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SWR2 Wort zum Tag
In der Inszenierung des „Parsifal“ bei den diesjährigen Bayreuther Wagner-Festspielen gibt es eine scheinbar ganz einfache Lösung, ja Er-lösung: Am Ende werden die zentralen Symbole von Juden, Christen und Muslimen in einen Sarg geworfen. Eine Welt ohne Religion ist eine bessere Welt, in jedem Fall eine weniger gewalttätige Welt!
Wer die Horror-Nachrichten der letzten Monate verfolgt hat, wird kaum widersprechen. Soviel Gewalt im Namen Gottes! Da wütet der so genannte „Islamische Staat“ gegen alle Ungläubigen, unzählige seiner Opfer sind Muslime. Ausgerechnet im laizistischen Frankreich haben jüngst Islamisten - im Namen ihres Gottes - einen katholischen Priester umgebracht, mitten in einer Kirche. Anderswo aber greifen auch radikale Hindus Moscheen an oder machen fanatische buddhistische Mönche Jagd auf Minderheiten anderen Glaubens.
Nach der Ermordung des Priesters in Nordfrankreich hat Papst Franziskus gemahnt: Wir dürfen nicht von islamischer Gewalt sprechen! Wir dürfen nicht von einem Krieg der Religionen reden, denn alle Religionen wollen den Frieden.
Die selbsternannten Gotteskrieger haben nichts mit dem Islam zu tun, das versichern uns einfache muslimische Gläubige ebenso wie Theologen. Sie tun dies mal ohnmächtig, mal genervt oder wütend. Ständig sollen sie sich distanzieren von einer Gewalt, von der sie selbst einfach nur abgestoßen und befremdet sind.
Ich bin tief davon überzeugt, dass alle Religionen dazu beitragen können, unsere Welt friedlicher zu machen. Sie werden dies aber nur glaubwürdig tun, wenn sie sich ehrlich und gründlich damit auseinandersetzen: warum ihre Gläubigen immer wieder gewalttätig werden, warum sie sich radikalisieren– warum sie so leicht politisch zu missbrauchen sind. Auch wir Christen sollten gerade in diesen Tagen ehrlich sein: Wie oft wurde in der Geschichte des Christentums, die Friedensbotschaft schon verraten.
Für mich als Christ steht das Kreuz und die Friedensbotschaft des auferstandenen Jesus für diese Überzeugung, dass Religion die Welt friedlicher macht: Im Kreuz zeigt sich, wie Menschen anfällig sind, verstrickt sind in Gewalt. Das Kreuz steht aber auch dafür, dass sich Gewalt und Tod überwinden lassen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=22595SWR2 Wort zum Tag
Woher kommt die gegenwärtig so gereizte Stimmung in unserem Land, fragt der Soziologe Heinz Bude in seinem Buch: „Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen“. Es ist gerade erschienen.
Für Heinz Bude erklärt sich diese gereizte Stimmung so: Es stehen sich zwei Stimmungs-Lager gegenüber. Auf der einen Seite das Lager derer, die sich fürchten, die Angst haben beispielsweise vor einer Globalisierung, die sich nicht mehr politisch steuern lässt. Sie sorgen sich, dass unser Land politisch immer instabiler wird, die Berufsperspektiven schlechter werden, unsere Gesellschaft immer ungleicher. Und dann kommen auch noch die vielen Flüchtlinge dazu. Man fühlt sich unbehaglich, man empört sich ständig, kann sich, wie Bude schreibt, „weder zur Weltverneinung noch zur Weltbejahung entschließen“,
Im anderen „Stimmungslager“ sieht Heinz Bude die von ihm so genannten „entspannten Systemfatalisten“, die „Entdramatisierer“. Diese finden immer alles nicht so schlimm, sehen alles nicht so dramatisch. Man kann doch eh nichts machen. Wozu die ganze Empörung! Diese „Systemfatalisten“ haben ihre Erwartungen an die Zukunft extrem reduziert, „in einer Haltung der Gleichmütigkeit“.
Dabei sieht Bude die beiden Stimmungslager in ihrer Haltung gar nicht so weit auseinander. Denn es fehlt beiden Lagern an einer „positiven Idee von Zukunft“. Beide sehen die Zukunft für sich verbaut. Für die Fatalisten geht einfach immer alles so weiter, sie sind gefangen in der Gegenwart. Für die Anderen fährt alles gegen die Wand, ist der Weltuntergang scheinbar unausweichlich.
Als Christinnen und Christen ist uns eine solche „positive Idee von Zukunft“ geschenkt. Auch wenn das manchmal schwerfällt dürfen wir hoffen, dass ein liebender Gott gegenwärtig ist, auch wenn ich Angst habe, ratlos oder enttäuscht bin. Diese Hoffnung begründet sich nicht dadurch, dass ich mich aus der Welt zurückziehe, sie hat aber auch nichts zu tun mit naivem Optimismus. Sie ermutigt stattdessen, realistisch auf diese Welt zu sehen, , sie ermutigt, selbst an einer guten Zukunft für diese Welt mitzuarbeiten. Diese Hoffnungsbotschaft bietet eine wunderbare Alternative zu Dauer-Empörung und Fatalismus. Allerdings braucht diese Botschaft viele Zeuginnen und Zeugen, die zumindest ehrlich versuchen, Rechenschaft zu geben von dieser Hoffnung, die sie trägt – gerade in dieser gegenwärtig so gereizten Stimmung.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=22142SWR2 Zum Feiertag
Zum Ostermontag
Die Gottesdienste an Ostern sind geprägt von frohem Osterjubel, vom kraftvollen Halleluja: „Christus ist erstanden“. Dabei sind in den Schriftlesungen dieser Tage auch andere Töne zu hören: „Er ist nicht hier“, sagt im Matthäus- und im Lukasevangelium der Engel zu den Frauen, die zum Grab gegangen waren. Erst im zweiten Satz fügt der Engel, die zentrale Botschaft unseres Glaubens hinzu: „Er ist auferweckt worden“.
Im Johannesevangelium fragt der Engel Maria von Magdala , warum sie weint - und welche Verzweiflung bricht da aus ihr heraus: „Man hat meinen Herren weggenommen und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat“. Im heutigen Evangelium begegnen uns zwei der Jünger Jesu, die noch ganz von Entsetzen und Furcht gezeichnet sind. So sehr sind die beiden in ihrem Schmerz gefangen, dass sie mit „Blindheit geschlagen sind“, wie der Evangelist Lukas schreibt. So sehr sind sie mit Blindheit geschlagen, dass sie den auferstandenen Jesus nicht erkannt haben, als er sich zu ihnen gesellte.
Über den Osterglauben, aber auch die Erfahrung des „Er ist nicht hier“ spreche ich heute mit dem Jesuiten Franz Meures. Pater Meures war lange Jahre in der Ausbildung von Jesuiten-Novizen und anderen jungen Theologen tätig. Seit einigen Jahren leitet er das Bildungswerk der Ordensgemeinschaften in Deutschland „Ruach“ und bietet dort Kurse und Exerzitien an.
Die zwei Botschaften von Ostern
Alexander Foitzik:
Pater Meures, manchmal sind mir die beiden Jünger, die in ihrem Schmerz von Blindheit geschlagen sind, deutlich näher, als alle, die so vorbehaltlos jubeln können „Christus ist erstanden“ . So wie mir auch der Apostel Thomas mit seinen Zweifel n so tröstlich nahe ist. Wie geht es Ihnen damit?
Pater Meures:
Ja es sind zwei Hälften in diesem Osterglauben. Das Eine ist diese unglaubliche Botschaft, dass er lebt und das Andere ist eine Fremdheit. Das ist nicht mehr wie früher, es ist ganz anders. Das hat etwas Beunruhigendes und auch etwas Beängstigendes.
„Er ist nicht hier“ und Glaubensnot
Alexander Foitzik:
Nimmt es denn der Auferstehungsbotschaft etwas weg, wenn wir uns ein bisschen länger bei diesen Erfahrungen aufhalten, bei der Erfahrung: „Er ist nicht hier“?
Pater Meures:
Ganz und gar nicht. Es ist nämlich nicht einfach für sich selber klar zu kriegen, was glaub ich denn eigentlich an Ostern. Es ist ja nicht so, dass wir einen Lebenden hatten, der gestorben ist, und merkwürdigerweise nach drei Tagen lebt er wieder, und jetzt geht das Leben so weiter wie vorher. So ist es ja gerade nicht, sondern es gibt Anzeichen und Vermutungen: „Ach – er könnte ja noch leben“. Und diese innere Unsicherheit von „ha mal sehen“ und „man weiß es nicht“, die ist im Osterglauben mittendrin und deswegen lohnt es sich diesem „er ist nicht hier“ etwas genauer zuzuhören.
Alexander Foitzik:
Die Erfahrung „Er ist nicht hier“ oder die Erfahrung „Gott ist nicht hier, Gott ist mir fern“ – solche Erfahrungen lassen sich demnach sicher nicht einfach als „Unglaube abtun“.
Pater Meures:
Würde ich nicht als Unglaube bezeichnen. Ich würde lieber das Wort „Glaubensnot“ benutzen. Viele Menschen, die ernsthaft auf einem Weg christlichen Glaubens sind, geraten immer wieder mal in diese dunkle Wolke. Verstehen sich und die Welt nicht mehr und wissen auch gar nicht mehr genau, woran sie denn jetzt glauben.
Emmaus-Erfahrungen
Alexander Foitzik:
Pater Meures, sie begleiten in Ihrer Arbeit Ordensleute. Davor waren Sie lange Jahre für die Ausbildung junger Jesuiten und anderer Theologen zuständig. Mal jetzt vor dem Hintergrund dessen, was sie jetzt gesagt haben etwas flapsig gefragt: Begegnen Ihnen in Ihrer Arbeit häufiger auch sogenannte Profis, die von solchen Erfahrungen der „Gottferne“ berichten?
Pater Meures:
Ja mir begegnen solche Menschen. Ich zögere etwas, sie Profis zu nennen. Ich möchte Sie nennen: Menschen, die sehr ernsthaft in ihrem Glauben unterwegs sind, und auch solche, die das in einem kirchlichen Beruf tun, also Ordensleute, Priester, Laien, die in der Kirche im pastoralen Dienst wirken. Ich verbringe viel Zeit in der persönlichen Begleitung solcher Menschen und erlebe das immer wieder mal, dass jemand der jahrelang ruhig und irgendwie mit Kraft und Licht in seinem Glauben gegangen ist, auf einmal sagt: „Es ist, als wäre alles weggeputzt“. Das ist sehr hart und meistens erschrecken die Leute sehr und man muss sie ein Stück begleiten durch diese dunkle Phase.
Man hat ja auch in Emmaus den Eindruck, die Zwei halten sich erstmal gegenseitig fest damit sie das überhaupt aushalten, was passiert ist und wo sie noch klagen und lamentieren und trauern; in dieser Phase sagen sie später: „ Brannte uns nicht das Herz?“ Das überlagert sich. Sie sind sozusagen noch in der Trauer und Abschiedsphase weg von Jerusalem, und dabei ist Jesus auf neue Weise, auf andere Weise als der Auferstandene präsent. Sie merken das gar nicht. Was Sie merken ist, dass ihr Herz brennt, und das ist diese spezielle Weise des Glaubens.
Wissen Sie, schon der alte König Salomon, als er in Jerusalem den Tempel gebaut hat, sagte: Seht die ganze Pracht, und das Innerste des Tempels aber ist im Dunkeln. Gott will im Dunkeln wohnen, sagt Salomon zum Volk. Und das ist der Kern der Osterbotschaft. Bei allem was wir an Zeugen haben, an Überlieferungen, an biblischen Texten die Mitte, wo ist der auferstandene Herr? Ist er für mich da? Das ist vom Dunkel umgeben, denn Auferstehung heißt ja nicht, vor gut 2000 Jahren ist er auferstanden, jetzt ist alles geregelt, sondern an den Auferstandenen zu glauben heißt ja „er ist jetzt da“.
Ostern ist herausfordernd
Alexander Foitzik:
Wenn wir einmal die beiden zentralen Botschaften unseres Glaubens vergleichen: Gott ist Mensch geworden. Weihnachten und Christus ist auferstanden, also Ostern. Ist die Osterbotschaft für den heutigen Menschen sperriger, ist Auferstehung schwerer zu glauben als Menschwerdung?
Pater Meures:
Das könnte sein. Ich erlebe es auch so. An Weihnachten sind sehr viele Menschen, die sich angesprochen fühlen. Die zentrale Botschaft lautet: „Gott lässt uns nicht im Stich, er kommt auf uns zu, er wird sogar Mensch und so kümmert er sich um uns. Er ist uns nahe und man kann ihn fast wie ein Kind aus der Krippe heben, ja. Das ist Weihnachten. Das tut den Menschen gut.
Ostern ist schwieriger, ist herausfordernder, denn der, den man kannte, der dem die Jünger drei Jahre ganz gefolgt sind, alles verlassen haben, der ist plötzlich weg und zwar auch noch auf schändliche Weise zu Tode gekommen. Und da zu glauben, er lebt - und zwar im doppelten Sinne -und nicht nur, der ist damals wieder aus dem Grabe auferstanden, sondern der ist jetzt für mich als Auferstandener gegenwärtig - das ist ein starkes Kapitel unseres Glaubensbekenntnisses wo auch manche Menschen zögern.
Alexander Foitzik:
Pater Meures, herzlichen Dank für dieses so offene Gespräch, das uns beide Seiten so warmherzig und menschenfreundlich gezeigt hat. Die dunkle Seite unseres Glaubens aber eben auch die Hellen, die an diesem Tag und diesen Ostertage
SWR2 Wort zum Tag
„Entängstigt Euch!“ Diesen Appell hat der Wiener Theologe Paul Zulehner über sein gerade erschienenes Buch geschrieben. Es geht darin um unsere Gefühle gegenüber jenen Menschen, die aus unterschiedlichen Notlagen zu uns fliehen. Dass es solche Appelle gegen die Angst braucht, wer will das ernsthaft bestreiten! In den Medien ist schon ganz selbstverständlich von der „Angstgesellschaft“ die Rede, wenn es um die Stimmungslage in unserem Land geht.
Mich hat das neue Buch von Paul Zulehner sehr angesprochen. Selbstverständlich mahnt auch er: Christinnen und Christen tragen eine besondere Verantwortung für die, die sich zu uns gerettet haben, aus großer Not und weil sie auf ein besseres Leben hoffen. Der Theologe Zulehner erinnert aber auch an etwas anderes: Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche, Menschen von ihrer Angst zu heilen.
Entsprechend ruft er nicht einfach nur „Entängstigt Euch!“
Seinem Appell liegt eine Umfrage zugrunde: Dabei wollte er wissen, wovor genau sich Menschen ängstigen, aber auch, wo sie zuversichtlich sind - angesichts der großen Zahl von Flüchtlingen, die zu uns kommen.
Paul Zulehner hat auch wissen wollen, ob die Befragten, trotz ihrer Ängste, etwa mithelfen, den Flüchtlingen ein menschliches Willkommen zu bereiten, oder ob sie eher eine Abwehrhaltung einnehmen.
Das Ergebnis dieser Umfrage ist nicht überraschend: eine diffuse, unbestimmte Angst ist bei denen am Größten, die den geflohenen Menschen gar nicht begegnen. Für die die Flüchtlinge kein Gesicht haben. Die auch nur in „gesichtslosen Worten“ von ihnen sprechen– also beispielsweise von „Flüchtlingsströmen“ oder von „Flüchtlingsmassen“.
Auch die anderen, die helfen, sind natürlich besorgt, reden sich nichts schön, sehen wie gewaltig die Aufgabe ist.
Paul Zulehner geht es vor allem darum, dass aus diffuser Angst wie er sagt – „rationale Besorgnis“ werden soll. Denn: Wenn ich mir der Gründe und Ursachen meiner Sorge bewusst werde, kann das viel kraftvolle Energie freisetzen. Aus solcher begründeten Sorge kann auch wieder neues Vertrauen entstehen. Diese Energie und dieses Vertrauen aber werden unsere Politiker, wird auch jeder und jede einzelne von uns in den nächsten Jahren dringend brauchen – wollen wir, als Christinnen und Christen, in dieser „Flüchtlingszeit“ bestehen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=21516SWR2 Wort zum Tag
Eigentlich gibt es zu Beginn dieses Jahres kaum Anlass, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. So desolat, wie sich unsere Welt gerade darstellt. Unzählige Menschen müssen fliehen, weil sie verwundet wurden von Kriegen in ihrer Heimat. Oder sie sind verwundet, weil sie zu arm sind, weil ihr Lebensraum zerstört ist. Viele Menschen sehen jedoch auch keine Hoffnung mehr, weil sie Angst haben, verwundet zu werden. Sie sorgen sich um ihre eigene Sicherheit, wo so viele Flüchtlinge zu uns kommen. Sie bangen um ihren hart erarbeiteten Wohlstand, sie haben Angst, dass all die Konflikte und Krisen dieser Welt nun auch unser Land erreichen.
Geschlossene Grenzen, Stacheldrahtzäune und Mauern sollen uns schützen, damit wir selbst nicht verwundet werden. Aber Mauern und Zäune können offensichtlich nicht helfen. Vor allem verwunden sich an diesen Mauern und Zäunen viele von neuem, auch das können wir derzeit sehr gut sehen.
Mit dem Fachbegriff „Verwundbarkeit“ werden Armutsursachen erforscht oder suchen Entwicklungspolitiker nach den richtigen Strategien. Der Fachbegriff „Verwundbarkeit“ steht auch im Zentrum der jüngsten Diskussionen um die Folgen des Klimawandels: Wo sind Menschen durch den Klimawandel verletzlich? Wovor müssen sie geschützt werden?
Es sind vor allem Theologinnen, die den Begriff der „Verwundbarkeit“ zunehmend auch für ihre theologische Arbeit nutzen. Das ist eigentlich auch nicht überraschend für eine Religion, deren zentrales Symbol ein Kreuz ist. Wenn in Theologie und Kirche über „Verwundbarkeit“ gesprochen wird, kommt in den Blick, wo und woran heute Menschen leiden – seelisch und körperlich. In den Blick kommt aber auch, dass wir alle verletzlich, verwundbar sind, Angst haben, verwundet zu werden.
Wenn ich meiner eigenen Wunden und meiner Verwundbarkeit bewusst werde, dann kann ich sensibel, mitfühlend werden für die Wunden und die Verwundungen der anderen. Und wenn Menschen mitfühlend sehen können, wo die anderen verwundet und verwundbar sind, werden sie solidarisch - davon bin ich überzeugt.
Erst vor wenigen Wochen haben wir an Weihnachten gefeiert, dass Gott selbst Mensch wurde und sich damit verwundbar gemacht hat, um der Menschen wegen. So gibt es also durchaus gute Gründe, zu Beginn dieses Jahres hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen, es zumindest zu versuchen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=21252SWR2 Wort zum Tag
Heute ist ein ganz besonderer Tag für unzählige Menschen jeden Alters. Denn heute kommt endlich die sehnlichst erwartete neue Folge des Weltraumepos „Star Wars“ in die deutschen Kinos. Jetzt geht es endlich wieder um die ganz großen Fragen und Themen der Menschheit: um den Kampf gut gegen böse, Licht gegen Dunkel. Gibt es Hoffnung auf Erlösung? Lässt sich die gute Ordnung verteidigen, zum Wohle aller? Große Fragen der Menschheit – projiziert in eine „weit, weit entfernte Galaxie“.
Fast vierzig Jahre ist es her, dass mit der ersten Film-Episode von „Star Wars“ die Sternensaga begann: Jene Geschichte von Anakin Skywalker und seinem Sohn Luke, erdacht, „erschaffen“ von dem eigenwillig-genialen Regisseur, Drehbuchautor und Produzent George Lucas. Ein monumentales Werk, offenkundig inspiriert von den unterschiedlichsten Mythen, Fabeln, Sagen und Erzählungen der Menschheitsgeschichte.
Unschwer lässt sich auch eine ganze Portion Bibel bei den „Star Wars“ Filmen entdecken: Schon in der ersten Episode sehen wir Anleihen bei der Weihnachtsgeschichte: Denn ganz unvermeidlich erinnert der kleine Anakin Skywalker an Jesus. Von ihm erhoffen die „Guten“ der galaktischen Republik, dass er diese ganze Galaxie von der Herrschaft der „dunklen Seite der Macht“ erlöst. Anakin Skywalker kommt als Sklave in ärmsten Verhältnissen auf einem Wüstenplaneten zur Welt, seine Mutter kennt den Vater nicht. Entdeckt wird dieser kleine Messias von einem Jedi-Ritter. Diese Jedi selbst stellen eine wunderlich-wundervolle Mischung dar aus Erzengeln, alttestamentlichen Propheten, der ritterlichen Tafelrunde von König Artus.
In den letzten Jahrzehnten ist wohl kaum ein Film mit solchen Erwartungen verbunden gewesen wie jetzt die neue Folge des StarWars-Epos. Strikte Geheimhaltung hat den Hype unter Millionen Star Wars – Fans weltweit noch beflügelt. Das Ganze ist natürlich auch ein riesiges Geschäft!
Nicht nur an diesem Geschäft stören sich die Kritiker. Man warf Lucas beispielsweise auch vor, mit seinem Filmepos eine höchstproblematische Ideologie, so etwas wie eine Ersatzreligion geschaffen zu haben.
Ich freue mich in jedem Fall auf diese neuerliche Reise in die „weit, weit entfernte Galaxie“. Und darauf, auch in dieser Folge wieder so unterhaltsam konfrontiert zu werden mit den ganz großen Menschheitsfragen. Meinen Glauben ficht das ganz sicher nicht an. Im Gegenteil. Mich inspiriert ein solcher Film: Und ich frage mich dabei gerne, welche Antworten der christliche Glaube auf diese großen Menschheitsfragen bietet.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=21115SWR2 Wort zum Tag
„Unschuld“, nur aus diesem einen Wort besteht der Titel des neuen Romans von Jonathan Franzen. Das Buch müsste eigentlich „Reinheit“ heißen, wenn man den englischen Originaltitel „Purity“ exakt übersetzt. In diesem faszinierenden Buch mit seinen über 800 Seiten geht es in jedem Fall um Unschuld und Reinheit: Menschen sehnen sich danach, nicht schuldig zu sein, obwohl sie doch in schuldhafte Zusammenhänge verstrickt sind. Menschen ringen darum, selbst rein zu bleiben, mal im körperlich- materiellen, mal im übertragenen Sinn.
Zu den Protagonisten der Geschichte zählen unter anderen ein Enthüllungsjournalist und ein sogenannter Whistleblower, ein Internetaktivist, aufgewachsen in der Spätphase der DDR. Zum bunten Personal dieses Buches gehört aber ebenso eine unter Waschzwang und Verfolgungswahn leidende Mutter. Um jeden Preis versucht sie, ihre Tochter von der schmutzigen Welt amerikanischer Superreicher fernzuhalten - und verbirgt das Kind deshalb sogar vor dem leiblichen Vater. Ihrer Tochter hat sie den Namen „Purity“, Reinheit gegeben– welche Hypothek für ein Kind.
Alle in diesem Buch wollen wenigstens in ihrem persönlichen Leben moralisch integer, anständig sein. Sie suchen das richtige Leben im falschen System. Und so rebellieren sie gegen die Umklammerung der Mutter und den korrupten Journalismus. Sie rebellieren gegen den Kapitalismus und gegen die Macht der Internetkonzerne.
Nahezu automatisch aber geraten sie dabei selbst in eine Falle: Sie werden zu selbstgerechten, erbarmungslosen Moralaposteln. Sie manipulieren sich gegenseitig - um der guten Sache willen. Jede misstraut jedem. Jeder hat irgendwo einen dunklen Fleck im Leben, den er zu verbergen sucht – bis zu einem Mord aus Liebe.
Mich erinnert dieses Buch an den Brief, den der Apostel Paulus der Gemeinde in Rom geschrieben hat. Wie in keinem anderen Buch des neuen Testamentes ist dort diese menschliche Grunderfahrung beschrieben: Ich bin nicht der Mensch, der ich sein will. Was ich auch tue, ich bin und bleibe verstrickt in sündhafte Zusammenhänge. Was ich auch tue, ich werde schuldig an anderen. Lapidar heißt es beispielsweise im 7. Kapitel des Römerbriefs: „Das Gute, das ich will, tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will.“
Durch und durch aber ist der Römerbrief auch von einem unerschütterlichen Glauben, einer großen Hoffnung getragen: Mit seinem Leben und seinem Tod hat Jesus Christus mir gezeigt, wie ich diesen sündhaften Verstrickungen entkommen kann. Durch ihn kann ich mich selbst wieder erkennen, als ein Kind Gottes, frei und zum guten Handeln fähig.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=20662SWR2 Wort zum Tag
Ein Film nach einer Erzählung von Albert Camus
Zwei Männer, ein gläubiger Muslim und ein Christ, mitten in der Einsamkeit des algerischen Atlasgebirges. Anfang der 1950er Jahre. Der Unabhängigkeitskrieg zwischen Algerien und Frankreich hat gerade begonnen. Mohamed, ein algerischer Hirte und Daru, ein französischstämmiger Lehrer. Beide versuchen dem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt zu entkommen.
„Den Menschen so fern“ lautet der Titel des Filmes, der den vermeintlich so aussichtslosen Kampf der beiden eindringlich erzählt; gerade ist er in Deutschland angelaufen. Der Regisseur David Oelhoffen hat für seinen Film dabei auf eine Erzählung von Albert Camus zurückgegriffen, „Der Gast“ heißt sie auf deutsch.
Mohamed, der algerische Hirte und Bauer, hat seinen Cousin getötet, aus Rache und den Regeln seiner Familie, seines Stammes folgend. Nun soll er selbst Opfer der Blutrache werden. Und seine jüngeren Brüder werden wiederum ihn rächen müssen. Mohamed aber will wenigstens die Brüder vor dieser Tat bewahren. Deshalb begibt er sich in die Hände der französischen Justiz, dort muss er zwar auch mit einem Todesurteil rechnen, aber seine Brüder müssten ihn dann nicht rächen.
Und so kommt Daru ins Spiel, der in Algerien geborene Franzose und frühere Soldat. In einer mitten im Atlasgebirge, völlig einsam gelegenen Baracke unterrichtet er die Kinder der umliegenden Hirtenstämme; offenbar die Aufgabe seines Lebens. Ausgerechnet er soll nun, auf Befehl der französischen Verwaltung, Mohamed in die nächstgelegene Stadt bringen, damit er zum Tode verurteilt wird.
Daru verabscheut Mohameds Tat aus tiefstem Herzen. Er will nichts mit diesem zu tun haben. Rr ermutigt, drängt ihn deshalb zur Flucht. Und doch begibt er sich schließlich mit ihm auf den Weg. Daru tötet sogar einen der Verfolger, um Mohammed zu schützen Er gerät mit ihm in Gefangenschaft, erst in die Gefangenschaft von algerischen Rebellen, dann in die Gefangenschaft der französischen Armee. Auf ihrem Weg werden Daru und Mohamed zu Brüdern im Geiste.
Kurz bevor sie die Stadt erreichen, stellt Daru Mohamed noch einmal vor die Entscheidung, zu fliehen oder sich dem Gericht zu stellen.
Der Film ist verstörend. Er zeigt, wie sehr Menschen verstrickt sind in grausame, tödliche Zusammenhänge. Und doch trägt dieser Film für mich auch eine Botschaft der Hoffnung, so wie die beiden gegen diese Verstrickungen revoltieren, gegeneinander erst, dann miteinander.
Offen bleibt, mit welchem Motiv sie dies tun, ob im Namen der Menschlichkeit oder ob im Namen ihrer Religion, ihres Gottes. Für mich ist dieser Gott ein „Freund des Lebens“.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=20152SWR2 Wort zum Tag
Heute Vormittag wird sie veröffentlicht – die Umweltenzyklika von Papst Franziskus: ein Rundbrief zum Thema Ökologie, adressiert an die Christinnen und Christen auf der ganzen Welt und überhaupt an alle Menschen, denen der Schutz der Umwelt am Herzen liegt.
In dieser Umweltenzyklika mahnt Papst Franziskus, die Schöpfung und jedes Geschöpf zu achten und zu lieben. Dabei schaut er besonders auf die Armen und Ärmsten dieser Welt. Denn sie sind es, die von Umweltzerstörung und Klimawandel am stärksten betroffen sind, von Überschwemmungen ebenso wie von tödlicher Hitze. Mensch und Umwelt werden geopfert, wo Profit und Konsum zu Götzen geworden sind. Die Menschen zu achten und die Umwelt zu achten – beides gehört zusammen und darf nicht voneinander getrennt werden.
Solche Mahnungen bleiben aber wohlfeiler Appell, wenn sie nicht durch konkretes Tun der Kirche beglaubigt sind –beglaubigt durch das, wofür beispielsweise Bischof Erwin Kräutler steht. Der in Österreich geborene Ordensmann lebt und wirkt seit einem halben Jahrhundert im brasilianischen Amazonien. Erwin Kräutler wird oft als „Amazonas-Bischof“ oder als „Indio-Bischof“ bezeichnet. 1980 wurde er zum Bischof der flächenmäßig größten Diözese Brasiliens ernannt.
Unerschrocken setzt er sich für die Rechte der Ureinwohner Amazoniens ein; ebenso für die Kleinbauern oder die sogenannten Landlosen. Unerschrocken kämpft er für den Erhalt des brasilianischen Regenwaldes, den Großgrundbesitzer, internationale Agrarkonzerne, Landspekulanten und Holzhändler immer weiter zerstören. Bischof Kräutler kritisiert aber auch die Vorbereitungen für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro: Wie schon bei der Fußball-Weltmeisterschaft im letzten Jahr werden davon nicht die Armen Brasiliens profitieren. Stattdessen wird die Kluft zwischen Arm und Reich im Land immer größer.
Für dieses Engagement zahlt Bischof Erwin Kräutler einen hohen Preis. Sein Leben wird mehrfach bedroht. 1987 überlebt er nur schwerverletzt einen inszenierten „Autounfall“, ein Mitbruder stirbt dabei.
So wie er sich für die Armen und ihre bedrohte Umwelt einsetzt, gibt „Dom Erwin“ ein besonderes Beispiel. Ein Beispiel für eine Kirche, die sich entschieden hat: die Würde und Rechte der Armen und Benachteiligten zu verteidigen und sich für den Schutz ihrer Umwelt einzusetzen - ganz konkret. Weil Gott selbst uns Christinnen und Christen aufgetragen hat, seine Schöpfung und seine Geschöpfe zu achten -ganz konkret.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=19998SWR2 Wort zum Tag
„Loslassen lernen!“, hieß es vor kurzem gebieterisch in der Schlagzeile einer Tageszeitung. An dieser Stelle der Zeitung geht es normalerweise darum, was kluge Köpfe gerade entdeckt oder entwickelt haben - im Bereich Technik und Naturwissenschaft.
„Loslassen lernen!“ klingt für mich nach Lebenshilfe und Psycho-Ratgeber. In dem Zeitungsartikel ging es allerdings um ganz anderes: Wir sollen lernen, das Lenkrad im Auto loszulassen.
In den Automobilkonzernen dieser Welt arbeitet man derzeit mit Hochdruck am selbstlenkenden Auto. In spektakulären Tests rasen heute schon führerlose Autos durch die Wüste oder lenken ihre Fahrgäste zielsicher durch belebten Stadtverkehr.
Das Versprechen dieser technischen Innovation ist gewaltig: mit selbststeuernden Autos wird Autofahren nicht nur komfortabler, der Straßenverkehr wird auch viel sicherer. Ein Computer ist weder unaufmerksam, noch kennt er eine Schrecksekunde. Und umweltbewusster fährt das autonome Auto auch noch. Der Straßenverkehr wird berechenbarer.
Für manche ist das eine wundervolle Zukunftsvision, ein Kindheitstraum. Anderen graut es: Nie und nimmer werden sie freiwillig das Lenkrad loslassen! Das Schreckensszenario schlechthin: Eine Maschine übernimmt die Kontrolle, eine Maschine lenkt und steuert mein Schicksal.
Loslassen zu können, ist Grundvoraussetzung für ein glückliches Leben, so mahnen die Lebenshilfe-Ratgeber: Eltern sollen zum rechten Zeitpunkt ihre Kinder loslassen, Rentner und Pensionäre ihre Arbeit. Nach dem Scheitern einer Beziehung müssen sich die Partner gegenseitig loslassen. Auch Trauernden rät man, ihre verstorbenen Lieben bei Zeiten loszulassen Denn wer nicht loslassen kann, bleibt in der Vergangenheit verhaftet, betrügt sich um die eigene Zukunft.
Welche Gewohnheiten, Befürchtungen und Ängste aber sind im Spiel, wenn ich nicht loslassen kann, wo es um diese wirklich wichtigen Dinge im Leben geht? Habe ich Angst, die Kontrolle zu verlieren, fehlt es mir an Vertrauen in andere? Kann ich mir eingestehen, dass Geschehenes nicht rückgängig zu machen ist?
Dieses Loslassen kann so schwer sein! Vermutlich ist es da die deutliche leichtere Übung, das Lenkrad im Auto loszulassen!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=19390