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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es ist ein hervorragend gemachtes Plakat: Eine Hand hält einen Laib Brot.
Und dieses Brot sieht aus wie die Erdkugel. Mit dem Meer und den Kontinenten. Ein Werbeplakat des evangelischen Hilfswerks Brot für die Welt, das zur Zeit an Bahnhöfen und Bushaltestellen zu sehen ist.
Brot – wie alltäglich, wie selbstverständlich ist doch unser Grundnahrungsmittel. Vom fleißigen Bäcker zu nachtschlafender Zeit gebacken, kommt es in den verschiedensten Arten frisch auf den Tisch. Wer noch nie richtig Hunger leiden musste, kann sich wohl nicht vorstellen, wie schlimm das sein muss. In einem Buch über eine eritreische Kindersoldatin habe ich gelesen wie sie vor Hunger Erde gegessen hat, feuchte Erde, nur damit sie mal wieder das Gefühl eines vollen Magens bekommen hat.
Brot für die Welt. Wir hier in Deutschland, in Europa kennen keinen Hunger mehr, Gott sei Dank, wir haben genug Brot, tägliches Brot. Auf unserem Nachbarkontinent ist das ganz anders. Und die Meldungen über den Hunger in Afrika sind so selbstverständlich, so alltäglich wie unser Brot. Aber ich kann und brauche mir mein Frühstück deswegen nicht verderben lassen. Doch ich kann dazu beitragen, dass Brot in die Welt kommt, dass Hungernde satt werden. Mit ganz bescheidenen Beiträgen. Die Hilfswerke de Kirchen bieten viele und sehr
konkrete Informationen darüber, mit welchem Betrag ich wie helfen kann. Saatgut zum Beispiel kann den Menschen zu Brot werden. Wasser, Beginn allen Lebens und aller Nahrung. Eine Schaufel, eine Hacke oder Bildung und Erziehung können zu Brot werden. Zu Brot für die Menschen in der so genannten Dritten Welt.
Mahatma Ghandi hat einmal gesagt, dem Hungernden muss Gott in Form von Brot erscheinen. Ein wunderbarer Satz, ein Satz mit zwei Seiten: mit der Seite des Hungers, des allumfassenden Hungers, der alles andere ausblenden lässt und nur noch einen Gedanken kennt: essen!
Dem Hungernden muss Gott in Form von Brot erscheinen. Die zweite Seite von Ghandis Satz: eine Hilfe, in der sich Gott als Brot zeigt. Ein Segen – göttlich.
Für mich als Christ vertieft sich in Ghandis Satz ein bekanntes Bild:
Jesus Christus, der in der Kommunion und im Abendmahl als Heiliges Brot verehrt wird. Aber nicht nur verehrt, sondern einverleibt wird. Indem ich mit der Hostie sein Leben einverleibe, seine Lehre verinnerliche. Mit einem Brot, das Leben schafft, wenn es geteilt wird... https://www.kirche-im-swr.de/?m=976
Vielleicht. Es ist eines meiner Lieblingsworte – das „vielleicht“. Ein schweres Leichtgewicht unter den Worten. In dem „viel“ steckt die Fülle. Das Ganze, der Überfluss und in dem „leicht“ die luftige Möglichkeit. Vielleicht stammt vom mittelhochdeutschen: Villichte und bedeutet vermutlich, möglicherweise und eben vielleicht.
Vielleicht kommt es ja doch nicht so schlimm. Vielleicht findet sich ja noch eine Lösung. Kommst du morgen? Vielleicht! Dieses kleine Wörtchen lässt Offenheit zu. Bringt Freiheit ins Leben. Wenn ich auf eine etwas freundlichere Art noch keine Ablehnung ausdrücken möchte. Das vielleicht ist der Lichtstrahl, der durch die halbgeöffnete Jalousie fällt, der Weg bis zur nächsten Abzweigung.
Das „vielleicht „ ist die Verlängerung im Spiel der Hoffnungen. Darum ist es auch kein Wort für Ungeduldige. Und auch keines für nüchterne Rechner oder
sogenannte Realisten. Im grellen Licht der Wahrheit zerschmilzt das federleichte „vielleicht“ wie eine Schneeflocke in der Sonne. Dieses kleine große Wort „vielleicht“ ist etwas für Blauaugen, für Idealisten. Für Menschen, die die Hoffnung einfach nicht aufgeben können oder wollen. Und das Leben in einer zauberhaften Schwebe halten. Zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, zwischen Ja und Nein.
(Vielleicht ist auch alles anders! Vielleicht kommt doch noch alles anders?!)
Vielleicht ist ja doch wahr, woran so viele Menschen glauben: an Gerechtigkeit und ein Leben nach dem Tod. Und vielleicht wird am Ende doch noch alles gut, schön oder wahr. Vielleicht...
https://www.kirche-im-swr.de/?m=975
Straßenkinder. Millionen von Kindern leben auf der Straße. Vor allem in der so genannten Dritten Welt. Aber nicht nur dort. In Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, gibt es ein Projekt, das sich um junge Straßenmütter kümmert.
12-,13-,14-jährige Mädchen leben schwanger oder mit ihren Babys auf der Straße. Das Projekt bietet den Mädchen und ihren Kindern ein Dach über dem Kopf, Essen, Kleidung und eine Ausbildung. Im Büro des Projektleiters hängt ein Plakat. Auf diesem 2mal 1 Meter 50 großen Plakat steht handgeschrieben das Gebet eines Straßenkindes. Und dieses Gebet geht so:
„Hallo, Herr, ich bin es, das Straßenkind. Erinnerst du dich an mich? Ich bin mir da nicht so sicher. Ich suche nach dir, jeden Tag, aber du verbirgst dein Gesicht vor mir.
Herr du sagtest, ich bin kostbarer als die Raben, denen du Nahrung gibst. Aber hier bin ich, hungrig. Du sagtest, du würdest mich kleiden wie die Lilien auf dem Felde, aber hier sitze ich und mir ist kalt und ich bin nackt.
(Du hast mir versprochen mir in schweren Zeiten zu helfen, aber du hast es zugelassen, dass mir meine Eltern weggenommen wurden.)
Du sagtest, bittet und euch wird gegeben, klopft an und es wird euch geöffnet. Ich bitte die Menschen, aber sie drehen sich weg. Ich klopfe an, aber die Tür öffnet sich nicht. (Auch die Schultüren sind mir verschlossen.)
Wenn ich nachts auf meinem Asphaltbett liege und mich nach tiefem Schlaf sehne, klingen deine Worte in meinen Ohren: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid und ich werde euch erquicken. Aber ich werde nicht erquickt.
Du gabst Versprechen Herr und ich dachte, du würdest sie halten. Warum antwortest du nicht auf meine Gebete? Warum lässt du mich leiden? Was willst du damit bezwecken, dass du mich leiden lässt?
Wenn irgendeine meiner Sünden mein Elend verursacht hat, dann bitte ich dich hier und jetzt um Vergebung: Vergib mir, dass ich nicht gebe, denn ich habe nichts. Vergib mir, dass ich nicht liebe, denn ich kenne keine Liebe. Vergib mir meinen Zweifel daran, dass du mein Leben willst. Vergib den Menschen, die es zulassen, dass mein Dasein so weiter geht. Vergib’ denen, die zulassen, dass ich hungrig, frierend, krank und nackt bleibe.
Vergib ihnen, Vater, denn sie wissen nicht, was sie tun. Herr gib mir Geduld, aber bitte beeile dich!“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=974
„Jawoll, Herr Doktor, morgen fang’ ich an!“ Das ist einer der Lieblingssprüche der besten aller Schwiegermütter, also der meinigen. Und diesen Spruch sagt sie immer mit einem Augenzwinkern wenn es darum geht auf die Ernährung zu achten oder etwas für die Gesundheit zu tun.
„Jawoll, Herr Doktor, morgen fang’ ich an.“ Ein wunderbar menschlicher Spruch! Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Die Einsicht ist da, aber die Veränderung, die verschieb’ ich lieber mal auf Morgen. Und das Schärfste an diesem Satz ist ja, dass ich ihn jeden Tag wieder neu sagen kann.
Bald ist die Fastenzeit vorbei. Und damit endet für viele eine Zeit der selbst auferlegten Entbehrungen. Und wenn sie freiwillig und nicht zwanghaft sind, haben sie auch was heilsames. Für einen selbst und für die anderen. In allen Kulturen gibt es diesen Wechsel zwischen Festen und Fasten, zwischen Genuss und Entbehrung. Das ist gut für den Leib und auch für die Seele. Weil man sich vielleicht wieder mehr als sein eigener Herr fühlt und nicht als Knecht der Gewohnheiten, Leidenschaften oder Abhängigkeiten.
Mir selbst ist das Essen nicht so wichtig, dafür komme ich aber an keinem Buchladen vorbei. Selbst wenn sich die ungelesenen Bücher schon stapeln und ich mir eher Zeit zum Lesen kaufen müsste als Bücher, kaufe ich mit doch wieder ein neues. Das habe ich jetzt in der Fastenzeit gelassen. Und das Geld, das ich dabei gespart habe, geht an arme Menschen. Vielleicht ermöglicht es ja einem Menschen in der Dritten Welt Lesen und Schreiben zu lernen.
Und vielleicht verhilft mir mein 7-wöchiges „Buch-Kauf-Fasten“ ja zu einem etwas gelassenerem Konsumverhalten. Auch über die Fastenzeit hinaus. Denn selbst wenn manche Gewohnheiten und Abhängigkeiten wirklich nur von Heut’ auf Morgen zu verändern sind, mit einem harten Schnitt, nicht wenige kann man auch sanft verändern.
So nach dem Motto: „Man soll die alten Gewohnheiten nicht rauswerfen, sondern freundlich zur Tür begleiten, wie einen Gast, den man verabschieden möchte.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=973
Mahatma Ghandi, die große indische Seele, legte immer wieder einen Tag der Stille ein. Ein Tag, an dem er nichts redete und sich auf sein Leben und seinen Glauben besann, damit er bei sich bleiben konnte bei all seinen Beschäftigungen und Begegnungen.
An einem solchen Tag der Stille fuhr Ghandi mit dem Zug aus einem Bahnhof heraus. Ein europäischer Journalist hatte schon längere Zeit versucht an ihn heranzukommen und entdeckte ihn durch das geöffnete Fenster. Der Journalist lief neben dem langsam anfahrenden Zug her und rief zu Ghandi ins Abteil: „Haben sie eine Botschaft, die ich für mein Volk mit nach Hause nehmen kann?“ Ghandi wollte seinen Tag der Stille nicht unterbrechen und schrieb auf ein Blatt Papier: „Mein Leben ist meine Botschaft“.
Ein Lehrstück für Konsequenz, Kompromissfähigkeit und Einfallsreichtum. Typisch Ghandi eben. Aber ich mag diese Geschichte auch von einer anderen Perspektive her. „Mein Leben ist meine Botschaft“, diesen Satz, mag ich auch, weil ich in meinem Leben schon immer mehr beeindruckt von Leuten war, die nicht nur geredet, sondern auch gehandelt haben. Und ich mag diesen Satz, weil er weg vom überlebensgroßen Ghandi auch auf mich selbst zeigt. Welche Botschaft hat denn mein Leben? Was strahle ich aus, was gebe ich weiter? Was ist die Botschaft, die ich mir selbst gebe? Bewusst oder unbewusst? Was gebe ich den anderen? Mit Worten oder ohne.
Mein Leben ist meine Botschaft – das ist in all seiner Schlichtheit ein großer Satz. Ein Satz der aber nicht nur von großen, weisen Menschen oder am Ende eines Lebens gesagt werden kann, sondern immer wieder. Kritisch. Selbstkritisch. Aber auch mit Wohlwollen. Wohlwollen mir selbst gegenüber, weil alles zu meinem Leben gehört. Das Gute wie das Schlechte. Das Starke wie auch das Schwache. Und weil nur alles zusammen einen Sinn ergibt. Der manchmal klar, oft verworren und nicht erkennbar ist, aber auch gerade dann eine Botschaft. Eine Botschaft an den, der mir mein Leben geschenkt hat.


https://www.kirche-im-swr.de/?m=972
„Ach, hätte ich doch den Mund gehalten, dann hätte ich sie nicht so verletzt!“. „Ach wär’ ich in der Schule nur fleißiger gewesen, dann hätte ich jetzt vielleicht einen besseren Job!“ Hätte, könnte, würde, beinahe oder fast. Bedauern, Bereuen und Reue das sind so tiefe wie urmenschliche Gefühle. Und das Thema Reue ist durch die Debatte um die Begnadigung von Christian Klar wieder in aller Munde.
Das Wort Reue stammt ab vom germanischen “Riuwe“ und bedeutet ursprünglich: Kummer, Schmerz, seelischer Schmerz über das, was man getan hat, oder eben nicht getan hat. Das sind auch die beiden Hauptgründe für Reuegefühle: Dass ich etwas falsch gemacht habe und damit jemand anderem oder mir selbst geschadet habe. Oder dass ich etwas unterlassen habe, etwas nicht gemacht habe, versäumt habe. Beides kann plagen und an der Seele nagen. Doch Reue ist etwas sehr Sinnvolles und Notwendiges: Als Voraussetzung um etwas wieder gut zu machen, um sich zu versöhnen, zu verzeihen. Aber Reue lebt von der Freiwilligkeit. Sie ist weder künstlich herstellbar, noch beweisbar. Sie ist so individuell, so persönlich wie der Mensch, der den entsprechenden Fehler gemacht hat. Reue ist aber auch eine Chance. Wenn ich schmerzlich erfahre was hätte sein können oder sein müssen, schafft die Reue die Voraussetzung dafür mein Leben zu verändern. Ohne Reue keine Umkehr.
Die Bibel ist voll von Beispielen wie Menschen durch Bereuen dazu kommen ihr Leben zu verändern. Eines der schönsten Beispiele ist das vom verlorenen Sohn, der reumütig zum Vater zurückkehrt, nachdem er sein Erbe verprasst hat und von seinem Vater mit offenen Armen empfangen wird.
Bedauern, Bereuen, Betrauern gehört zur Psychohygiene, zum Seelenheil des Menschen. Im Umgang miteinander, aber auch im Umgang mit sich selbst. Zum Beispiel gehört ab einem gewissen Alter auch dazu die so genannten Nichtereignisse meines Lebens zu betrauern. Und dann irgendwann zu akzeptieren, dass ich nicht alle Möglichkeiten nutzen konnte und in Gottes Namen auch falsche Entscheidungen getroffen haben. Das ist eine der Voraussetzungen wieder mit mir selbst ins Reine zu kommen. Mich nicht an meinen Fehlern und Versäumnissen festzubeißen, sondern irgendwann auch mit ihnen abzuschließen und so wieder offen zu werden. Offen für Anderes, für Neues und vielleicht sogar Besseres.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=971