Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

     

SWR2 / SWR Kultur

    

SWR3

  

SWR4

      

Autor*in

 

Archiv

04DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Im letzten Urlaub habe ich gemerkt, dass ich eine Sprache spreche, von der ich bislang nicht wusste, das ich sie kann. Das war  auf Korsika. Ich kann nur ein paar Brocken Französisch. Als ich aber am Sonntagmorgen die Kirchturmglocken gehört habe, wusste ich das Sonntag ist und dass bald ein Gottesdienst sein würde.  Und auch die Uhrzeiten, die durch den Glockenschlag mitgeteilt wurde, habe ich problemlos verstanden. Zugegebenermaßen: Besonders viel kann man mit dieser Sprache „Glockisch“ nicht kommunizieren. Aber für eine grundsätzliche Orientierung hat es gereicht. Früher wäre es noch mehr gewesen: Bevor es unsere modernen Kommunikationsmittel gab, wurde mit Glocken mitgeteilt, wenn Gefahr im Vollzug war, wenn Menschen geheiratet haben oder jemand gestorben ist.

An manchen Orten gibt es diese Traditionen auch heute noch. Und, das habe ich gemerkt, als ich angefangen hab, mich etwas mehr mit dieser universalen Sprache zu beschäftigen: Mit Glocken kann man noch weitaus mehr sagen. Wenn Glocken stumm bleiben, zum Beispiel, ist das meist kein gutes Zeichen. In den Weltkriegen im letzten Jahrhundert war das irgendwann so weit: Weil Glocken abgehängt wurden, um als Metallreserve für die Rüstungsproduktion zu dienen.

Glocken können aber auch ein Symbol des Widerstands sein. Als Protest gegen die Eröffnungsrede des Bischofstags der Deutschen Christen 1935, läutete die örtliche Gemeinde 10 Minuten lang die Glocken. Und auch in den letzten Jahren haben immer wieder Kirchengemeinden Glocken eingesetzt, um ihren Widerspruch gegen Aufmärsche rechter Gruppierungen deutlich zu machen.

Die Sprache der Glocken: Sie ist nicht nur grenzübergreifend, sondern kann auch ziemlich politisch sein. Und damit stehen Glocken auch immer in Gefahr für Propagandazwecke missbraucht zu werden. Das krasseste Beispiel aus der Vergangenheit sind wohl sogenannte Naziglocken, die mit nationalsozialistischer Symbolik verziert wurden oder sogar Hitler geweiht wurden. Es hat seinen Grund, dass in der heutigen Glockenverordnung der württembergischen Landeskirche der Satz zu finden ist: Die Glocke darf nicht zur Menschenehrung dienen.

Dieser Satz weist darauf hin, was die Hauptaufgabe der Glocke in christlich-geprägten Ländern ist: Der Ruf zum Gottesdienst und Gebet. Seitdem ich die Glocken auf Korsika gehört habe, höre ich sie auch hier in Deutschland wieder mehr. Als Ruf zum Gebet, sprachen und länderübergreifend.

Als Zeichen der Universalität und Verbundenheit miteinander. Oder wie Schiller es formuliert hat: Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute.  

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43393
weiterlesen...
03DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“

Diese Zeilen habe ich die letzten Wochen häufig vor mich hingesummt- besonders dann, wenn ich aus der Chorprobe gekommen bin. Da singen wir nämlich gerade ein Stück von Mendelssohn, und darin diese biblische Zeite: Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts“. Die Frage ist nur: Was meint die Bibel damit – mit Waffen des Lichts“? Meine Schwester, die im gleichen Chor singt und mit diesem militärischen Bild der Waffen ein wenig hadert, singt manchmal einfach „Waffeln des Lichts“ statt „Waffen“. Die passen besser zu ihrer Vorstellung vom Christsein: Frischgebackene Waffeln des Lichts mit Puderzucker – da musste ich doch ganz schön schmunzeln.

Als ich einer Freundin davon erzählt habe, ist ihr dazu etwas ganz anderes eingefallen: Nämlich die Star-Wars-Filme und  an die Lichtschwerter der Jediritter. Ich habe grinsen müssen bei den Filmschwertern und dem Lichtstrahl als Klinge. Zum Glück gibt’s die nicht wirklich.

In der Bibel, wo das Bild von den „Waffen des Lichts“ herkommt, sind  auch keine echten Waffen gemeint.

Sondern was der Apostel Paulus meint: es gibt etwas, das uns Christen hilft,  uns für das Gute einzusetzen. Was genau diese Waffen sind, das wird im Römerbrief nicht ausgeführt. Ich finde es lassen sich aber gut drei Worte einsetzen: Glaube, Liebe und Hoffnung.

Glaube – das Vertrauen, dass Gott da ist, selbst in schwierigen Situationen. Ein unsichtbares Schild, das uns schützt, wenn alles um uns dunkel scheint. Liebe – aktiv und greifbar. Mit Liebe lassen sich Menschen gewinnen, ohne sie zu überrumpeln. Und Hoffnung – der Blick nach vorne, dass Veränderung möglich ist. Hoffnung schenkt einem Ausdauer und  lässt uns weitermachen, auch wenn alles aussichtslos scheint.

Glaube, Liebe Hoffnung als Waffen des Lichts, mit denen wir den Krisen unserer Welt entgegenstehen – damit kann ich doch mehr anfangen.

Es ist aber noch etwas ganz wichtig, und davon schreibt Paulus in der Bibel auch:  „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen.“ Den Kampf gegen die Dunkelheit – um im Bild zu bleiben – das ist eigentlich nicht unsere Aufgabe. Gott sorgt dafür, dass die Nacht vergeht. Wir dürfen uns darauf konzentrieren, den anbrechenden Tag zu gestalten. Mit unseren kleinen Lichtfunken aus Glaube, Liebe und Hoffnung. Das Licht kommt von allein.

An diese Hoffnung erinnern wir uns gerade in der Weihnachtszeit: Dass mit Jesus Gott in diese Welt gekommen ist und es anfängt, Licht zu werden. Weihnachten ist der Morgen einer Welt, die voller Frieden und Liebe sein wird. Und zum Frühstück gibt’s Waffeln.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43415
weiterlesen...
02DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wenn ich einen Gottesdienst besuche, dann kommt mein persönliches  Highlight dabei fast ganz am Schluss: der Segen. Wenn vorne der Pfarrer oder die Pfarrerin vorne die Hände erhebt und den Segen spricht – dann ist das der Moment, der mich besonders stärkt. Dabei sind es nur ein paar Sätze: Guter Gott, segne uns und behüte uns… .

Ich glaube, ich bin damit nicht allein. Die Sehnsucht nach Segen, nach Zuspruch, boomt gerade. Spontane Segensangebote auf Volksfesten oder in Fußgängerzonen, Kurzclips auf Instagram und Youtube. Ich glaube, nach Segen haben wir Menschen uns schon immer gesehnt. Nicht nur früher, sondern heute auch. Und obwohl bei uns heute viele mit Religion nicht mehr so viel anfangen können.

Das Schöne am Segen für mich ist: Es bringt Menschen und Gott zusammen. Segen kann ich nicht einfach so für mich selbst „machen“ oder „haben“.  Man spricht sich keinen Segen selbst zu. Der Segen, das ist in der christlichen Tradition zumindest so, kommt von Gott.

Was macht aber der Segen? So einfach ist das gar nicht zu sagen. Eine alte Dame im Seniorenheim hat mal zu mir gesagt: „Es geht mir gut – das ist ein Segen.“

Trotzdem ist Segen kein Zauberspruch, der automatisch für mein Wohlbefinden sorgt ode mir sogar meine Wünsche erfüllt. Nur weil ich mir ein Ferienhaus auf Korsika leisten kann, bin ich noch lange nicht gesegnet.  Ein jüdischer Rabbi hat es mal so ausgedrückt: Segen bringt das, was schon da ist, zum Blühen und Wachsen.

Ich finde das eine schöne und gute Formulierung. Denn: Ich habe kein Ferienhaus auf Korsika. Aber selbst, wenn ich eins hätte, wäre ich vielleicht trotzdem nicht glücklich oder zufrieden. Gesegnet fühle ich mich, wenn etwas in meinem Leben zu blühen und zu wachsen anfängt. Und das passiert ganz besonders in den Beziehungen, in denen ich lebe: mit meiner Familie, meinen Freunden oder vielleicht auch einem Partner oder einer Partnerin. Und gerade deshalb finde ich, verdienen unsere Beziehungen den Segen. Gerade wenn es um die Frage geht, welche Beziehungen wir segnen sollten.

Wenn wir eine Beziehung segnen, dann bitten wir Gott darum, das, was diese Beziehung ausmacht, zum Blühen und Wachsen zu bringen. Vertrauen, Zuneigung, Fürsorge, Treue. All das, was wichtig ist, damit eine Beziehung funktioniert.

Ich sehe keinen Grund, warum man das nur auf eine einzige Beziehungsform beschränken sollte.

Was gibt es Besseres, als wenn Vertrauen, Zuneigung, Fürsorge und Treue in einer Beziehung wachsen? Deshalb tun wir gut daran, wenn wir Gott um seinen Segen für alle Menschen bitten, die so miteinander leben wollen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43391
weiterlesen...
01DEZ2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Früher, da bin ich ein richtiger „Grinch“ der Vorweihnachtszeit gewesen: ein Adventsgrinch. Den ganzen Trubel in der Adventszeit fand ich einfach nur furchtbar. Die überfüllten Weihnachtsmärkte, die kitschigen und viel zu oft gespielten Lieder. "Last Christmas", "Jingle Bells", "Driving home for Christmas". Dann die Häuser, die Weihnachtsbäume, Rentiere und Weihnachtsmänner im Garten, die um die Wette blinken und leuchten.

Für mich ist das ganz schlimm gewesen – so furchtbar oberflächlich: Der ganze Kitsch. Was ist eigentlich mit der Besinnung in der Adventszeit?“ habe ich innerlich gestöhnt. „Und wer weiß eigentlich noch, um was es "wirklich" geht im Advent?“

Ich bin auch jetzt niemand, den man im Advent täglich auf dem Weihnachtsmarkt treffen würde. Und einen großen Weihnachtsbaum mit festlicher Beleuchtung habe ich immer noch nicht im Garten stehen – was allerdings daran liegt, dass ich keinen Garten habe. Wenn ich einen hätte, dann würde ich mir heute vielleicht sogar einen aufstellen. Denn ein Adventsgrinch bin ich nicht mehr.

Und zwar wegen einer biblischen Geschichte. Die gehört auch in die Adventszeit, und für mich ist sie immer wichtiger geworden: Die Erzählung, wie Jesus in Jerusalem einzieht. Das ist zwar nicht die Weihnachtsgeschichte, wie Jesus geboren wird und in unserer Welt ankommt. Sondern in der wird erzählt, wie Jesus als erwachsener Mann in Jerusalem ankommt. Wie die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt gespannt auf ihn gewartet haben. Und wie sie ihm fröhliche Lieder singen und sogar ihre Kleider auf den staubigen Boden werfen und Palmzweige dazu, wie einen roten Teppich auf seinen Weg. Ein angemessener Empfang für jemanden wie Jesus.

Die Geschichte hat mir klar gemacht: Wenn Jesus kommt, dann ist das ein weltbewegendes und für meinen Glauben zentrales Ereignis. Und die Vorfreude, dass Jesus geboren ist, ist ja wohl Grund genug, um fröhlich zu sein und die Straßen mit Lichtern zu schmücken und jedes Jahr die größte Geburtstagsparty der Welt zu schmeißen. Und Geburtstage kann man sehr unterschiedlich feiern – aber gutes Essen, viel Licht und fröhliche Lieder über Wochen hinweg – eigentlich passt das schon ziemlich gut.

Natürlich steht für einige nicht das im Mittelpunkt, was wir an Weihnachten in unseren Kirchen feiern: Dass Gott in Jesus auf die Welt gekommen ist. Ich glaube aber, dass die blinkenden Lichter, die Weihnachtsmärkte, die Geschenkberge und kitschigen Lieder für viele ein Licht sind in dunklen Tagen. Ein Zeichen von Wärme, von Gemeinschaft, von etwas, das größer ist als der graue Alltag. Vielleicht wissen nicht alle genau, warum sie eigentlich feiern. Vielleicht würden manche den Namen Jesu gar nicht zuerst nennen. Und doch spüren sie: Diese Zeit ist anders. Heller. Hoffungsvoller.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43390
weiterlesen...
29NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Heute schon an Dreikönig denken? Gar nicht so abwegig. Der Adventskalender „Der Andere Advent“ macht das in diesem Jahr auch. Unter dem Motto: „Und sie holten ihre Schätze hervor“ gibt es Texte, die mich auffordern nachzudenken oder die mich zum Schmunzeln bringen.
„Und sie holten ihre Schätze hervor“ – das ist ein Zitat aus der Weihnachtsgeschichte. Gemeint sind die Weisen aus dem Morgenland, die zu Jesus kommen und ihm Geschenke mitbringen: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Nicht gerade typische Geschenke für ein Neugeborenes, aber Geschenke mit Bedeutung.

Gold ist wertvoll. Ein kostbares Geschenk für einen König. Mit dem Gold sagen die Weisen: du, Jesus, bist das Kostbarste und Wertvollste, das es für uns auf Erden gibt.
Weihrauch duftet kräftig, wenn man es verbrennt. Man verwendet Weihrauch vor allem bei Gottesdiensten. Es verbindet die Erde mit dem Himmel und trägt die Gebete der Betenden zu Gott. Vom Weihrauch gehen auch heilende Kräfte aus, so wie von Jesus, der Menschen geheilt hat.
Und dann ist da noch die Myrrhe. Das ist ein Harz, das man in das Öl für die Totensalbung gemischt hat. Es deutet darauf hin, dass es auch herbe, bittere Erfahrungen im Leben gibt, und es erinnert daran, dass alle Menschen, auch das Jesus-Kind, irgendwann sterben werden. Aber auch, dass wir selbst im Tod bei Gott aufgehoben sind.

Die Macherinnen und Macher des Adventskalenders haben sich davon inspirieren lassen und fragen: „Was sind eigentlich unsere Schätze?“ Und die Chefredakteurin Iris Macke ermuntert dazu, „mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und so zu entdecken, wie viel Schönes es darin gibt.“

Dieser Schatzsuche schließe ich mich gerne an. Ich möchte aufmerksam sein für die kostbaren Dinge, die, wie Gold, Glanz in meinen Alltag bringen. Das kann manchmal nur eine Liedzeile sein, die mich tröstet.
Heilsam, wie Weihrauch, ist es für mich, wenn ich es schaffe, am Tag einen Moment bewusst innezuhalten und zu beten. Dann bekommt manches, was erdenschwer ist, eine himmlische Leichtigkeit an die Seite.
Und beschenkt werde ich, wenn mir jemand sein Vertrauen schenkt. Selbst dann, wenn es bittere Erfahrungen, Myrrhe-Erfahrungen, sind. So wie neulich Petra, die mir von der Freundin ihres Sohnes erzählt hat, die sich mit dem Leben so schwertut und es an manchen Tagen nicht aus dem Bett schafft.

Gold, Weihrauch und Myrrhe – Schätze, die ich auch heute entdecken kann. Und ich bin gespannt, welche ich bis Weihnachten finden werde.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43373
weiterlesen...
28NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Im Talmud (Traktat Kidduschin 29a), finden wir eine bemerkenswerte Liste elterlicher Pflichten. Dort heißt es unter anderem: „Ein Vater ist verpflichtet, seine Kinder Tora zu lehren, ihnen einen Beruf zu lehren – und sie schwimmen zu lehren.“ Schwimmen? Zwischen Tora und Berufsbildung wirkt das beinahe banal. Aber unsere Weisen setzen es auf eine Stufe mit der religiösen und existenziellen Lebensvorbereitung. Weil Schwimmen Leben retten kann. Es ist eine Fähigkeit, die – wortwörtlich – vor dem Ertrinken bewahren kann. Und das ist im Judentum ein heiliger Wert. Pikuach Nefesch – die Pflicht, Leben zu schützen – steht über fast allen anderen Geboten.

Schwimmen hat auch eine tiefere symbolische Bedeutung. Der deutsche Rabbiner Samson Raphael Hirsch, der im 19. Jhdt. lebte,  sah darin ein Bild für das Leben selbst: Der Mensch muss lernen, sich über Wasser zu halten, sich zu orientieren, nicht unterzugehen – auch wenn die Strömung stark ist.

Tora lernen heißt nicht nur Texte studieren, sondern auch das Leben verstehen. Ein Beruf bedeutet nicht nur Geld verdienen, sondern Verantwortung übernehmen. Und Schwimmen? Es heißt: Standhalten. Vertrauen lernen. Wenn wir unseren Kindern beibringen zu schwimmen – im Wasser und im Leben – dann geben wir ihnen Mut, Herausforderungen zu begegnen und sie zu meistern.

So wird aus einer scheinbar einfachen Fähigkeit ein Symbol für jüdische Erziehung insgesamt: körperlich, geistig und seelisch – ganzheitlich.

Möge uns das gelingen – für unsere Kinder, für uns selbst, und für unsere ganze Gemeinschaft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42840
weiterlesen...
27NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Im Schwetzinger Schlosspark hat in den vergangenen Tagen jede Skulptur, die im Freien steht, ein Holzhäuschen drumherum gebaut bekommen. Der Park wird winterfest gemacht, und die Holzhäuschen sind dazu da, die Skulpturen vor Frost und Nässe zu schützen.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, auch mein Herz winterfest zu machen, es also auf die dunklen und oft belastenden Wintermonate vorzubereiten und zu schützen.

Ganz abschotten und einbauen, wie die Skulpturen im Schlosspark, möchte ich mein Herz natürlich nicht. Ich möchte schon noch mitbekommen, wie es den Menschen geht, mit denen ich zu tun habe. Möchte sensibel dafür sein, wenn jemand einsam ist oder mich berühren lassen, wenn mir jemand erzählt, dass es ihr gerade schlecht geht. Und genauso möchte ich spüren, dass mein Herz schneller schlägt, wenn ich in jemanden verliebt bin, oder wie mein Herz vor Freude schier zu platzen scheint, wenn ich im Konzert bin und die Musik mich ganz erfüllt.

Mein Herz winterfest zu machen, meint etwas anderes und ist irgendwas zwischen „ich möchte mich nicht abschotten“ und „ich möchte nicht allem schutzlos ausgeliefert sein“.

Die Bibel beschreibt dieses dazwischen mit dem Bild eines „festen Herzen“. Der Apostel Paulus schreibt an einer Stelle: „Lasst euch nicht (…) irreführen; denn es ist gut, dass euer Herz durch Gottes Gnade gefestigt wird.“ (Hebr 13,9).
Ein festes Herz haben – das heißt, dass ich weiß, was mich trägt und stützt. Was mir hilft, mich nicht verrückt machen zu lassen von dem, was jeden Tag so ansteht. Dass ich mich durch die Meinung von anderen nicht ständig verunsichern lasse. Und dass mich äußere Umstände, wie die Lage in der Welt oder das herbstliche Wetter, nicht gleich aus der Bahn werfen.

Doch wie soll das gehen? Das Herz fest machen, auch wenn es um mich herum kalt wird und stürmt? Die täglichen Herausforderungen bleiben. Und sie werden auch nicht kleiner, nur weil ich mir vornehme, mir weniger Sorgen zu machen.

In der Bibelstelle heißt es, dass das durch Gnade passiert. Dass es mir also geschenkt wird. Dass ich, wie bei meinem Herzschlag, nichts dafür tun kann. Mein Herz pocht ja auch von selbst.

Aber ich kann mir vorstellen, dass Gott um mein Herz ein Häuschen aus Liebe gebaut hat. Also eine Art Extra-Schutzschicht, die mich – wie die Skulpturen im Park – mittendrin im Leben sein lässt, aber mich eben auch, so gut es geht, vor bleibenden Schäden behütet. Und dieser Glaube allein, dieses Zutrauen könnte schon reichen, dass ich gut behütet durch den Winter komme.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43372
weiterlesen...
26NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Einmal in der Woche hab ich Chorprobe. Und die ist mir wirklich heilig. Wenn es irgendwie geht, bin ich dabei.

Ich weiß noch genau, wie mein erster Abend dort war. Ich kannte noch niemanden, ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet und saß deshalb etwas nervös zwischen all den anderen Sängerinnen und Sängern. Und dann gings los. Ich glaube, es war ein Song von Adele. Und plötzlich haben all diese unterschiedlichen Stimmen den Raum gefüllt: junge und alte, tiefe Bässe, heller Sopran. Erst ganz leise. Dann kraftvoll und mitreißend.

Das hat sich unbeschreiblich angefühlt. Wie viele Stimmen zusammen eins werden. Wie wichtig jede Einzelne ist. Ich habe diese Verbindung gespürt zwischen all den Menschen, die Freude, gemeinsam zu singen. Für mich war das ein heiliger Moment. Ein kleiner Gottesdienst mitten im Alltag, an einem Ort, an dem ich Gott gar nicht erwartet hatte.

Ich hab in der Chorprobe gemerkt, wie sehr mir das fehlt: diese Momente, in denen wir spüren, dass wir zusammengehören. Dass unsere vielen verschiedenen Stimmen gemeinsam wundervoll klingen können.

Solche verbindenden Momente gibt es heute nicht mehr so oft. Früher waren Gottesdienste solche Orte. Das ganze Dorf war da. Man hat gesungen, gebetet, miteinander gefeiert. Heute spricht das nur noch wenige an. Aber es gibt sie noch, diese Augenblicke, die uns daran erinnern. Für mich ist das zum Beispiel so, wenn an Weihnachten die voll besetzte Kirche zusammen „Stille Nacht“ singt, da habe ich richtig Gänsehaut.

Diese Orte, an denen wir uns mit anderen verbunden fühlen, die sind kostbar. Auch weil der Ton in unserer Gesellschaft rauer geworden ist. Populistische Sprüche werden normaler. In sozialen Netzwerken stehen jeden Tag hasserfüllte Kommentare. Und die prägen immer stärker, wie wir miteinander umgehen. Gegen dieses Gefühl von Spaltung brauchen wir Orte, an denen wir erfahren, dass wir zusammengehören – auch wenn wir unterschiedlich sind.

Für mich ist mein Chor so ein Ort. Wenn wir gemeinsam singen, spüre ich, wie wir verbunden sind. Wie aus all unseren Stimmen ein Klang entsteht, der uns trägt. Für mich klingt das nach Gott.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43389
weiterlesen...
25NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wenn Sie heute „Orange“ sehen, hat das einen Grund: am 25. November ist weltweit der Tag gegen Gewalt an Frauen. Um darauf aufmerksam zu machen, beleuchten viele Städte heute ihre Gebäude orange oder hängen orangefarbene Fahnen und Plakate auf. 

Denn Gewalt ist die häufigste Ursache dafür, dass Frauen verletzt oder getötet werden – viel öfter als durch Krankheiten oder Unfälle. In Deutschland werden jeden Tag drei Frauen Opfer eines versuchten Femizids. Das heißt, sie werden versucht zu töten, weil sie Frauen sind.

Zurzeit wird viel darüber gesprochen, wie sicher sich Menschen im öffentlichen Raum fühlen. Doch ein Blick in die harten Zahlen der Kriminalitätsstatistiken zeigt, dass der weitaus gefährlichere Ort für Frauen und Mädchen da ist, wo sie sich eigentlich besonders sicher fühlen sollten: Zuhause. Alle drei Minuten erlebt eine Frau oder ein Mädchen häusliche Gewalt in der Partnerschaft oder Familie.  

Und es muss klar gesagt werden: Über 70 Prozent der Täter haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Grund für Gewalt gegen Frauen ist nicht Migration, wie Populisten gerne behaupten. Es ist ein gefährliches, toxisches Bild von Männlichkeit – durch alle Kulturen hindurch. Dabei geht es um Macht und Kontrolle. Darum, als Mann stark zu sein und den Ton anzugeben.

Das zu verändern, geht uns alle an. Gebäude orange anzustrahlen, reicht nicht aus. Wir müssen darüber reden: nicht nur Frauen untereinander, sondern auch Männer. Wir müssen unseren Söhnen beibringen, dass ein Nein wirklich Nein bedeutet, dass Mädchen gleichberechtigt sind. Und dass stark sein nicht heißt, andere kleinzumachen, sondern Grenzen zu achten und Verantwortung zu übernehmen.

Wir dürfen nicht wegsehen, wo Gewalt passiert. Und wir können Frauen und Mädchen ermutigen, Hilfe zu suchen. Hilfsangebote für Betroffene und Helfende gibt es beispielsweise per Telefon unter 116016 oder per Chat auf hilfetelefon.de. Hilfe gibt es übrigens auch für Täter, um nicht wieder gewalttätig zu werden, sondern mit Konflikten anders umzugehen

Wenn wir wollen, dass die Welt für Frauen und Mädchen sicherer wird, dann können wir alle etwas tun: hinsehen, miteinander reden, Vorbild sein und uns Hilfe holen- nicht nur heute am „Orange Day“, sondern jeden Tag im Jahr.

Quelle:

Häusliche Gewalt erreicht laut dem BKA einen neuen Höchststand | tagesschau.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43388
weiterlesen...
24NOV2025
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Gestern war Jugendsonntag. In vielen katholischen Gemeinden gab es dazu besondere Jugendgottesdienste. In diesem Jahr ging es um ein Gefühl, das viele kennen: „Ich gehöre nicht dazu.“ Und gleichzeitig um die Zusage, dass Jesus sich genau den Menschen zuwendet, die von anderen ausgegrenzt werden.

Den Jugendsonntag gibt es schon lange. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts haben sich katholische Jugendgruppen getroffen, damals noch am Sonntag nach Pfingsten, um gemeinsam ihren Glauben zu feiern. Doch in der Zeit des Nationalsozialismus wurde das immer schwieriger. Treffen und Gruppenstunden waren verboten, nur rein religiöse Anlässe durften bleiben. So bekam der Gottesdienst am Jugendsonntag eine neue Bedeutung. Das haben auch die Nationalsozialisten bemerkt. Sie haben ausgerechnet auf diesen Tag ihr Reichssportfest gelegt und haben den Jugendlichen so die Möglichkeit genommen, sich zu treffen.

Doch die jungen Menschen haben sich damit nicht abgefunden. Sie haben ihren Jugendsonntag in den November, auf das Christkönigsfest, verlegt. Sie haben damals bewusst Christus als ihren König der Welt gefeiert und damit ein deutliches Zeichen gegen den Führerkult Hitlers gesetzt. Statt der Hakenkreuzfahne haben ihre Banner das Christussymbol getragen. 1934 kamen allein im Kölner Dom rund 30.000 Jugendliche zusammen. Ein starkes Zeichen gegen die Herrschaft der Nazis.

Der christliche Glaube war immer politisch. Jesus hat sich auf die Seite der Armen und Ausgegrenzten gestellt. Und hat klar gesagt, was ungerecht war. Durch alle Zeiten gab es Menschen, die aus ihrem Glauben heraus mutig waren, die sich gegen Diktatur, Faschismus und Ungerechtigkeit gestellt und dafür sogar ihr Leben riskiert haben.

Zwar auch politisch, aber nicht in Jesu Sinne verhalten sich dagegen evangelikale Gruppen in den USA, die gerne öffentlichkeitswirksam an der Seite von Donald Trump beten. Sie setzen auf Macht, während Jesus die Machtlosen gestärkt hat. Sie erklären Trumps Politik für gottgewollt – obwohl sie den Schwächsten schadet, Fremde abwertet und Menschen brutal abschieben lässt. Vermutlich hätten sie auch Jesus selbst abgewiesen: einen Mann ohne Besitz, fremd, unbequem.

Gott sei Dank kritisieren neben Papst Leo nun auch die katholischen Bischöfe der USA, die Massenabschiebungen der Trump Regierung und das Klima der Angst, das dadurch im ganzen Land herrscht. Sie sagen deutlich: die entmenschlichende Gewalt und Rhetorik muss aufhören!

Christlicher Glaube muss sich einmischen, wenn Unrecht geschieht. Wenn das fehlt, wird der Glaube zur bloßen Dekoration für nationale Interessen und hat mit Jesus nichts mehr zu tun.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43377
weiterlesen...