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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Auf dem Kirchentag vor 3 Wochen habe ich meine Urlaubspläne geändert. Eigentlich wollte ich mit einer Gruppe nach Bulgarien oder nach Irland, wandern und alte Klöster angucken. Anreise mit dem Flieger natürlich. Ist ja auch gar nicht teuer, wenn man es geschickt anstellt. „Sonnenflüge ab 9,- Euro“ werden mir per e-mail angeboten.
Aber dann war ich auf dem Kirchentag bei einer Veranstaltung zum Miteinander der Generationen. Ich hatte an die alten Eltern gedacht, die gepflegt werden müssen und an die Kinder und Enkel, die Betreuung und Erziehung brauchen. Aber dann war da vor allem auch vom Klimawandel die Rede. Vom Klimawandel, den wir heute mit unserer Fliegerei wahrscheinlich verstärken. Es war davon die Rede, dass unsere Kinder und Enkel und die Generationen nach uns damit leben müssen.
Also habe ich meine Urlaubspläne geändert. Sonst tue ich doch auch was ich kann für meine Kinder – warum soll ich nicht auf der schwäbischen Alb wandern, da gibt es auch Klöster zu besichtigen, oder im Donautal Rad fahren oder auf der Müritz paddeln? Da braucht man kein Flugzeug.
Meine Kollegen haben mich ausgelacht. Flugzeuge fliegen sowieso, hat einer gesagt, ob du nun drin sitzt oder nicht. Davon, dass du verzichtest, wird nichts besser. Bilde dir doch nicht ein, dass du den Klimawandel verhindern könntest, hat ein anderer gesagt. Du bist doch nicht allmächtig. Der Klimawandel kommt sowieso, Klimaveränderungen hat es auch früher schon gegeben. Die Wissenschaft sollte lieber helfen, dass Menschen in Zukunft mit dem veränderten Klima auch gut leben können, vor allem die Armen, die das besonders treffen wird.
Das hat mir eingeleuchtet. Aber man kann ja das eine tun und muss deswegen das andere nicht lassen. Die Wissenschaftler sollen sich um die Folgen des Klimawandels kümmern, natürlich. Aber müssen wir deshalb zum Beispiel mit unseren Urlaubsflügen noch verstärken, was sowieso kommt? Dass der CO2-Ausstoß von Fabrikschornsteinen und Flugzeugen den Klimawandel beschleunigt und verstärkt, ist ja unbestritten, glaube ich. Wahrscheinlich kann man das nicht aufhalten. Aber muss man es noch verstärken und beschleunigen?
Gott hat den Menschen die Erde anvertraut, um sie zu bewahren. Wir sind Treuhänder für die kommenden Generationen. Einfache Lösungen gibt es nicht und niemand ist allmächtig, ich weiß. Aber sollen wir deshalb gar nichts tun gegen den Klimawandel und für unsere Kinder und Enkel? Wie sehen Sie das eigentlich?
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Oskar heißt der Held eines Buches, das ich schon ein paar mal an Jugendliche verschenkt habe. Ich möchte es Ihnen heute morgen vorstellen, Es behandelt ein Thema, um das Jugendliche normalerweise einen Bogen machen. Es handelt vom Sterben und wie der Glaube einem Menschen dabei helfen kann. Aber es ist gar nicht deprimierend. Im Gegenteil. Es wirkt befreiend, finde ich.
Das Buch heißt „Oskar und die Dame in Rosa“ und ist von Eric-Emanuel Schmitt.
Oskar ist ein 10jähriger Junge. Er liegt in der Klinik und hat Krebs. Er hat nur noch wenige Wochen zu leben. Aber alle tun so, als ob gar nichts wäre. Vor allem seine Eltern. Dabei wissen alle Bescheid, auch Oskar. Aber sie können nicht darüber reden. Nicht einmal seine Eltern können sich selbst und ihm die Wahrheit nicht sagen. Und Oskar tut, als ob er von nichts weiß, um sie nicht noch trauriger zu machen. Und bleibt deshalb allein mit seiner Angst.
Gott sei Dank gibt es da aber noch die Dame in Rosa. Eine Krankenschwester vielleicht, vielleicht auch ein Engel – das erfährt man bis zum Schluss nicht so richtig. Diese Dame in Rosa traut sich, mit Oskar über seine Situation zu reden und Oskar lässt sich auf das ein, was sie sagt. Immerhin war sie früher Catcherin, hat sie ihm erzählt. Das imponiert Oskar.
Die Dame in Rosa ermutigt Oskar, Briefe an den lieben Gott zu schreiben. Ihm, sagt sie, kann er alles sagen, was ihn beschäftigt. Er hält das aus. Oskar fängt tatsächlich damit an. In einem der Briefe beschreibt er, wie die Dame in Rosa ihn mitgenommen hat in die Krankenhauskapelle. „Ich habe natürlich einen Riesenschreck bekommen, … als ich dich in diesem Zustand gesehen habe“, schreibt Oskar an den lieben Gott, „fast nackt, ganz mager an Deinem Kreuz, überall Wunden, die Stirn voller Blut durch die Dornen, und der Kopf, der dir nicht mal mehr gerade auf den Schultern saß. Das hat mich an mich selbst erinnert,“ schreibt Oskar. „Ich war empört. Wäre ich der liebe Gott wie du, ich hätte mir das nicht gefallen lassen.“
„So einem werden sie doch nicht vertrauen?“ fragt Oskar deshalb die Dame in Rosa. Und die fragt zurück: „Warum nicht, Oskar? Würdest du dich eher einem Gott anvertrauen, wenn du einen Bodybuilder vor dir hättest, mit prallen Muskeln, eingeölter Haut, kahl geschoren und im vorteilhaften Tanga? Wem fühlst Du dich näher, Oskar, einem Gott, der nichts fühlt oder einem, der Schmerzen hat?“ (E.M. Schmitt, Oskar und die Dame in Rosa, Zürich 2003, S. 63ff)
Übrigens hat mir mein 17jähriger Sohn diese Episode erzählt und gesagt: Wie die das sagt: as finde ich gut!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1603
Haben Sie schon mal eine Bibel gekauft? Und sich gewundert, dass es nicht bloß eine, sondern ganz viele verschiedene gibt? Was drin steht, das ist immer gleich, klar. Aber die Sprache ist verschieden, die Übersetzung. Da gibt es die bunten, mit den netten Bildern für Kinder; die poppigen in der Sprache von Schülern und Jugendlichen, es gibt die gute Nachricht „in heutigem Deutsch“, die klassische Übersetzung von Martin Luther, die Einheitsbibel und noch viele andere.
Seit einem halben Jahr gibt es noch eine Bibelausgabe. Die „Bibel in gerechter Sprache“. Wieso gerecht, fragen Sie jetzt vielleicht – sind die anderen denn ungerecht? Ja, meinen viele, denn die Bibel ist von Menschen geschrieben und die haben wie Menschen ihrer Zeit gedacht. Und wie sie gedacht haben, das hat sich in ihrer Sprache gezeigt und da ist vieles für uns heute tatsächlich ungerecht. Zum Beispiel werden Frauen oft verschwiegen. Wenn von den Kindern einer Familie geredet wurde, dann hat man nur die Söhne erwähnt. Und in seinen Briefen hat der Apostel Paulus nur die „lieben Brüder“ angeredet. Das war so üblich damals. Die Frauen würden von ihren Männern ja weiter gesagt kriegen, was der Apostel zu sagen hatte. Man könnte meinen, die Frauen sind da gar nicht gemeint und spielten für Christen keine Rolle. Heute denken wir da anders, Gott sei Dank. Deshalb übersetzt die neue Übersetzung nun „Brüder“ mit „Geschwister“.
Es gibt noch viele andere Bereiche, in der die Bibel die Denkweisen der Menschen von damals zeigt. Die neue Übersetzung in gerechter Sprache versucht, da unser Denken von heute einzubringen. Sie schreibt da wo „Gott“ steht, manchmal auch Mutter oder „die Ewige“ um zu zeigen: Gott ist kein Mann. Steht übrigens ausdrücklich so auch in der Bibel (Hos 11,9) Bestimmt ist es für viele gut, das zu wissen – gerade wenn man sich Gott nicht gern als „Vater im Himmel“ vorstellen mag, weil es mit dem eigenen Vater so schwierig war.
Ich finde es gut, wenn ich angeregt werde, mir Gedanken zur Bibel zu machen. Auch kritische Gedanken. Aber das möchte ich eigentlich nicht vor-geschrieben kriegen. Erklärungen zur Bibel – das ist gut. Aber erst möchte ich wissen, was möglichst wörtlich drin steht. Mit anderen reden: wie siehst du das, wie verstehst du das? Das hilft mir, meinen eigenen Glauben zu klären. Aber muss man das in die Bibel „hineinübersetzen“ als stünde es drin ? Mir kommt das vor, als wollte mich da jemand bevormunden: mir quasi vor-schreiben, wie ich das verstehen soll.
Deshalb bleibe ich bei der Übersetzung, die ich schon habe. Und mache mir selber meine Gedanken.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1602
Mit Vertrauen lebt man leichter. Aber wie kann man Vertrauen lernen? Durch Kontrolle, sagen manche. Ich muss den anderen ab und zu kontrollieren, Stichproben machen. Dann weiß ich, ich kann ihm vertrauen. Dann gibt mein Misstrauen Ruhe. Jedenfalls für eine Weile. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“
Das klingt sehr vernünftig. Im Straßenverkehr zum Beispiel. Oder bei den Kindern – da ist es wahrscheinlich sinnvoll, ab und zu zu kontrollieren, ob sie die Hausaufgaben auch wirklich gemacht haben – ehe es zu spät und in der Schule der Anschluss verpasst ist. Schließlich bin ich als Mutter da verantwortlich und kann auch eher abschätzen, was sie sich antun, wenn sie nicht ordentlich arbeiten. Aber wenn ich heute kontrolliert habe – kann ich dann morgen noch sicher sein, dass es wieder gut geht? Durch Kontrolle hört das Misstrauen nicht auf. Und ob Vertrauen wächst durch Kontrolle? Ich glaube nicht. Kontrolle ist gut und manchmal wohl auch nötig. Aber eigentlich wäre Vertrauen besser.
Für den Glauben gilt das übrigens auch. Glauben heißt, auf Gott zu vertrauen. Und Vertrauen entsteht eben nicht durch Kontrolle. Nehmen Sie folgendes Beispiel. „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten, dass du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt“ (Psalm 91,11). Diesen Satz aus der Bibel geben viele Eltern ihren Kindern als Taufspruch mit auf den Lebensweg. Darauf wollen sie vertrauen, darauf sollen auch ihre Kinder vertrauen. Das soll ihnen und ihren Kindern Ruhe geben und Geborgenheit: Aber welche Eltern werden im Anschluss an die Taufe ihr Baby mal kurz fallen lassen, um Gott zu kontrollieren, ob das auch wirklich stimmt?
Vertrauen ist ein Wagnis. Und erst im Ernstfall, wenn es darauf ankommt, merkt man, dass es einen trägt.
Vielleicht fragen Sie jetzt, ob ich denn noch nie enttäuscht worden bin. Doch. Enttäuschungen kann es geben, wenn man jemandem vertraut. Und Zweifel bleiben einem nicht erspart. Glauben und vertrauen heißt ja auch nicht, dass man das Denken aufgibt oder das Fragen. Natürlich frage ich mich, ob das, was ich erlebe, mit dem zusammenpasst, was ich glaube. Aber gerade, wenn die Fragen schwierig waren und die Erfahrungen niederschmetternd, habe ich immer auch gemerkt. Gott hilft mir Antworten finden. Er hilft mir, wieder aufzustehen. Ich kann mich auf ihn verlassen. Deshalb vertraue ich auf Gott. Denn Kontrolle ist manchmal nötig. Aber nur Vertrauen trägt. Wer es wagt, wird es erleben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1601
Was glauben eigentlich die Evangelischen? Sind sie nicht Christen wie die anderen auch, die sich auf Jesus Christus berufen? Was ist das Besondere bei den Evangelischen?
Manchmal muss man auf solche Fragen Auskunft geben. Kinder fragen einen, wenn sie erleben, dass es in der Schule zweierlei Religionsunterricht gibt. Und auch unter Erwachsenen nimmt das Interesse an religiösen Fragen zu. Da wird man manchmal gefragt: Sie sind doch evangelisch. Was glauben Sie denn eigentlich?
Dann reicht es nicht, zu antworten: Wir glauben doch alle an denselben Gott! Und auf die Bibel hinzuweisen oder auf das Glaubensbekenntnis, das hat auch keinen Sinn. Das haben tatsächlich alle Christen gemeinsam. Und trotzdem: Wie die Menschen in einer Familie die Menschen zusammengehören und doch jeweils ein eigenes Profil haben, so ist das auch unter den Christen. Und was das besondere Profil der Protestanten ausmacht, das ist im Augsburger Bekenntnis erklärt.
Das hat 1530 Philipp Melanchthon aus Bretten verfasst, ein enger Mitarbeiter Martin Luthers. Vertreter aus all den Gebieten, die damals schon die Reformen eingeführt hatten, haben es unterschrieben, unter anderem Matthäus Alber für die Stadt Reutlingen. Am 25. Juni 1530, heute vor 477 Jahren wurde es in Augsburg verlesen – und zwar auf Befehl Kaiser Karl des V. Der wollte wissen: was ist denn da überhaupt los, was wollen sie denn und was glauben sie, die Anhänger der Reformation.
In 28 Kapiteln legt deshalb die „Augsburger Erklärung“ dar, was den Christen gemeinsam ist und was das besondere Profil der evangelischen Protestanten ausmacht: wie es mit der Beichte ist und dem Abendmahl, welche Funktion die Kirche hat und wie man Gottes Gnade erlangt. Das steht im Augsburger Bekenntnis. Wenn ich das heute lese, dann finde ich immer noch: Das Augsburger Bekenntnis ist eine Erklärung des persönlichen Glaubens. Nicht, dass sich einer dem Glauben der Kirche anschließt, sondern dass jeder selber weiß und bekennen kann, was er glaubt – darum geht es.
Dem Kaiser war diese Freiheit zu gefährlich. Er hat das Bekenntnis der Evangelischen nicht anerkannt. Sie galten weiterhin als Irrlehrer und Ketzer. Aber er war damals politisch zu schwach, um sie zu bekämpfen. Für uns Evangelische war das ein Glück. Jahrzehnte später hat ein andrer Kaiser unsere Art zu glauben dann offiziell zugelassen. Auch in Augsburg übrigens.
Das Augsburger Bekenntnis gilt bis heute als Grundlage evangelischen Glaubens. Wenn sie sich informieren wollen: Sie finden es zum Beispiel hinten in unserem Evangelischen Gesangbuch.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1600
Manchmal bräuchte ich jemanden, der mir eine goldene Brücke baut. Kennen Sie das auch? Ich habe mich verrannt, vielleicht bloß aus Trotz, weil niemand meinem Vorschlag folgen wollte. Und nun sehe ich: es war wirklich der falsche Weg. Aber soll ich das zugeben? Verbissen und bockig bleibe ich bei meiner Position, trotzig weiter, immer in die falsche Richtung. Manchmal bräuchte ich einen, der mir eine goldene Brücke baut.
Jesus war ein Meister im goldene Brücken bauen. Ich denke an die Geschichte mit Zachäus, dem kleinen Zöllner in Jericho. Zöllner waren damals miese Typen. Zur Kollaboration mit der Besatzungsmacht gezwungen wurden sie verachtet und geschnitten. Und um trotzdem auf ihre Kosten zu kommen, erpressten sie erhöhte Abgaben, die sie in die eigene Tasche steckten. Zachäus war auf diese Weise reich geworden. Und hatte anscheinend doch alles verloren – niemand, der mit ihm zu tun haben wollte. Die Leute wünschten ihn zur Hölle.
Dann kam Jesus in die Stadt. Das war ein richtiger Event für damalige Verhältnisse, hunderte strömten zusammen. Keiner wäre auf die Idee gekommen, den kleinen Zachäus vorzulassen, damit der auch was sieht. Für Zachäus würde niemand Platz machen. Für ihn würde niemand einen Finger rühren. Zachäus wusste das. Deshalb fragte er gar nicht erst. Er brauchte niemanden. Er kam schon zurecht! Zachäus wollte nicht hören und spüren, was sie von ihm hielten. Kurzerhand stieg er auf einen Baum. So musste er niemanden um Hilfe bitten. Und von da oben hatte er auch ohne die anderen den Überblick. Ziemlich allein saß er da oben, irgendwie verloren.
Dann kam Jesus vorbei. „Zachäus komm runter! Dich will ich heute besuchen!“ Da war sie, die goldene Brücke. Kein: was machst du denn da oben? Kein: Brauchst du vielleicht Hilfe? Kein: Da siehst du mal, wo du hingeraten bist. Auch kein: vielleicht solltest du mal überlegen, wie es dazu gekommen ist?
Jesus lädt sich bei Zachäus ein. Ohne Kommentar. So, als ob er Hilfe braucht: einen Imbiss vielleicht, einen Platz, um die Füße hochzulegen. Und Zachäus freut sich, steigt vom Baum herunter, bewirtet Jesus und seine Begleiter. Und erklärt, dass er den Schaden wieder gut machen will, den er bei so vielen angerichtet hat. Die goldene Brücke hat funktioniert. Keiner fragt, was war. Zachäus muss sich keine Vorwürfe anhören. Er muss sich nicht rechtfertigen. Er wird gebraucht. So hat Zachäus wieder auf den richtigen Weg gefunden. Und ich glaube: so funktioniert das auch heute. Gott sei Dank..
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