Wo ich lebe und arbeite, kann ich etwas tun – gegen die Schere von arm und reich.

[1] Der Europarat wurde 1949 zum Schutz von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaat in Europa gegründet. Er ist von der Europäischen Union unabhängig. Ihm gehören 46 europäische Staaten an. Die Experten besuchten Deutschland im November vergangenen Jahres.

[2]https://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/Politik__Inland_/article250638849/Europarat-Deutschland-bekaempft-Armut-zu-wenig.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39654
weiterlesen...
05APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

"Darf ein geistliches Wort am Beginn des Tages kritisch sein?[1]“ Mit dieser Frage beginnt der Aufsatz eines Mannes, den ich im März beerdigt habe. Joachim Köhler, ehemals Professor für Kirchengeschichte, bei dem auch ich studiert hatte. Interessant, dass er sich mit so einer Frage beschäftigt hat: Ob Kirchenleute wie ich im Radio Probleme ansprechen dürfen. Oder ob ich nur dazu da bin, um zur Besinnung einzuladen und möglichst heitere Geschichten zu erzählen. Mit meinem Lehrer Köhler sage ich ausdrücklich dazu: Nein. Ich will auch beunruhigen, weil unsere Welt nicht heil ist, und weil ich auch keine heile Welt vortäuschen will. Wenn ich bei der Wahrheit bleibe und ehrlich sein will, geht es gar nicht anders. Dann muss ich hier auch sagen, dass wir für den Klimawandel verantwortlich sind und im Begriff, unseren Planeten zu zerstören. Weil das die Wahrheit ist und nur unseriöse Quellen es leugnen. Ich muss nicht wegschauen, sondern darf klare Kante zeigen, wo Grenzen überschritten werden. Wem es vor allem um den eigenen Vorteil geht, wer nicht zum Teilen bereit ist, dem sage ich: Du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon[2].

Es gibt also noch einen weiteren Grund, weshalb ich als Kirchenmann im Radio kritisch sein muss. Ich tue es auch, weil ich dem Evangelium Jesu Christi verpflichtet bin. Und was dort steht, ist eben nicht harmlos oder gleichgültig, sondern es steht für eine klare Haltung. Wo es ungerecht zugeht, kann ich als Christ nicht schweigen, sondern habe von Jesus den Auftrag, dem abzuhelfen – durch Worte, aber noch mehr, indem ich entsprechend handle. Wo die Würde von Menschen mit Füßen getreten wird, kann ich nicht wegsehen, sondern muss den Finger in die Wunde legen. Wer seine Heimat verloren hat und bei uns Hilfe sucht, ist kein Mensch zweiter Klasse. Jesus hat sich nicht für den Pass interessiert, nicht für das Geschlecht oder ob einer in der Gesellschaft angesehen ist. Jeder Mensch ist vor Gott gleich. Das ernst zunehmen hat enorme Konsequenzen. Und es verlangt, den Mund aufzumachen, wenn es unmenschlich zugeht. So wie es die Propheten schon vor Jesus getan haben. Sie haben sich darauf verlassen, dass Gottes Geist in ihnen wirkt und sie das Richtige sagen lässt. Dieser prophetischen Rede fühle ich mich als Hörfunkpfarrer verpflichtet – auch wenn das manchmal und für manche unbequem ist.

[1] Joachim Köhler, Das Thema: Prophetie. Wider das Verdrängen und Vergessen. Über den Mut, den Alltag prophetisch zu deuten, in: Der Prediger und Katechet 145, 2006, Heft 6, S. 839-844.

[2] Vgl. Matthäus 6,24

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39653
weiterlesen...
04APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Viele Geschichten im Neuen Testament sind österliche Geschichten – auch wenn von der Auferstehung gar nicht direkt die Rede ist. So auch die, in der ein kleiner Junge die Hauptrolle spielt. Obwohl er nur nebenbei erwähnt wird. Es heißt von ihm lediglich, er habe fünf Brote und zwei Fische. Was allerdings nicht reicht, wenn man mit 5.000 Leuten unterwegs ist, die alle Hunger haben. Jesus ist auch dabei und will sie satt bekommen. Mit den fünf Broten und zwei Fischen des Jungen. Mehr lässt sich auf die Schnelle nicht auftreiben. Dass es am Ende gelingt, ist als das „Wunder von der Brotvermehrung“[1] in die Geschichte des christlichen Glaubens eingegangen. Aber kaum einer – auch damals nicht – hat angenommen, dass es dabei um den Hunger geht, der sich im Magen bemerkbar macht. Sondern um einen, den jeder Mensch kennt, und manchmal hart zu spüren bekommt.

Ich stelle mir deshalb Folgendes vor: Da ist in der Menge ein Mann, der seine Enkel nicht sehen kann. Er hat sich so mit seiner Tochter zerstritten, dass sie nicht mehr miteinander reden. Wenn er allein ist, kommen Bilder von früher in seinen Kopf. Als sie auf die Welt kamen und wie sie zum ersten Mal „Opa“ zu ihm gesagt haben. Dann tut es besonders weh, wenn er merkt, wie weit weg die Kleinen inzwischen von ihm sind. Dass er selbst auch Schuld daran hat; und wie sehr er sich danach sehnt, sie in den Arm zu nehmen. Wer bloß kann ihm dabei helfen, wer weiß Rat?

Viele Menschen haben Hunger nach dem, was man zum Leben braucht. Der Clou bei der Brotvermehrung ist: Die Grundlage, um den Hunger zu stillen, kommt von einem Kind. Der Junge hat mit seinen Broten und Fischen offenbar alles, was satt macht. Es braucht dann nur noch einen, der es geschickt genug anstellt, damit die Nahrung auch verteilt wird, so dass es am Ende für alle reicht. Jesus hatte offensichtlich diese Gabe.

Und der kleine Junge? Er hat am Ende seine fünf Brote und zwei Fische nicht mehr. Aber er hat mit angesehen, was passiert ist, als sie verteilt wurden. Wie der Großvater auf einmal getröstet ist, weil er weiß, dass es seinen Enkeln gut geht, und er Mut gefasst hat, wieder einen Schritt auf seine Tochter zuzugehen. Weil ein Lächeln über manche Gesichter ging und ein Gefühl der Gemeinschaft entstanden ist. Der kleine Junge weiß, dass er daran Anteil hat, dass es ohne ihn nicht funktioniert hätte.

Ich habe auch nur fünf Brote und ein anderer zwei Fische. Oft reicht das für mehr, als man denkt.

[1] Vgl. Johannes 6,1-15

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39652
weiterlesen...
03APR2024
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ab der kommenden Woche fahre ich ein E-Auto. Vollelektrisch und mit Strom von meinem Hausdach, wenn die Sonne scheint. Das ist ein gutes Gefühl, auf das ich mich schon seit einer Weile freue. Klar, dass ich im Vorfeld immer wieder mit anderen gesprochen habe, die schon so ein E-Auto fahren. Was das für ein Fahrgefühl ist, welche Erfahrungen sie damit gemacht haben. Alle sagen, das sei schon eine Umstellung. Und manche erzählen mir von einem Phänomen, das typisch fürs elektrische Autofahren sei. Es heißt: „Reichweitenangst“. Damit ist gemeint, dass man mit einem E-Auto nicht so weit kommt, wie mit einem Benziner oder Diesel und es nicht überall eine Ladesäule gibt, um den Speicher wieder aufzufüllen. Man muss deshalb eine weite Reise genau planen, um unterwegs nicht liegen zu bleiben. Werde ich das gut hinkriegen?

Übertrieben ängstlich bin ich eigentlich nicht. Aber ich behalte schon gerne die Kontrolle und mache Pläne, damit ich ohne größere Probleme durch den Alltag komme. Von den Nudeln, die ich bevorrate und der Menge an Sprudel und Saft könnte eine Familie gut und gerne einen Monat lang leben. Manchmal frage ich mich deshalb, ob mein Vertrauen groß genug ist, ob ich mich im Gleichgewicht befinde. In einer Balance zwischen dem, wo es klug ist loszulassen, und dem anderen, wo es besser ist festzuhalten. Dabei geht es nicht nur um den Vorrat an Lebensmitteln, sondern auch darum, ob ich bei jedem Wehwehchen gleich ans Schlimmste denke. Ob ich es mir erlaube, mein Leben zu genießen neben dem, was Arbeit ist. Es geht auch um die große Angst vor dem Tod. Ich glaube, diese Balance ist wichtig, damit es mir gut geht, um nicht allzu unbekümmert in den Tag hinein zu leben, aber auch nicht von Sorgen aufgefressen zu werden. Wo muss ich mich kümmern, wo lasse ich etwas auf mich zukommen? Oft steht eine Angst ja eher unbewusst im Raum. Ich werde nicht verhungern, kann Nudeln nachkaufen. Ich bin auch was wert, wenn ich keine 100% abliefere.

Der Speicher in meinem neuen Auto soll mindestens für 400 Kilometer reichen. Mal sehen, ob stimmt, was der Hersteller behauptet. Damit werde ich in der ersten Zeit meine Erfahrungen sammeln. Auch mal austesten, wie weit ich komme, ohne dass ich allzu nervös auf dem Fahrersitz werde. Und dann bestimmt auch lächeln - über die sprichwörtliche „Reichweitenangst“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=39651
weiterlesen...