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Vor einiger Zeit habe ich einen Termin vergessen. Genauer gesagt dachte ich, er wäre erst am nächsten Tag. Und kann mir das im Nachhinein einfach nicht erklären.
Na ja, der Tag ist schon von Anfang an nicht gut gelaufen. Schon morgens – und das das hat mich scheinbar aus dem Tritt gebracht.
Die Psychologie kann mittlerweile recht gut erklären, wie solche Aussetzer zustande kommen: Und zwar immer dann, wenn die ursprünglichen Pläne und Routinen im Kopf in Konflikt geraten – mit etwas Unvorhergesehenem: Wenn z.B. das Auto nicht anspringt und man viel später loskommt.
Und so kann es passieren: Mein Tag ist unerwartet stressig – und in meinem Kopf verschiebt sich meine Erinnerung ans richtige Datum.
Mir ist es heute so wichtig, davon zu sprechen, weil das eigentlich ganz normal ist und auch erklärlich. Weil es wirklich jedem passieren kann.
Es ist mir gerade passiert mit meinem Termin. Einem Freund ist es passiert, und er hat vergessen, seine Einkaufstaschen in den Kofferraum zu laden. Zu Hause angekommen konnte er das gar nicht fassen.
Und vor kurzem ist es einer Mutter passiert: sie dachte, sie hätte ihr Kind schon zur Kita gebracht – und hat es im Auto in der Hitze vergessen.
Mir ist es heute so wichtig, davon zu sprechen, weil das so gut wie jedem passieren könnte. „Forgotten-Baby-Syndrom“ nennt die Forschung dieses Phänomen, das „Vergessene Kind Syndrom. Wenn der eigene Kopf in Stress gerät und man sich an Dinge erinnert, die so gar nicht passiert sind.
Ich möchte heute mithelfen dieses Phänomen noch bekannter zu machen: Mich hat nämlich erschreckt, wie hart viele Leute auf diesen Fall reagiert haben: Ich habe so viele Post gelesen auf Social Media, die einfach nur urteilen, verurteilen und gar nicht begreifen, dass das wirklich ein Unfall gewesen ist.
Ob Eltern, denen so etwas widerfährt, sich jemals davon erholen können? Sich selbst vergeben könen? Ich kann mir das kaum vorstellen – aber ich hoffe und wünsche es ihnen. Und möchte heute mithelfen, dass wenigstens andere nicht leichtfertig ein Urteil über sie fällen.
Menschen sind fehlbar – auch gute Menschen, auch liebevolle Menschen voller Fürsorge. Trotz allen guten Willens bleiben wir Menschen. Und es passieren uns Dinge, die wir im nachhinein nicht erklären können.
Es steht nun mal nicht in unserer Macht, alles im Leben zu kontrollieren.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44707Ab und zu bekomme ich auch kritische Rückmeldung zu meiner Arbeit und meinen Beiträgen hier fürs Radio. Und höre immer wieder auch den Satz: „Gott ist eine Erfindung!“ Soll heißen: Einen Gott gibt es gar nicht, und die Vorstellung von ihm ist einfach nur menschengemacht. Und ich solle das endlich ernst nehmen: dass es besser wäre, wenn wir alle die Vorstellung von Gott aufgeben würden.
Ich nehme das ernst, aber: je länger ich darüber nachdenke – dass Gott eine Erfindung sei - desto mehr Fragen wirft dieser Satz für mich auf. (Und es ist keineswegs ausgemacht, dass es ihn deshalb nicht geben würde.)
Denn erst einmal stammen ja alle Erfindungen aus einem menschlichen Gehirn. Und sind erst mal nur ein Gedanke gewesen: Irgendjemand hat das Rad erfunden. Jemand hat die Brille erfunden. Das Telefon. Das Internet. Aber wenn ich sage: „Das Rad ist eine Erfindung des Menschen“, dann meine ich damit ja nicht, dass Räder deshalb nicht wirklich existieren.
Eine Erfindung ist zunächst einmal die menschliche Antwort auf das, was wir entdeckt oder verstanden haben. Menschen wollten sich zum Beispiel schon immer leichter fortbewegen können: Und so ist die Idee entstanden und haben sie das Rad erfunden.
Vielleicht gilt dieses Prinzip ja auch bei Gott.
Menschen versuchen schon immer, ihre Erfahrungen mit dem Leben in Worte zu fassen. Um besser klar zu kommen mit ihrer Erfahrung von Schönheit und Staunen. Von Schuld und Vergebung. Trauer, Angst, Trost. Von Hoffnung gegen alle Hoffnung. Und sie haben dafür Bilder und Geschichten gefunden. Man könnte auch sagen: erfunden: Gebete. Lieder. Rituale. Und eben auch eine bestimmte, menschliche Vorstellung von „Gott“.
Wie sollte es auch anders sein? Wir Menschen können doch nur mit menschlichen Worten sprechen. Und nur mit Bildern, die unser Kopf auch fassen kann. Und ein Bild ist eben das von Gott.
Ob es ihn tatsächlich gibt: so wie in meiner Vorstellung, ganz anders oder eben doch gar nicht: Die einen glauben an Gott – andere eben nicht. Aber der Satz „Gott ist eine Erfindung“ beendet die Diskussion noch lange nicht.
Für mich ist er eher der Anfang der Diskussion. Denn wenn die Vorstellung von Gott menschengemacht ist, dann stellt sich ja gleich die nächste Frage: Warum tun Menschen das seit Jahrtausenden immer wieder? Und welche Wirklichkeit versuchen sie damit zu beschreiben?
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44706Ein guter Freund von mir hat sich neulich selbst beschrieben. Und hat gemeint, er sei „unbelehrbar zuversichts-süchtig“.
„Zuversichts-süchtig“ – ich musste lachen: Klingt im ersten Moment nach etwas, das er dringend loswerden sollte. Aber genau so kenne ich ihn tatsächlich: fast wie ein Junkie süchtig danach, in allem auch das Gutes zu sehen. Oder wenigstens eine Möglichkeit, eine Chance… Sei es bei privaten Problemen, in der Politik, angesichts der Klimakatastrophe oder des gesellschaftlichen Wandels: mein Freund spricht immer auch von Hoffnung. Und bleibt zuversichtlich, dass sich eine neue Tür auftun wird, eine neue Möglichkeit, von der wir vielleicht einfach noch nichts wissen…
Ich bin da anders – leider. Ich neige dazu, Schwarz zu sehen. Wenn ich Nachrichten sehe, und ich nirgends irgendwelche Anzeichen entdecken kann für eine Besserung der Lage… Dann muss ich aufpassen, dass ich nicht innerlich aufgebe. Innerlich kapituliere ich dann. Und am liebsten würde ich gar nicht mehr hinsehen. Zum Glück habe ich aber auch diesen guten Freund, den zuversichts-süchtigen. Zuversicht kann nämlich abfärben. Und damit hat er mich schon öfter davor bewahrt, in Pessimismus zu versinken.
Mein Freund ist Christ, und seine unverbrüchliche Zuversicht Ausdruck seines Glaubens und seiner ganzen Lebenshaltung: so lebendig, wie ich es selten bei jemandem gesehen habe. Er lässt sich richtig tragen von der Gewissheit, dass bei Gott immer eine neue Tür aufgehen kann, eine neue Möglichkeit, über die wir Menschen nicht bestimmen können. Er ist aber nicht naiv und redet Probleme auch nicht schön. Ganz im Gegenteil: Er hat einen sehr realistischen Blick auf die Dinge und schaut am Leid von Menschen und an Ungerechtigkeiten nicht vorbei. Und ich denke, er schafft das, WEIL er zuversichts-süchtig ist. Weil er sich getragen weiß: schafft er es hinzuschauen - und nicht an seinen Mitmenschen vorbei.
Und deshalb auch nicht an mir vorbei, gerade dann, wenn ich wieder mal alles schwarz sehe und innerlich fast kapituliere. Allein geht mir mein Gottvertrauen manchmal verloren. Aber nicht, mit einem Zuversichts-Süchtigen zusammen. Die färbt nämlich ab auf mich.
Süchtig bin ich zwar noch nicht. Aber ein kleiner Kick ab und an, den spüre ich schon …
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44705Zum Abschied
„Wie kommst du eigentlich auf die Ideen für deine Beiträge im Rundfunk?“ Oft bin ich das schon gefragt worden. Dann erzähle ich. Dass manchmal beim Zeitung Lesen irgendwas aufblitzt. Oder wenn ich mit anderen spreche. Und dass mir Gedanken besonders oft zufliegen, wenn ich im Wald bin, einfach so vor mich hin gehe mit offenen Sinnen.
Aber wie wird aus der Idee dann ein Beitrag? Manchmal fällt es mir ganz leicht und alles läuft fast von selbst, wie im Flow, wie man heute sagt. Und dann gibt‘s wieder Beiträge, da muss ich mehrmals ran, weil ich spüre: Das, was mir so wichtig ist, dass ich‘s hier sagen will, kann ich einfach noch nicht so recht ‚packen‘.
Aber eines ist immer gleich. Bevor ich mit einem Beitrag anfange, setze ich mich hin, schließe die Augen und hole mir im Gedächtnis ein sehr altes Gebet her. Es ist aus dem 13. Jahrhundert und es geht so:
Alles erschaffender Gott,
dich können unsere Gedanken und Worte nicht fassen.
Du Quell des Lichtes und der Weisheit,
du alles umgreifender Urgrund.
In deiner Liebe lass einströmen einen Strahl deiner Helle
in das Dunkel meines Geistes
und vertreibe aus mir die mehrfache Dunkelheit,
in der ich geboren bin:
die Unkenntnis, die Eitelkeit, die Angst, nicht gut genug zu sein.
Schenke mir Scharfsinn zum Begreifen,
volle Kraft des Aufnehmens und Behaltens,
die Fähigkeit, das Erkannte gut fasslich darzustellen
und sorgsam auszudeuten,
und gib mir die lautere Fülle der Sprache.
Lehre das rechte Beginnen,
leite das Vorangehen,
fülle auf, was am Ende noch fehlen wird.
(Thomas von Aquin, Gebet vor Studium und Predigt)
Dieses Gebet begleitet mich schon lange und ist mir mit den Jahren immer kostbarer geworden. Ich habe es oft gebetet, bei ganz unterschiedlichen Aufgaben, gerade auch, wenn‘s schwierig wurde.
Und heute möchte ich mich mit diesem Gebet verabschieden, von meiner Arbeit im Rundfunk – und von Ihnen, den Hörerinnen und Hörern dieser kleinen geistlichen Impulse am Morgen. Ich möchte es Ihnen, wenn Sie mögen, weitergeben, quasi als kleines Abschiedsgeschenk. Und ich freue mich, wenn es auch dem einen oder der anderen von Ihnen ein bisschen hilft, das Leben und den Glauben miteinander zu verbinden.
Ich danke Ihnen fürs Zuhören, in all den Jahren. Leben Sie wohl – und bleiben Sie im Segen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44661Manche Texte der Tora geben keine Antworten – sie stellen uns vor ein Geheimnis. So beginnt unser Wochenabschnitt für diesen Schabbat mit dem rätselhaften Gebot der roten Kuh. Ein biblisches Ritual ohne erkennbare Begründung. Vielleicht erinnert es uns daran: Nicht alles im Leben ist erklärbar. Und trotzdem müssen wir unseren Weg gehen.
Die Israeliten befinden sich auf ihrem Weg ins Gelobte Land immer noch in der Wüste. Da stirbt Mirjam, Moses‘ Schwester – und plötzlich fehlt Wasser. Die Tradition sagt: Solange sie lebte, begleitete eine Quelle das Volk. Erst als sie fehlt, merkt man, was sie gegeben hat. Manche Menschen sind solche Quellen in unserem Leben. Wir bemerken ihre Bedeutung oft erst, wenn sie nicht mehr da sind.
Moses gerät unter Druck. Statt, wie von G-tt befohlen, zum Felsen zu sprechen, schlägt er ihn. Wasser kommt, aber etwas ist verloren gegangen: Geduld, Vertrauen, vielleicht auch ein Stück innerer Ruhe. Eine sehr menschliche Szene. Auch die Größten geraten an ihre Grenzen.
Und dann geschieht etwas Unerwartetes: Ein fremder Prophet soll im Auftrag des Moabitischen Königs Israel verfluchen. Aber anstatt eines Fluches, kommt Segen aus seinem Mund und er sagt: „Wie schön sind deine Zelte, Jakob.“
Vielleicht ist das der Gedanke für diesen Morgen: Wir verstehen nicht alles. Aber wir können aufmerksam bleiben – für die Menschen, die uns tragen, und für die leisen Segensworte, die unser Leben heller machen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44632Glauben. Es gibt nicht viele Wörter, die so unterschiedlich verwendet werden wie dieses schlichte Tätigkeitswort. ‚Ich glaub‘ schon‘ sage ich, wenn ich etwas nur vermute. ‚Glauben heißt nicht wissen‘ sagen die Skeptiker gern. ‚Ich glaub dir‘ sag ich zu einem Menschen, dem ich vertraue.
Wenn von religiösem Glauben die Rede ist, dann geht es auch darum, was da geglaubt werden soll. Das Glaubensbekenntnis der Christen ist quasi die kurze Zusammenfassung der Bibel. Und all der vielen und vielfältigen Erfahrungen, die Menschen über viele Generationen hinweg mit ihrem Gott gemacht haben. Wie sie ihn erfahren haben, in den Höhen und Tiefen der Geschichte, auf den Wegen und Umwegen und Irrwegen des eigenen Lebens. Und alle die vielen Stimmen, die in der Bibel zu Wort kommen, sagen vor allem anderen: Gott ist da. Er geht mit, wohin ich auch gehe.
In Lauf der Jahrhunderte haben gläubige Menschen versucht, all diese unterschiedlichen Erfahrungen in eine Ordnung zu bringen. So kam es zu großen und immer größeren theologischen Werken. Kluge Denker und Dichter, Wissenschaftler und Philosophen haben ganze Bibliotheken gefüllt. Mit der Zeit entstanden anspruchsvolle theologische Systeme. Und auch Glaubenssätze, die oft nicht mehr so leicht zu verstehen sind.
Und was aus all dieser Fülle soll ich glauben und bekennen? Bin ich keine wirkliche Katholikin, wenn ich manches aus der katholischen Lehre nicht persönlich nachvollziehen kann?
„Je älter ich werde, desto weniger glaube ich. Aber das um so fester.“ Das hat einer gesagt, der noch ein ganzes Stück älter ist als ich. Er heißt Fidelis Ruppert und war früher Abt des Klosters Münsterschwarzach.
„Je älter ich werde, desto weniger glaube ich. Aber das um so fester.“ Das spricht mir aus der Seele, denn genauso geht‘s mir auch. Gott ist ja unendlich viel größer als alles, was wir von ihm wissen können. Deshalb kommt es nicht so sehr darauf an, dass ich jeden Satz des Glaubensbekenntnisses verstehe, und nachvollziehen kann. Ich konzentriere mich auf das, was ich verstehe. Dass Gott da ist. Und dass er mich und die Welt in seiner Hand hält. Das glaube ich. Das kann ich glauben. Und das will ich glauben. Je älter ich werde, umso fester.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44660Schlagfertig sein – wie sehr habe ich mir das immer gewünscht. Spontan eine Antwort parat zu haben, die unangenehme Fragen oder Bemerkungen oder auch Angriffe elegant abschmettert. Mir gelingt das nur selten. Denn meistens bin ich erstmal so perplex, dass ich gar nichts sagen kann, und wenn mir dann was einfällt, das so richtig sitzt, dann ist es oft schon zu spät.
Schlagfertig, was für ein Wort! Eine französische Freundin war mal ganz erstaunt, wie martialisch dieses deutsche Wort doch eigentlich ist. Zuvor war mir das noch gar nie aufgefallen. Schlag-fertig – das heißt ja: immer bereit sein zum Ausholen und Zurückschlagen.
Vor ein paar Monaten habe ich von einer Initiative gelesen, die Papst Leo ins Spiel gebracht hat. Er sieht – wie wir alle – mit Sorge, wie sprachliche Gewalt immer stärker zunimmt. Der Umgangston wird immer ruppiger, Beleidigungen kennen kaum noch Tabus, und selbst dreiste Lügen werden salonfähig. Papst Leo ruft dazu auf, sprachlich abzurüsten, statt den „Krieg der Worte“ immer weiter eskalieren zu lassen. In einer Rede vor Journalisten sagte er: „Lasst uns die Worte entwaffnen – und wir helfen damit, die Welt zu entwaffnen“.
Aber – wie soll das gehen? Ich habe zwei Möglichkeiten: Entweder ich lass mich entmutigen und versuch‘s erst gar nicht, oder ich fang ganz ganz klein an. Bei den Worten, die ich spreche, und noch besser: bei denen, die ich denke. ‚Müssen diese Halbstarken den ganzen Bus beschallen?‘ oder: ‚Wir haben auch genervt, als wir so jung waren.‘ ‚Wie kann man nur so was Hässliches anziehen‘ oder: ‚Geschmäcker sind eben verschieden.‘ Ganz alltägliche Beispiele. Ob das zum Weltfrieden beiträgt, dürfen Sie gern bezweifeln, ich weiß es auch nicht. Aber es macht mich friedlicher, wenn ich merke, dass ich mal wieder an allem was auszusetzen habe.
Ich versuche, mich zu entwaffnen. Und dann ist es mir auch nicht mehr so wichtig, ‚schlagfertig‘ zu sein, schnell und scharf und dabei witzig kontern zu können. Ich muss überhaupt nicht antworten, ich kann eine fiese oder spitze Bemerkung auch mal ins Leere laufen lassen, weil ich gar nicht antworten will. Ob ich‘s könnte, ist dann gar nicht mehr so wichtig.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44659Na, wie geht‘s? Gut, und selbst? Auch gut. Es ist schon fast so etwas wie eine Grußformel, so oft kann man diesen kleinen Wortwechsel hören. Den ganzen Tag.
Schön, wenn‘s mir wirklich gut geht. Und wenn nicht, dann sag ich trotzdem schnell ‚danke, gut‘ und kleb damit quasi ein kleines Pflaster auf all die Kratzer, die zeigen würden, wo‘s mir gerade nicht so gut geht. Geht ja keinen was an. Das haben wir mitbekommen, sozusagen als genetisches Überlebensprogramm. Bloß keine Schwäche zeigen, und schon gar keine Wunden. Sonst kann ich nicht mithalten, mit dem, was von mir erwartet wird. Und so zeige ich Stärke, manchmal auch da, wo ich sie gar nicht wirklich habe.
„Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ Das hat der Philosoph Adorno gesagt. Schwach sein dürfen und doch geliebt, akzeptiert, respektiert – ohne Angst haben zu müssen, überhebliche Schadenfreude auf mich zu ziehen. Wie schön wäre das doch!
Vor ein paar Jahren habe ich mal erlebt, wie so was gehen kann. Es war auf dem Katholikentag in Stuttgart, in einer eher kleinen Veranstaltung. Da waren nicht nur Katholiken angesprochen, sondern Männer und Frauen aus ganz verschiedenen Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Das Thema dieses ökumenischen Gesprächs hieß: Einander die eigenen Schätze zeigen – und die eigenen Wunden. Es war das erste Mal, dass ich so etwas erlebt habe: Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, neuapostolische Christen……, alle haben einander zugehört und dabei erfahren, was in anderen Kirchen gut läuft (vielleicht besser als in der eigenen) – und ebenso, worunter die Brüder und Schwestern dort auch leiden. Nicht besserwisserisch, nicht schadenfroh, nicht überheblich. Und der Tenor war: Wie berührend das ist – und wie befreiend: nicht so tun zu müssen, wie wenn alles bestens wäre, sondern auch das zu zeigen, was weh tut, was nicht oder nur schwer gelingt.
Das war eine richtige Sternstunde, des Zuhörens, des Mitfühlens, des gegenseitigen Respekts. Wie schön wäre das doch, wenn wir solche Erfahrungen auch öfter mal in gesellschaftlichen Debatten machen könnten: Schwäche zeigen dürfen, „ohne Stärke zu provozieren.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44658Wenn man mit anderen wandern geht, dann gibt es in der Gruppe immer welche, die ein Fernglas mitnehmen. Das sind oft die, die auch als erste auf dem Gipfel stehen oder auf dem Aussichtsturm und die Umgebung erkunden. Und dann gibt‘s manchmal auch die anderen, die eine Lupe im Rucksack haben. Das sind die, auf die die auf dem Turm meistens warten müssen, weil sie sich unterwegs mit Käfern oder winzigen Blüten beschäftigen. Zu denen gehöre auch ich, ich bin auch fasziniert von allem Kleinen. Von dem, was so winzig ist, dass man‘s mit bloßem Auge kaum sieht. Wenn ich eine Raupe über die Straße kriechen sehe, oder eine Fruchtfliege mit ihren winzigen Beinchen über den Tisch krabbeln, dann denk ich: So klein, so winzig, und doch: alles dran.
Deshalb finde ich es auch so genial, dass kluge Forscher im 17. Jahrhundert nicht nur das Fernrohr erfunden haben, sondern auch: das Mikroskop. Um auch das ganz Kleine sichtbar zu machen. Ohne das Mikroskop blieben uns sage und schreibe 90 Prozent der Lebewesen auf der Erde verborgen.
Als ich das gelesen habe, dachte ich: Da bin ich ja in bester Gesellschaft mit meiner Vorliebe fürs Kleine. Der Schöpfer selbst scheint seine Freude daran zu haben. Wie schön, dass er seine Kraft nicht nur in astronomische Weiten legt, in imposante Berge oder tonnenschwere Tiergiganten. Sondern auch in Ameisen, in primitive Einzeller, in Nanostrukturen, die wir eben erst anfangen zu erforschen.
Das bringt mich auf einen kühnen Gedanken: Wenn Gott in seiner Schöpfung das Kleine so wichtig ist, dann ist ihm vielleicht auch sonst nichts zu klein, zu unbedeutend, zu banal. „Nachher brauche ich einen Parkplatz, Gott, du weißt, ich kann nicht rückwärts einparken....“ Kann, darf, soll ich Gott mit so was kommen? Oder fühlt er sich vielleicht gar nicht belästigt, sondern liebt auch hier das Kleine, Unbedeutende, Banale? Ich weiß es nicht, aber ich merke, ich werde immer unbefangener, auch meinen Alltag Gott anzuvertrauen, ihm quasi wie ein Kind alles ins Ohr zu flüstern.
Und oft erlebe ich dann, dass sich Situationen entspannen, weil ich gelassener werde. Und Probleme, die mir Angst gemacht haben, lassen sich leichter lösen. Und dann, dann lobe ich Gott – für seine Größe. Für die Größe, dass ihm nichts zu klein ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44657Demnächst feiere ich mit meiner Gemeinde wieder einen Gottesdienst in Form eines Waldspaziergangs. Wir gehen gemeinsam ein Stück, bleiben stehen, hören einen Psalm, meditieren einen Bibelvers, tauschen uns aus und lassen die Natur auf uns wirken.
Bei einem der letzten Waldspaziergänge haben wir die Baumwurzeln in den Blick genommen. Manche weit verzweigt und stabil. Andere trocken und freiliegend.
Was sofort ins Auge fällt: die Wurzeln verankert den Baum. Sie geben Stabilität und versorgen ihn mit Nährstoffen. Je nährstoffreicher der Boden, desto kräftiger kann der Baum wachsen. Auch wenn die Baumkronen zuerst in den Blick fallen, mich faszinieren die Wurzeln.
Über Wurzeln schreibt auch Paulus im Brief an die Epheser. Er wünscht ihnen, dass sie „in der Liebe verwurzelt und fest auf ihr gegründet“ sind. So wie ein Baum Nährstoffe aus dem Boden zieht, um leben und wachsen zu können, so brauchen auch wir Menschen Nahrung für die Seele.Und im Wald stehend haben wir über die Fragen nachgedacht:
Worin sind wir verwurzelt? Auf welchem Boden stehen wir? Was nährt uns?
Leistungsdruck, Erwartungen, Erfolg, Zustimmung anderer? Nachrichten, Social Media, ständige Vergleiche?
Paulus empfiehlt etwas anderes: verwurzelt sein in Liebe. In Jesu Liebe. Ein Baum zieht seine Kraft aus dem Boden, in dem er verwurzelt ist. Davon lebt er. Vielleicht gilt das auch für uns Menschen.
Was ich täglich aufnehme, prägt wie ich denke und was ich fühle. Angst. Druck. Erwartungen. Oder eben Liebe. Paulus schreibt: „Seid in der Liebe verwurzelt.“
Denn woraus ich meine Kraft ziehe, das formt mein Leben. Und vielleicht lohnt es sich deshalb heute einmal innezuhalten und mich zu fragen: Was nährt mich eigentlich? Worin habe ich meine Wurzeln gegraben?
Beim nächsten Waldspaziergang werde ich vermutlich wieder auf die Baumwurzeln achten. Auf das Unsichtbare, das den Baum trägt und wachsen lässt. Und vielleicht ist das eine gute Erinnerung auch für mich: Darauf zu achten, womit ich meine Seele nähre. Denn das, worin ich verwurzelt bin, prägt mein Leben.
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