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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Diese Tage zwischen den Jahren sind gefüllt mit Wünschen und Hoffnungen. Am ablaufenden Jahr ist nichts mehr zu verändern, aber für das neue Jahr gibt es eine Fülle von Erwartungen, Hoffnungen oder Befürchtungen.

Zu den Wünschen in diesen Tagen gehört etwas, was zumindest etwas merkwürdig klingt, wenn man es ernst nimmt. Es ist der Satz „Hals- und Beinbruch“. Das ist doch ein zynischer Wunsch, der nicht ernst gemeint sein kann. Ein Bein zu brechen mag ja noch angehen, auch wenn einen das ganz beträchtlich schmerzen und behindern kann. Aber den Hals zu brechen, das endet tödlich oder mit einer dauernden Lähmung. Soll ich anderen wirklich ein solches Unglück wünschen, bei dem sie Hals und Bein brechen? Oder soll das so etwas wie eine magische Beschwörung sein, bei der man genau das Gegenteil von dem meint, was man sagt? Weil das Böse gebannt sein soll, wenn man es benennt.

Weder das eine noch das andere trifft zu. „Ich wünsche dir Hals- und Beinbruch“ ist ein echter Glückwunsch. Indem Wort Bruch steckt nämlich das alte hebräische Wort baruch, das bedeutet Segen. Es ist über das Jiddische in unsere Sprache hinein gekommen. Der Hals und das Bein sollen gesegnet sein. Das hebräische Wort für Hals wird auch übersetzt als Seele. Dein Bein, deine Gebeine, dein Körper und deine Seele sollen gesegnet sein. Es ist also wirklich ein Glückwunsch, wenn ich anderen zurufe: Hals- und Beinbruch , denn ich meine damit, dass der ganze Körper, Leib und Seele behütet und gesegnet sein sollen. Gott segne dich, dass gesund wirst oder gesund bleibst, dass Menschen, denen du begegnest merken: du hältst zu ihnen. Dass du in einer gefährlichen Situation keinen Schaden erleidest. Dass du Vertrauen und Liebe erlebst, die dich tragen.

Viele Wünsche werden heute gedankenlos ausgesprochen . Aber vielleicht braucht man sie als Höflichkeitsfloskeln, auch wenn sie ohne Inhalt sind. Gerade jetzt in diesen Tagen könnte man genauer sagen, was man wünscht. So wie es sich lohnt, diesen Glückwunsch „Hals- und Beinbruch“ mit seiner ursprünglichen Bedeutung wieder auszugraben. Baruch, gesegnet sei dein Bein, dein Körper und deine Seele. Diese Segenswünsche bringen den ins Spiel, der allein Segen geben kann, Gott, den Herrn unserer Zeit, der auch Sie segnen möge.
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Die Weihnachtstage sind vorüber, aber eine Frage bleibt:
Ist das Kind Jesus, das nach der Erzählung des Evangelisten Lukas in Bethlehem geboren wurde, nun wirklich der Messias, der dem alten Volk Israel verheißen worden war? „Welt ging verloren, Christ ist geboren“, so heißt es in einem Weihnachtslied . Aber für viele ist er nicht der, der die Welt verändert, der als Gottessohn den Tod überwindet und denen, die an ihn glauben, ewiges Leben bringt. Und für die Juden, die ihn seit Jahrhunderten erwartet haben, ist er nicht mehr als einer der vielen Lehrer, aber nicht der erwartete Messias.

Der israelische Schriftsteller Amos Oz erzählt, seine Großmutter habe ihm, als er ein Kind war, die Sache folgendermaßen auseinander gesetzt: Schau, die Christen glauben, dass der Messias einmal hier war und dass er zurück kommen wird. Die Juden hingegen glauben, dass der Messias eines Tages erst noch kommen wird. Darüber haben sie sich endlos gestritten, und es gab sehr viel Blutvergießen. Warum , fragte sie, kann nicht jeder einfach abwarten und staunen? Falls der Messias kommt und sagt: “Hallo, schön, euch wieder zu sehen!“ müssen die Juden nachgeben. Falls er aber sagt: „Hallo, wie geht ´s? Schön, mal hier zu sein!“ wird die gesamte christliche Welt sich bei den Juden entschuldigen müssen.

Ich finde, dass es gar nicht so wichtig ist festzustellen, wer irrt und wer Recht hat in dieser Frage. Weihnachten und die Feier der Geburt des Kindes – das ist ein neuer Versuch Gottes, die Menschen zu gewinnen für Frieden und Versöhnung und ihnen seine Liebe zu zeigen als Grundlage des Lebens. Schon mehrere Versuche hat Gott gemacht, etwa als er mit Abraham , einem einzelnen Menschen, ein neues Volk für sich zu schaffen anfing. Oder mit Mose, der die versklavten Israeliten aus Ägypten herausführte in eine neue Zukunft. Das gehört zum gemeinsamen Glaubensgut von Juden und Christen. Und sicher gab es immer wieder den Versuch Gottes, Menschen zu gewinnen. Nun also Jesus. Dass Juden und Christen über seine Person und seine Bedeutung unterschiedlicher Meinung sind, weiß ich. Von dem Erzähler Amos Oz lerne ich Toleranz gegenüber denen, die das anders sehen. Freilich ist für mich entscheidend, dass ich mich ganz auf das verlassen kann, was Jesus gesagt und getan hat. Wichtig ist, dass mir Gott in dem Menschen Jesus besonders nahe kommt. Immer fängt Gott klein an und immer wieder handelt er im Verborgenen, weitab vom Weltgeschehen und unter kleinen Leuten. Aber es gelingt ihm doch, dass das Besondere nicht vergessen wird: dass Gott sich besonders den Menschen zuwendet, die wenig zu lachen haben und ihnen nahe sein will. Das haben die alten Propheten immer wieder angesagt, das wird für mich an Weihnachten und der Geburt Christi handfest und sichtbar.
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Heute, am ersten Werktag nach Weihnachten sind erfahrungsgemäß viele Menschen unterwegs, und in den Geschäften ist viel los. Nicht weil über die Feiertage so viel verbraucht worden ist und man nun die Vorräte wieder auffüllen muss. Sondern weil vieles umgetauscht wird. Geschenke werden zurück gebracht und andere dafür mitgenommen.
Eigentlich finde ich das enttäuschend. Da wollte ich jemandem eine Freude machen, und der bringt das Geschenk zurück und tauscht um. Freut sich gar nicht, ärgert sich womöglich wegen der Umstände, die er jetzt damit hat.

Deshalb finde ich einen anderen Weg besser: In einer Zeitung habe ich gelesen, dass manche ganz bewusst weiter schenken, was ihnen selbst geschenkt worden ist. Weil sie es schon haben, weil sie es nicht brauchen, oder weil es ihnen nicht gefällt. Aber sie achten auf den Wert und darauf, dass er erhalten bleibt. Denn sie wollen mit dem eigenen Geschenk anderen eine Freude machen. Dazu sind Geschenke ja da.

Ich finde, das passt gut zu Weihnachten. Die Weihnachtsbotschaft ist sicher ein solches Geschenk, das uns gegeben wird. Ich kann es weitergeben und dabei selbst doch reich beschenkt bleiben. In einem Weihnachtslied heißt es von Gott: „ der heut schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn.“ Dieses Geschenk zeigt den Menschen, die beschenkt werden , dass sie bei Gott einen hohen Stellenwert haben. Dieses Geschenk gehört aber nicht mir allein, es ist nicht zum Umtauschen, sondern es ist zum Weitergeben da. Damit auch andere teilhaben an dieser Botschaft, dass Gott den Menschen nahe kommt

Deshalb ist es nicht verwerflich, finde ich, Geschenke weiter zu verschenken. Viele Geschenke sind gerade dazu da, dass andere daran teilhaben, dass auch sie etwas von dem Geschenk mit bekommen. Ein Kind, dem Liebe geschenkt wird von seinen Eltern oder Geschwistern, will diese Liebe weiter schenken. Das Vertrauen, das ich von meinem Partner oder meiner Partnerin erfahren habe, gebe ich gerne weiter, indem ich auch anderen vertraue. Ich bekomme vieles geschenkt, was gar nicht für mich allein sein kann. Wenn ich in einer Gemeinschaft mit anderen lebe, in der wir uns verstehen, dann ist das ein Geschenk, das ausstrahlt und von dem auch andere etwas mitbekommen sollen. Vielleicht kann man gerade die schönsten und wertvollsten Geschenke gar nicht für sich behalten, sondern muss sie mit anderen teilen. Es sind Geschenke zum Weitergeben. Aber nicht weil ich das Geschenk nicht mag oder genug davon habe, sondern weil es mich so reich macht, dass ich anderen weitergeben kann, ohne selbst ärmer zu werden.
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