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SWR1 Begegnungen

16NOV2025
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Julia Leuze

Mit Felix Weise und Julie Leuze. Das Thema Sterben und Trauer ist nichts, mit dem man sich gern freiwillig auseinandersetzt. Aber irgendwann bricht es nun mal herein ins Leben: Wenn jemand Nahestehendes stirbt oder erkrankt. Die Autorin Julie Leuze hat sich dem Thema freiwillig genähert.  Und hat ein Kinderbuch dazu geschrieben. Denn Kinder trauern anders.

Das sind Erwachsene oft ein bisschen irritiert, wenn Kinder todtraurig sind und 5 Minuten später wieder ganz lustig lachen. Und da sagt man, dass Kinder, so wie in ihrer Trauer wie in Pfützen hüpfen. Also sie hüpfen rein, sind komplett da drin und auch komplett durchnässt und dann hüpfen sie wieder raus. Und dann geht es dann aber auch wieder gut.

Um eine Hilfe zu bieten, mit Kindern über das schwierige Thema Sterben und Trauern ins Gespräch zu kommen hat Julie Leuze das Kinderbuch „Wohin fliegt Hamster Herkules“ geschrieben. Darin erzählt das Mädchen Tilly ihrem Freund Noah, dass ihr Opa bald sterben wird. Für Noah ist das erst mal gruselig: Darf er mit seiner Freundin dann überhaupt noch spielen und lachen? Und was passiert, wenn er Tilly zu Hause besucht und dem sterbenden Opa vielleicht begegnet?

Dann lernt er eben den Opa kennen. Dann stirbt tatsächlich jemand, aber nicht der Opa. Dann macht man sich Gedanken über das Leben nach dem Tod. Gibt es das oder gibt es das nicht? Dann kommt die Trauer und dann ist es, wie es in dem Buch heißt, wieder schön, aber anders schön.

Es ist der Hamster Herkules, der in der Geschichte unvermittelt vor dem Opa stirbt. Der Tod ist eben nicht planbar.

Man setzt sich mit diesem Opa auseinander und dann hat er dann aber auch zu sterben. Ja, das tut er dann aber erst mal gar nicht, sondern er lebt doch noch weiter und doch noch und doch noch und doch noch. Und es dauert, weil man über den Tod ja nicht verfügen kann. Und dann? Es ist jemand anders, der stirbt, weil es ja tatsächlich so sein kann.

Als der Hamster Herkules stirbt, stellen sich die Kinder die Frage: Was kommt eigentlich nach dem Tod?

Da finde ich persönlich es am besten, wenn man sowohl sagt, was man selbst glaubt als auch sagt, was andere Menschen glauben, was andere Religionen für Antworten haben. Und auch das Kind fragt was glaubst du denn? Und dass man nicht dann eine Antwort über die andere stellt.

Bei aller Unsicherheit, was wirklich nach dem Tod kommt – Julie Leuze betont, dass es wichtig ist, Kindern mit der eigenen Antwort keine Angst zu machen.
Ist es also in Ordnung zu sagen, dass der Hamster Herkules jetzt vielleicht im Himmel ist, auch wenn man sich selbst gar nicht so sicher ist?

Ja, auf jeden Fall. Es schadet ja niemandem, es tut keinem weh. Wie gesagt, wir wissen es ja auch nicht. Also warum sollen Tiere nicht auch, warum soll die Seele nicht weiterleben? Und ich glaube, da sollte man tatsächlich dann, wenn das Kind sowieso schon trauert, nicht die Trauer auch noch verschärfen.

Das Kinderbuch „Wohin fliegt Hamster Herkules“ hat Julie Leuze geschrieben, nachdem sie sich intensiv mit dem Thema Sterben und Tod auseinandergesetzt hat. Wie ist sie zu diesem Thema gekommen?

Das war am Ende der Coronazeit 2022, meine ich, war es, wo irgendwie die ganze Welt so ja sich verändert hatte. Und Sterben und der Tod plötzlich so allgegenwärtig geworden waren. Und ich so das Gefühl hatte, ich würde mich da tatsächlich gerne selber mit auseinandersetzen, noch mehr. Und hab gedacht okay. Ich glaube, ich kann das jetzt und ich glaube, dass ich es auch begleiten kann.

Mit Tod und Trauer beschäftigt sich Julie Leuze zuerst in einer Ausbildung zur Sterbebegleiterin. Danach folgt noch eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin für Kinder bei den Johannitern. Eine Erfahrung, die sie in dieser Zeit machte, hat sie überrascht:

Man kann mit diesem Thema umgehen, ohne ständig traurig zu sein. Wir haben immer viel gelacht, wir hatten leichte Momente. Wir haben uns alle immer gefreut, uns wieder zu sehen und was zu lernen.

Es gibt diese leichten Momente – und dann aber auch wieder die schweren. Die, denen auch ich manchmal hilflos gegenüberstehe – obwohl ich Pfarrer bin. Auch mir fehlen manchmal einfach die Worte. Julie Leuze meint, darauf kommt es gar nicht unbedingt an. Wichtiger ist:

Dieses da sein und Zuhören und gar keine guten Tipps geben, die einem vielleicht mal irgendwie auf den Lippen liegen oder so, sondern einfach: Da sein, vielleicht eine Hand halten oder mit einem Kind dann eben vielleicht was basteln. Und wenn es dann plötzlich was sagt, dann eben nicht erschrecken, nicht abwiegeln, nicht ablenken, sondern verfügbar sein. Ich glaube, das ist es hauptsächlich.

Nicht erschrecken. Oder alles abwehren, was mit Trauer und Verlust zu tun hat. Sonst – sagt Julie Leuze – kommt das kleine Monster, das ich in den Keller sperre, irgendwann als Riesenmonster wieder hoch. Spätestens dann, wenn einen die eigenen Kinder danach fragen. Gerade jetzt im November bietet sich das an,

…dass man halt vielleicht dann wirklich mal so diese stillere, dunklere Zeit auch nutzt, um sich dann bewusst damit auseinanderzusetzen, vielleicht mal die eigenen Vorstellungen zu hinterfragen, vielleicht auch wirklich ruhig mal das jetzt mal christlich zu sagen, es mal Gott hinzuhalten. Einfach sein Herz dazu öffnen und sagen. „Oh, ich hab da Schwierigkeiten. Hilf mir doch, damit umzugehen.“ oder mit Freunden zu sprechen und es dann aber auch wieder loszulassen und sich dann wieder dem Leben, der Fröhlichkeit, schönen Kerzen, leckeren Plätzchen oder Lebkuchen zuzuwenden. Es darf ja beides sein.

Sich der Trauer nicht zu verschließen und gleichzeitig das Schöne auch nicht aus dem Blick zu verlieren. Das nehme ich mit. Und mir bleibt diese Formulierung aus dem Kinderbuch im Kopf. Die Hoffnung, dass es auch mit Trauer schön werden kann. Anders schön.

 

Das Buch „Wohin fliegt Hamster Herkules“ und mehr Information zur Autorin finden Sie hier: https://www.julieleuze.de/kinderbuch/

Trauergruppen für Kinder bieten unter anderem die Johanniter an: https://www.johanniter.de/dienste-leistungen/kinder-und-jugendhilfe/lacrima/ür Kinder

 

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SWR3 Worte

15NOV2025
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Spielt mein eigenes, kleines Leben bei Gott überhaupt eine Rolle? Und wenn die Bibel von Jesus erzählt und von dem, was er gesagt und getan hat – hat er da auch mich gemeint – obwohl ich fast 2000 Jahre später geboren wurde? Die Autorin Rahel Held Evans ermutigt dazu, die eigene Geschichte in die große Erzählung Gottes einzubetten:

„Wir leben in einer unbeendeten Geschichte, einer Geschichte, die mit Gottes Geist begann, der über den Urfluten am Anfang der Zeit schwebte und die (…) vor fast 2000 Jahren eine dramatische […] Wende erfuhrt, als derselbe Gott Mensch wurde, unter uns lebte, und den Tod ein für alle Mal besiegte. Wir teilen diese Geschichte mit Maria Magdalena, dem Apostel Paulus. Wir teilen sie mit dem Pfarrer, der die Suppenküche im Kirchenkeller betreibt und mit dem Typ, der jede Woche am Anfang der Warteschlang steht, um dort zu essen. Die Geschichten, die wir mit unseren Leben erzählen, sind dann nicht bedeutungslose Absurditäten, tragisch in ihrer Kürze, sondern vielmehr Nebenhandlungen einer größeren Erzählung.“

Rachel Held Evans, Inspired

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SWR3 Worte

14NOV2025
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Pfarrer Alexander Brandl hat einen Kuddelmuddelstuhl, auf dem alles landet, wofür er sonst keinen Platz findet, zum Beispiel Wäsche, die eigentlich gewaschen gehört oder Sachen, die erst mal nirgends hinpassen. Und er findet, der Kuddelmuddelstuhl passt auch gut als Bild für Gott:

Die Bibel hat viele Bilder für Gott: König, Freund. Lebensatem. Mutter. Allmächtiger. Ich finde aber eins fehlt: „Kuddelmuddel-Stuhl. Schließlich heißt es im ersten Petrusbrief: „All eure Sorgen werft auf ihn“ Ja – auf wen denn? Richtig: Bei Gott darf ich die Dreckwäsche meines Lebens ablegen. Es hat das Platz, von dem andere sagen, dass ich es längst hätte einmotten sollen. Meine Ticks, meine Spleens. Auch das peinliche: Die bunten Socken, die zu keinem meiner Outfits passen, aber die nun mal zu mir gehören. Manchmal auch das Extravagante, das ihn den Menschen auf der Straße nicht zeige. Auf dem Kuddelmuddel-Stuhl ist es gut aufgehoben. Was für ein Glück, wenn man so einen hat, auf den man alles werfen darf.

edition chrismon, Sternstunden. Geschichten und Gebete für eine gute Nacht

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SWR3 Worte

13NOV2025
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Negative Emotionen haben im Alltag oft keinen Platz. Die Influencerin Jessica Hamm spricht auf Instagram über ihren Glauben und auch darüber, wie es ist, wenn es ihr mal nicht gut geht. Sie sagt: 

„Ich habe das Gefühl: Wenn jemand super glücklich ist und zeigt das, ist vielleicht quirliger als sonst, ist das total in Ordnung. Aber schlechte Laune wird nicht so einfach akzeptiert. Selbst wenn man damit umgeht. Wenn ich sage. „Es tut mir leid, ich hab heute einen schlechten Tag, nimms bitte nicht persönlich“, wird doch oft versucht mich aufzumuntern oder extrem nachgebohrt, was denn los sei. Negatives will möglichst niemand im Leben haben, schon klar. Aber es gehört halt dazu. Zu mir, zu dir, zu uns allen.“

Jessica Hamm, Instagram-Profil: @kexkruemel Post vom 17. September, abrufbar unter: https://www.instagram.com/p/DOsVwyiDA1Y/?img_index=1 (zuletzt abgerufen am 21.10.2025).  

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SWR3 Worte

12NOV2025
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Luisa Neubauer ist als Klimaaktivistin bekannt. Aber sie spricht auch darüber, wie sie mit 19 Jahren ihren Vater verloren hat. Und erzählt, dass sie gelernt hat zu trauern, ohne immer traurig zu sein.

Ich habe (…) ganz lange gebraucht, um (…) festzustellen, dass ich trauern kann um meinen Vater, ohne dass ich traurig sein muss. Dass ich gedenken und an ihn denken kann, ohne dass das zwangsläufig mit ganz vielen schlechten Emotionen und Verzweiflung verbunden ist. Dass ich auch Raum für Erinnerung und für Trauer und Vermissen bauen kann, dort, wo ich einen schönen Moment habe.

Luisa Neubauer, Videointerview mit Konstantin Sacher (ab Min 46:30) bei chrismon – das evangelische Magazin, abrufbar über: https://www.youtube.com/watch?v=B9JEuZosDYs&t=2898s&pp=ygUXTHVpc2EgTmV1YWJ1ZXIgY2hyaXNtb24%3D

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SWR3 Worte

11NOV2025
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Viele Menschen kommen heute ohne Religion zurecht. Der Soziologe Hartmut Rosa ist trotzdem der Überzeugung, dass die Gesellschaft Religion braucht. Über den christlichen Glauben sagt er:

„Für mich ist die Grundidee dort, dass am Grund meiner Existenz nicht das schweigende Universum, ein kalter Mechanismus, der nackte Zufall oder gar ein feindliches Gegenüber steht, sondern das dort eine Antwortbeziehung steht. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ […] Etwas hat mich angerufen und mich gemeint. […] Religion hat die Kraft, sie hat ein Ideenreservoir und ein rituelles Arsenal voller entsprechender Lieder, […] Gesten, […] Räume, […] Traditionen und […] Praktiken, die einen Sinn dafür öffnen, was es heißt, sich anrufen zu lassen, sich transformieren zu lassen, in Resonanz zu stehen. Wenn die Gesellschaft das verliert, wenn sie diese Form der Beziehungsmöglichkeit vergisst, dann ist sie endgültig erledigt.“

Rosa Hartmut, Demokratie braucht Religion. Mit einem Vorwort von Gregor Gysi

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SWR3 Worte

10NOV2025
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Jemanden mit einer anderen Meinung zu verachten, für dumm zu halten oder für schwach – das ist in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen schon fast zu einer akzeptierten Grundhaltung geworden. Der berühmte Theologe Dietrich Bonhoeffer fand, dass es helfen würde, das Gegenüber erst einmal kennen und verstehen zu lernen. Er schreibt:

Wer einen Menschen verachtet, wird niemals etwas aus ihm machen können.[…]. Wir müssen lernen, die Menschen weniger auf das, was sie tun und unterlassen, als auf das, was sie erleiden, anzusehen. Das einzig fruchtbare Verhältnis zu den Menschen – gerade zu den Schwachen – ist Liebe, d. h. der Wille, mit ihnen Gemeinschaft zu halten. Gott selbst hat die Menschen nicht verachtet, sondern ist Mensch geworden um der Menschen willen.

Bonhoeffer, Dietrich: Widerstand und Ergebung, DBW Band 8

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SWR3 Worte

09NOV2025
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Der neunte November ist ein komplizierter Tag, finde ich. Und ich weiß gar nicht, was ich heute fühlen soll: Scham wegen der Abscheulichkeiten, die im Lauf der Geschichte an dem Datum passiert sind – oder doch lieber Freude, weil heute vor 36 Jahren die Berliner Mauer gefallen ist? Ich würde ja sagen: Hauptsache keine Gleichgültigkeit- und dafür liefert mir der Autor Rafik Schami gute Gründe:  

Die Gleichgültigen nehmen alles hin, wie es kommt. Sie sind weder dafür noch dagegen. Sie folgen Faschisten, Kommunisten oder Liberalen, ohne eine politische Haltung zu haben. Das garantiert ihr Überleben, denn für Gleichgültigkeit gibt es in keiner Gesellschaft eine Strafe […].

[Wer gleichgültig ist]) hat stets eine Entschuldigung parat: »Man blickt nicht durch«; »Man kann als Einzelner sowieso nichts verändern«; oder: »Was da genau geschehen ist, wer weiß, vielleicht sind sie die Opfer selber schuld.« Er ist programmiert aufs bloße Überleben und die Geschichte bestätigt ihn heimlich. Die Gleichgültigen überleben. Und sie möchten gerne nach gesellschaftlichen Katastrophen das Unschuldslamm spielen, aber ihre Mitschuld macht sie zu einem stinkenden Hammel.

Rafik Schami, Über die Gleichgültigkeit, Berlin/Tübingen

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43252
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SWR1 3vor8

21SEP2025
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In meiner Studienzeit kam es bei einer Chorprobe einmal zum Eklat. Ein paar der weniger kirchlich-geprägten Chorsänger hatten den Altar als Ablage für ihr Pausenvesper und ihre Notenmappen verwendet. Darüber hat sich ein Mitsänger ganz schön aufgeregt. Er fand es respektlos, einen heiligen Ort wie den Altar als Ablage zu verwenden. 

Ein heiliger Ort. Oft werden Kirchen so bezeichnet. Oder einzelne Bereiche wie der Altarraum. Das ist sehr vielen Menschen noch bewusst. Wenn ich als Relilehrer mit meinen Schülerinnen und Schülern mal in eine Kirche geh, muss ich das eigentlich kaum erklären. Die sonst wuseligen Schülerinnen und Schüler werden auf einmal ganz still, wenn sie die Kirche betreten und bewegen sich bedacht und vorsichtig. Weil irgendwie klar ist: Die Kirche ist ein heiliger Ort. Warum eigentlich?

In der Bibel gibt es viele heilige Orte. In einer Geschichte gerät ein junger Mann namens Jakob eher zufällig an einen solchen Ort. Und als er da abends ankommt, deutet auch nichts darauf hin, dass der Ort heilig ist. Jakob hat seinen Bruder betrogen und ist vor ihm geflohen. Im Freien sucht er sich einen Platz zum Übernachten. Der Ort ist so trostlos, dass sich nur ein Stein als Kopfkissen findet. Aber irgendwie findet Jakob dort zur Ruhe. Und im Schlaf hat er eine Begegnung mit Gott. Er träumt von einer Leiter voller Engel, die bis in den Himmel führt. Ganz oben, am Ende der Himmelsleiter, steht Gott und spricht Jakob Mut zu. Als Jakob am Morgen aufwacht, schaut er anders auf diesen trostlosen Ort. Da sagt er plötzlich: Wie heilig ist diese Stätte! 

Ein Mann auf der Flucht, der mitten im Nirgendwo Gott begegnet. Und einen Stein in der Wüste als Heiligen Ort ausmacht. Wenn ich da an den Ärger um das Vesper auf dem Altar denke, muss ich schmunzeln. Mir zeigt die Geschichte von Jakob: Ein Ort ist nicht an sich heilig, sondern er wird es, wenn Menschen dort Gott begegnen. Kirchen sind für viele Menschen ein guter Ort dafür – aber nicht, weil man Gott woanders nicht finden könnte . Für die Begegnung mit Gott braucht es keinen besonderen Ort – vielleicht vielmehr ein suchendes Herz.

Respekt vor den heiligen Orten finde ich trotzdem richtig – nicht um Gottes willen, den bringt ein Pausenbrot auf dem Altar glaube ich nicht so schnell aus der Fassung. Aber auf die Bedürfnisse meiner Nächsten will ich achtgeben – schließlich kann mir in denen ja auch immer Gott begegnen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42990
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SWR3 Gedanken

06SEP2025
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Städtetrip nach Hamburg. Keine 5 Minuten in der U-Bahn, da spricht ein Mensch in etwas abgetragenen Kleidern die Fahrgäste an. Er habe gerade etwas Pech im Leben gehabt und würde uns darum um Geld bitten. Für etwas zu essen oder zu trinken, eine Decke oder neue Kleidung. Ich habe kein Bargeld dabei. Er zieht weiter. Neben mir macht sich eine Gruppe Touristen lustig über den Menschen, der um Geld gebeten hat: „Ja, so wird man auch reich“ höre ich und „Auch eine spannende Art sich sein Geld zu verdienen“. Ich werde innerlich sauer. Weil ich mir sicher bin: Mit Betteln in der U-Bahn wird man nicht reich. Es ärgert mich, wie überheblich meine Mitreisenden reagieren. Sie können sich immerhin einen Hamburg-Urlaub leisten.

Wie auch ich im Übrigen. Und gegeben habe ich auch nichts. Ich hatte zwar kein Bargeld dabei – aber hätte ich überhaupt etwas gegeben? Ich weiß es nicht. Oft genug gehe auch ich am Leid anderer vorbei. Und in dem Moment habe ich mich zwar über den Spott meiner Mitreisenden geärgert, aber das Wort ergriffen habe ich auch nicht.  Ein typischer Splitter-Balken-Auge-Moment. Von Jesus ist dieses Sprichwort überliefert: „Was siehst du den Splitter im Auge deines Mitmenschen, nimmst aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht wahr.“ Ich glaube, er wollte, dass wir damit erst unser eigenes Herz überprüfen, bevor wir über andere urteilen.

Mein Splitter-Balken-Auge-Moment in Hamburg war anders. Da hat mich der Splitter im Auge meiner Mitreisenden auf meinen eigenen Balken aufmerksam gemacht: Dass ich mich über die Lieblosigkeit meiner Mitreisenden geärgert habe. Aber zeitgleich das Gleiche getan habe. Dabei will ich das eigentlich anders handhaben: Ich will mich von der Not anderer anrühren lassen und nicht wegschauen. Gerade, weil ich selbst genug habe. Für meinen nächsten Ausflug habe ich mir etwas vorgenommen: Ich habe genug Geld in der Tasche, um auch was abzugeben. Und ich bringe den Mut auf, im richtigen Moment meine Stimme zu erheben.

Bibelnachweis: Matthäus 7,3

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42861
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