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15MAI2024
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Bei einem Spaziergang im Wald kam ich an einem freistehenden Baum vorbei. Auf den Stamm hatte jemand mit weißer Farbe Buchstaben gepinselt, ziemlich ungelenk und schwer zu entziffern. Wie kann man nur gesunde Bäume mit Wandfarbe traktieren? Trotzdem war ich neugierig, ob das Gepinsel überhaupt irgendwas aussagt. Schließlich hatte ich‘s raus: „Heute schon geärgert?“ stand da. Auf einem Stamm. Mitten im schönsten Wald. Spätestens da dachte ich: Ja, hab ich, und zwar über dich, du Blödmann! Aber ich war nicht nur wütend, sondern auch etwas irritiert. Denn diese Aktion war ja nicht nur ziemlich frech, sondern doch auch irgendwie pfiffig.  

„Heute schon geärgert?“ Die Frage unterstellt, dass ich mich im Grunde ganz gern ärgere. Dass ich geradezu Spaß daran habe, irgendwas zu finden, worüber ich mich empören kann.  

Die Vorsitzende des deutschen Ethikrates, Alena Buyx, spricht sogar von der „Lust an der Empörung“. Und ich glaube, da ist wirklich was dran. Wie konnte man sich während der Pandemie doch empören, je nach Standpunkt über die Rücksichtslosen oder über die ewig Ängstlichen. Die akute Pandemie ist mittlerweile Geschichte, aber die Streitthemen gehen nicht aus. 

„Wir müssen wegkommen von der Lust an der Empörung“, sagte Alena Buyx damals. Empörung hat immer etwas mit Lust zu tun. Schon das Wort weist darauf hin: Empörung hebt mich „empor“, stellt mich über andere. Und größer zu sein als die andern, das macht nicht nur kleinen Kindern Lustgefühle, sondern – leider – auch Erwachsenen. 

Ich will mich darin üben, nicht ständig empört zu sein. Ich will meine Meinung ganz selbstverständlich vertreten, sachlich, überzeugt, aber nicht überheblich. Dann habe ich ja auch bessere Chancen, gehört zu werden, als in einer Atmosphäre, die jeden Disput zu einem Schaukampf macht. 

Ich weiß nicht, ob mir das gelingt, aber versuchen will ich‘s. Und weil das eine größere Sache ist, will ich klein anfangen. Nicht bei den ganz großen Themen, sondern beim Kleinklein, beim täglichen Ärgern, über dies und das.

Und wenn ich dann wieder mal an dem Baum vorbeikomme und lese „Heute schon geärgert?“, dann möchte ich auch mal antworten können: „Nein, ich heb meine Kraft lieber  auf. Für Wichtigeres.“  

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14MAI2024
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Ganz hinten in meinem Geldbeutel liegt ein kleines Kärtchen, das hab ich mal irgendwo gesehen und eingesteckt. Weil da ein Spruch drauf stand; er heißt: „Mut ist Angst, die gebetet hat.“ Ich war sofort angetriggert, weil ich mich auch zu den Menschen zähle, die mehr Angst haben als Mut. Das Kärtchen ging seither einfach mit, meist ohne weiter beachtet zu werden. So hat es Jahre gedauert, bis ich mir mal die Mühe gemacht habe zu recherchieren, woher dieses markante Wort denn eigentlich kommt. Dabei bin ich auf eine Frau gestoßen. Eine Frau, deren Leben ebenso ungewöhnlich ist wie das Wort, das ihr zugeschrieben wird: „Mut ist Angst, die gebetet hat.“ 

Die Frau heißt: Corrie ten Boom. Sie war Niederländerin und arbeitete im Uhrmacherbetrieb ihres Vaters. 1940 muss sie erleben, wie ihre Heimat von deutschen Truppen besetzt wird. Nun werden Juden auch hier verfolgt und verschleppt. In ihrem Haus in Haarlem lässt Corrie ten Boom eine doppelte Wand einziehen, dahinter können Menschen sich verstecken, wenn die Häuser wieder einmal durchsucht werden. Vier Jahre geht das gut, erstaunlicherweise. Dann wird sie in eine Falle gelockt und fliegt auf. Die gesamte Familie wird verhaftet. Zusammen mit ihrer Schwester Betsie kommt sie nach Ravensbrück. Betsie stirbt im Konzentrationslager, Corrie überlebt.

Warum Corrie ten Boom so beherzt gehandelt hat? Für sie war völlig klar: Ihr christlicher Glaube war der Kompass in ihrem Leben. Wie die ganze Familie war auch sie engagiertes Mitglied der Niederländisch-reformierten Kirche.

„Mut ist Angst, die gebetet hat.“ Der Spruch im hintersten Fach meines Geldbeutels bekommt eine ganz neue Geschichte, eine ganz neue Tiefe. Wie viel Mut diese Frau gebraucht hat, um sich jeden Tag einer solchen Gefahr auszusetzen! Und wie viel Gebet dafür wohl nötig war, sich immer wieder der Angst zu stellen, sie immer wieder Gott hinzuhalten und von ihm umwandeln zu lassen in Mut!  

Ich muss gestehen, ich werde ganz klein, wenn ich das vergleiche mit den Situationen, in denen ich Angst habe. Aber auch meine Ängste empfinde ich oft als bedrängend. Und Angst hindert mich oft genug daran, mutig zu sein. Zu dem zu stehen, was mir wichtig ist.

„Mut ist Angst, die gebetet hat.“ Ich will‘s mir merken. Das Spruchkärtchen hab ich jetzt ins vordere Fach meines Geldbeutels gesteckt. 

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13MAI2024
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„Mach‘s gut“ – wie oft höre ich das am Tag, und wie oft sag ich‘s selbst. Wenn ich mit jemand telefoniere oder auf der Straße zu einem kleinen Smalltalk stehen bleibe. ‚Also dann mach‘s gut!‘ sag ich dann oft zum Abschied.

Eine Freundin hat mir mal erzählt, als Kind habe sie morgens immer zu ihrer Mutter gesagt: ‚Du musst noch mach‘s gut sagen‘. Die Mutter sagte es, und erst dann habe sie sich bereit gefühlt für den Tag. 

Eigentlich ein schöner Brauch, einander beim Verabschieden diese beiden Wörtchen mitzugeben. Sich gegenseitig Mut machen, auf die eigene Kraft zu vertrauen und die eigenen Fähigkeiten einzusetzen, um etwas hinzukriegen – eben etwas zu ‚machen‘.

Aber dann gibt‘s auch Situationen, da kommt mir das zu billig vor. Wenn mir eine Bekannte auf der Straße erzählt, dass ihr Mann nach 38 Jahren zu einer anderen Frau gezogen ist. Oder dass ihre Enkelin einen schweren Unfall hatte. Da bleibt mir das lockere ‚Mach‘s gut‘ schon mal im Hals stecken. Manchmal sag ich‘s trotzdem, weil ich mich hilflos fühle und doch irgendwas Aufmunterndes sagen will. Aber hinterher spüre ich oft, dass dieser nette Allerweltswunsch nicht ausreicht. Oft beschäftigt mich dann noch, was ich da gerade gehört habe. Und dann sag ich im Stillen einfach nochmals ‚mach‘s gut‘. Jetzt aber nicht mehr zu der Person, die ich verabschiedet habe. Ich sag das zu Gott: Mach‘s gut, du – mach‘s gut. Mach du gut, was wir selbst nicht im Griff haben und nicht einfach machen können. Mach du immer wieder gut, was unter unseren Händen ungut geworden ist. 

Mach‘s gut! Inzwischen sind diese zwei Wörtchen für mich wichtig geworden. Als klitzekleines Gebet. Als Wunsch, wenn ich gerade an jemanden denke, der‘s nicht leicht hat und Kraft braucht. Als dringende Bitte, wenn ich in den Nachrichten sehe, wie die Welt brennt…… Für mich gehört beides zusammen: das leicht dahingesagte ‚Mach‘s gut‘, mit dem ich Menschen Gutes wünsche – und das Gebet ‚Mach‘s gut, Gott. Mach du gut, was wir nicht gut machen können.‘

Mach‘s gut und Mach‘s gut. Abschiedswunsch und Mini-Gebet. Inzwischen ist mir beides so selbstverständlich, dass ich manchmal sogar zu Gott sage: Also, mach‘s gut, Gott. Ich muss mich jetzt auf anderes konzentrieren. Aber vergiss nicht: ich zähl auf dich.

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11MAI2024
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Von Alkohol abhängig sein – das ist ein Tabu-Thema. Als wäre es eine Schande, alkoholkrank zu sein. Umso bemerkenswerter, mit welcher Offenheit Uli Borowka über seine Krankheit spricht. Ich bin Fußball-Fan und erinnere mich an ihn aus seiner Zeit als aktiver Sportler. So Ende der 80’er, Anfang der 90’er bei Werder Bremen: da war er ein ganz Großer. Die „Axt“ hat man ihn genannt: ein zarter Hinweis darauf, wie kompromisslos der Mann als Abwehrspieler war. Als Fußball-Fan habe ich sein Leben nur von außen mitbekommen: erfolgreich, deutscher Meister, sogar Nationalspieler. Hinter den Kulissen hat es ganz anders ausgeschaut: seine Familie hat darunter gelitten, wenn er ausgerastet ist, weil er wieder zu viel getrunken hatte. Aber dass er ein ernsthaftes Problem hat und für andere zum Problem geworden ist – das hätte er sich nie eingestanden. Erst nach Jahren haben es alte Freunde irgendwie geschafft, ihn zum Entzug in einer Klinik einzuliefern. Wie gut, wenn einer solche Freunde hat! Er musste monatelang in der Klinik bleiben. Viel Zeit, um sich zu besinnen und alte Verhaltensmuster mühsam abzutrainieren.

Ich finde es beeindruckend, wenn sich jemand traut, einzugestehen: „Ich schaff das nicht allein. Ich brauche Hilfe.“ Das ist schwer – gerade wenn man lange versucht hat, nach außen so rüberzukommen, als hätte man alles im Griff. Oft erzählen das ja auch die Angehörigen von Alkoholkranken: wie das unendliche Kraft gekostet hat, über Jahre nach außen die heile Welt vorzuspielen. Auch die Familien brauchen Hilfe.

Das finde ich eine Aufgabe für unsere Gesellschaft, für Nachbarschaften, Vereine und Kirchengemeinde: dass Betroffene andere Menschen erleben können, die aufmerksam hinhören und hinschauen. Die nicht von oben herab urteilen, aber schon Klartext reden. Die bereit sind, das zu unterstützen, wenn sich einer traut, sein Leben umzukrempeln. Und nicht noch einen dummen Spruch bringen, wenn der beim Feiern keinen Alkohol mehr trinkt. Borowka ist inzwischen über 20 Jahre trocken. Er hält Vorträge und geht in Schulen, um seine Geschichte zu erzählen. Er will Leute ermutigen: Traut euch, euch Hilfe zu holen. Das ist keine Schande, sondern die einzige Chance auf ein neues Leben. Für euch und für eure Familien.

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10MAI2024
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Ist Ihnen das auch schon passiert, dass Sie eine wichtige Entscheidung treffen mussten? Womöglich unvorbereitet und unter Zeitdruck? Plötzlich ist sie da, die Chance auf einen neuen Job – oder man kann sagenhaft günstig sein Traumauto kaufen. Dann muss man sich schnell entscheiden: Mach ich’s? Mach ich’s nicht? Ich habe die Wahl und kann und muss abwägen, was jetzt dran ist, worauf es mir ankommt.

In der Bibel wird von zwei Frauen im alten Israel erzählt, die vor einer wichtigen Entscheidung standen. Die eine war die Mutter des Königs. Eigentlich hätte sie ja lieber selbst geherrscht. Als ihr Sohn gestorben ist, hat sie die Gelegenheit beim Schopf gepackt und hat sich entschieden, Königin zu werden. Dafür ist sie allerdings über Leichen gegangen. Noch so eine Entscheidung. Sie hat ihre Enkelkinder umbringen lassen, damit die ihr den Thron nicht streitig machen. So ist sie Königin geworden.

Es wäre alles nach Plan gelaufen, wenn da nicht noch eine andere Frau gewesen wäre. Joscheba. Sie hat auch zur Königsfamilie gehört, hatte aber eh keine Aussicht, Königin zu werden. Darum war sie nicht in Gefahr und hätte sich einfach raushalten können. Aber auch sie hat eine Entscheidung getroffen. Jetzt nur rumstehen und zugucken geht nicht, fand sie. Sie wollte versuchen, wenigstens eines der Königskinder zu retten. Dafür hat sie viel riskiert, auch ihr eigenes Leben. Aber es ist ihr tatsächlich gelungen, einem kleinen Prinzen das Leben zu retten. Zusammen mit ihrem Mann hat sie das Kleinkind versteckt. Es konnte unbehelligt aufwachsen und ist Jahre später König geworden.

Nur eine alte Geschichte aus ferner Zeit könnte man sagen. Aber ich finde, es ist auch eine Geschichte darüber, dass wir die Wahl haben. Wir können und sollen verantwortungsvolle Entscheidungen treffen.

Bei Joscheba, die das Kind rettet, fällt mir auf: sie trifft keine einsame Entscheidung. Sie hatte in ihrem Mann einen Menschen, mit dem sie sich beraten konnte und dem sie vertrauen konnte. Sie hat entschieden, sich Unterstützung zu suchen. Und dann hat sie entschieden, sich nicht rauszuhalten, sondern dieses Kind zu retten. Beides eine gute Wahl.

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08MAI2024
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Was passiert eigentlich, wenn bei uns ein armer Mensch stirbt? Jemand, der kein Geld für eine Beerdigung hinterlässt und auch keine Familie hat, die sich darum kümmern könnte? In dem Fall muss die Kommune einspringen und für die Beerdigung sorgen. In manchen Orten werden diese Menschen dann einfach anonym beerdigt. Also ohne dass das Grab namentlich gekennzeichnet wird. Das spart Geld und ist darum der einfachste Weg. Ob der Verstorbene das auch gewollt hat, das wird in so einem Fall nicht gefragt. Aber das geht gar nicht, finde ich. Auch wer arm ist, gehört in die Mitte der Gemeinschaft. Wir sollten seinen Namen nicht einfach so verschwinden lassen, als wäre dieser Mensch niemals auf der Welt gewesen. Im christlichen Glauben ist es ein wichtiger Gedanke, dass Menschen in Gottes Gedächtnis und in sein Herz hineingeschrieben sind. Darum sollen wir würdevoll mit ihnen umgehen. Egal, wie angesehen ein Mensch war, und ob er Geld hatte oder nicht. Er war ein Mensch.

Bei mir in Weinheim gibt es einen gemeinsamen Bestattungsort für diese Menschen. Dort steht eine Holz-Stele, auf der die Namen der Verstorbenen zu lesen sind. Ein Ort der Erinnerung, den trauernde Menschen besuchen können.

In diesem Frühjahr haben wir das erste Mal einen ökumenischen Gottesdienst für „Alleinstehend Verstorbene“ angeboten. Wir wollten Angehörigen, Freunden und Freundinnen, Bekannten und Nachbarn die Möglichkeit geben, sich von einem Menschen zu verabschieden, der ihnen nahestand, den sie vermissen. Über die Zeitungen und soziale Medien haben wir es veröffentlicht. Ich war überrascht, wie viele Leute gekommen sind. Einige haben erzählt, was sie gemeinsam erlebt haben. Manche kannten jemanden von der Arbeit oder von einem gemeinsamen Hobby. Viele hatten Blumen dabei und haben sich unter Tränen am Grab verabschiedet. Und einige waren da, obwohl sie niemanden von den Verstorbenen gekannt haben. Aber sie fanden die Idee gut und wollten es unterstützen. Mich hat das berührt. Ich war froh, dass wir diese besondere Bestattung angeboten haben. Und jetzt schon ist klar: Das werden wir wieder machen.

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07MAI2024
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Ich bin sicher: jeder Mensch hat ein Talent. Vielleicht sogar mehrere. Wer sein Talent noch nicht entdeckt hat, dem wünsche ich Leute, die ihm helfen, es zu entdecken. Und die ihn ermuntern, es auch einzusetzen.

Im Alten Testament wird von so einem Menschen erzählt, der selbst Talent hatte und anderen geholfen hat, ihres zu entdecken. Er hatte einen ziemlich komplizierten Namen. Bezalel. Bezalel war ein begnadeter Handwerker. Ein Tausendsassa. Der war so begnadet, dass es in der Geschichte heißt: er hatte Gottes Geist.

Bezalel hat zu denen gehört, die mit Mose aus der Sklaverei in Ägypten geflohen sind. Seine Leute wollten gern ein Heiligtum bauen, eines für unterwegs, ein mobiles. Kein festes Gebäude also, sondern ein schönes, großes Zelt und innen drin eine kostbare Truhe, in der die 10 Gebote aufbewahrt werden sollten. Wer hat den Auftrag gekriegt? Klar. Bezalel.

Ein Handwerker, inspiriert von Gott. Der Gedanke dabei ist: Dein Talent ist etwas, was dir Gott anvertraut hat. Etwas ganz Kostbares und Wichtiges. Mach was draus! Dein Leben, deine Zeit, deine Begabung: das ist so wertvoll, setz es ein! Für dich und auch für andere, für die Gemeinschaft.

Damit das noch besser klappt, hat Bezalel damals einen anderen begabten Menschen an die Seite bekommen. Oholiab. Von den beiden heißt es in der Bibel: „Der Herr hat ihnen die Gabe zu unterweisen ins Herz gegeben.“ Auch diese Begabung konnten sie brauchen, denn die hatten Azubis. Die „Gabe zu unterweisen“: Ich vermute, das hat etwas mit Geduld mit jungen Leuten zu tun. Und damit, herauszufinden, was ein junger Mensch kann, was ihm liegt, was er vielleicht mal ausprobieren könnte. Und ihn dabei zu unterstützen, seinen eigenen Weg zu finden. Talente anderer so zu fördern: ich finde, das ist auch ein Talent. 

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06MAI2024
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Im Religionsunterricht geht es mit meinen Schülerinnen und Schülern auch um elementare Fragen des Lebens: „Was ist deine wichtigste Frage, wenn es um das Sterben geht, um den Tod und was danach ist?“ Meine Viertklässler, etwa 9 Jahre alt, haben die Herausforderung angenommen und nachgedacht.

Als sie ihre Fragen dann erzählt haben, habe ich schon geschluckt. Mir war vorher nicht klar, was sie alles beschäftigt.

Mit wie vielen Jahren stirbt man normalerweise? Warum sterben Menschen? Was machen die Toten, wenn sie tot sind? Wie sieht jemand aus, wenn er gestorben ist? Wie fühlt man sich, wenn man tot im Grab liegt? Wieso glauben Menschen, dass es einen Himmel gibt? Warum dürfen Kinder oft nicht mit zur Beerdigung?

25 Kinder, 25 Fragen. Wir haben jede Frage aufgeschrieben und in den nächsten Relistunden versucht, zu allem etwas herauszufinden. Wir haben einander unsre Gedanken erzählt, Fotos vom Friedhof angeschaut, in der Bibel gestöbert, und einiges über Beerdigungen gelernt.

Die Kinder fanden es ziemlich logisch, dass auch Erwachsene nicht auf jede Frage eine Antwort wissen. Aber sie fanden es gut, sich zusammen mit anderen mit ihren Fragen zu beschäftigen. Und mit dem, was andere Leute glauben und hoffen oder befürchten.

Irgendwann ist dann die Idee aufgekommen: Wir gehen auf den Friedhof. Also haben wir uns verabredet. Natürlich freiwillig: Jedes Kind konnte selbst entscheiden, ob es zur Friedhofserkundung mitkommen möchte oder nicht. Wir sind gefühlt in Zeitlupe über den Friedhof gegangen, weil sie ständig etwas entdeckt haben, was sie interessiert hat. Ein Symbol auf einem Grabstein oder eine besonders schöne Pflanze zum Beispiel. Am Grab von einem 18-Jährigen sind sie voller Mitgefühl stehen geblieben und am Grab eines alten Mannes hat ein Junge einen umgekippten kleinen Engel wieder ordentlich hingestellt, damit die Witwe sich später nicht damit abmühen muss.

Ihren Eltern haben sie später ausgiebig erzählt. Ich glaube, wir Erwachsene haben da auch was gelernt. Ganz egal, wie alt oder jung wir sind: Wir alle haben unsere eigenen Fragen, Gedanken und Erfahrungen, wenn es um das Sterben geht, und um den Tod. Gut, wenn wir die mit anderen teilen können.

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04MAI2024
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Mein Vater ist 89 Jahre alt. Das glaubt keiner, weil er viel jünger aussieht. Und weil er noch immer neugierig und wach ist. Auch im hohen Alter ist er offen für neue Erfahrungen. Das macht es für ihn aber nicht immer einfach: So wie kürzlich, als wir gemeinsam in einem Konzert waren. Es hat meinen Vater begeistert, wie der junge Pianist Beethovens 3. Klaviersonate interpretiert hat. „So frisch und jugendlich habe ich diese Sonate noch nie gehört“, hat er dann zu seiner Nachbarin im Konzertsaal gesagt. Die hat ihn entgeistert angeschaut und geantwortet: „Respektlos könnte man auch sagen“. Mein Vater war noch Tage später irritiert, welches Urteil sich die Dame über den jungen, begabten Künstler erlaubt hat.

Mein Vater ist offen und direkt und kann gleichzeitig sehr reflektiert auf sein langes Leben zurückschauen. Junge Menschen hören ihm auch deshalb gerne zu. Ich merke, wie gut ihm solche Situationen und so ein Austausch tun. Denn: Alt werden ist auch für ihn keine leichte Aufgabe. Vor Jahren habe ich das schon einmal mit meiner Mutter intensiv erlebt. Jetzt begleite ich meinen Vater dabei. Es ist schwer für ihn, dass seine Kräfte nachlassen, obwohl sein Verstand noch so wach ist. Das kleine Gartenbeet vor der Garage kann er plötzlich nicht mehr pflegen. Die Getränkekisten lässt er im Eingang stehen, bis jemand kommt, der sie in den Keller tragen kann. Für die Steuererklärung braucht er viel länger als früher. Wie schwer ihm das fällt, kann nur verstehen, wer sich in ihn hineinversetzt. Sieht man die Fakten denkt man schnell: Na so schlimm ist das nun wirklich nicht. Für ihn ist es schlimm, weil er sich langsam von seinen Kräften verabschieden muss. Außerdem ist ihm jeden Tag bewusst, dass der Tod nahe ist. Eben ohne genau zu wissen, wann er sterben wird.

Solange er noch so für sich sorgen kann, wie er das jetzt tut, ist das ein großes Glück. Alles, was doch noch geht, ist schön, nicht selbstverständlich: Die vielen Treppen steigen, in dem Haus, in dem er seit 55 Jahren wohnt. Selbst noch mit dem Auto einkaufen fahren können. Den Sommerflieder und die Hortensie vor dem Haus im Herbst schneiden. Ich wünsche ihm, dass er oft dabei denken kann: Danke! Dass das immer noch geht, auch wenn ich schon fast 90 bin.

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03MAI2024
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Da wo ich wohne, hat jemand auf einen geteerten Feldweg mit Kreide geschrieben: „Jesus ist toll. Jesus ist für uns am Kreuz gestorben, Jesus lebt.“ Und das auf einer Länge von etwa einem Kilometer. Was die Sätze für den Schreiber bedeuten, weiß ich nicht. In den zehn Minuten, in denen ich über diese Sätze gelaufen bin, ist mir meine eigene Geschichte mit Jesus und dem Kreuz durch den Kopf gegangen: In den 63 Jahren meines Lebens ist Vieles schwierig gewesen und oft hat mich das Kreuz getröstet. Trotzdem habe ich mir immer wieder gewünscht, dass das Leben aufhört schwierig zu sein. Ich wollte sorglos und glücklich sein. Manche Erinnerungen an schwere Zeiten hätte ich am liebsten aus meinem Gehirn gelöscht. Zum Beispiel die Erinnerung an meine Schwangerschaft. Ich war damals noch sehr jung, hatte gerade angefangen zu studieren. Ich könnte viel darüber erzählen, was mich damals belastet hat. Das ist lange vorbei und heute bin ich froh, wie alles geworden ist: Mein Sohn ist ein wunderbarer Mann und Vater. Er ist lebenstüchtig, gesund. Ein ehrlicher Mensch. Und wir haben eine gute Beziehung zueinander. Er wirft mir nicht mehr vor, was ich als Mutter alles versäumt habe. Alles gut, könnte ich sagen. Wenn ich nicht immer wieder in bestimmten Situationen traurig wäre. Zum Beispiel wenn ich sehe, wie aufmerksam er mit seinem kleinen Sohn ist. Das konnte ich damals mit ihm so nicht sein.

Mir hilft es dann, wenn ich mit meinem alten Vater darüber spreche. Er ist 89 und stellt auch für sich fest, dass alles, was er jemals erlebt hat, bleibt. Je älter er wird, desto intensiver ist die Erinnerung an seine Kindheit und Jugend. Alles ewig vorbei und doch ist Vieles so präsent, als wäre es gestern gewesen. Wenn er das so erzählt begreife ich einmal mehr: Nichts geht verloren. Kein Glück und keine Freude, aber auch keine Traurigkeit und kein Schmerz. Ich habe gelernt zu würdigen, dass ich gewachsen bin mit allem, was schwierig war. Der gekreuzigte Jesus ist für mich dabei ein hilfreiches Bild. Die Not, der Schmerz - auch das ist Leben.

Als die Kreide-Sätze auf dem geteerten Feldweg zwischen den Äckern vor meinem Wohnort aufhören, schaue ich zurück. Sehr dankbar für alles.

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