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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Alles war vorbereitet. Der Bundespräsident und sein Stab standen in Habacht-stellung. Jetzt musste nur noch die niederländische Königin Beatrix eintreffen. Doch stattdessen kam der Komiker Hape Kerkeling – als ihr Double. Unglaublich aber wahr. Mit einer geliehenen Staatskarosse fuhr der Komiker beim Bundespräsidenten vor. Sein Auftritt sprengte fast das minutiös durchgeplante Protokoll des eigentlichen Staatsbesuches. Gerade noch rechtzeitig räumte damals die falsche Königin das Feld.
Kerkelings Beatrix-Nummer war nicht nur ein genialer Klamauk. Sie enthüllte die Licht- und Schattenseiten des König-Seins. Einerseits zeigte die falsche Beatrix wie ‚Königs’ leben: auf roten Teppichen, an festlichen Banketten und mit Luxuslimousinen. Andererseits entlarvte der Auftritt von Kerkeling das reglementierte Leben einer Königin, seine steifen Zeremonien und sonderbaren Konventionen.
Gerade das Gegenteil beeindruckt mich bei den Weisen, bei den Heiligen Drei Königen, die den neugeborenen Jesu besuchen. Heute ist ihr Festtag. Die Bibel schildert ihr Verhalten bemerkenswert unspektakulär. Ihr Besuch ist ein ganz normaler Besuch – ohne Festbüfett und ohne großen Bahnhof.
In der Bibel ist zwar nur von Magiern die Rede. Der Volksglaube aber machte aus diesen Männern Könige. Warum wohl? Ich glaube, dass die Menschen sehr früh das Königliche dieser Männer erkannt haben. Wahre Könige brauchen keine Kronen, kein Protokoll, kein Festbankett. Wahre Könige sind Menschen, die in einem neugeborenen Kind etwas Besonders erkennen können. Wahre Könige sind Menschen, die neugierig sind, ihr Leben lang, die sich auf den Weg machen, die Neues wagen.
Kerkelings komödiantischer Anschlag auf Beatrix zielt genau in diese Richtung. Er lässt mich zweifeln, dass sich das König-Sein in den steifen Regeln eines Staatsbesuches erschöpft. Und er macht durch allen Witz hindurch Mut, sich selbst als König zu erkennen. Eine Idee, die auch die biblischen Texte durchzieht.
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„Bundeskanzlerin macht ein Jahr Pause.“ Das wäre eine Schlagzeile. Wenn die amtierende Regierungschefin Knall auf Fall ihren Rückzug auf Zeit verkünden würde. Ein Jahr Pause. Ich vermute, die meisten, ich auch, würden erst mal un-gläubig den Kopf schütteln.
Obwohl: Den Wunsch, einmal auszusteigen, kenne ich gut. Ich steige aus. Ein Satz, der sich aufdrängt, wenn es anstrengend, wenn es stressig wird. Wenn der Akku leer ist. Wenn keine Energien mehr da sind. Ich steige aus. Kein einfacher Satz, sondern ein Hilferuf, ein Warnschrei. Es muss sich was ändern, sonst gehe ich vor die Hunde.
Meistens bleibt es beim Wunsch. Beim Traum: Sich einmal vom Trott, vom All-tag, vom eigenen Leben zu befreien. Aber dann und wann steigen einige wenige Menschen wirklich aus. Wie die Heiligen Drei Könige – morgen ist ihr Festtag.
Die Geschichte von den Königen, die den neugeborenen Jesus besuchen, ist eine Legende. Aber sie enthält einen wahren und spannenden Kern. Sie erzählt, dass da weise und kluge Männer sind, die einen Stern sehen und daraufhin alles ste-hen und liegen lassen. Sie steigen aus ihrem gewohnten Leben aus. Lassen ihr Königreich, ihren Job, ihr Zuhause hinter sich. Alles nur wegen eines Sternes.
Die Drei Könige sind vielleicht deshalb so populär, weil sie auf ihre Macht verzichten. Sie pfeifen auf politischen Einfluss und machen sich auf den Weg, weil sie neugierig sind auf eine neue Orientierung, neugierig auf ihren Stern.
Könige heute? Das sind vielleicht gerade die Menschen, die sich eine Auszeit nehmen. Menschen, die sich die Freiheit erlauben, allen Erwartungen und Plänen nicht zu entsprechen. Könige heute, das sind Menschen, die sich auf die Suche machen. Nach einem Leben, das nicht nur vom Beruf oder Kindern, nicht allein von Gewohnheiten und vom Alltagstrott diktiert ist. Ich finde das schwierig. Es gibt viele Verpflichtungen, die mich binden. Aber im neuen Jahr nehme ich mir vor, dreiköniglicher zu sein: auf die Sterne zu sehen, meinen Stern ernst zu nehmen, für neue Orientierungen offen zu sein. Das wünsche ich jedem.
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»Die heilgen drei König’ mit ihrem Stern, sie essen, sie trinken, und bezahlen nicht gern.« Goethe (1749-1832) hat das gesagt. Ein bissiger Spruch. Ein Spruch, der so gar nicht zu den Heiligen Drei Königen passt. Denn von Essen, Trinken und Bezahlen ist in der Bibel nicht die Rede. Geschweige denn davon, dass die drei ihre Zeche prellen würden.
Goethe hatte allerdings nicht die biblischen Könige im Sinn, als er seinen Spott-vers schrieb. Der Dichter nahm die Sitten seiner Zeit aufs Korn. Denn im 17. Jahrhundert kam das bis heute bekannte Dreikönigssingen auf. Vor allem die bettelarmen Studenten zogen als Könige verkleidet durch die Straßen. Feierten eine Art nachweihnachtliche Fasnet. Klingelten an Häusern, betteln um Brot und Geld. Doch damit nicht genug. Das Dreikönigssingen endete zumeist im Gast-haus. Die Studenten hatten oft nichts Besseres zu tun, als das erbettelte Geld in Bier umzusetzen. Dabei ging es selten zivilisiert zu. Wüste Gelage waren an der Tagesordnung. Zechprellerei inklusive. Darüber beschwerte sich sogar der Rat der Stadt Köln 1736 offiziell bei der Universität. Daher Goethes Spott: »Die heilgen drei König’ mit ihrem Stern, sie essen, sie trinken, und bezahlen nicht gern.«
1949 wurde der längst vergessene Brauch des Dreikönigsingens neu belebt. Seit-dem ziehen wieder verkleidete Könige durch die Straßen. Wieder klingen sie an Häusern und bitten um eine Spende. Aber statt Studenten bitten jetzt Kinder um Geld. Geld, das sie bestimmt nicht in der Kneipe umsetzen wollen. Sondern das sie wie die Könige vor 2000 Jahren als Geschenk weitergeben. An Kinder, die am Rande stehen, die kaum Überlebenschancen haben, die keine Schule und keine Ausbildung haben.
Vielleicht klingeln die Sternsinger in diesen Tagen auch bei Ihnen. Singen von den drei Königen und freuen sich über Ihre Spende. Seien sie gewiss: Mit den Sternsingern von heute wäre auch Goethe einverstanden gewesen.

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„Was soll ich nur schenken?“ – eine quälende Frage nicht nur in der Weihnachts-zeit. Aber gerade die Weihnachtszeit macht deutlich, dass Schenken ein schwie-riges Geschäft ist. Nicht, weil es etwas kostet. Sondern, weil das Geschenk immer auch etwas über mich aussagt, über meine Beziehung zum Beschenkten.
Die Geschichte von den Drei Königen – ihr Festtag ist am 6. Januar – ist eine Ge-schichte des Schenkens. Die Bibel überliefert nämlich weder die Namen noch die Zahl der Weisen aus dem Morgenland. Aber ihre Geschenke werden genau auf-geführt: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Drei Geschenke, die viel sagen über die Geber und den Beschenkten. Denn Gold, Weihrauch und Myrrhe sind keine Mit-bringsel. Es sind wertvolle Gaben. Die Heiligen Drei Könige lassen sich offen-sichtlich nicht lumpen. Was sie schenken, kann sich sehen lassen: Gold, das e-delste Metall, Weihrauch, ein teueres Heil- und Duftmittel, und Myrrhe, ein kostbares, aromatisches Baumharz.
Doch die drei Geschenke haben nicht nur einen Wert, sie sind auch symbolisch zu verstehen: Gold ist das Zeichen des Königs, Weihrauch steht für Gott und Myrrhe für den Menschen. Schon im 2. Jahrhundert werden die Geschenke des-halb auch als Symbole für Jesus verstanden: Er ist König, Gott und Mensch.
Die Geschichte von den Drei Königen erzählt aber noch mehr. Sie macht deutlich, was es heißt, ein König zu sein. Ein König ist nämlich der, der schenken kann, von Herzen geben kann. Der sich nicht kleinlich verhält, sondern der großzügig, königlich schenkt – und sich selbst mit seinem Geschenk ins Spiel bringt.
Der Dichter Joachim Ringelnatz hat das auf den Punkt gebracht: „Schenke groß oder klein, / aber immer gediegen! / Wenn die Bedachten die Gaben wiegen, / sei dein Gewissen rein. // Schenke herzlich und frei! / Schenke dabei / was in dir wohnt / an Meinung, Geschmack und Humor, / so dass die eigene Freude zuvor / dich reichlich belohnt. // Schenke mit Geist ohne List! / Sei eingedenk, / dass dein Geschenk / du selber bist!“


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Sophia oder Marie, Lena oder Lea? Meine Freunde Petra und Andreas steckten in der Zwickmühle, als sie ihr erstes Kind bekamen. Welchen Namen sollte das Kind bekommen? Ihre salomonische Entscheidung: Wir gucken uns das Kind an, dann wissen wir schon, wie es heißen soll. Eine gute Idee, dachte ich. Das Kind kam zur Welt – aber leider sah dann das kleine Mädchen doch nicht so eindeutig aus. Die beiden haben schließlich einen Namen ausgelost.
Seitdem frage ich mich immer wieder, wie wichtig Namen sind. Ist es nicht egal, ob das Mädchen schließlich Sophia oder Marie heißt?
Es ist nicht egal. Das zeigt die Geschichte der Heiligen Drei Könige. Ihr Fest wird in wenigen Tagen gefeiert, am 6. Januar. Ihre Namen kennt jedes Kind: Caspar, Melchior und Balthasar. Drei Namen, die allerdings nicht in der Bibel vorkom-men. Hier ist nur von Magiern aus dem Osten die Rede. Doch die drei Magier werden den Menschen so wichtig, dass ihre Namenlosigkeit nicht zu ertragen ist.
Schon früh tragen deshalb die Magier Namen: Melichior, Bithisarea und Gathaspa. Etwa im 9. Jahrhundert werden daraus Melchior, Balthasar und Cas-par. Mehr als nur Namen! Caspar kommt aus dem Persischen und heißt Schatz-meister. Das hebräische Melchior heißt König des Lichtes. Und Balthasar bedeu-tet in der aramäischen Sprache: Gott schütze das Leben des Königs.
Namen, so habe ich daraus gelernt, sind mehr als Schall und Rauch. Die Ge-schichte der drei Könige zeigt: Namen machen aus Menschen unverwechselbare Typen. Namen sind immer auch Botschaften an andere Menschen, sie sagen et-was aus. Und schließlich: Namen ermöglichen eine persönliche Beziehung. Die Beziehung von Eltern zu Kindern. Die Beziehung zur Partnerin, zu Nachbarn, zu Kollegen. Wer den Namen eines anderen Menschen kennt, sagt: Du bist mir wichtig. Du bedeutest mir etwas.
Ich glaube, deshalb hatte die Namensqual meiner Freunde ein Gutes. Sie haben ihrem ungeborenen Kind gesagt: Wir suchen einen passenden Namen für dich, weil du uns wichtig bist. Gibt es eine schönere Liebeserklärung?


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»Ich wünsch dir was!« Vielleicht haben Sie im letzten Jahr oder auch am Beginn des neuen Jahres diesen Ausspruch gehört.
»Ich wünsch dir was!« Ein Abschiedsgruß, der sich immer mehr durchsetzt. »Ich wünsch dir was«, sagen Freunde und Bekannte immer öfter zu mir! Klingt nett, habe ich zuerst gedacht. Freundlich. Nicht so abgedroschen wie »Tschö« oder »Ade« oder »Ciao«.
Aber dann bin ich stutzig geworden bei diesem Abschiedsgruß: Was eigentlich wird mir denn da gewünscht, habe ich gedacht. Das kann ja alles Mögliche sein. Etwa dass ich gut ins neue Jahr komme oder heute einen schönen Tag habe – aber vielleicht ist es auch nur eine gedankenlose Floskel. Sie verschleiert vielleicht, dass mir jemand gar nichts wünscht.
»Ich wünsch dir was!« Schon die Märchen zeigen, wie schwierig das mit dem Wünschen sein kann. Sie erzählen davon, dass Wünschen gekonnt sein muss! Etwa wenn jemand drei Wünsche bei einer Fee frei hat. Leider sind dann sehr oft die ersten beiden Wünsche vor lauter Gier, Ehrgeiz oder Dummheit völlig blöd-sinnig. Deshalb bleibt dem Beschenkten nichts anderes übrig, als mit dem letzten Wunsch die Folgen der ersten beiden Wünsche wieder halbwegs in Ordnung zu bringen. Am Ende ist dann alles, wie es schon am Anfang war.
Der möglicherweise gedankenlose Abschiedsgruß „Ich wünsch dir was“ fordert mich auf, genauer mit meinen Wünschen zu sein. Mir immer wieder Gedanken zu machen. Was will mein Gruß sagen? Was meine Verabschiedung?
Ich habe mir in der Silvesternacht vorgenommen, in diesem Jahr genauer zu sein. Genauer zu sagen, was ich meine, und mich nicht hinter Floskeln zu verstecken. Also nicht: Ich wünsche Ihnen was! Sondern genauer: Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr. Alles Gute und Gottes Segen für die nächsten 365 Tage in die-sem neuen Jahr 2007. https://www.kirche-im-swr.de/?m=383
Für mich war es das Foto des Jahres 2006. Dicht gedrängt stehen Menschen in einem überladenen Fischerkahn. Flüchtlinge irgendwo zwischen Spanien und Nordafrika auf dem Mittelmeer. Ein zweites Boot hat sich herangeschoben. Die Küstenwache. Hier stehen nur wenige Menschen an der Reling. Ein paar Meter Wasser trennen beide Boote. Trennen die Welt der Flüchtlinge und die europäi-sche Welt. Und in der Bildmitte, zwischen den beiden Booten, schwebt eine Trinkflasche. Sie scheint mitten im Flug erstarrt. Der Fotograph hat genau in die-sem Augenblick den Auslöser gedrückt. Und nun schwebt die Trinkflasche in der Bildmitte. Als würde das Trinkwasser die Flüchtlinge nie erreichen. Als könnte ihr Durst nach einem menschenwürdigen Leben nie gestillt werden.
In diesem Jahr 2006 waren etwa 200 Millionen Menschen auf der Flucht: Vor Ver-folgung, vor Elend und Armut, vor Gewalt, Umweltkatastrophen und Krieg. 200 Millionen Menschen, die kein zu Hause haben. Ausgerechnet in der Weihnachts-zeit erinnern die Kirchen an diesen Skandal. Mit einer Fluchtgeschichte.
Es ist die Flucht von Josef, Maria und Jesus. Die stille, heilige Nacht hat bei ihnen nicht lange angehalten. Kaum hat Maria in einer zugigen Hütte Jesus auf die Welt gebracht, drängt Josef schon zum Aufbruch, zur Flucht. König Herodes, so erzählt es die Bibel, hat von einem neugeborenen König gehört. Der brutale Herrscher fackelt nicht lange. Er befiehlt, alle Kleinkinder abzuschlachten. Den Thronkonkurrenten will er so aus dem Weg schaffen. Jesus entkommt gerade noch einmal den Söldnern des Herodes. Die Heilige Familie, gewarnt durch ei-nen Engel, flieht nach Ägypten.
Das „Fest der Heiligen Familie“, das die Katholische Kirche heute feiert, erinnert daran, dass die Geschichte Jesu – wie die Geschichte vieler Menschen heute – durch Unheil, Verfolgung und Gewalt bestimmt ist. Doch das Fest erinnert auch an die Engel und hilfsbereiten Menschen, die den Verfolgten zur Seite stehen. Solche Engel und hilfsbereite Menschen werden heute wieder und mehr denn je gebraucht. Damit die Verfolgten und Entwurzelten einen Platz finden auf dieser Welt. Dass ihr Durst nach einem menschenwürdigen Leben gestillt wird.
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