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Jedes Jahr im März finden internationale Wochen gegen Rassismus statt. Auch bei uns. Ob die vielen Veranstaltungen etwas dazu beitragen können, dass aus Fremden Freunde werden? Rassismus – das klingt immer so groß. Dabei geht es im Alltag oft um ganz kleine Schritte von Annäherung. Der syrische Autor Samer Tannous erzählt in seinem Buch „Kommt ein Syrer nach Rotenburg“ sehr unterhaltsam von den vielen kleinen Irritationen, die es braucht, damit Einheimische und Geflüchtete einander näherkommen. Mit seiner Familie lebt er seit zehn Jahren in Deutschland. Eine meiner Lieblingsgeschichten aus seinem Buch geht so: Eines Morgens klingelt der Postbote bei Samer und bittet ihn, ein Paket für seinen Nachbarn anzunehmen. Samer freut sich. Er stellt sich vor: Wenn der Nachbar später klingelt, um sein Paket abzuholen, wird er seine neuen Deutschkenntnisse an den Mann bringen und ihn in ein Gespräch verwickeln. Eifrig schafft er sich passende Sätze für einen Smalltalk drauf, träumt sogar davon, den Nachbarn hereinzubitten und auf einen Kaffee einzuladen. Endlich klingelt es. Samer öffnet die Tür. Der Nachbar hält ihm den gelben Abholschein von der Post vors Gesicht. Samer sagt Hallo; der Nachbar zeigt auf das Paket und Samer gibt es ihm. Der Nachbar sagt „Danke und tschüss“, Samer schließt die Tür. Und steht noch eine ganze Weile verdattert auf der Fußmatte und denkt darüber nach, was da wohl gerade schiefgelaufen ist.
Weil mich diese kleine Alltagsszene zum Schmunzeln bringt, kann ich mich auch fragen, wie ich mich wohl verhalten hätte, wenn ich den gelben Abholzettel von der Post in meinem Briefkasten gefunden und mich damit auf den Weg zum Nachbarn aus Syrien gemacht hätte. Hätte ich auch schweigend damit herumgefuchtelt? Wäre ich auch automatisch davon ausgegangen, dass ein geflüchteter Nachbar, der erst vor kurzem eingezogen ist, auf keinen Fall Deutsch kann und ich mich mit Händen und Füßen verständigen muss? Auf jeden Fall hätte ich den Mann natürlich nicht belästigen wollen. Woher soll ich auch wissen, dass es für ihn das höchste der Gefühle ist, mir seine Gastfreundschaft zu zeigen und mich hereinzubitten? In der Kultur, in der ich groß geworden bin, heißt das Höchste der Gefühle: „Klar reden wir mit unseren Nachbarn, aber „mir hend koi Hockerei“, sprich wir grüßen uns zwar freundlich im Treppenhaus, dringen aber niemals weiter als bis in den Flur einer anderen Wohnung vor. Das habe ich von Samer Tannous gelernt: Wer über sich selbst lachen kann, lernt auch auf andere zuzugehen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44108Wir leben in einer Zeit, in der vieles perfekt sein soll.
Der Lebenslauf. Der Körper. Die richtige Antwort – am besten sofort.
Und doch wissen wir: Das Leben ist selten perfekt. Es ist brüchig. Und wir sind es auch. Die jüdische Tradition geht damit überraschend nüchtern um. Die Tora rechnet nicht mit fehlerlosen Menschen. Sie geht davon aus, dass Menschen sich irren, scheitern, falsche Entscheidungen treffen – nicht als Ausnahme, sondern als Teil des Menschseins.
Die Tora weiß: Nicht jeder Fehler ist böser Wille. Oft ist er Überforderung, Unachtsamkeit oder schlicht menschliche Begrenzung. Entscheidend ist nicht, ob wir Fehler machen. Entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen. Ob wir sie verdrängen, anderen zuschieben – oder Verantwortung übernehmen.
Im Judentum heißt dieser Weg Teschuwa, Umkehr. Kein dramatischer Akt, sondern ein stiller Prozess. Er beginnt mit dem Eingeständnis: Ich bin nicht vollkommen. Und ich muss es auch nicht sein. Aber ich bin verantwortlich für mein Handeln. Erst dort, wo der Mensch seine Unvollkommenheit annimmt, wird er offen – für Veränderung und für Mitgefühl.
Wir müssen nicht perfekt sein. Aber wir können ehrlich sein. Lernbereit. Und menschlich. Vielleicht beginnt genau dort ein guter Tag.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43937In der Zeitung habe ich von einem Ehepaar aus Stuttgart gelesen. Die beiden gehen jeden Tag in ihrem Viertel spazieren und haben immer eine Mülltüte dabei. Dahinein kommt, was sie unterwegs auf Gehwegen, in Hecken und an Böschungen finden und einsammeln: leere Pizzakartons, Reste von Plastiktüten, Dosen und Kronkorken. Auch nach Zigarettenkippen bücken sie sich. Mit leeren Händen kommen sie nie nach Haus. Ich habe überlegt, ob das nicht auch etwas für mich wäre. Mit einer konkreten Aufgabe vor Augen würde ich vielleicht häufiger vor die Tür gehen. Und schon als ich das nächste Mal draußen unterwegs bin, ärgere ich mich, dass ich keine Tüte eingesteckt habe für all den Müll, der rechts und links herumliegt. Unfassbar, was ich alles entdecke, seit ich darauf achte. Warum ist mir das bisher nicht aufgefallen? Und selbst wenn, hat es mich jedenfalls kaum geschert. Es macht mich nachdenklich, dass ich mich dafür in keiner Weise zuständig fühle. Soll ich den Dreck von anderen wegmachen? Die Sauberkeit von öffentlichen Flächen ist schließlich Sache der Kommune.
Dem Stuttgarter Ehepaar scheint es da trotz klarer Zuständigkeiten ganz anders zu gehen. Kein Jammern darüber, wer den Dreck in ihrer Nachbarschaft verursacht hat und wer dafür verantwortlich wäre, ihn zu beseitigen; sie helfen einfach klaglos mit, eine Aufgabe zu bewältigen, die sowieso nie an ein Ende kommt. Sie übernehmen Verantwortung, weil ihnen an einer sauberen Umwelt gelegen ist. Und weil sie verstanden haben, dass die Folgen von Umweltverschmutzung alle betreffen; nicht nur diejenigen, die sie verursacht haben. In derselben Zeitung, die auf ihrer Lokalseite von dem Ehepaar berichtet hat, steht nämlich auch zu lesen, dass im Calypsograben, dort wo das Mittelmeer am tiefsten ist, gerade eine riesige Unterseemüllhalde entdeckt worden ist. Ein Trichter, der alles aufsaugt, was im Meer treibt. Und auch da begreife ich den Zusammenhang: Jeder Schnipsel, den ich vor meiner Haustür auflese, landet schon nicht dort und als Mikroplastik wieder auf meinem Teller. Ich habe beschlossen: Ich verlege meinen Frühjahrsputz in diesem Jahr einfach mal nach draußen - da brech ich mir schon keinen Zacken aus der Krone.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44107Unser Nachbar hat schon im Februar seine Bäume und Büsche im Garten geschnitten – ganz vorbildlich! – bevor die Kraft der Pflanze in die Äste steigt und erste Knospen sprießen. Und zwei, drei Tage später habe ich - unter den kritischen Blicken meines Mannes - mehrere Armbeugen voll von seinem Schnittgut ins Haus geschleppt und in Vasen und Gläser drapiert. Die Antwort der Natur auf Wasser und Wärme hat nicht lange auf sich warten lassen: Erste Blätter sprießen, werden größer und grüner. Manche der unscheinbaren Stecken bilden sogar Knospen aus; deutlich erkenne ich die kegelförmigen Blütenrispen des Flieders. Und tags glänzen die ersten weißen Sternchen dran. Staunend stehe ich davor und meine, ein bisschen mehr zu begreifen von den Sätzen am Anfang der Bibel, die davon erzählen, dass Gott eine ganze Welt geschaffen hat. Aus dem Nichts. Und denke: So muss das wohl gewesen sein. Eben war da noch nichts. Und plötzlich regt sich Leben.
In einem Frühlingsgedicht von Theodor Fontane staunt nicht nur der Mensch über diese überwältigende Grünkraft. Da wundern sich sogar die Bäume selber über das, was ihnen Jahr für Jahr im Frühling widerfährt. Und obwohl sie schon viele, viele Lenze auf dem Buckel haben und es eigentlich wissen müssten, versetzt sie der Frühling jedes Jahr wieder in helle Aufregung. „Nun ist er endlich kommen doch in grünem Knospenschuh“ wispert der eine; und ein anderer stimmt zu: »Er kam, er kam ja immer noch«, die Bäume nicken sich's zu. Sie konnten ihn all erwarten kaum, nun treiben sie Schuss auf Schuss; im Garten der alte Apfelbaum, er sträubt sich, aber er muss.“ Nichts zu machen gegen die Kraft, die in ihm steckt seit jenem dritten Schöpfungstag, an dem die Erde zum ersten Mal frisches Grün hervorgebracht hat. Davon profitiert nun auch der Mensch, der wie ich den alten Apfelbaum im Garten noch skeptisch betrachtet: „Wohl zögert auch das alte Herz und atmet noch nicht frei, es bangt und sorgt: »Es ist erst März, und März ist noch nicht Mai.« Soll ich, darf ich mich schon herauswagen? Soll ich, darf ich mich entfalten, aufrichten, dem Licht entgegenstrecken, wachsen, blühen? Schön wäre es, wenn der alte Apfelbaum im Garten mich anstecken würde mit seiner Lebenslust: „O schüttle ab den schweren Traum und die lange Winterruh: Es wagt es der alte Apfelbaum, Herze, wag's auch du!“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44106Bei uns im Garten steht zurzeit ein lebensgroßer Kranich aus Plastik. Ich finde ihn echt hässlich, aber angeblich kann er seine Kollegen aus Fleisch und Federn daran hindern, die Goldfische aus unserem Gartenteich zum Frühstück zu verputzen. Bisher scheint es zu funktionieren. Alle fünf Goldfische sind noch da. Aber wenn die Kraniche jetzt bald weiterziehen nach Norden und die Gefahr gebannt ist, wird er wieder in den Schuppen verbannt. Dabei sind lebendige Kraniche wunderschöne Tiere. Ihr keilförmiger Vogelzug am Himmel ist spektakulär, und in der Balz führen die männlichen Exemplare fantastische Tänze auf.
ins Reich der Legende gehört dagegen eine Geschichte, die ein antiker Naturforscher vor Jahrhunderten aufgeschrieben hat. Er behauptet: „Nachts stellen die Kraniche Wachen auf, die mit einem Fuß einen kleinen Stein hochhalten als Zeichen: Ich bin wach und aufmerksam. Ihr anderen könnt beruhigt schlafen, von einem Fuß auf den anderen wechselnd, den Kopf unter einem Flügel geborgen. Der Wächter bleibt aufmerksam – und wenn er doch einmal einschlafen sollte, dann weckt ihn sein Steinchen, wenn es klappernd herunterfällt.
Mir gefällt diese Geschichte vom Kranich mit dem Stein. Ich mag Geschöpfe, die um ihre Unzulänglichkeiten wissen und Möglichkeiten gefunden haben, sich selbst zu überlisten. In diesem speziellen Fall nützt sie nicht nur dem Wächter, sondern der ganzen Vogelschar. In Wirklichkeit hat die Wachsamkeit der Kraniche allerdings nichts mit plumpsenden Steinchen zu tun. Man hat herausgefunden, dass Kraniche immer nur mit einer Hälfte ihres Gehirns schlafen – die andere bleibt einfach wach! Eine tolle Sache, die Gott seinen Geschöpfen mitgegeben hat.
Gott, der dich behütet, schläft und schlummert nicht, heißt es in der Bibel. Gott muss gar nicht schlafen und braucht auch keine Tricks mit Steinchen. Und wenn ich abends nicht einschlafen kann, weil die Gedanken im Kopf noch Karussell fahren, denke ich an den Kranich und sage mir: Ich brauche auch keine Tricks oder muss zur Hälfte wach bleiben und Probleme wälzen. Dann sag ich mir: Ruh jetzt von des Tages Müh, Nacht lass es nun werden. Lass die Sorg bis morgen früh, Gott bewacht die Erden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44105Ich bin ganz stolz! Denn außer Amsel, Drossel, Fink und Star erkenne ich jetzt auch den Stieglitz. Über den Winter habe ich mich zu einer Spezialistin für heimische Singvögel entwickelt. Und der Stieglitz ist einer von elf verschiedenen Arten, die ich an meinen Vogelfutterhäuschen auf dem Balkon gesichtet und nebenher am Computer identifiziert habe. Jetzt im Frühjahr kommen nicht mehr so viele. Und auch die Stieglitze sind verschwunden. Stieglitze sind übrigens ganz leicht zu erkennen an ihrem leuchtend roten Köpfchen. Im Volksmund werden sie auch Distelfinke genannt, weil die Samen von kratzigen Disteln zu ihren Lieblingsspeisen gehören. Und einer Legende nach hat beides, der rote Kopf und die Vorliebe für stacheliges Gestrüpp etwas mit der Leidensgeschichte von Jesus zu tun.
Schon bevor er am Kreuz hingerichtet worden ist, haben ihn die römischen Wachsoldaten gequält, haben ihm ein Geflecht aus Dornen auf den Kopf gedrückt und ihn damit verspottet. Die Leute behaupten, dass er ein König sein soll? Bitte, die Krone gibts gratis dazu. Aus der zerkratzen Kopfhaut muss ihm das Blut übers Gesicht gelaufen sein. Was für ein grausamer Umgang mit einem Menschen, der sich nicht wehren kann. An dieser Stelle setzt nun die Legende ein. Sie erzählt, dass ein Stieglitz herbeigeflogen kam und versucht hat, mit seinem Schnabel die spitzen Dornen aus der Dornenkrone zu ziehen. Bekanntlich schrecken ihn Dornen ja nicht. Und bei seinen Versuchen, ein bisschen Mitleid in diese gnadenlose Geschichte zu bringen, hat ihm das Blut aus Jesu Wunden dann den Vogelkopf rot gefärbt. Seither trägt er ihn stolz als Hinweis auf ein unschuldiges Leiden. Ich mag diese Geschichte. Weil ich glauben will, dass es in allen Leidensgeschichten diesen einen Moment gibt, der Platz lässt für unverhoffte Zuwendung und für Mitleid. Für Mitmenschlichkeit. Und wenn sie wie hier von einem Vogel mit rotem Kopf kommt. Und ich freu mich schon sehr auf die Stieglitze, wenn sie mich im nächsten Winter wieder besuchen kommen. Bis dahin suche ich sie in all den Leidensgeschichten, in denen es scheinbar kein Mitleid gibt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44104Stichwort „Frühjahrsputz“ und „Aufräumen“. Vielleicht denken Sie dabei an Ihren Schreibtisch, das Wohnzimmer, vielleicht den Keller oder die Garage. Irgendeine Ecke findet sich immer, in der alles landet, worum ich mich „jetzt nicht“ kümmern will und was ich „später“ erledigen werde. Bei mir häufen sich da manchmal Dinge an, die ich eigentlich gar nicht brauche und die ich eigentlich los werden möchte. „Eigentlich“ – genau das ist das Problem. Entweder ich brauche etwas noch, oder ich brauche etwas nicht mehr. Entweder ich will etwas los werden, oder eben nicht. Das Wort „eigentlich“ ist die Hintertür, die ich mir auflasse, weil es mir schwer fällt, etwas zu erledigen, oder anzugehen. Wenn ich es aber schaffe, wenn ich mich überwinde und ausmiste, fühle ich mich erleichtert.
Manchmal hat aufräumen noch eine andere Dimension.
Als Schüler habe ich gerne vor Klassenarbeiten, oder vor dem Schreiben eines Referats meinen Schreibtisch aufgeräumt. Ich habe Stifte sortiert, Papierstapel geradegerückt, unnötige Zettel weggeworfen. Erst wenn die Fläche vor mir klar war, konnte die Fläche in mir klar werden. Das äußere Aufräumen hat mir geholfen, eine innere Ordnung zu schaffen. Diesen Platz habe ich gebraucht, um mich auf das einzulassen, was ich tatsächlich machen sollte.
Innerlich aufräumen. Hervorholen, was ich in irgendeine Ecke gepackt habe, was mich aber belastet und was ich los werden möchte. Dieses innere Aufräumen brauche ich von Zeit zu Zeit, damit ich mich nicht verzettle, damit ich zu mir komme, klar sehe. Damit ich mich wieder wohl fühle in meiner Haut.
Die innere Putzaktion kann ein Spaziergang sein, bei dem ich meinen Gedanken nachhängen und sie etwas ordnen kann. Das kann ein Gespräch sein, bei dem auf den Tisch kommt, was mich bedrückt, was mich beschäftigt, was mich stört. Ich rede es mir von der Seele. Manchmal setze ich mich auch in eine Kirche und genieße die Ruhe und das Farbenspiel der Fenster. Manchmal gelingt mir das innere Aufräumen aber auch beim Staubsaugen, oder Wäsche Waschen.
Je länger ich mit dem Aufräumen warte, je länger ich etwas vor mir herschiebe, desto mehr häuft sich an. Irgendeine Ecke dafür findet sich ja immer.
Vielleicht räumen Sie heute auch irgendetwas auf. Dann wünsche ich Ihnen, dass es Ihnen gelingt und dass es Ihnen gut tut – äußerlich und innerlich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44040Heute beginnt der Frühling. Genaugenommen beginnt er heute Nachmittag um 15.45 Uhr. Das ist kein Scherz. Der kalendarische Frühlingsanfang richtet sich nach der Sonne und der sogenannten Tag-und-Nacht-Gleiche. Und die ist heute Nachmittag um 15.45 Uhr.
Frühlingsanfang. In diesem Wort steckt viel mehr, als ein Datum und eine bestimmte Uhrzeit. Die Natur fängt an, sich zu verwandeln: Langsam erscheint ein zartes Grün an den Bäumen. Bei Sonnenaufgang erklingt wieder ein Vogelkonzert. Ich finde es herrlich, wenn die Luft nach Frühling duftet.
Natürlich kommt das alles nicht schlagartig heute Nachmittag. Schade eigentlich. Es wäre schön, wenn ich mich fest darauf verlassen könnte, dass es ab jetzt warm wird und bleibt. Das wird es zwar. Aber eben nicht auf die Minute genau. Die Tage werden länger und damit nehmen die Sonnenstunden zu. Darauf kann ich mich verlassen. Aber vielleicht grüßt der Winter zwischendurch noch einmal. Auch darauf werde ich mich wohl einstellen müssen. Der heutige Tag mag also ein klarer Wendepunkt im Sonnenkalender sein. Ein eindeutiger Wendepunkt für das Wetter ist er nicht.
Im Leben ist es manchmal genauso. Ich wünsche mir klare Wendepunkte: Ein sofortiges Ende der Kriege zwischen Russland und der Ukraine, zwischen Israel, den USA und dem Iran – und zwar jetzt. Ich will schnelle Veränderungen in unserem Land, damit der Vormarsch demokratiefeindlicher Kräfte jetzt ein Ende findet. Ich wünsche mir jetzt einen sichtbaren Durchbruch in den Fragen der Energiewende und der Klimakrise. Und dann muss ich mir anhören, dass das nicht von jetzt auf gleich möglich ist. Zu viele Interessen und Faktoren spielen eine Rolle und wollen beachtet werden. Das kostet Zeit.
Auf die notwendige Geduld zu verweisen, finde ich zynisch. Es geht um das Leben von Menschen. Da haben wir keine Zeit zu verlieren. Es braucht ganz konkrete Schritte in die richtige Richtung. Heute müssen diese Schritte gemacht werden, damit sie spätestens morgen wirken können.
Der Frühling mag von selbst kommen, weil die Sonne verlässlich ihren Beitrag leistet. Aber die Sonnenstrahlen unserer Gesellschaft, die sind wir! Sie und ich, auf uns kommt es an, ob wir und ob unsere Kinder auf dunkle Tage zugehen, oder ob sich der Frühling unaufhaltsam ankündigt.
Lassen Sie uns wie Sonnenstrahlen sein. Geben wir unser Bestes, damit unser Umfeld sich erwärmt und wir gemeinsam wirken für eine schöne und helle Zukunft, die nach Frühling duftet. Heute beginnt diese Zukunft.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44039Immer wieder begegnet mir dieser Satz: „Die Kirchen sollten sich aus gesellschaftspolitischen Themen raushalten. Sie sollten sich lieber auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.“
Wenn der Wunsch daher rührt, dass Menschen sich einen Ort wünschen, der frei ist von Diskussionen und dem Streit über parteipolitische Standpunkte, verstehe ich ihn. Wenn der Kirche unterstellt wird, sie habe keine Ahnung von diesen Dingen, verstehe ich ihn nicht. Und ich frage mich: Was genau ist eigentlich das „Kerngeschäft“ der Kirchen?
Für mich gehört dazu vor allem: Menschen zu begleiten. Sie zu ermutigen. Ihnen Halt zu geben in dem, was sie bewegt und vielleicht auch belastet. Die christliche Botschaft sagt jedem Menschen zu: Du bist wertvoll. Nicht, weil du etwas leistest, nicht, weil du etwas vorzuweisen hast – sondern ganz einfach, weil du lebst.
Das ist das Kerngeschäft der Kirchen. Hat das wirklich nichts mit den tagesaktuellen Themen unserer Gesellschaft zu tun?
Als Christinnen und Christen bilden wir keine Parallelgesellschaft. Wir stehen mitten in dieser Welt. Und deshalb gehört auch die Kirche mitten hinein – mit ihrer Stimme, ihrem Blick, ihrer Verantwortung. Die Kirche ist nicht die Stimme, auf die zu hören wäre. Aber sie ist eine Stimme, die man anhören kann.
So wie in der Politik, so gibt es auch in den Kirchen Menschen, die mit bestimmten Aufgaben und Ämtern betraut sind. Aber diese Personen sind nicht der Staat, und sie sind nicht die Kirche. Wir sind das Volk! Wir sind der Souverän. Wir sind der Staat. Und genauso sind alle Christinnen und Christen die Kirche. Und weil wir nicht in einer Parallelgesellschaft leben, sondern Nachbarn sind, Freunde, Mitbürger, Kolleginnen und Kollegen in Betrieben, Vereinen und Vereinigungen, sind wir Teil unserer Gesellschaft. Und vieles, was unser Leben schwer macht oder leicht, entsteht genau dort: ob wir uns sicher fühlen, ob wir Chancen haben, ob wir gesehen werden, ob wir miteinander reden statt übereinander.
Die Aufgabe der Kirchen ist es, sich für Menschen stark zu machen. Das ist ihr Kerngeschäft. Unser Kerngeschäft. Und weil Politik unser Gemeinwesen, also das Zusammenleben von Menschen regelt, können wir uns aus gesellschaftspolitischen Themen gar nicht heraushalten. Die christliche Botschaft ist politisch.
Wenn es also darum geht, ob wir glücklich sind, oder was vielleicht fehlt, damit alle zufrieden sein können; Wenn es darum geht, was uns Sorgen macht und wie wir zuversichtlich in die Zukunft schauen können, dann sollten wir mitreden. Wir alle.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44038Radio: Geht ins Ohr, bleibt im Kopf. Manchmal bedauere ich, dass das so ist. Mir klingt nämlich immer noch die Wahlwerbung der Partei im Ohr, die sich als Alternative für unser Land bezeichnet. Da musste ich mir anhören, dass in unserem Land alles immer Schlimmer wird und den Bach runter geht. Ganz ehrlich: Ich kann es nicht mehr hören.
Natürlich ist in unserem Land nicht alles gut, so, wie es ist. Es gibt Baustellen, große sogar, und sogar im wahrsten Sinn des Wortes. Aber etwas in mir sträubt sich dagegen, ständig nur dem Abgesang auf alles zu lauschen. Da wird so getan, als würden Politikerinnen und Politiker der sogenannten etablierten Parteien absichtlich alles den Bach runter gehen lassen. Ich habe den Verdacht, manche Zeitgenossen wollen den Niedergang geradezu herbeireden? Und ich glaube, das kann man tatsächlich.
Worte haben Kraft. Wenn ich mir oft genug einrede, dass alles in meinem Leben schlimm und hoffnungslos ist, dann verliere ich irgendwann jede Energie, selbst etwas zu unternehmen und dadurch etwas zu verbessern. Wenn ich mir einrede, dass alle anderen blöd sind, dann glaube ich das irgendwann. Meine Erfahrung sagt mir aber, dass die anderen auch nicht blöd sind. Blöd ist nur, wenn man so tut, als gäbe es für komplexe Themen ganz einfache Lösungen. Wenn es die gäbe, hätten andere die auch schon gefunden.
Wo soll es hinführen, wenn wir alles nur noch schwarz sehen?
Ich bin optimistisch und genauso will ich auf die Herausforderungen schauen, die sich mir stellen. Solange ich optimistisch bin, rechne ich damit, dass es Lösungen gibt. Vielleicht habe ich die Lösung nicht selbst. Aber andere und vielleicht weniger optimistische Menschen könnten mir eine zeigen. Oder wir finden miteinander im Gespräch eine gute Lösung.
Ich glaube an die Kraft der Worte. Und darum glaube ich auch fest daran, dass wir Verbesserungen und den ersehnten Aufschwung ebenfalls herbeireden können. Tun wir’s! Entwickeln wir miteinander Ideen, ohne erst einmal alles schwarz zu malen.
Wenn ich heute Morgen etwas sein möchte, dann das: ein kleines Licht gegen die Schwarzmalerei. Ich habe nämlich keine Lust, im Dunkeln zu hocken. Viel lieber will ich tun, was ich kann, damit besser wird, was noch nicht gut ist. Es ist viel möglich. Und ein guter Anfang ist, wenn ich es für möglich halte. Mit dieser Einstellung geht was – bei Ihnen, bei mir, in unserer Gesellschaft.
Ich wünsche Ihnen heute einen zuversichtlichen Tag.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44037

