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Begegnungen

Felix Weise trifft Max Magiera, mitten auf einer Baustelle
Er arbeitet beim Stuttgarter katholischen Jugendreferat und begleitet den Umbau der St. Nikolauskirche in Stuttgart – maßgeschneidert für die Bedürfnisse von jungen Menschen. Ein Projekt mit einiger Tragweite: Über 4 Millionen Euro werden bis zum Ende der Bauzeit in diesem Jahr investiert. So ein Investment muss gut überlegt und begleitet werden. Max Magiera erzählt, dass die ersten Überlegungen schon vor vielen Jahren begonnen haben:
2018 sind wir erst mal in einen Beteiligungsprozess gegangen und haben uns eben in verschiedenen Workshops an verschiedenen Stationen damit auseinandergesetzt, wie denn verschiedene Menschen sich die Kirche vorstellen und was dann auch verschiedene Akteure von dieser Kirche brauchen.
Klar – eine Kirche soll Raum bieten, um Gottesdienst zu feiern. Aber was genau sollte sich verändern, damit St. Nikolauskirche zur katholischen Jugendkirche wird? Max Magiera und das Team haben angefangen, mit dem Raum zu experimentieren und ihn ganz neu zu entdecken. Erst einmal, indem sie Kirchenbänke ausgebaut haben.
Dann gab es eine Übergangszeit,[…] man hat alle Bänke rausgenommennd man konnte den ganzen Raum, eben die ganzen 13 m bis nach oben mit einem Vorhang dann abtrennen und hatte so ein ganz anderes Raumgefühl und war mal ein bisschen weg von dem, was man sich dann so in der Kirche vorstellt.
Als wir jetzt in der Kirche stehen, ist von dem Vorhang und den ersten Experimenten nicht mehr viel zu sehen. Die Wände strahlen schon in einem warmen weiß und in den Rundbögen sind Querstangen eingelassen, an denen vielleicht irgendwann wieder Vorhänge hängen werden. Im Kirchenraum gibt es einen Altar und auch eine Figur der Heiligen Maria – an einem festen Platz, wie es sich für einen katholischen Kirchenraum gehört.
Man kann den Kirchenraum komplett umstellen. Also alles, was auf dem Boden steht, ist ziemlich flexibel, bis auf den Altar und die Marienanbetung, die sind nicht flexibel, aber ansonsten kann man den Raum wirklich dann komplett umgestalten. Man kann die Kirchenbänke zu zweit einfach an einen anderen Ort tragen und das ist natürlich ein ganz anderes Raumgefühl. Und das geht sogar so weit, dass man das Kreuz, was eigentlich vorne im Altarraum steht, sogar aus dieser Position nehmen kann und dann noch an verschiedenen anderen Stellen im Kirchenraum aufstellen kann.
Und dann sind da noch die die Querstangen in den Rundbögen, die ich vorhin schon genannt habe:
Dort kann man dann z.B. Vorhänge einhängen, man kann Workshopwände einhängen, man kann mal geschwind eine Projektionsfläche aufstellen und wirklich ganz, ganz individuell hier auch Räume und Nischen schaffen, wo man dann wiederum Dinge veranstalten kann.
Also nicht nur Gottesdienste, sondern auch Workshops, Konzerte und Kulturveranstaltungen. Und: Die neu gestaltete Kirche soll auch zum Entdecken einladen:
Es gibt so kleine Spielereien, […] zum Beispiel an einer Tafel, so ein Steckspiel, da kann man quasi verschiedene Wörter dann hinterlassen. Es gibt einen eine Nische, dass ein Taize Gong mit drinne. Also so ein bisschen dieses Entdeckerische, Spielerische kommt dann hier sehr schnell in dem Kirchenraum auf.
Hier entsteht eine Jugendkirche mit einem radikal flexiblen Konzept: ein Ort für Gemeinschaft in den unterschiedlichsten Formen. Max Magiera erzählt, was an der Atmosphäre auch als junger Mensch schätzt.
Ich genieße die Stille und die Ruhe und kann vielleicht eine Kerze anzünden, weil ich gerade an jemand denkt, dem es nicht so gut geht. Das sind doch so Momente, wo man dann gerne in die Kirche kommt. Und gerade bei jungen Menschen ist es auch so, dass sie natürlich viel unterwegs sind, viel in der Schule, im Studium sind. Da hilft es dann auch, wenn sie einen Ort haben, wo sie einfach mal ein bisschen sich zentrieren können.
Dieses Gefühl erlebt er nicht in jeder Kirche. Es hat etwas mit der Architektur, aber eben auch mit der Konzeption des Kirchraums zu tun:
Ich erlebe es häufig eher im Gegenteil, dass man Kirchen hat, die unordentlich sind, die so bisschen kruschtelig sind, wo dann noch irgendwie ja der Schriftenstand überquillt und dann noch die Flohmarktkiste nebendran steht. Und ich finde es in der heutigen Zeit, wo wir doch viel auch irgendwie im digitalen Raum unterwegs sind, braucht es eher Orte, die ein bisschen schlichter sind, eine klarere Linie vorgeben und wo man mal wirklich zu sich selbst findet.
Kirche als Ruhepol in der Dauerinformationsflut unseres Medienzeitalters. Holy Detox sozusagen. Und ich kann mir das in dieser Kirche vorstellen, auch wenn ich sie noch als Baustelle sehe. Ganz neu erfunden wird hier das Rad nicht – aber mein Eindruck ist auch, dass das gar nicht der Anspruch ist. Vielleicht liegt das Innovative auch nicht so sehr in der Architektur, sondern im Zweck, den das Kirchengebäude erfüllen soll. Sie ist nicht nur ein sakraler Zweckbau, sondern ein ästhetischer Ort:
Hier fühlen sich erstmal alle Leute wohl, weil es eben auch eine Kirche ist, die erst mal schön ist, die strahlt, die ruhig ist. so einen Ort braucht es glaube ich schon in jeder größeren Stadt, wo einfach die Menschen auch reinkommen können und wo sie sich wohlfühlen.
Kirche als Gebäude, an dem Menschen einen Ort haben, um zur Ruhe zu kommen und sich wohlzufühlen. Kommt das dann ganz ohne Gottesdienste aus, so eine Jugendkirche? Im Gegenteil. Im Planungsteam habe man beschlossen…
…dass hier jeden Sonntag um 11:00 Uhr ganz normale Gemeindegottesdienst gefeiert wird und dann und wirklich auch jeden Sonntag um 18:30 Uhr ein junger Gottesdienst stattfindet in ganz unterschiedlichen Formaten. Also es kann eine kleine Andacht mal sein, das kann auch mal ein Taizegebet sein, das kann eine internationale Feier sein, also wirklich ganz, ganz individuell, aber sehr verlässlich.
Ein verlässlicher Ort zum Wohlfühlen – ich finde es gibt schlechtere Pläne für einen Kirchenraum. Das klingt auch in Max Magieras Wunsch für die nächsten 10 Jahre mit:
Ich hoffe einfach, dass die Kirche in zehn Jahren ein Ort ist, der Relevanz hat, den die Menschen kennen. Wo sie wissen, da bekommen sie eben etwas, das sie in ihrem Leben begleitet und unterstützt. Und dass der Raum einfach offen ist für den Stadtteil, für die ganze Stadt. Vielleicht strahlt er auch ein bisschen weiter hinaus, das hier Menschen herkommen und das einfach genießen.
Mehr Informationen zum Umbau: https://stuttgart.bdkj.info/themen/Jugendkirche

SWR1 3vor8
Ich weiß nicht, ob Sie das schon erlebt haben: So einen Gänsehautmoment, wenn man das Gefühl hat, mit den anderen um einen herum verbunden zu sein – im gleichen Rhythmus, der gleichen Stimmung. Auf einem Konzert vielleicht oder auch im Stadion? Ich kenne das vom Singen im Chor: Wenn man probt und probt und dann – plötzlich - nicht mehr 20 oder 30 Einzelstimmen hört, sondern sich ein großer Klang ergibt. Solche Momente bleiben etwas Besonderes.
Es ist etwas Besonderes, so untereinander verbunden zu sein: wenn man förmlich spürt, wie man mit den anderen um einen herum zu einer richtigen Einheit wird. Eine Einheit, die jeden einzelnen darin trägt. Und die wünscht sich auch Jesus für seine Anhängerinnen und Anhänger. Im Gottesdienst an Christi Himmelfahrt heute erzählt eine Bibelstelle davon: Von seinem Wunsch, dass aus den vielen einzelnen Gläubigen eine starke Einheit wird. Jesus betet für seine Freunde und bittet darum:… 21dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.
Alle, die glauben verbunden und eins mit Gott dem Vater und Jesus. Das klingt wunderbar und erinnert mich an meine Erfahrung vom Singen. An diese Gänsehautmomente, wenn unsere Stimmen zu etwas Größerem verschmelzen – und trotzdem singen wir nicht immer alle das gleiche. Bass, Tenor – Alt und Sopran singen jeweils ihre eigene Linie. Und alle bringe die verschiedensten Töne ein, die in Akkorden zu einem schönen Gesamtklang verschmelzen. Eins werden, das geht auch ohne Gleichmacherei oder Einheitslösung.
Ja, Chorsingen wäre gerade zu langweilig, wenn alle immer den gleichen Ton singen würden. Die vielen verschiedenen Töne zusammen ergeben einen neuen Klang. Und trotzdem braucht es etwas, dass die Sängerinnen und Sänger eint. Wenn alle einfach wild einen beliebigen Ton singen, dann entsteht Chaos, ein undefinierbarer Brei aus Tönen, der nicht schön klingt.
Erst durch die gemeinsame Vision, einen Plan – in dem Fall die Noten, denen die Sänger folgen, entsteht etwas Schönes.
Im vielstimmigen Chor der Christinnen und Christen ist Jesus so etwas wie der Dirigent und er hat den Menschen durch sein Leben und seine Worte eine Partitur gegeben. Wir müssen nicht alle die gleiche Stimme singen – nein, es ist sogar für den Gesamtklang besser, wenn es unterschiedliche Stimmen gibt. Durch die gemeinsame Vision vom Reich Gottes, da kann aus den verschiedenen Stimmen, ein geeinter Chor mit Orchester werden. Gänsehautmomente.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44399SWR3 Worte
Kaum zu glauben, wie sich innerhalb weniger Wochen das Grau des Winters in eine bunte Welt verwandelt. Pia Schäfer ist Pfarrerin und erzählt auf Instagram, wie sie die ersten Farbkleckse entdeckt hat und seither den Krokussen beim Wachsen zusieht. Ihr tut das gut, und sie sagt:
„(Denn) mit diesem Hauch von Frühling in der Luft fällt es mir leichter auf den Frieden zu hoffen. Vielleicht beginnt er wirklich genauso klein. Nicht spektakulär. Eher unscheinbar. […] Und selbst wenn noch einmal Schnee fallen sollte, glaube ich: Was wachsen will, wächst weiter. So wie diese Krokusse ihren Weg finden, wird auch der Frieden langsam stärker. Gott, lass den Frieden wachsen.“
Pia Schäfer, Beitrag auf dem Instagramkanal @2fuer1hallleluja am 2. März 2026, abrufbar unter: https://www.instagram.com/p/DVYtgSnGluo/?img_index=1 (zuletzt abgerufen am 8.3.2026)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44055SWR3 Worte
In diesem Jahr fiel die Fastenzeit der Christen mit dem Ramadan, dem Fasten der Muslime zusammen. Der Ramadan ist jetzt zu Ende – Christinnen und Christen müssen noch zwei Wochen durchhalten. Für den Endspurt noch einmal Gedanken, der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die beschreibt, was für Sie das Fasten ausmacht:
Fasten, darunter verstehe ich zweierlei. Zum einen auf etwas zu verzichten, was dazu führt, dass wir aus dem gewohnten Lebenstrott herausfinden und uns so zum Nachdenken über unser Leben zwingen. Und Fastenzeit bedeutet für mich zum anderen, sich Zeit zu nehmen für Dinge, die lange liegen gelassen wurden und nun endlich einmal erledigt werden müssen, obwohl sie vielleicht schwierig oder sehr unangenehm sind. Aus beidem können neues Denken und verändertes Handeln erwachsen. Und mit dem Ende der Fastenzeit, mit der Auferstehung Jesu und dem Osterfest erleben wir, welche Hoffnung uns daraus erwachsen kann.
Fastenpredigt der Bundeskanzlerin a. D. in der Benediktinerabtei Maria Laach am 4. März, 2026, online abrufbar unter: https://www.buero-bundeskanzlerin-ad.de/reden/fastenpredigt-der-bundeskanzlerin-a-d-in-der-benediktinerabtei-maria-l/ (zuletzt abgerufen am 6.3.2026)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44054SWR3 Worte
Für den Jesuitenpater Martin Löwenstein ist sein Fahrrad ein spiritueller Ort. Das musste er erst entdecken. Und seine Entdeckungsreise hat angefangen, als er noch ein Junge war:
„Es war die fantastische Erfahrung von Freiheit. Die ersten Meter hat mich die Mutter noch angeschoben und dann bin ich davongefahren. Mit meinen vier oder fünf Jahren bin ich sicher noch manches Mal gefallen. Das habe ich vergessen. Aber die Freiheit ist geblieben. (...) So ist es bis heute geblieben, im Alltag und in den Sommerferien. Fahrrad reimt sich für mich auf Freiheit – gerade auch, wenn es bergauf geht oder bei Winterwetter mit Anstrengung verbunden ist.
Viel später erst habe ich darüber nachgedacht. Gerade im Johannesevangelium, […] sagt uns Jesus: „Ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht.
SJ Martin Löwenstein, „Glaube auf zwei Rädern, Erstveröffentlichung im Jesuitenmagazin 4/2024, abrufbar unter: https://sinnundgesellschaft.de/glaube-auf-zwei-raedern/ (zuletzt abgerufen am 6.3.2026)
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Heute abend geh ich wieder in die Probe meines Chores und ich weiß, dass es mir gut tun wird. Warum Chorsingen so wertvoll ist und warum ich mir dabei auch was für den Alltag abschauen kann, das erklärt Professor für Chorleitung Florian Lohmann :
„Chorsingen ist der Gegenentwurf zu Abschottung und Vereinzelung. Es schafft Gemeinschaft, Teilhabe, Zusammenhalt und das Bewusstsein, dass wir gemeinsam mehr erreichen können als jede und jeder für sich allein. […] [A]ll diese positive Wirkungen des Chorsingens – künstlerisch, sozial, auch gesundheitlich – entstehen nicht von selbst. Sie sind kein Zufallsprodukt, sondern sie entstehen mithilfe einer Leitung.“
Prof. Florian Lohmann, Beitrag auf dem Instagramkanal @chorundensembleleitung am 3. März 2026, abrufbar unter: https://www.instagram.com/p/DVbSAo2Cl09/?img_index=1 (zuletzt abgerufen am 11.3.2026)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44052SWR3 Worte
Johannes Immanuel Schneider ist Christ, und er ist blind. Als Influencer erklärt er auf Instagram, warum das für ihn zusammenpasst und was ihn an Jesus so fasziniert:
Jesus ist der Gott, der meine Blindheit nicht heilt, aber mir darin Würde, Stimme und Richtung gibt. Er ist der Mensch, durch den Gott sagt: Du bist nicht zu schwach, zu behindert, zu fremd oder nicht gut genug. Du bist gemeint, geliebt, wertvoll und einzigartig. […] Jesus ist der Gott, der nicht wegschaut, sondern sich neben mich setzt. Jesus ist Hoffnung mit Narben – echt, verletzlich und näher als jede fromme Antwort.“
Johannes Immanuel Schneider, „Jesus, was er für unseren Glauben bedeutet“, Post auf dem Instagramkanal „yeet_netzwerk“, abrufbar unter: https://www.instagram.com/p/DUYUa9YjBE-/?img_index=1 (Zuletzt abgerufen am 6.3.2026)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44051SWR3 Worte
Wenn man sieht, wie’s in unserer Welt gerade so zugeht, dann kann man sich schon fragen: Mein eigenes kleines Leben – kümmert das überhaupt jemanden? Und spielt es überhaupt eine Rolle, was ich tue oder lasse?
Ja, tut es! meint Anselm Grün, Benediktinerpater und bekannter Buchautor. Er schreibt:
Der Glaube aber sagt uns: Jeder gräbt mit seinem Leben eine Spur in diese Welt ein und gestaltet sie dadurch mit. Die Frage ist, was von mir ausstrahlen soll: Bitterkeit, Resignation, Ohnmacht? Oder aber Hoffnung, Liebe und Barmherzigkeit? Jesus traut uns zu, dass wir das Salz der Erde sind und dass wir Licht bringen in die Dunkelheit. Jedes Leben hat also einen Sinn.
Anselm Grün, Was verleiht dem Leben Sinn?, Aritkel in Christ und Welt, 4. März 2026, online abrufbar unter: https://www.zeit.de/2026/11/viktor-frankl-sinn-glauben-christentum-psychologie(zuletzt abgerufen am 5.3.2026)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44050Begegnungen

Felix Weise trifft Nana Myrrhe
Kein Sex vor der Ehe. In den christlichen Kreisen, in denen ich aufgewachsen bin, war das durchaus eine Position, die manche vertreten haben. Gerade, weil mir das so bekannt vorkam, war ich gespannt auf mein Gespräch mit Nana Myrrhe. Sie ist mit solchen Einstellungen aufgewachsen und hat sich erst als Erwachsene von der sogenannten purity culture distanziert. Worum geht es da genau? Nana Myrrhe beschreibt purity culture als…
…eine Atmosphäre, in der sehr strenge Regeln in Bezug auf alles, was mit Sexualität zu tun hat gelten. Und das umfasst ganz viele Verbote und findet oft in religiösen Gruppen statt, kann aber auch in sehr konservativen Familienumfeldern so sein.
Verboten ist nicht nur Sex bevor mein heiratet, sondern noch mehr:
Beispielsweise Masturbation ist verboten, weil das als Sünde gilt in diesen Kontexten. Dating vor der, Ehe ist auch verpönt, eher, weil es auch zur Sünde verleitet. Am besten soll man schon die Person irgendwie kennenlernen, aber jetzt nicht so in dem romantischen Kontext treffen, weil sonst könnte ja was passieren. Queerness gilt als Sünde, als verboten
Schwierig wird es vor allem, wenn jungen Menschen vermittelt wird, dass nur wer sich an die Regeln und Verbote der purity culture hält, seinen Glauben richtig lebt:
…weil die Pubertierenden sitzen ja da und merken sie haben Sexualhormone, sie sind betroffen und unterdrücken sich dann ganz, ganz stark. Das kann zu sexuellen Funktionsstörungen führen, das kann einfach zu einem krassen Selbsthass, also einer extremen psychischen Belastung führen. Das ist mir sehr wichtig zu sagen Ich. Das geht bis hin zu Suizidalität für Gedanken, die komplett normal sind, für Pubertierende, für Jugendliche.
Wenn solche extremen Verbote und Regeln als Last empfunden werden – warum haben sie sich in manchen freikirchlichen Gemeinden, aber auch landeskirchlichen Kreisen trotzdem durchgesetzt? Ein Grund:
Es ist auch eine Aufwertung, eine innere spirituelle Aufwertung von sich selbst. Das habe ich bei mir auch gemerkt. Ich hatte ganz, ganz wenig Selbstbewusstsein und habe mich dann, wie viele andere auch super stark angefangen zu identifizieren. Darüber, dass ich das in dieser Welt, die so unmoralisch ist, als einzige, quasi als eine der wenigen Auserwählten, richtig mach und wirklich rein bin und wirklich damit heiliger und näher bei Gott bin. Und das ist ja ein totales Missverständnis von wer Gott ist, finde ich. Aber ich habe daran geglaubt, dass Gott denen auch näher ist, die da mehr investieren.
Nana Myrrhe hat ein Buch über diese Erfahrungen, über ihr Aufwachsen in konservativen Kreisen, in denen eine rigide Sexualmoral gelehrt wird, geschrieben. „Feucht und Fromm“ Sie erzählt, dass sich bei ihr erst etwas verändert hat, als sie mit ihrem Ehemann das erste Mal versucht hat zu schlafen.
Diese Regeln jahrelang einzuhalten in Bezug auf eben ich muss warten um jeden Preis mit penetrativem Sex auf meine Ehe, um dann zu merken, wenn man dann so weit ist und dann das erste Mal versucht zu haben, dass es gar nicht geht, weil man so massivste Schmerzen hat, weil man dann merkt, man hat eine sexuelle Funktionsstörung, die dann bei mir diagnostiziert wurde, ist einfach mein Turning Point gewesen und auch der Moment, wo ich gemerkt habe, das ganze System geht nicht auf.
Ich finde es erstaunlich, dass meine Gesprächspartnerin, nachdem der Glaube ihr auch so viele schlechte Erfahrungen gebracht hat, nicht eine eigentlich nachvollziehbare Konsequenz gezogen hat: Mit dem christlichen Glauben zu brechen. Sie bezeichnet es selbst als kleines Wunder, dass sie noch glaubt.
Das Gottesbild, das ich hatte, war sehr negativ, also ein sehr strafender, sehr willkürlicher Gott und ein sehr kontrollierender Gott. Und an den glaube ich heute nicht mehr. Ich glaube an den Gott der Liebe. Und es wird zwar in den Gemeinden, wo ich herkomme, zwar auch gesagt und auch immer wieder betont, dass Gott die Liebe ist. Daran sind Bedingungen geknüpft. Wenn du die nicht hältst, dann verwandelt sich Gott in das strafende Monster, der einen in die Hölle schicken will.
Unsere Gottesbilder sind auch immer menschlich beeinflusst – das finde ich nachvollziehbar. Wie unterscheidet man dann aber, was menschengemacht ist von dem, wie Gott wirklich ist?
Ich denke, das ist tatsächlich einfacher als man denkt. Alles, was schadet, kommt nicht von Gott. Alles, was heilt und was aufrichtet und was Menschen weiterhilft, dahinter steckt Liebe. Und dahinter steckt meiner Überzeugung nach göttliche Energie.
Gott in dem, was lebensförderlich ist. Ich überlege: Liegt dann ihrer Meinung nach in einer gesunden Sexualität auch etwas Heiliges?
Ich bin heute fest davon überzeugt, dass Sexualität auch eine Form der Anbetung sein kann.
Das ist steil formuliert. Und vielleicht für den ein oder anderen zumindest eine herausfordernde These. Vielleicht etwas weniger Steil gefragt. Hat der christliche Glaube etwas zu Fragen des Umgangs mit der Sexualität beizutragen?
Ich glaube, aus den christlichen Werten von beispielsweise Nächstenliebe ergeben sich bestimmte Regeln. Ehebruch ,also gerade dieses Hintergehen von einem Partner ist unchristlich. Das würde ich schon beispielsweise so sagen. Die Bibel gibt uns viel zu Bedenken, auch beim Thema Sexualität, aber es geht nicht, dass man einfach sagt, wir möchten jetzt die Regeln aus der alttestamentarischen Zeit wie eine Schablone auf die heutige Zeit legen und behaupten, dass man nur heilig und ein guter Christ sein kann, wenn man enthaltsam lebt

Das Buch „Feucht und Fromm“ kann direkt auf der Homepage der Autorin bezogen werden: https://www.nanamyrrhe.de/
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44056SWR3 Worte
Uns Christen gibt es schon seit fast 2000 Jahren. Erstaunlich - findet Jan Rüggemeier. Er ist Professor für Theologie und weiß, wie merkwürdig die biblischen Geschichten für die Menschen damals geklungen haben. Besonders die, wie Jesus am Kreuz gestorben ist, weil er uns Menschen liebt. Und damit sagen will:
Seht her Gott liebt sogar die, die ihn verachten und ans Kreuz schlagen.
(…) Das werdende Christentum entwickelt in der Folge eine ungekannte Empathie gegenüber jeder Form von Leiden (…) (und verlangt,) sich um die Benachteiligten zu kümmern, (oder lädt dazu ein,) sich in andere einzufühlen. (…
Das war anderen Kulturen fremd. (…)
Wenn es in der Antike eine PR-Agentur gegeben hätte – sie hätte sich das Christentum so nicht ausgedacht und auch nicht das, was das Christentum als Botschaft hatte. (…)
Jan Rüggemeier in: Der Aufstieg des Christentums bleibt ein Mysterium, Interview in DIE ZEIT von Christina Rietz, 8. Februar 2026, online abrufbar unter: https://www.zeit.de/2026/06/aufstieg-christentum-roemisches-reich-paulus-jesus (abgerufen zuletzt am 5. März 2026)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44049