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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Gott in der Hängematte, Cola – Dose in der Hand, lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen. So haben ihn Konfirmanden gemalt, als sie versuchten, sich vorzustellen, wie das gemeint sein kann am Ende der Schöpfungsgeschichte: Gott ruhte am 7. Tag und heiligte den Feiertag. Selbst Gott braucht eine Ruhepause. Erst recht dann aber auch wir Menschen.

Trotzdem hat gerade die Gesellschaft für die Deutsche Sprache festgestellt, dass erstaunlich viele Worte, in denen das Wort Pause enthalten ist, aus unserem Sprachgebrauch verschwunden sind. Das Wort „Kaffeepause“ sei ausgewandert, teilt die Gesellschaft mit, nach Finnland. Damit sei aber auch die Pause selbst nicht mehr da. Es gibt keine Sendepause, keine Schaltpause mehr, und selbst die große Pause ,die Sonntagsruhe ist bedroht. Woran liegt das? Vielleicht weil es mir schwer fällt, eine Pause auszuhalten , ohne etwas zu tun. Oder weil ich der Meinung bin, ich könne sie mir nicht leisten. Dabei braucht jeder diese Pausen, die kleinen und die großen Pausen, so wie Gott den 7. Schöpfungstag als Ruhetag braucht.

Das hat ganz einfach Gründe: niemand kann pausenlos arbeiten und Kräfte verbrauchen und für alle kommt der Punkt der Erschöpfung , an dem man neue Kraft schöpfen muss. Jedermann braucht einen Rhythmus im Leben, im Leben mit anderen, im Arbeitsleben und in der freien Zeit. Wie Tag und Nacht, wie Sommer und Winter, wie Einatmen und Ausatmen, so gehört der Rhythmus von Schaffen und Pause zu meinem Leben.
Vor allem liegt in der Ruhe , in der Pause die Quelle für neues Leben. Ich kann zurück blicken, ich kann überlegen, was gelungen und nicht gelungen ist, ich kann mich neu orientieren. Die Ruhepause tut mir gut. Warum macht Gott nach der Schöpfung eine Ruhepause? Weil er es gut mit mir meint, wenn er mir Ruhepausen schenkt.
Denn das gehört gerade zur Fülle des Lebens, meine Zeit denen zu widmen, die sonst zu kurz kommen, mich mit meinen Gedanken und meiner Zeit einer Tätigkeit zuzuwenden, die meinen Horizont erweitert. Ruhepause heißt ja nicht, nichts zu tun. Sondern frei von anderen Zwängen mich dem zuwenden , was meiner Gemeinschaft mit anderen dient und mir Freude macht. Weil zur Fülle des Lebens mehr gehört, als viel zu leisten und pausenlos zu arbeiten. So ist das Angebot Gottes, wie er sich immer wieder Ruhe zu gönnen, nicht nur eines der 10 Gebote, sondern auch sehr vernünftig.
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Wenn ich mit einem anderen Menschen vertraut bin, dann erkenne ich vieles, was mir sonst fremd bleibt. Dann kann ich in einem Kollegen einen Menschen sehen, der es schwer hat, weil er nicht schlafen kann, weil er unter Ängsten leidet. Eine Nachbarin erzählt mir von ihrer Sehnsucht, ihr Enkelkind öfter sehen zu können, was ihr die Tochter aber verweigert. Mehr erkennen, als was man mit den Augen sieht, das kommt dann, wenn allmählich ein Vertrauen wächst, bei dem ich mich anderen öffnen kann, und durch das ich mit anderen über Dinge reden kann, die ich sonst für mich behalte.
„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ So sagt der Fuchs zu dem Kleinen Prinzen in der schönen Erzählung des französischen Schriftstellers Saint – Exupery. Die Voraussetzung dafür, mit dem Herzen zu sehen, also wirklich etwas zu erkennen, ist dass man vertraut ist miteinander.

Das war in biblischer Zeit auch bei den Menschen so, die Jesus erkennen wollten. Sie haben sich gefragt, wer dieser Mensch nun wirklich ist. Sie waren nicht sicher, was er für sie bedeuten könnte und wie sie zu ihm stehen sollten.
Anders geht er mir heute auch nicht. Ich lese in den biblischen Erzählungen, wie er Menschen um sich sammelt, die alles verlassen, um ihm zu folgen; wie er Kinder zu sich einlädt, die von den Erwachsenen abgehalten werden; wie er Kranke, die nicht mehr laufen können, auf die Füße stellt und wie sich der Zöllner Zachäus nach dem Besuch Jesu in seinem Haus völlig verändert. Ich lese von Jesus, wie er Händler aus dem Tempel hinauswirft. Und dann lässt er sich ohne Gegenwehr verhaften und ohne Verteidigung zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen. Ist er ein Sieger, ein Verlierer? Wer war dieser Jesus? Und wer ist er für mich?

Man sieht nur mit dem Herzen gut, und das geschieht, indem man sich vertraut macht mit dem anderen, so sagt der Fuchs zu dem Kleinen Prinzen.. Ich versuche, mich mit Jesus vertraut zu machen. Ich lese, wie er eine Frau heilt, die fremd ist und nichts mitbringt als grenzenloses Vertrauen zu ihm. Ich höre ihn erzählen von dem Vater, der seinen Sohn wieder aufnimmt, obwohl dieser alles Vertrauen verspielt hat, und ich erkenne in dieser Geschichte Gott, den Jesus mir nahe bringen will. Ich erfahre, wie er an einem blinden Bettler nicht vorbei geht, sondern ihn heilt. Ich werde vertraut mit einem Jesus, der sich gerade denen zuwendet, die allein sind, verlassen und in großer Traurigkeit. Und gerade diesen Jesus brauche ich.
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An einem Wintertag war ich mit dem Zug unterwegs. Es war ein kaltes und äußerst ungemütliches Wetter draußen. Darum war ich froh, dass ich einen bequemen Sitzplatz gefunden hatte. Mir gegenüber saß ein Mann, der mir durch seine Unruhe auffiel. Ständig blickte er nach draußen, stand auf, setzte sich wieder hin, las die Schilder am Bahnsteig und schüttelte den Kopf. „Wissen Sie nicht, wo Sie aussteigen sollen?“ fragte ich ihn. „Doch, doch“, war seine Antwort. „Ich müsste schon lange aussteigen, denn ich fahre in die falsche Richtung. Aber hier drin ist es so schön warm.“

Das klingt komisch. Aber diese Haltung kenne ich. Ich müsste eigentlich meinen Tagesablauf oder mein Arbeitspensum oder meine Beziehung zu einem anderen Menschen ändern, aber so ist es einfach bequemer. Ich müsste eigentlich eine ganz andere Richtung für meine Lebensplanung einschlagen, aber das ist mir zu anstrengend. So wie das Navigationssystem in meinem Auto dauernd anzeigt: Wenn möglich, bitte wenden! Aber ich sehe keine Möglichkeit.

In der Bibel gibt es dafür das Wort Buße, oder Umkehr. Ein unmodernes Wort, aber die Sache ist wichtig. Umkehren, sich verändern, die Richtung ändern. Tut Buße, kehrt um! So hat Johannes der Täufer gefordert, so hat es auch Jesus gesagt. Das klingt unbequem , ja bedrohlich. Aber eigentlich steckt darin auch immer eine neue Chance. Wenn ich umkehre, kann es anders, kann es besser werden! Wenn ich umkehre, finde ich dahin, wo ich eigentlich hin sollte. Dann fahre ich nicht länger in die falsche Richtung. Der Weg Jesu und seine Worte werden zum neuen Wegweiser für das Leben.

Da gibt es zum Beispiel die Erzählung von dem Zollbeamten Zachäus. Korrupt hat er seine Stellung ausnutzt, um möglichst viel Geld in die eigene Tasche zu füllen. Dafür aber manövriert er sich völlig ins Abseits und verliert jeden Kontakt zu den Menschen. Als Jesus bei diesem Außenseiter zu Gast ist, verändert sich sein Leben radikal. Weil er damit erfährt, dass Gott sich auch ihm zuwendet und ihn nicht verachtet, darum will er sein Unrecht wieder gutmachen .Er gibt zurück, was er sich angeeignet hat, er gestaltet sein Leben und seine Zukunft völlig neu. Der Kontakt zu Jesus gibt seinem Leben eine neue Richtung.

Mein Mitfahrer im Zug musste dann doch endlich aussteigen und zurückfahren, auch wenn es draußen kalt war. Ich hoffe, dass er gemerkt hat: Wenn ich diesen ersten , vielleicht den schwersten Schritt getan habe, dann kann ich endlich ans Ziel gelangen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=1213
In der Bibel geht es zu wie in den Zeitungen oder in den Fernsehnachrichten. Da gilt bekanntlich : „ Bad news are good news!“ - Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Man kann das bedauern, dass andauernd nur Katastrophen und Konflikte berichtet werden. Aber anscheinend wollen wir, die Zuschauer, das ja sehen und hören. So ist anscheinend die Wirklichkeit. Das Böse, das Unglück, der Schmerz und der Verlust gehören zum Leben. Darum gehören sie auch zu dem , was die Medien über das Leben berichten.
Und in der Bibel ist es genauso. Sie erzählt von der Wirklichkeit. Das Böse und das Übel werden nicht verschwiegen oder beschönigt, sondern das was Wirklichkeit ist, begegnet mir darin: Neid und Mord, Lieblosigkeit und Verluste werden in vielfältiger Weise dargestellt. Weil sie zum menschlichen Leben gehören und der Bibel nichts Menschliches fremd ist.

Aber das Ziel dieser Erzählungen in der Bibel ist es nicht, das Böse auszumalen, sondern Gott ins Spiel zu bringen, Gott hinein zu ziehen in den menschlichen Kampf mit Leid und Not, mit Lieblosigkeit und Tod. Gerade wenn ich eine Enttäuschung erlebe, wenn ich zu den Verlierern gehöre, wenn mich Krankheit oder Trauer überfällt, dann brauche ich Hilfe.
Deshalb erzählt die Bibel von solchen Situationen. Aber wie sie das tut – das ist doch bemerkenswert. Die Erzählungen Jesu vom Verlorenen, zum Beispiel vom verlorenen Schaf oder vom verlorenen Sohn stellen mich in eine Situation, die ich verstehen kann, in der ich mich wiederfinden kann. Ich erlebe, wie aufreibend und zermürbend es ist, nach dem zu suchen, was mir wichtig ist. Ich verstehe den jungen Mann, der aus der Enge seines Elternhauses heraus und eigenständig sein Leben gestalten will. Und ich kenne Menschen, bei denen dieser Weg schief geht und das Schicksal gnadenlos zuschlägt. Ich brauche aber auch einen Gott, der sich verhält wie der Vater in der Erzählung Jesu : er wendet sich nicht ab von mir, obwohl ich lange nichts von ihm wissen will. Er ist dem Verlorenen nahe und hilft ihm, damit er neu anfangen kann.

So erzählt die Bibel weiter, wie sich der Vater und der Sohn darüber freuen, dass sie sich wieder gefunden haben. Das Ziel ist also die gute Nachricht, im Gegensatz zu den schlechten Nachrichten in den Medien. Die biblische Nachricht will mich ermutigen: kehr um, gib nicht auf, Gott, dein Vater, wird dir keine Vorwürfe machen, er wird sich freuen. Auch wenn du verloren gehst, Gott hört nicht auf, dich zu suchen. Er wird dich finden.
Das Ziel in der Bibel ist es zu zeigen, dass Gott hilft und zu mir steht. Ich finde: Das ist eine gute Nachricht.

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Tag der Arbeit, 1.Mai, ein freier Tag in der Woche für viele, die Arbeit haben und auch für Arbeitslose. Dabei lässt uns gerade heute das Thema nicht los, das die Politik, die Wirtschaft und unsere Gesellschaft dauernd beschäftigt: Es gibt vier Millionen Arbeitslose in diesem Land, es gibt es viel zu wenig bezahlte und bezahlbare Arbeitsplätze , viele verdienen nicht genug für ihren Lebensunterhalt und zugleich ersticken andere fast in der Arbeit. So ist dieser Tag Anlass genug, über die Arbeit und ihren Sinn nachzudenken.

Denn Arbeit und Dienst gehören zum menschlichen Leben und zu dieser Welt, solange es sie gibt. Schon am ersten Tag der Schöpfung, von dem die Bibel berichtet, beginnt Gott mit der Arbeit und dem Dienst. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Alles beginnt mit Arbeit, die Trennung von Licht und Finsternis, die Scheidung von Wasser und festem Land und wie am 6. Tag der Mensch, Mann und Frau geschaffen wurden. Auch wenn das Ganze kein naturwissenschaftlicher Bericht ist, sondern ein Bekenntnis, das in die Form einer schönen Erzählung eingepackt wurde, so hat es doch einen wichtigen Kern: Gott arbeitet für die Menschen und für die Welt und dient ihnen. Diese Arbeit Gottes tut mir gut. Ich lebe von ihr. Und das kann und soll ich weitergeben: als Dienst für andere, damit es denen auch gut geht. Das ist Gottes – Dienst, sagt die Bibel. Damit fängt alle Arbeit an

So ist klar, dass es bei der Arbeit immer um mich geht: ich bin nicht für die Arbeit da, sondern die Arbeit ist für mich da, sie soll mir und anderen dienen, und das gilt für die Arbeit, die ich bezahlt bekomme und für die unbezahlte Arbeit. In früheren Jahren gab es die Redeweise, dass man „in Arbeit und Brot“ sein wollte. Das gilt nach wie vor, denn Arbeit muss auch so viel einbringen, dass Menschen ihren Lebensunterhalt damit bestreiten können, für sich und für die, für die sie zu sorgen haben. Darum kann es heute für uns kein höheres Ziel geben, als möglichst vielen Menschen aus der Arbeitslosigkeit heraus zu helfen. Wenn jetzt die Konjunktur in Deutschland wieder brummt, sollten wir alle Entwicklungen in Wirtschaft und Politik an diesem Maßstab messen: Bringen Sie Menschen „in Arbeit und Brot“? Gibt es Arbeitsplätze, die so sind, dass jeder eine Aufgabe finden kann, die seinen Fähigkeiten entspricht?
Wenn Gott seine Arbeit für mich tut und mir dient, und mir damit Gutes tut, dann sollen auch möglichst viele Menschen die Chance haben zu arbeiten und damit sich und denen, die zu ihnen gehören, Gutes zu tun.



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„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Dieser Satz stammt von Vaclav Havel, dem früheren Staatspräsidenten von Tschechien. Beim ersten Hören lag mir dieser Satz ziemlich quer. Denn natürlich hoffte und hoffe ich immer wieder, dass etwas gut ausgeht. Und ich bin enttäuscht, wenn es anders kommt. Hat es dann trotzdem noch Sinn, was ich erlebt oder getan habe ?

Sinn hat etwas, wenn es nicht vergeblich ist. Eine Erfahrung ist sinnvoll, wenn ich daraus Erkenntnisse gewinne, die mir weiter helfen. Oder wenn ich dabei auf Menschen stoße, die mein Leben bereichern, vielleicht sogar verändern. Natürlich möchte ich vor allem gute und erfreuliche Begegnungen haben und schöne Erfahrungen machen. Mit jedem Tag schenkt mir Gott eine Portion Zeit, die ich ausfüllen kann, und dabei hoffe ich, dass es eine gute Zeit wird. Aber wenn ich mein Leben anders gestalten muss als bisher und mir nicht mehr alles leisten kann, was bisher selbstverständlich war, dann hat das doch auch seinen Sinn. Wenn meine Gesundheit angeknackst oder mein Arbeitsplatz bedroht ist, wird mein Leben damit nicht sinnlos. Auch wer sich manchmal wie ein Verlierer vorkommt oder immer mehr auf andere Menschen angewiesen ist, kann ein sinnvolles Leben führen.

Denn zu einem sinnvollen Leben gehört mehr als was mir gelingt und womit ich erfolgreich bin. Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.
Für mich hat dieser Satz von Vaclav Havel etwas mit Gott zu tun. Denn für mich hat das, was ich erlebe oder erfahre deshalb Sinn, weil glaube, dass Gott mich nicht verlässt, auch wenn etwas schief geht. Gott lässt mich nicht los, auch wenn ich in manchen Situationen des Lebens kein Licht mehr sehe und keinen Sinn erkenne in dem, was geschieht. Das brauche ich, um weiter machen zu können.
Gott ist nicht nur bei denen, die Erfolg haben und gewinnen. Er hält und stützt besonders auch die, die allein keinen Weg mehr sehen und vielleicht auch keinen Sinn. Das hilft, einen neuen Weg zu suchen. Das hilft, auch in schwierigen Situationen und in Misserfolgen nicht aufzugeben. Gerade auch in den beschwerlichen Wegen liegt Sinn. Manchmal allerdings merkt man das erst hinterher.
Dies ist für mich eine wichtige Wegzehrung für den Tag heute. Ich freue mich, wenn ich erfolgreich bin und wenn das gut geht, was ich mir vornehme. Aber ich bin auch überzeugt davon, dass es Sinn hat, wenn es anders kommt, als ich es mir vorstelle.
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„Befehlsfreier Raum“ – an dem Wort bleibe ich hängen, als ich ein Informationsblatt für junge Soldaten lese. Da wird berichtet, dass die Militärseelsorge im deutschen Camp der Bundeswehr in Kabul / Afghanistan an ihrer Unterkunft dieses Schild hängen hat: Befehlsfreier Raum. Sehr schnell hat sich dieser Raum zu einem ganz wichtigen Treffpunkt für Soldaten aller Dienstgrade entwickelt, habe ich da gelesen. Den ganzen Tag über wird er besucht. Manche nutzen ihn für Gespräche. Manche finden hier einen Platz, wo man einander gut zuhören kann. Vor kurzem ist ein älterer Unteroffizier hereingekommen, um einmal für sich zu sein und zu weinen.

Befehlsfreier Raum , das ist für die Soldaten anscheinend wie eine Oase in der Wüste, wie eine Insel im Meer. Eben ein Ort, an dem das nicht gilt, was sonst alles bestimmt mit Anordnungen, mit denen alles geregelt wird und nach eingefahrenen Zwängen funktioniert. Hierher kann man sich zurückziehen und von hier wieder zurück gehen ins Alltagsgeschäft. Die Soldaten in Afghanistan sind in einer besonders gefährlichen Situation. Sie sind weit weg von ihrer Heimat und den Menschen, die zu ihnen gehören. Sie brauchen diesen befehlsfreien Raum besonders dringend.

Aber die Mitarbeiterinnen in dem hektischen Betrieb eines Büros oder die Beschäftigten im Stress einer Firma brauchen einen solchen befehlsfreien Raum ebenso. Wahrscheinlich brauchen so einen Ruheplatz alle, die ihre täglichen Aufgaben und Sorgen mit den Menschen um sich herum oder mit ihren Dienstplänen zu bewältigen haben. Einen Raum oder eine Zeit ohne Druck von außen, einen Platz, an dem es ruhig ist und ich zu mir kommen kann. Eine Möglichkeit abzuschalten oder mich einfach fallen lassen zu können, das tut gut. Und zu diesem befehlsfreien Raum und einer Zeit ohne Druck gehören auch Menschen, die mir zuhören oder einfach da sind. Ich brauche die Erfahrung , dass ich frei werden kann von dem Druck, der mich antreibt.

Der Sonntag heute ist auch so etwas wie ein befehlsfreier Raum. Wenn ich mir die Zeit nehme und sie den Menschen widme, für die ich sonst zu wenig Zeit habe, dann tut das ihnen und mir gut. Wenn ich die Gelegenheit wahrnehme, auf das zu hören, was Gott mir zu sagen hat, dann kann mich das ermutigen und mich auf neue Wege bringen. Vielleicht ist gerade der Sonntag heute dafür geeignet. Es lohnt sich , einen solchen Raum ohne Zwang und eine Zeit ohne Druck immer wieder zu suchen und zu nutzen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1209