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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Der Prophet Jesaja hatte vor über zweieinhalbtausend Jahren die Vision: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel geben – das heißt übersetzt: Gott mit uns.“ (7,14) Die ersten Christen sahen diese Vision in der Geburt Jesu erfüllt. So berichtet es das Matthäus Evangelium. (1,18-25) Und diese Vision hat ihren Niederschlag gefunden in einem alten Lied: „O Gott mit uns, Immanuel,du Fürst des Hauses Israel,o Hoffnung aller Völker du:komm, führ uns deinen Frieden zu.“ In Jesus ist Gott mit uns. Für mich heißt das: Gott thront nicht über uns, und er ist nicht gegen uns – sondern mit und bei und für uns. Für mich heißt das weiter: Gott lässt es sich nicht in seinem Himmel wohl sein. Er überfordert uns nicht mit Gesetzen und Verboten. Er geht in der Gestalt Jesu einen Weg, den ich nachvollziehen kann. Ein Weg, der mich ermutigt zu Liebe, Toleranz und Versöhnung. Das sagt mir auch: Gott ist in seinem Innersten menschlich. Das macht mich froh. In Jesus ist Gott mit uns. Das heißt für mich auch: Gott geht es nicht um sich. Was könnten wir ihm geben, was er nicht schon hätte? Was könnten wir ihm nehmen, was ihm dann fehlte? Es geht ihm um uns, und dass unser Leben gelingt. In Jesus ist Gott mit uns. Das heißt für mich auch: Der Arme liebt nicht den, der ihm seine Armut erklärt, sondern den, der seine Armut mit ihm teilt. Der Leidgeprüfte liebt nicht den, der über sein Leid philosophiert, sondern den, der sein Leid mit ihm trägt; der ihn in seinem Leid nicht fallen lässt. Wer glücklich ist und sich freuen kann, der liebt nicht den, der ihm sein Glück missgönnt, wohl aber den, der dafür sorgt, dass unsere Freude vollkommen wird und wir zur Fülle des Lebens gelangen. Das stellt die Bibel in Aussicht. In Jesus ist Gott mit uns. Das glaube ich. Deshalb möchte ich Christ sein. Und deshalb möchte ich andere ein Stück weit begleiten, dass sie es auch sein können. Und deshalb feiere ich Weihnachten. Ihnen allen wünsche ich frohe und gesegnete Weihnachten!




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Mit einem König verbindet man für gewöhnlich Macht, Reichtum und Hofstaat. Ein Hirte dagegen befindet sich eher am Rande der Gesellschaft. In der freien Natur führt er seine Herde zu den Futterplätzen und beschützt sie vor wilden Tieren. Ganz anders war das in Israel. Dort gab es diese Trennung nicht. Das wahre Königtum und das wahre Hirtenamt – diese Stellung nimmt dort allein Gott ein. Alle irdische Macht ist nur geliehen und hat sich vor Gott zu verantworten. Gott hilft seinem Volk und führt es aus der Unterdrückung, aus der Sklaverei in die Freiheit. Gottes Königtum, sein Hirtenamt richtet sich gegen alle selbstherrliche Macht der Herrscher. Auf dem langen Weg des Volkes Israel in die Freiheit dichtet jemand einen „Protestlied“ gegen die machthungrigen Herrscher. Dieser „Protestlied“ ist uns bis heute als Psalm 23 im Alten Testament erhalten: „Der Herr ist mein Hirte!“ Und Gott ist ein König, ein Hirte, bei dem den Menschen „nichts fehlen wird“. Diese Sicht von König und Hirte wird sehr früh auf Jesus übertragen: „O König, Sehnsucht aller Welt, du Eckstein, der sie eint und hält: o komm zu uns, o Herrscher mild, und rette uns, dein Ebenbild.“ Herrscher üben Macht aus und organisieren Massen. Jesu Königtum sein Hirtenamt unterdrückt niemanden. Ihm geht es um jeden einzelnen in seiner konkreten Lebenssituation: Dem einen verzeiht er seine Verfehlungen. Einen anderen heilt er von seinen Gebrechen. Einem dritten erklärt er, was dieser nicht versteht. Wer am Boden ist, den richtet er wieder auf. Wer verzweifelt ist, dem schenkt er neue Hoffnung. Dabei ermutigt Jesus die Menschen, dass sie aufatmen und aufrecht gehen – in Würde und in Freiheit. Und er zeigt ihnen einen neuen Umgangsstil auf zwischen Gott und den Menschen. Und dieser neue Umgangsstil heißt: Liebe und Vertrauen.

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Christen haben ihre Kirchen seit jeher so gebaut, dass der Chor mit dem Altar in Richtung Osten zeigt. (bezeugt bei dem Kirchenschriftsteller Tertullian + um 220) Osten heißt übersetzt: Orient. Dorthin „orientieren“ sie sich – nach vorn: Wo die Sonne aufgeht, wo die Nacht weicht und es hell wird. Im Osten liegt Jerusalem, die von Gott erwählte Stadt; die Stadt der Propheten; die Stadt, in der sich Jesu Leben erfüllte. Jerusalem, die die heilige Stadt sein sollte – für Juden, Christen und Muslime. Mit Jerusalem verbindet sich für Juden und Christen die Hoffnung auf das neue, das himmlische Jerusalem. Und sie hoffen auf eine gute Zukunft, auf Gerechtigkeit und bleibenden Frieden, auf ein erfülltes Menschsein – bei Gott. Die Sonne, die im Osten aufgeht wird sehr früh zum Symbol für Jesus Christus. Bis heute wird er in der letzten Adventswoche angerufen: „O Aufgang, Glanz der Ewigkeit, du Sonne der Gerechtigkeit: erleuchte doch in deiner Pracht die Finsternis und Todesnacht.“ Feierliche Worte. Doch unzählige Menschen haben – so orientiert – Hilfe und Sinn im Leben erfahren. An Jesus und seinem Evangelium, an seiner Frohen Botschaft von einem Leben, das menschlich gelingt – daran möchte auch ich mich orientieren. Er hilft mir, die Orientierung nicht zu verlieren. Er ermutigt mich, nach vorne zu schauen, damit es hell wird in mir und damit mir immer wieder aufgeht: Ich darf leben, es ist sinnvoll zu leben. Er steht zu mir in den Höhen und Tiefen des Lebens: Wenn ich glücklich bin, aber auch in den dunklen Stunden und wenn mich Angst überkommt. Er hält zu mir, was auch immer passiert. An Jesus möchte ich mich orientieren.
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„O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf. Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloß und Riegel für.“ (Gotteslob 105,1) In diesen Wochen des Advent wird das Lied oft gesungen. Dahinter steckt die Vorstellung, dass da etwas verschlossen ist. Und dass einer erwartet wird, der aufschließt. In der Bibel ist die Rede vom „Schlüssel Davids“. Dieser wird mit Jesus gleichgesetzt. Er soll die verschlossenen Türen öffnen. Und so wird Jesus angerufen: „O Schlüssel Davids, dessen Kraft uns kann entziehn der ewgen Haft: komm, führ uns aus des Todes Nacht, wohin die Sünde uns gebracht.“ Klingt altmodisch. Was dahinter steckt, ist durchaus aktuell: Verschlossenes aufschließen. Was könnte Verschlusssache in meinem Leben sein, die es gilt aufzuschließen? (1) Wenn ich mir selbst gegenüber verschlossen bin, im Innern zu. Wenn ich kein Selbstwertgefühl habe und mir selbst nicht recht über den Weg traue. Dieses Eingeschlossensein möchte Jesus aufschließen, indem er sagt, wer ich vor Gott bin: Kind, Tochter und Sohn, Freundin und Freund Gottes. (2) Verschlossen können zwischenmenschliche Beziehungen sein. Ich gehe auf Sicherheitsabstand aus Angst, mein Gegenüber könnte zum Konkurrenten, zum Rivalen, zum Feind werden. Auch dieses Missverhältnis hat Jesus aufgeschlossen, indem er uns zur Nächstenliebe ermutigt. Er bringt sie auf den Punkt in der sogenannten „Goldenen Regel“: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ (Matthäus 7,12) (3) Verschlossen kann auch mein Verhältnis zu Gott sein. Wenn er mir fremd wird. Wenn er weit weg zu sein scheint, fernab von dem, was mich bewegt. Wenn er mir unheimlich wird und ich das Vertrauen in ihn verliere. Jesus hat auch dieses Tor zu Gott aufgeschlossen und Gott für uns neu entdeckt: Für ihn ist Gott Liebe ohne Schatten. Er möchte mein Gegenüber sein, eindeutig, nicht mal liebend und dann wieder strafend. Jesus hat dieses Vertrauen erfahren und gelebt in Wort und Tat.

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Aus einem abgestorbenen Baumstumpf wächst ein Reis hervor. Aus einer alten Wurzel kommt ein junger Trieb, der zu blühen beginnt. (Jesaja 11) Ein schönes Bild, das der Prophet Jesaja vor über zweieinhalbtausend Jahren gezeichnet hat. Und er hat weiter gemalt – das Bild einer heilen Welt, einer geheilten Welt, wie sie Gott im Blick hat: Eine geheilte menschliche Gemeinschaft, in der sich jeder erwünscht und angenommen wissen darf. Eine Welt, in der Frieden und Gerechtigkeit das Sagen haben. Eine Schöpfung, in der man nicht mehr aufeinander los geht, sondern zueinander findet. – Zu schön, um wahr zu sein? Zu allen Zeiten gibt es Menschen, die an ein solches Wunder glauben. Die Gott zutrauen, dass für ihn Menschenunmögliches möglich ist. Dass er aus dem Nichts Leben erstehen und aus dem Tod neues Leben auferstehen lässt. Wer das Gott zutraut, dem bescheinigt die Bibel, dass er sich an der „Wurzel der Unsterblichkeit“ befindet. (Weisheit 15,3) Die alte Wurzel, von der der Prophet Jesaja schreibt und aus der nochmals Leben entsteht – diese Wurzel wurde sehr früh mit Jesus gleichgesetzt: „O Wurzel Jesse, Jesu Christ, ein Zeichen aller Welt du bist, das allen Völkern Heil verspricht: eil uns zu Hilfe, säume nicht.“ Dieser Gedanke findet sich auch wieder in dem bekannten Weihnachtslied aus dem 16. Jh.: „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart . . . „(Gotteslob 132) Christen glauben, dass die Vision des Propheten Jesaja Wirklichkeit geworden ist – seit dem Wunder von Weihnachten, seit Gott in Jesus Mensch, unser Mitmensch geworden ist. Weihnachten ist ein Aufruf, Gewalt zu beenden und die Wunden der Menschen behutsam zu heilen. Weihnachten ist die Chance, dass Menschlichkeit und Liebe zum Durchbruch kommen auf unserer Erde. Weihnachten kann an tausend Orten geschehen, jedes Dorf und jede Stadt kann Bethlehem heißen. Jedes Herz kann eine Krippe sein, in der die Liebe zum Durchbuch kommt.

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In der Adventszeit gibt es eine alte kirchliche Tradition (7. Jh.) - da wird Jesus angerufen mit Titeln, die aus dem Alten Testament stammen. Die Anrede beginnt jeweils mit „O“, Ausdruck froher Erwartung. Man nennt sie deshalb „O-Antiphonen“. Ich möchte in dieser Woche diesen Titeln für Jesus nachspüren. Heute: „O Weisheit aus des Höchsten Mund, die du umspannst des Weltalls Rund und alles lenkst mit Kraft und Rat: komm, weise uns den rechten Pfad.“ Wenn ich mich mit Weisheit beschäftige, dann scheint das uferlos zu sein. Die Weisheit reicht so tief und geht so weit, dass sie nicht zu fassen ist. Sie entzieht sich menschlichem Zugriff. Der Ursprung der Weisheit ist rätselhaft. So steht auch in der Bibel: „Verhüllt ist sie vor den Augen aller Lebenden . . . Unser Ohr vernahm von ihr nur ein Raunen. Gott allein weiß den Weg zu ihr. Er nur kennt ihren Ort.“ (Ijob 28,20-23 Dann steht da aber auch. Der Weisheit ist es „eine Freude, eine Wonne, bei den Menschen zu sein.“ (Sprüche 8,22-31) Die Bibel hat eine lange Weisheitstradition und eine beachtliche Weisheitsliteratur. Das sind praktische Beobachtungen und Erfahrungen, über lange Zeit dem Leben abgeguckt. Z.B.: „In eine Seele, die auf Böses sinnt, kehrt die Weisheit nicht ein.“ Oder: „Die Weisheit ist ein menschenfreundlicher Geist.“ (Weisheit 1,4.6) Oder: „Die Toren haben ihr Herz auf der Zunge, die Weisen haben ihre Zunge im Herzen.“ (Sirach 21,26) Bei all dem ist interessant: Die Bibel teilt ihre Weisheitstradition mit der anderer Kulturen und Religionen. Sie ist gewissermaßen interkulturell und interreligiös verankert. So übernimmt Jesus eine alte ethische Weisung der Menschheit, die so genannte „Goldene Regel“: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ (Matthäus 7,12) Das ist ein ethischer Kern in allen großen Religionen. Und wenn es in der Bibel von Jesus heißt: „In ihm sind alle Schätze der Weisheit . . verborgen“ (Kolosser 2,3) – dann heißt das für mich: Ich möchte mich immer und immer wieder mit Jesus beschäftigen, ihm in den Evangelien nachspüren, sein Wort hören und entdecken, was es für mich bedeutet. Ich möchte die für mich richtige Lebensweisheit erbitten und immer wieder Menschen begegnen, die Weisheit ausstrahlen.

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